Der Weg ins Feuer | „Marx, Wagner, Nietzsche“ von Herfried Münkler

Karl Marx ist Richard Wagner wahrscheinlich nie begegnet, aber mindestens einmal war er nah an ihm dran. Im August 1876 hatte sich Marx wegen gesundheitlicher Probleme auf den Weg zu einer Kur in Karlsbad gemacht und auf der Reise einen Zwischenstopp in Nürnberg eingelegt. Zu seinem Ärger war die Stadt völlig überfüllt. Der Grund war ein vor Ort stattfindender Müller- und Bäckerkongress und dann noch eine kulturelle Großveranstaltung im benachbarten Bayreuth, die Marx in einem Brief als das „Narrenfest des Staatsmusikanten Wagner“ bezeichnet. Gemeint ist die feierliche Einweihung des Bayreuther Festspielhauses, zu der Wagner neben vielen Ehrengästen auch Kaiser Wilhelm I empfängt.

Während Marx sich über ausgebuchte nürnberger Hotels ärgert und Wagner in Bayreuth gestresst vom vielen Händeschütteln mit deutschen Fürsten letzte Vorbereitungen für die Uraufführung seines „Ring des Nibelungen“ trifft, ist auch ein einunddreißigjähriger Philologieprofessor namens Friedrich Nietzsche ganz in der Nähe. In seiner Schrift „Richard Wagner in Bayreuth“ hatte er gerade erst sein großes Idol Wagner mit dem griechischen Tragödiendichter Aischylos verglichen und die Bayreuther Festspiele als die „erste Weltumsegelung im Reiche der Kunst“ bezeichnet. Jetzt war er nach Bayreuth gereist um Wagners Triumph mit zu erleben und musste feststellen, dass die Wagners, die ihm eigentlich für so viel Begeisterung dankbar sein könnten, im Einweihungstrubel der Festspiele kaum Zeit für ihn haben. Er quält sich durch die Uraufführung des „Rings“ und seine enormen Kopfschmerzen, die Wagners Musik begleiten, scheinen ein Zeichen zu sein, dass die enthusiastische Wagner-Phase dieses Philosophen schon bald zu Ende sein wird.

Mit dieser Momentaufnahme von einem Beinahe-Zusammentreffen beginnt der Historiker Herfried Münkler sein Buch über Marx, Wagner und Nietzsche, um sich dann sofort wieder von der Frage zu lösen, wo sich die drei sonst noch getroffen haben könnten. Es geht in diesem Buch überhaupt nur sehr am Rande um die Chronlogie der jeweiligen Lebensläufe. Stattdessen untersucht Münkler, wo sich Marx, Wagner und Nietzsche in ihren Werken begegnen und beantwortet damit auf etwas mehr als sechshundert Seiten die naheliegende Frage, warum man ausgerechnet diese drei einander gegenüberstellen sollte. Immerhin gehören diese Werke sehr verschiedenen Gattungen an. Marx ist für gesellschaftliche und ökonomische Analysen bekannt, Nietzsche hat sich in seinem eigenwilligen, aphoristischen Stil mit dem Menschen als solchem befasst und Wagner hat kunsttheoretische Essays und vor allem natürlich seine Opern hinterlassen. All das stellt Münkler nebeneinander und geht dabei indirekt auch einer Frage nach, die sich bei der Nennung dieser drei Namen automatisch ergibt. Wie sahen die Ideen des neunzehnten Jahrhunderts aus, bevor sie zu den Ideologien des zwanzigsten wurden? Nietzsche und Wagner sind bekanntlich von den Nazis und Marx ist von den kommunistischen Regimen posthum vereinnamt worden.

