Gedankenübertragung | „Ion“ von Platon

Unter Platons Dialogen führte der kurze Text „Ion“ lange ein Schattendasein. Wegen seiner angeblichen argumentativen Schwächen wurde er von manchen Experten für ein Jugendwerk des berühmten Philosophen und von anderen sogar nur für das Werk eines Platon-Schülers gehalten. Andere Interpretatoren, zu denen auch Goethe zählte, waren überzeugt, Platon könne diesen Text nur als Satire gemeint haben und trugen dazu bei, dass dieser Dialog lange nicht ernst genommen wurde. Dabei enthält er einen der frühesten und vielleicht bemerkenswertesten Versuche zu einer Theorie über das Phänomen der Inspiration.

Es handelt sich um ein Gespräch zwischen Sokrates und einem Rhapsoden namens Ion über dessen Kunst, also über das öffentliche Vortragen berühmter lyrischer Werke. Dieser Ion – möglicherweise eine historische Persönlichkeit, die heute nicht mehr bekannt ist – hat sich darauf spezialisiert, Werke von Homer zu rezitieren. Was seine Kunst betrifft leidet er nicht gerade an Selbstzweifeln. Beflügelt durch einen Wettbewerb, aus dem er gerade als Sieger hervorgegangen ist, behauptet der überregional bekannte Rhapsode, der beste seines Faches und der größte Homer-Kenner zu sein, den man je gesehen habe. Er gibt allerdings zu, dass er mit den Texten anderer Dichter nicht viel anfangen kann. Zu den Werken von Hesiod und anderen hat er nicht viel zu sagen und er traut sich nicht einmal zu, zu beurteilen, ob seine Kollegen diese Texte gut oder schlecht vortragen. Er ist durch und durch Homer-Spezialist, aber weil dieser nun mal der größte Dichter aller Zeiten ist, genügt ihm das auch.

Sokrates findet diese sehr einseitige Spezialisierung bemerkenswert und nimmt sie als Ausgangspunkt seiner typischen Reihe von Fragen, mit denen er seinen Gesprächspartner auf bestimmte Erkenntnisse bringen will. Im Wesentlichen stellt sich dabei heraus, dass Ions Fähigkeiten sein Publikum mit Homers Texten zu begeistern offenbar nichts mit irgendeiner Form von Wissen zu tun haben kann. Er ist kein Experte für die theologischen, militärischen, seefahrerischen oder handwerklichen Vorgänge, von denen Homers Epen handeln, und wenn das irgendeine Rolle spielen würde, müsste er Texte anderer Dichter mit ähnlichen Inhalten ja auch besonders gut wiedergeben können. Er ist aber insbesondere auch nicht wegen seiner Kenntnisse über die Dichtkunst ein so guter Interpret, denn auch dieses Wissen würde ihm sonst auch bei anderen Dichtern nützen. Sokrates und Ion einigen sich also darauf, dass das Geheimnis seines Erfolges etwas anderes sein muss.

Bis hierhin könnte man tatsächlich denken, es gehe in diesem Text darum, eingebildete Rhapsoden und andere darstellende Künstler auf den Boden der Tatsachen zurückzuholen und ihnen klar zu machen, dass der Applaus des Publikums nicht bedeutet, sie dürften sich als irgendeine Art von Experten über das von ihnen Vorgetragene verstehen, weder was die Inhalte noch was die Form ihrer Performance betrifft. Die Aneinanderreihung der verschiedenen Wissensgebiete, von denen Ion zugeben muss, keine Ahnung zu haben, hat in der Tat etwas satirisches an sich.

Die Entdeckung des Viralen

Die ganze Argumentationskette hat aber den Sinn, nun auf das eigentliche Thema zu kommen: Ion ist von Homer inspiriert. Es ist nicht irgendeine Form von Wissen sondern eine Eingebung, eine Begeisterung und Ergriffenheit, die sich vom berühmten Dichter auf den Rhapsoden übertragen hat und ihn zu seinem besten Interpreten macht. Der kongeniale Darsteller mag wenig Ahnung haben, von den militärischen Manövern und den Versmaßen in der Ilias, aber wie durch Magie löst der Text etwas in ihm aus und er trifft den richtigen Ton. Wie Sokrates weiter erklärt, ist er als Rhapsode nicht der einzige, dem es so geht. Auch auf den Dichter Homer ist der Funke einmal übergesprungen. Er wurde von den Musen, also von den Göttern selbst inspiriert und hat seinen Text dank ihrer Eingebung empfangen. Es bildet sich also eine Verkettung von Übertragungen, angefangen mit der ursprünglichen, von den Göttern ausgehenden Inspiration des Dichters über den Jahrhunderte später rezitierenden Rhapsoden bis hin zu seinem wiederum durch ihn inspirierten Publikum. Platons Sokrates vergleicht diese Verkettung mit einem Magneten, der einen Eisenring durch Berührung ebenfalls zum Magneten macht, an den man einen zweiten Ring anhängen kann, der dadurch ebenfalls magnetisiert wird, und so weiter.

