Im Jahr 1967 hielt Theodor W. Adorno bei einem Aufenthalt an der Universität Wien einen Vortrag über den damals in der Gestalt der NPD neu aufkommenden, deutschen Rechtsradikalismus. Zu dieser Zeit stand die Frage im Raum, wie es überhaupt sein konnte, dass nicht sehr lange nach dem Zweiten Weltkrieg schon wieder eine rechtsradikale Partei in Deutschland eine Rolle spielte. Die schnelle Erklärung, dass es sich bei der NPD nur um ein Sammelbecken der alten Nazis handelte, verwirft Adorno. Der Einfluss der Alten spiele zwar eine gewisse Rolle, aber insbesondere sei es eine neue Generation von Rechtsextremen, die sich nun in dieser Partei wiederfinde. Der Vortrag behandelt die Unterschiede zwischen diesem neuen Gesicht des Rechtsradikalismus und seiner untergegangenen Vorlage und hebt Merkmale hervor, die bei diesem Generationenwechsel unverändert geblieben sind.

Zweiundfünfzig Jahre später hat der Suhrkamp Verlag diesen Vortrag Adornos nun als Buch herausgebracht, zusammen mit einem ausführlichen Kommentar des Historikers Volker Weiß. Dieser ordnet den Vortrag zunächst in Adornos Forschung und der damaligen Arbeit des Frankfurter Instituts für Sozialforschung ein und kommt dann auf die Unterschiede und die Parallelen zum gegenwärtigen Aufstieg der sogenannten „Alternative für Deutschland“ zu sprechen. Weiß führt die zum Teil im Vortrag nur kurz angedeuteten Linien aus Adornos Analyse in die Gegenwart fort und weist auf einige bemerkenswerte Eigenschaften hin, die die heutige rechtsradikale Partei als Wiederkehr einer Wiederkehr von ihren Vorgängern übernommen hat.

Die einleitende These Adornos zu Beginn seines Vortrags ist, dass die gesellschaftlichen Voraussetzungen des Faschismus auch nach dem Untergang des Nazi-Regimes weiterhin vorhanden sind. Adorno sieht den Faschismus als eine Art Defekt des Kapitalismus, bedingt durch dessen Tendenz, Kapital auf einige wenige zu konzentrieren und eine breite Gesellschaftsschicht weitgehend leer ausgehen zu lassen, die sich dadurch abgehängt und in ihrer Existenz bedroht fühlt. Während der Kommunist das Ende des kapitalistischen Systems herbeiwünscht, richtet sich der Frust des Rechtsradikalen nicht gegen das System selbst, sondern gegen seine Profiteure, die er alle mit „den Linken“ unter einer Decke stecken sieht. Das ganze Land ist aus seiner Sicht ohnehin fest in der Hand linker Kräfte („neomarxistisch“ und „links-grün-versifft“, wie man heute sagt). Der Wunsch nach dem Untergang der angeblich herrschenden Eliten und der bestehenden Ordnung ist aber seit der NPD nicht mehr mit einer offenen Kampfansage gegen die Demokratie verknüpft. Im Gegenteil, bemühen sich Rechtsradikale, als die eigentlichen, einzig wahren Demokraten aufzutreten, die dem Volk die Macht zurückgeben wollen. Natürlich kennt man dieses Spiel inzwischen auch von der AfD, die beispielsweise im brandenburgischen Landtagswahlkampf 2019 ein Bild von Willy Brandt und dessen Forderung „Mehr Demokratie wagen!“ auf ihre Plakate setzte.

Eine weitere These Adornos ist, dass der Rechtsradikalismus sich nicht nur der Propaganda bedient, sondern im Wesentlichen aus ihr besteht. Dass die AfD wie keine andere Partei das Internet nutzt, um eine Gegenöffentlichkeit aufzubauen, ist aus dieser Sicht kein Zufall. Es ist vielmehr ihr Kerngeschäft. An einer über die Propaganda hinausgehenden ideologischen Substanz fehlt es nämlich laut Adorno im Rechtsradikalismus. Es gibt keine funktionierende Theorie, auf die man sich berufen könnte. Ein Land beispielsweise stärken zu wollen, indem man sich nationalistisch abschottet, mitten in einer Welt, in der Staatenbünde eine immer wichtigere Rolle spielen und alles auf das Globale zustrebt – das hat in Zeiten der NPD schon keinen Sinn ergeben und heute erst recht nicht. Aufgrund solcher Widersprüche ist der Rechtsradikalismus eine theorielose Ideologie, die sich, laut Adorno, eigentlich selbst nicht mehr glaubt. Ihren Aufstieg hat das aber zu keiner Zeit gehindert.

Man sollte diese Bewegungen nicht unterschätzen wegen ihres niedrigen geistigen Niveaus und wegen ihrer Theorielosigkeit. Ich glaube, es wäre ein völliger Mangel an politischem Blick, wenn man deshalb glaubte, daß sie erfolglos sind. Das Charakteristische für diese Bewegungen ist vielmehr eine außerordentliche Perfektion der Mittel, nämlich in erster Linie der propagandistischen Mittel in einem weitesten Sinn, kombiniert mit Blindheit, ja Abstrusität der Zwecke, die dabei verfolgt werden.