Als einen gemeinsamen Ausgangspunkt der drei Zeitgenossen hebt Münkler ihre Ablehnung gegenüber dem Christentum hervor, die sich in ihren Werken sehr unterschiedlich niederschlägt. Von Darwin und Feuerbach beeinflusst halten alle drei eine Überwindung des Christentums zu gewissen Graden für notwendig. Für den am technischen und industriellen Fortschritt orientierten Marx, der die Gesellschaft so schnell wie möglich zu einer befreienden Revlution führen will, ist jegliche Religion, die diese Entwicklung bremsen könnte, nur ein lästiges Hindernis. Wagner und Nietzsche sind sich immerhin darin einig, dass ein wegfallendes Christentum eine kulturelle und spirituelle Lücke hinterlässt, mit der man irgendwie umgehen muss. Für Wagner ist es die Aufgabe der Kunst, diese Lücke zu schließen. Nach dem Vorbild der antiken griechischen Tragödie will er erhebende, sakrale Gemeinschaftserlebnisse schaffen, in denen das Volk zu einer Art Ersatzspiritualität finden kann. Die begründet sich dann nicht mehr auf der Bibel sondern auf verschiedenen europäischen Mythen, die Wagner aus der Edda und den Sagen des Mittelalters recycelt und zu operntauglichen Plots umschreibt.

Drei gegen das Christentum

Eine vollständige Absage an christliche Wurzeln findet bei Wagner allerdings nicht statt. Sein Spätwerk „Parsifal“ ist fest in der christlichen Erlösungsmythlogie verankert und in seinen Essays bekennt Wagner sich zu einem Jesus, den er allerdings anders verstanden wissen will, als die christliche Theologie. Beispielsweise glaubte Wagner, Jesus habe beim letzten Abendmahl seine Anweisung zu seinem Gedenken Wein und Brot zu konsumieren, sehr wörtlich gemeint und seine Jünger damit zu einem vegetarischen Lebensstil aufgefordert. Jesus ist für Wagner in erster Linie ein Prediger der Liebe und des Mitleids, der vom jüdischen Gott des alten Testaments losgelöst betrachtet werden sollte. Darin äußert sich nicht zuletzt auch Wagners penetranter Antisemitismus, dem Münkler in diesem Buch eine detaillierte Untersuchung widmet.

Für Nietzsche ist die Lücke, die das schwindende Christentum nach dem von ihm proklamierten Tod Gottes hinterlässt, so tief, dass sie nicht einfach durch die Kunst geschlossen werden kann, erst recht nicht so, wie Wagner es vorhat. In dieser Meinungsverschiedenheit in Sachen Religion, die Nietzsche selbst in seiner Schrift „Nietzsche contra Wagner“ thematisiert, sieht Münkler einen wesetlichen Grund für Nietzsches Bruch mit Wagner. Bis zur Eröffnung der Bayreuther Festspiele hatte Nietzsche Wagner als prophetischen Ausnahmekünstler und Wiederbringer der griechischen Tragödie verehrt. Dass er zum Festakt vom Ehepaar Wagner nur nachlässig empfangen wird und in Bayreuth den Trubel eines ihn abstoßenden Massenpublikums mit ansehen muss, bringt ihn dazu, zur Abwechslung mal über die negativen Seiten Wagners nachzudenken. Das sind einerseits Wagners offensichtlicher Antisemitismus, aber eben auch sein Festhalten am Christentum, das für Nietzsche zu dieser Zeit schon an einem Textentwurf der noch nicht komponierten Oper „Parsifal“ erkennbar war. Mit dem hier zelebrierten christlichen Erlösungsdenken enttäuscht Wagner seinen Bewunderer Nietzsche so bitter, dass dieser sich radikal von ihm abwendet und sich, wie er selbst schreibt, dazu verurteilt sieht, „tiefer zu mißtrauen, tiefer zu verachten, tiefer allein zu sein als je vorher. Denn“, so Nietzsche weiter, „ich hatte Niemanden gehabt als Richard Wagner…“

