In seinem Buch „Die Beziehungen zwischen dem Ich und dem Unbewussten“ gibt Carl Jung eine verhältnismäßig kurze Einführung in seine umfangreiche Theorie der Psyche. So wie Sigmund Freud, mit dem Jung eng befreundet war und dessen Thesen er als einer der ersten unterstützte und aufgriff, setzt sich alles Psychische eines Menschen, zusammengefasst unter dem Überbegriff des „Selbst“, aus verschiedenen Teilen zusammen, die zu einander in gewissen Beziehungen stehen. Zusätzlich zur grundlegenden Trennung zwischen bewussten und unbewussten Inhalten unterscheidet Jung innerhalb des Unbewussten wiederum persönliche und kollektive Anteile. Der kollektive Teil des Unbewussten ist Jungs Entdeckung und eine Quelle von Gefahren, vor denen dieses Buch ausdrücklich warnt.

Jungs einführendes Beispiel für das kollektive Unbewusste ist der Fall einer Patientin, die von ihm behandelt wurde, um eine ins Schädliche übersteigerte Bindung zu ihrem Vater, also einen „Vaterkomplex“, zu überwinden. Das intensive, emotionale Verhältnis zum Vater übertrug sich nach einigen Analyse-Sitzungen auf ihn selbst, den behandelnden Arzt, der nun für die Patientin zur Vaterfigur wurde und in den sie sich gleichzeitig verliebte. Jung versuchte, dieses Dilemma durch Traumdeutung besser zu verstehen. In mehreren Träumen der Patientin tauchte er selbst auf, in anderen der Vater, und beide erschienen oft in übernatürlicher Größe. In einem der Träume stand der in der Realität eher kleine aber hier nun riesenhafte Vater auf einem Hügel in einem Weizenfeld, hielt die Patientin im Arm und wiegte sie wie ein Kind hin und her, auf die gleiche Weise, wie der über den Hügel wehende Wind in den Weizenfeldern wogte.

Zur Deutung dieses Traums verweist Jung darauf, dass das Wort für „Wind“ im Hebräischen und Arabischen das selbe ist, wie das Wort für „Geist“, und erinnert an die enge Verbindung zwischen Göttern und Naturgewalten in antiken Weltbildern. In der Kombination des Windes mit der übermächtigen, schützenden Vaterfigur sieht Jung in diesem Traum also ein archaisches Gottesbild aus dem Unbewussten aufsteigen. Dieses ist allerdings sehr verschieden von der bewussten Gottesvorstellung der Patientin. Eine Verbindung zwischen „Wind“ und „Geist“ oder „Gott“ ist ihr nicht bekannt.

Bilder aus dem kollektiven Unbewussten

Das ist Jungs Indiz dafür, dass das Bild nicht allein aus dem persönlichen Teil des Unbewussten stammen kann, der von den bewussten Erfahrungen abhängt und gewissermaßen deren Kompensation oder Schatten darstellt. Stattdessen glaubt er, dass das Bild auch von einem anderen Teil des Unbewussten beeinflusst ist, der nicht allein nur zu diesem Individuum gehört, sondern universell ist. Dieser kollektive Anteil produziert dieselben Bilder auch in den Träumen und Vorstellungen anderer Menschen, selbst wenn diese völlig verschiedenen Kulturkreisen angehören und zu anderen Zeiten gelebt haben. Jung entwickelt hier keine Theorie über die Entstehung eines solchen kollektiven Anteils des Unbewussten sondern belässt es bei der Bemerkung, dass die Gehirne sich untereinander ähnelten, und dass es außerdem nicht ausgeschlossen sei, dass sich Erlebtes unbewusst weitervererbt. Es erscheint daher plausibel, dass unser heutiges Unbewusstes die gleichen wiederkehrenden Motive, oder in Jungs Worten die „Archetypen“ enthält, die unsere Vorfahren schon beeinflussten haben und die daher in ihre Mythen und religiöse Vorstellungen eingebunden wurden. Aus diesem Grund weisen die Mythen sowohl unter einander, als auch zu heutigen Traumbildern auffällige Parallelen auf. Der Zusammenhang erinnert an die in Jan Assmanns Buch „Achsenzeit“ erwähnten Spekulationen von einer archaischen Ur-Religion, die den heutigen Weltreligionen und philosophischen Strömungen als gemeinsamer Ursprung vorausging.

Das kollektive Unbewusste steht in Jungs Theorie nun mit anderen Teilen der Psyche in Verbindung und nimmt eine übergeordnete und geradezu bedrohliche Rolle ein. Das zeigt sich beispielsweise am Verhältnis des Unbewussten zur sogenannten Persona, einer bewusst gespielten Rolle, die man wie eine Maske seiner Persönlichkeit aufsetzt. Typischerweise entstehen diese Rollen aus gesellschaftlichen Erwartungen und Zwängen, wie beispielsweise die Idealbilder des ehrenhaften Inhabers eines Amtes, des leistungsfähigen Managers oder des hinsichtlich seiner Moral und Lebensführung vorbildlichen Politikers. Nach Jungs Theorie entsteht die Persona durch die Übernahme eines Aspekts aus der Kollektivpsyche in das persönliche Bewusstsein, und die Fokussierung darauf. Die Persona ist also nur ein gewählter Ausschnitt des Kollektiven. Als Schatten der Persona sammelt sich im Unbewussten nun alles, was durch diese unnatürliche Selektion verdrängt werden musste.