Auf die Propaganda zurückkommend listet Adorno einige der gängigen Tricks kurz auf, mit denen typischerweise gearbeitet wird. So nennt er beispielsweise die inzwischen berühmte „Salami-Methode“ ein Problem scheibchenweise klein zu reden, und eine Masche, die er als Konkretismus bezeichnet, und die darin besteht, den Gegner mit einer Fülle irgendwoher geholter, schwer nachprüfbarer Daten zu bombardieren. Jeder, der einmal das Missvergnügen hatte, mit Rechtsextremen auf Twitter über ein einschlägiges Thema wie etwa die Kriminalstatistik zu diskutieren, erkennt die Techniken sofort wieder.

Auf die Frage, wie man dem neuen Rechtsradikalismus entgegnen könne, rät Adorno insbesondere zu zwei Vorgehensweisen: Zunächst solle man sich nicht darauf einlassen, die von den Rechtsradikalen ausgemachten Feindbilder zu problematisieren, sondern die Rechtsradikalen selbst. Er spricht hier von einer „Wendung nach innen“, durch die die Aufmerksamkeit vom Feindbild auf die Vorgänge innerhalb der eigenen Bewegung gelenkt werden soll. Weiterhin empfiehlt Adorno, im Umgang mit Rechtsradikalen nicht zu moralisieren, sondern an ihre Interessen zu appellieren und sie vor der eigenen Ideologie zu warnen, die letzten Endes autoritär und auf Gehorsam aus ist, so sehr sie diesen Aspekt auch zu verdrängen versucht. Rechtsradikalismus – und das hält Adorno für ein entscheidendes, unveränderliches Merkmal – appelliert immer an ein obrigkeitstreues Denken, das Adorno mit dem Begriff der „autoritätsgebundenen Persönlichkeit“ zusammenfasst.

Sie werden niemals auch nur eine Äußerung finden, die dem Schema der autoritätsgebundenen Persönlichkeit nicht entspricht. Und wenn man gerade diese Struktur des Appells an die autoritätsgebundene Persönlichkeit aufdeckt, so bringt das nun wirklich die Rechtsradikalen zum Weißglühen, und ich würde sagen, das ist immerhin ein Beweis dafür, daß in dieser Struktur ein Nervenpunkt getroffen ist. Die unbewußten Tendenzen, welche die autoritätsgebundene Persönlichkeit speisen, werden also nicht etwa von dieser Propaganda bewußt gemacht, sondern im Gegenteil, sie werden noch mehr ins Unbewußte gedrängt, sie werden künstlich unbewußt gehalten.

Ich glaube, dass dieser Punkt im Umgang mit dem heutigen Rechtsradikalismus verloren gegangen ist. Die von Adorno hier erwähnte Verdrängung des autoritären Charakters wurde durch das Bild von der neuen, bürgerlichen Partei und einem hippen, Internet-affinen Aktivismus perfektioniert. Überhaupt wurde auch der Begriff der Propaganda von den Rechtsradikalen gekapert und wird von ihnen nun auf die Mainstream-Medien angewandt.  (Beispiele sind die Begriffe des „Staatsfernsehens“ und der sogenannten „regierungstreuen Presse“). Die rechtsradikale Propaganda-Maschine wird von ihren Anhängern als eine die eigentliche Propaganda entlarvende, aufklärende Stimme gegen die übermächtigen, linken Eliten aufgefasst. Das Ergebnis ist die (unter anderem in Mely Kiyaks Buch „Haltung“ beschriebene) Hilflosigkeit der etablierten Medien im Umgang mit den neuen Rechtsextremen.

Adornos hier nur sehr kurzen Kommentare sind nicht die ultimative Antwort. Aber dass rechtsradikale Propaganda den autoritären Charakter der Ideologie ins Unbewusste verdrängt ist immerhin ein Punkt, an dem sich vielleicht ansetzen lässt. Diejenigen, die 2019 bei den Kommunal- und Landtagswahlen der AfD zu Traumergebnissen verholfen haben, verstehen sich selbst wahrscheinlich nicht als treue Gefolgsleute einer autoritären Bewegung. Im Gegenteil sehen sie in Ihrer Wahl ja den Widerstand gegen Autoritäten. Den autoritären Charakter des Rechtsradikalismus auch in seiner jüngsten Version, in der er ihn bisher am besten verdrängt, zu entlarven und ins Bewusstsein zu bringen, ist also der Appell, der sich aus Adornos Vortrag heute ergibt. Getan werden muss jedenfalls etwas, denn, so endet Adorno:

Wie diese Dinge weitergehen und die Verantwortung dafür, wie sie weitergehen, das ist in letzter Instanz an uns.


Die Welt aus der Sicht eines Idioten | "Serotonin" von Michel Houellebecq Anton Weyrothers Literaturpodcast

Michel Houellebecqs im Jahr 2019 erschienener Roman "Serotonin" erinnert stark an sein Debüt "Ausweitung der Kampfzone". Wieder steigt ein normaler Angestellter aus seinem geregelten Leben aus, verzweifelt an der Welt und an sich selbst. Was vor zwanzig Jahren als aufsehenerregende Provokation noch funktionierte, ist in "Serotonin" aber nun zu einer nur noch schwer zu ertragenden Masche des ewigen Enfant terrible der Literatur geworden. Eine Rezension
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