Für Nietzsche musste die Menschheit nicht erlöst werden, oder wenn doch, dann vom christlichen Erlösungsgedanken selbst. Denn aus Nietzsches Sicht hatte das Christentum einen grundsätzlich negativen Einfluss auf die Entwicklung der Menschheit. Getreu dem Satz aus dem Matthäusevangelium, laut dem die Ersten die Letzten sein werden, hat diese Religion ein ursprüngliches Verständnis von dem, was als groß, erhaben und erstrebenswert zu gelten hatte, auf den Kopf gestellt. Es hat die usrprünglichen Werte umgewertet, die niedrigen erhöht, die hohen erniedrigt, das Ziel des menschlichen Daseins in ein Jenseits verlegt und damit das Leben im Diesseits zu einem eher unbedeutenden Vorspiel degradiert. Das ewige Leben ist für Nietzsche die allerschädlichste Idee, weil die Menschheit durch sie davon freigesprochen wird, sich um ein Leben im Diesseits zu kümmern. Der Hauptschuldige an diesen Verdrehungen ist für ihn nicht Jesus sondern der Apostel Paulus, in dem er eine Art Revolutionär der Moralphilosophie sieht und dessen Umwertung aller Werte er selbst nun als Gegenrevolutionär rückgängig zu machen versucht. Wie Münkler ausführlich erklärt, zieht sich dieses Projekt einer Bekämpfung der christlichen Moral-und Erlösungsphilosophie durch Nietzsches berühmteste Werke und gipfelt schließlich in seiner Idee vom vielzitierten Übermenschen, einem neuen Menschen, der es endlich geschafft hat, die vom Christentum zurückgebliebene Lücke zu überwinden und sich selbst im Diesseits ganz zu genügen.

Dieser Übermensch existiert laut Nietzsche aber noch nicht. Die Menschheit muss sich noch dorthin entwickeln. Wenn Nietzsche an solche Entwicklungen denkt, geht es ihm allerdings nicht nur um Ideen und Geisteszustände. Inspiriert von Darwins Evolutionstheorie ist er der Meinung, man müsse auch biologisch in die Entwicklung der Menschheit eingreifen und den besseren Menschen aktiv züchten. Als Gegner eines nationalistischen Separatismus und als überzeugter Europäer interessiert er sich insbesondere für die Züchtung einer europäischen Menschenrasse. Damit bewegt sich Nietzsche eigentlich auf demselben rassistischen Nährboden wie der Antisemit Wagner, der sich ähnlich den späteren Nazis gegen eine sogenannte „rassische Vermischung“ von Deutschen mit Juden ausspricht und die europäischen Juden am liebsten loswerden würde. Nietzsche dreht den Rassismus-Spieß allerdings um. Auch Nietzsche spricht von den europäischen Juden als einer Rasse, aber in seiner Theorie sind sie aufgrund ihrer Verfolgungsgeschichte die Stärkere, die man bei der Züchtung der höheren Menschen unbedingt benötigt. Nicht sie sondern die Antisemiten sollte man seiner Meinung nach aus Europa verteiben, denn der deutsche Antisemitismus ist für Nietzsche ein aus dem Neid der unterlegenen deutschen Rasse gewachsenes Ressentiment. Letztlich liest sich Nietzsches Rassedenken hier ähnlich abstoßend wie Wagners Antisemitismus, aber immerhin machen diese von Münkler einander gegenübergestellten Äußerungen deutlich, dass Nietzsche ganz im Gegensatz zu Wagner nicht als Vorbild für den Judenhass der Nazis gedient haben kann.