Der Gedanke, dass die großen Kunstwerke und die in ihnen liegenden Weisheiten nicht von menschlichen Schöpfern stammen, sondern göttlichen Eingebungen zu verdanken sind, ist zu Platons Zeit natürlich nicht neu, sondern steckt im Gegenteil explizit in den klassischen Texten Hesiods und Homers, die sich auf ihre Kontakte zu den Musen berufen. Dass die Menschen selbst aber diesen von den Göttern entsandten Funken nicht nur aufnehmen, sondern weitergeben und Teil einer beliebig langen Kette, eines ganzen Flächenbrandes der Begeisterung werden können, wird hier vielleicht erstmalig klar formuliert. Ein einmal von den Göttern in die Welt gesetztes Kunstwerk oder eine Idee kann sich dank dieser Übertragungsmöglichkeiten viral ausbreiten und Kulturen über Jahrhunderte hinweg beeinflussen. Die hier entdeckte Übertragbarkeit der Inspiration ist eine unverzichtbare Grundtatsache für jede spätere Theorie über Medien und Kommunikation.

Auf Empfang geschaltet

In Platons Beschreibung des eigentlichen Inspirationsprozesses liegt noch eine weitere bemerkenswerte Erkenntnis. Um für die Eingebungen der Götter empfänglich zu sein, müssen sich die Dichter in einen besonderen Geisteszustand begeben, beziehungsweise die Götter selbst sorgen dafür, dass dieser Zustand erreicht wird. Platon schreibt über die Dichter und Rhapsoden:

Deswegen vielmehr bedient sich der Gott, indem er ihnen die klare Besinnung raubt, ihrer sowie auch der göttlichen Wahrsager und Seher als seiner Diener und Werkzeuge, damit wir, die wir sie hören, wissen, dass nicht sie selbst, denen ja ein klares Bewusstsein nicht innewohnt, es sind, welche so Wertvolles zu uns reden, sondern dass der Gott selber es ist, der da redet und durch sie zu uns spricht.

In dem Moment also, in dem die Künstler zum Medium werden und ihre Antennen für den Empfang der göttlichen Signale ausrichten, dürfen sie nicht im Vollbesitz ihrer geistigen Kräfte sein. Sie müssen sich in eine Art Trance, eine Meditation oder einen Tagtraum fallen lassen, um ihre Eingebungen zu erhalten. Vergleicht man das beispielsweise mit Texten von David Lynch über seinen kreativen Schaffensprozess, dann erkennt man, dass es genau diese Zustände sind, die auch heute manche Künstler ganz bewusst herbeiführen, um sich inspirieren zu lassen. Streicht man nun noch die Götter aus dem von Platon beschriebenen Szenario heraus, dann bleibt ein Mensch übrig, der sich an die Schwelle des bewussten Denkens begibt, um von der anderen Seite jene besonderen, originellen Eingebungen zu erhalten, auf die man mit bewusster Rationalität nicht kommen kann. Davon, was sich auf dieser anderen Seite jenseits des Bewussten befindet, haben wir heute eine nur geringfügig bessere Vorstellung, als damals Platon. Es ist jedenfalls dann nur noch ein kleiner Schritt, dieser anderen Seite als Platzhalter für das, was man nicht kennt, einen neuen Namen zu geben und es das Unbewusste zu nennen.

Das Ende des Dialogs „Ion“ ist etwas verwirrend, aber auch hier lässt sich noch eine wichtige Erkenntnis zum Thema Inspiration entnehmen: Sokrates und Ion kommen noch einmal zurück auf die Fachkenntnisse, die Ion fehlen und die also nicht der Grund für seine mitreißenden Vorträge der homerischen Epen sein können. Er gesteht ein, dass er nicht die Kenntnisse eines Wagenlenkers besitz, oder die eines Arztes und was sonst noch alles in den Epen vorkommt. Ausgerechnet bei den Fähigkeiten eines Feldherren aber widerspricht er Sokrates. Diese traut er sich zu und Sokrates hat große Schwierigkeiten ihm auszureden, dass er ein guter Feldherr für die Stadt Athen wäre.

Künstler und Feldherren

Dass der naive und von sich selbst sehr überzeugte Darsteller, dessen einziges Talent zu sein scheint, die Verse anderer Leute wiederzugeben, sich am Ende als Feldherr ausrufen lassen will, wird einer der Gründe gewesen sein, warum manche den Text für eine Satire gehalten haben. Aus heutiger Sicht bleibt einem das Lachen im Hals stecken, wenn man bedenkt, wie vielen enthemmten Selbstdarstellern es seitdem tatsächlich gelungen ist, genau das zu tun, was Ion hier vorschwebt, nämlich die eigene Fähigkeit Massen zu begeistern im politischen und militärischen Feld einzusetzen. Es ist die Kehrseite der Inspiration, vor der hier am Ende gewarnt wird: Man kann von den falschen Ideen ergriffen werden und sich durch das Eingliedern in die magnetisierte Übertragungskette auch fehlgeleiteten und zerstörerischen Kräften hingeben. Die Fähigkeit, die Massen zu inspirieren ist eine tödliche Waffe, wenn sie in die falschen Hände gerät. Der harmlose Rhapsode Ion könnte der Demagoge von morgen sein, den Sokrates hier gerade noch im rechten Moment davon abhalten will, einen politischen Karriereweg einzuschlagen.

Hinter einer manchmal etwas banal und verwirrend erscheinenden Diskussion um Fachkenntnisse und Vortragskunst verbergen sich in diesem kurzen Dialog also gleich mehrere Thesen zur Inspiration und deshalb hat dieser Text mich interessiert. Platon beschreibt präzise den Zustand, in dem wir für Eingebungen empfänglich sind, er präsentiert eine Theorie für die Übertragbarkeit der Inspiration und warnt am Ende indirekt vor der daraus folgenden Begeisterungsfähigkeit der Massen, und vor denen, die sie begeistern wollen.


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