Enttäuschte Revolutionäre

Noch einmal zurück zur Einweihung der Bayreuther Festspiele und zu Karl Marx, der in seinem nürnberger Hotelzimmer sitzt und sich über das „Narrenfest des Staatsmusikanten Wagner“ lustig macht. Marx hat sich in seinem Leben sehr viel weniger mit Wagner beschäftigt als Nietzsche, aber Münkler spekuliert, dass Wagner am Höhepunkt seines Erfolgs auch ihn enttäuscht haben könnte. Es gab nämlich auch zwischen diesen beiden so etwas wie eine gemeinsamme Vergangenheit und eine gemeinsame Hoffnung, von der Wagner sich mit zunehmendem künstlerischen Erfolg entfernt hatte. Wagner und Marx waren beide an der Revolution von 1848 beteiligt gewesen. Im Gegensatz zu Marx, der die Revolutionäre vom Schreibtisch aus mit seinen journalistischen Texten anfeuerte, hatte Wagner sich dem Aufstand in der Dresdner Mairevolution sogar aktiv angeschlossen und sich mindestens an der Beschaffung von Waffen beteiligt. Wenn Marx diesen Mann jetzt als Staatsmusikanten bezeichnet, hört Münkler den Vorwurf heraus, Wagner habe den gemeinsamen revolutionären Geist verraten und sich den politisch Mächtigen angebiedert. Schließlich wurde Wagner inzwischen großzügig von seinem Freund König Ludwig von Bayern finanziert und hatte zumindest versucht, auch Bismarck und das gerade gegründete Deutsche Reich als Sponsor zu gewinnen. Aus dem Barrikadenkämpfer war ein Musiker der Mächtigen geworden.

Münklers Buch zeichnet im Detail nach, wie unterschiedlich Marx und Wagner mit dem Scheitern ihrer Revolution von 1848 umgingen und damit auseinanderdrifteten, wenn sie denn je zusammen gewesen wären. In den ersten Jahren nach den gescheiterten Aufständen hoffte Marx noch, die Revolution könne sich von Paris ausgehend wieder neu entzünden. Als sich ausgerechnet dort dann der reaktionäre Louis Napoleon als Kaiser und Nachfolger seines Onkels Napoleon Bonaparte installierte, sah Marx sich gezwungen, seine revolutionären Hoffnungen zu dämpfen und mit der Zeit auch seine politische Theorie zu überarbeiten. Er blieb dabei, dass es in der Natur des kapitalistischen Systems liege, einen immer schärfer werdenden Gegensatz zwischen herrschender Bourgeosie und unterdrücktem Proletariat herbeizuführen, bis das Proletariat es irgendwann nicht mehr aushalten und gewaltsam die Macht ergreifen werde. Seine Vorhersage, wie schnell dieser unausweichliche Pozess ablaufen würde, musste Marx nun aber revidieren und seine Theorie musste im Lauf der Jahre auch unerwartete klasseninterne Konflikte und Allianzen zwischen Bourgeosie und Proletariat erklären, zum Beispiel wenn sich zur Zeit des amerikanischen Bürgerkriegs die weiße Unterschicht der Südstaaten, der sogenannte „white trash“, mit den reichen Sklavenhaltern verbündete.

Wagner konnte das alles egal sein. Er hatte die Hoffnung auf eine politische Revolution aufgegeben und sich ganz auf die Kunst konzentriert. Münkler ist der Ansicht, dass man Wagners dortige Aktivität allerdings ebenfalls als revolutionär bezeichnen kann. Immerhin hat er es geschafft, mit seinen Opern breite Bevölkerungsschichten anzusprechen und ganz bewusst nicht nur für ein gehobenes Bürgertum die Hintergrundmusik zum gegenseitigen Besuch in der Loge zu liefern, wie es frühere Komponisten getan hatten. Auch die Oper als solche wurde aus Münklers Sicht durch Wagner befreit. Statt einer nur lose mit einem Plot verknüpften Aneinanderreihung schöner Melodien komponierte Wagner eine komplexe Verflechtung aus Text und Musik, in der oft die musikalischen Motive den Teil der Erzählung ergänzen, den der Text verschweigt.

Das Kapital und der Ring

In der Danksagung seines Buches erwähnt Herfried Münkler, dass es die Idee seines Verlegers war, Friedrich Nietzsche überhaupt mit in dieses Buch aufzunehmen. Ursprünglich wollte Münkler nur ein Buch über Marx und Wagner schreiben und vor allem „Das Kapital“ und „Der Ring des Nibelungen“ einander gegenüberstellen. Bei diesem Vergleich stößt Münkler tatsächlich auf überraschende Gemeinsamkeiten der beiden gegensätzlichen Revolutionäre. Zunächst scheint es, dass Marx und Wagner in diesen Werken dieselbe Gesellschaftsstruktur vor Augen haben. Der zentrale Konflikt in Wagners „Ring“ spielt sich zwischen den Göttern und den zwergenhaften Nibelungen ab. Als eine Art Bourgeosie der nordischen Mythen sind Wagners Götter mit der Ausübung ihrer Macht beschäftigt und lassen die schmutzige Arbeit von anderen erledigen. Die unterdrückten Nibelungen schuften sich währenddessen in unterirdischen Stollen ab und erinnern damit an eine Arbeiterklasse.

Am Anfang der Geschichte stiehlt der Nibelung Alberich mit dem Rheingold eine magische Ressource der Natur. Ganz im Stil einer Industrialisierung zerstört er damit einen idyllischen Naturzustand und gleichzeitig unterwirft er mit der Macht des Goldes seine eigenen Artgenossen und lässt sie für sich arbeiten. Zum Konflikt zwischen den bourgeoisen Göttern und den proletarischen Nibelungen kommt es dann, weil die Götter auch das Gold haben wollen, um damit die Schulden für ihr opulentes Leben zu begleichen. Der Gott Wotan hat die beiden Riesen Fasolt und Fafner zum Bau der Götterburg Walhall beauftragt und muss sie jetzt auszahlen. Es passt gut zur marxschen Theorie, dass diese durch Riesen repräsentierte Handwerker-Mittelschicht im sich zuspitzenden Konflikt zwischen Bourgeosie und Proletariat schnell zerrieben wird. Nachdem Wotan Alberich das Rheingold wegnimmt und damit seine Rechnung bei den Riesen begleicht, erschlägt Riese Fafner sofort im Streit seinen Bruder Fasolt und verwandelt sich in den passiv auf seinem Schatz sitzenden, aus der Edda ausgeliehenen Drachen, den Siegfried später töten wird. Auch der im weiteren Verlauf der Handlung stattfindende Untergang der Götter, hat marxsche Züge, weil die Götter an ihrem eigenen Herrschaftssystem scheitern und ihnen am Ende nichts anderes übrig bleibt, als ihrem unausweichlichen Weg in die Katastrophe zuzusehen.

Allerdings zeigt Münkler neben diesen Parallelen auch Aspekte des „Rings“ auf, in denen sich Wagners pessimistische Haltung gegenüber proletarischen Revolutionen a la Marx erkennen lassen. Zum einen ist das Ende des Konflikts mit der brennenden Götterburg Walhall nicht nur ein Untergang der Götter, sondern auch eine Niederlage der Nibelungen, denn das von Alberich begehrte Gold geht am Ende der „Götterdämmerung“ zurück in den Rhein und der Urzustand wird wiederhergestellt. Vier Opernabende lang sind die proletarischen Nibelungen zu keinem Zeitpunkt zu einer Revolution imstande, sondern lassen sich von ihrem Diktator Alberich auch dann noch ausnutzen, als ihm die vom Rheingold gegebenen magischen Kräfte schon wieder genommen sind. Die Verkörperung einer Revolution ist dagegen der naive Held Siegfried, der ohne zu wissen, woher er kommt und wohin er gehen wird, einfach auf alles draufhaut, was sich ihm in den Weg stellt. Ohne jede Anstrengung erschlägt er seinen eigenen Ziehvater Mime, den Drachen Fafner und legt sich sogar mit Gott Wotan an, weil er keine Ahnung hat, wer das überhaupt ist.

Indem der Revolutionär Siegfried auch Wotans Speer zerschlägt, in den die Verträge der Götter eingeritzt sind, zerstört er mit dem göttlichen Regelwerk so etwas wie den von Wagner immer schon verhassten Staat oder, wie Münkler ganz konkret interpretiert, die Verfassung, auf die man nach 1848 hinaus wollte. Laut Münkler glaubte Wagner nicht an die Dauer solcher Regelwerke, an die sich auch die Mächtigen halten müssten. Genau dieser Konflikt steht hinter der Handlung des „Rings“. Um seinen eigenen göttlichen Regeln gerecht zu werden, muss Wotan seinen eigenen Sohn Siegmund töten, nachdem der seine Zwillingsschwester Sieglinde zum inzestuösen Ehebruch verführt hat. Wotans Tochter Brünhilde kann Siegmund zwar nicht retten, weiß aber, dass sie Wotans eigentlichen Wunsch erfüllt, indem sie Sieglinde verschont und damit die Geburt des aus dem Inzest hervorgehenden Sohnes Siegfried ermöglicht. Indirekt setzt Wotans Wille diesen Helden also selbst in die Welt, der dann den Untergang der Götter herbeiführt. Nicht das Proletariat sondern die Bourgeosie selbst ist es bei Wagner also, durch die eine Revolution erst zustande kommen kann, oder die der Revolution wenigstens mit einer gewissen Sympathie dabei zusieht, wie sie das System zerschlägt, das den Mächtige selbst schon längst lästig wurde.

Verbunden durch Wagner

In der Reihenfolge „Marx, Wagner, Nietzsche“ deutet Münkler bereits an, wie sich diese drei Namen zu einander verhalten. Marx und Nietsche sind sowohl inhaltlich als auch methodisch weit von einaner entfernt. Marx beschäftigten Systeme und politische Entwicklungen seiner Zeit und Nietzsche dachte an das Individuum und die Menschheit als solche. Marx recherchierte, analysierte und kämpfte ein Leben lang verzweifelt gegen innere Widersprüche seiner Theorie und Nietzsche schrieb, poetisch, aphoristisch, prophetisch und hatte kein Problem damit, sich dabei auch mal selbst zu widersprechen. Zwischen diese gegensätzlichen Pole setzt Münkler als Bindeglied und gemeinsamen Betzugspunkt Richard Wagner. Mit ihm verbinden beide eine enttäuschte Hoffnung, Marx auf eine politische und Nietzsche auf eine kulturelle Revolution. Alle drei verbindet der Glaube an Untergang und Neubeginn – oder, wie man im Widerspruch zu ihrer antichristlichen Haltung sagen könnte – an Tod und Auferstehung.

Eine letzte Gemeinsamkeit, die Münkler ganz am Ende zwischen allen dreien sieht, ist die Befreiung von ideologischer Vereinnahmung, die ihre Werke in den vergangenen Jahrzehnten erfahren haben. Besonders tragisch ist Nietzsches Fall. In seinen letzten Lebensjahren wurde der geistig schwer kranke und nicht mehr ansprechbare Nietzsche von seiner Schwester Elisabeth gepflegt, mit der er lange zerstritten gewesen war. Diese Schwester hatte einen radikalen Antismiten namens Förster geheiratet, ausgerechnet am Geburtstag Richard Wagners, und mit ihm in Paraguay eine rassistische deutsche Kolonie gegründet, die nach kurzer Zeit pleite ging. Mit diesem ideologischen Geist betreute sie nun das Werk ihres Bruders, verfälschte seine Briefe und gab zusammen mit Nietzsches Freund Heinrich Köselitz das Buch „Der Wille zur Macht“ heraus, das sie als Nietzsches Hauptwerk verkaufte und das in Wirklichkeit von ihr selbst aus Nietzsches unveröffentlichten Schriften und eigenen Zusätzen zusammengestöpselt war. Zusammen mit tendenziösen Kompilationen durch den rassistischen Philosphen Alfred Baeumler wurde Nietzsche damit als Ideengeber für die Nationalsozialisten umgepolt. Erst in der zweiten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts konnte Nietzsches Werk von diesen Verfälschungen wieder bereinigt werden. Eine noch drastischere Befreiung sieht Münkler aber für das Werk von Karl Marx. Nach dem Zusammenbruch des Ostblock-Kommunismus konnte Marx als Ökonom wiederentdeckt werden, der losgelöst von ideologischer Verherrlichung auf der einen und Verteufelung auf der anderen Seite zum Verständnis der kapitalistischen Dynamik beitragen kann.

Münklers Buch kann selbst als ein Beitrag zu diesen Befreiungen gesehen werden. Vor allem ist es aber eine sehr angenehme Umsortierung und Auflockerung des biographischen Materials, das einen sonst in chronologisch fortschreitenden Einzelbiographien vielleicht gelangweilt und erdrückt hätte. In seinem nicht nach Lebensphasen sondern nach zentralen Themen strukturieren Buch nimmt Münkler sich zwar den Raum für Details, aber durch den ständigen Wechsel zwischen den drei Protagonisten bleibt das Buch bis zur letzten Seite sehr anregend. Besonders überzeugend ist Münklers Vergleich dort, wo sich die drei ungleichen Revolutionäre in ihren Werken mit genau denselben Themen befassen, zum Beispiel mit der antiken griechischen Tragödie, dem Mythos des Prometheus oder den Schriften von Darwin, Feuerbach und Schopenhauer. Hier ergibt sich ein in drei Teile aufgefächertes Bild der Ideenwelt des neunzehnten Jahrhunderts.

Der Mensch nach der Katastrophe

Einmal noch zurück zu Wagners „Ring“. Herfried Münkler erwähnt die Inszenierung von Patrice Chereau aus dem Jahr 1976, genau hundert Jahre nachdem sich Marx, Wagner und Nietzsche im Umkreis der ersten Bayreuther Festspiele aufhielten. Nach dem Lesen dieses Buches ergibt für mich einiges an dieses Inszenierung einen neuen Sinn, vor allem die allerletzten Minuten des Opernzyklus am Ende der „Götterdämmerung“. Der Gesang ist vorbei, Brünhilde hat sich geopfert, die Rheintöchter haben das Rheingold zurück und im Bühnenhintergrund brennt der Scheiterhaufen des ermordeten Helden Siegfried und die Götterburg Walhall. Vor den lodernden Flammen steht in dieser allerletzten Szene eine große Menschenmenge auf der Bühne. Mit dem Rücken zum Publikum sieht die Menge dem großen Brand zu und das könnte das letzte Bild der Oper sein. Aber dann dreht sich eine einzelne Frau in der Menge plötzlich um und wendet sich dem Zuschauerraum zu. Während das Feuer im Hintergrund verlöscht und aus dem Orchester die letzten Akkorde zu hören sind, wendet sich nach und nach die gesamte Menge um, als wollten Sie das Publikum fragen, wie es jetzt weitergehen soll.

Dieses Schlussbild ist so bewegend, weil eine Identifikation möglich ist. Die Menschen auf der Bühne und die im Publikum haben etwas gemeinsam. Sie sind die Menschen nach einer Katastrophe, auf die Marx, Wagner und Nietzsche in einer ganz anderen Form gehofft hatten, sei es als Untergang des kapitalistischen Systems bei Marx oder der in christlicher Moral steckengebliebenen Menschheit bei Nietzsche. Im großen Feuer, in dem die Welt in der „Götterdämmerung“ untergeht, lassen sich in der zurückblickenden Perspektive von Patrice Chereaus Inszenierung die Katastrophen des zwanzigsten Jahrhunderts erahnen. Als dieses Feuer ausgebrannt ist, ist die Menschheit in der Gegenwart angekommen und sieht sich in diesem letzten Bild selbst an, um sich zu fragen, was sie aus der zerstörten Welt jetzt machen und wie sie wieder ganz von vorne anfangen kann.

So lässt es sich für Chereaus Zeitgenossen im Jahr 1976 deuten, aber vielleicht schon nicht mehr für uns. Fünfzig Jahre später fühlt es sich so an, als wären wir ein paar Schritte weiter in diesem ewigen Zyklus, auf dem Weg in die nächste Katastrophe.


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