Sie [die Persona] besteht aus einer Summe von psychischen Tatsachen, die als persönlich empfunden werden. Das Attribut „persönlich“ drückt die ausschließliche Zugehörigkeit zu dieser bestimmten Person aus. Ein nur persönliches Bewusstsein betont mit einer gewissen Ängstlichkeit sein Eigentums- und Urheberrecht an seinen Inhalten und versucht damit ein Ganzes zu schaffen. All jene Inhalte aber, die zu diesem Ganzen nicht recht passen wollen, werden entweder übersehen und vergessen oder verdrängt und abgeleugnet. Dies ist auch eine Art Selbsterziehung, aber eine zu willkürliche und zu gewalttätige. Es muss zugunsten eines idealen Bildes, zu dem man sich gestalten möchte, zu viel allgemein Menschliches geopfert werden.

Zweikampf mit sich selbst

Eine vollständig bewusst geformte und selbstbestimmte Persönlichkeit ist laut Jungs Theorie also eine Illusion. Wer seine Persönlichkeit nach eigenen Wünschen oder einem vorgegebenen Vorbild als Ganzes formen will, provoziert Widerstand aus dem Unbewussten. Als Konsequenz wächst alles Verdrängte zu einer eigenen, im kollektiven Unbewussten verwurzelten Teilpersönlichkeit an, die sich im Inneren Kräftemessen verselbstständigen und die Macht über das Selbst an sich reißen kann. Jung bezeichnet diese kompensatorische Gegenspielerin der Persona als die „Anima“ oder einen autonomen „Anima Komplex“. Genau wie der Begriff der Persona ist auch das Komplexe-haben inzwischen in der Umgangssprache.

Wenn es dem Unbewussten gelingt, sich selbstständig zu machen und die Psyche zu dominieren, kann das nach Jungs Theorie zu ernsthaften psychischen Krankheiten führen. Eine Maßnahme gegen eine solche Erkrankung, die Jung als Individuation bezeichnet, ist der Prozess der Überwindung des Anima Komplexes und der Befreiung des Selbst von den schädlichen Einflüssen des kollektiven Unbewussten. Eine wesentliche Technik in diesem Prozess besteht darin, ein Bild des Unbewussten gezielt hervorzuholen und bewusst darauf einzuwirken. Der Patient ruft Traumbilder hervor, durch die sein Problem verschlüsselt dargestellt sind. Dann wird er dazu gebracht, in diesem Traum oder dieser Phantasie selbst eine aktive Rolle einzunehmen und die dort dargestellte Situation zu verändern.

Selbst wenn ein solches Verfahren gelingt, liegt aber in der Übernahme eines unbewussten Vorgangs durch das Bewusstsein eine weitere, letzte Gefahr, auf die Jung am Ende des Buches eingeht. Wer mit einem archaischen Urbild des kollektiven Unbewussten konfrontiert war und daraus als Sieger hervorgegangen ist, kann sich als Konsequenz in eine gefährliche Selbstüberschätzung hineinsteigern. Die Individuation war ein Machtkampf zwischen dem bewussten Ich und der Anima und indem das Ich als Sieger daraus hervorgeht, überträgt sich die Macht der Anima auf das Ich, aber gleichzeitig überträgt sich auch etwas, das Jung als das „Mana“ bezeichnet.

Manische Propheten

Diese Übertragung bedeutet, dass aus der Besessenheit durch die Mächte des Unbewussten, der Anima, im scheinbaren Befreiungsakt nur eine neue Besessenheit durch eine bewusste Persona entstanden ist, der sogenannten „Mana-Persönlichkeit“. Bei dieser Persona handelt es sich um eine Art Prophet oder wie Jung sagt „großer Zauberer“, der durch seinen intensiven Kontakt mit dem Unbewussten überzeugt ist, eines der letzten Probleme der Menschheit gelöst zu haben und nun alle mit seiner Weisheit anstecken zu müssen. Zu dieser neuen Besessenheit ist es nur gekommen, wenn das Aufeinandertreffen zwischen Ich und Anima einen gewaltsamen Charakter hatte und das Ich die Kontrolle übernehmen wollte. Stattdessen muss in einer gelungenen Individuation also das Ich dem Unbewussten eine gewisse Macht übrig lassen.

Der „Zauberer“ konnte nur darum Besitz vom Ich ergreifen, weil das Ich von einem Sieg über die Anima träumte. Das war ein Übergriff, und jeder Übergriff des Ich ist gefolgt von einem Übergriff des Unbewussten:
„In verwandelter Gestalt
Üb‘ ich grimmige Gewalt.“
Wenn daher das Ich seinen Anspruch auf einen Sieg fallen lässt, so hört auch automatisch die Besessenheit durch den Zauberer auf.

In dieser Forderung nach einem Eingeständnis des Ich liegt vielleicht die wichtigste Botschaft des Buches: Das kollektive Unbewusste ist nicht zu überwinden. Man kann sich lediglich mit ihm arrangieren und sich davor hüten, einer Besessenheit zum Opfer zu fallen.

 Ich glaube auch gar nicht, dass man dieser Übermacht [der Urbilder] entrinnen kann. Man kann nur seine Einstellung dazu ändern und es damit verhindern, dass man naiv in einen Archetypus hineinfällt und dann auf Kosten seiner Menschlichkeit eine Rolle zu spielen gezwungen ist.

„Die Beziehungen zwischen dem Ich und dem Unbewussten“ ist eine kompakte und gut lesbare Einführung in Jungs umfangreiches Werk. Es ist gleichzeitig eine ausdrückliche Warnung vor Überheblichkeit gegenüber unbewussten Einflüssen und vor der Illusion einer absoluten Selbstbestimmtheit. Das Unbewusste ist bei Jung nicht nur eine beiläufige Hirnaktivität. Es ist ein uraltes, tiefes Gewässer, aus dem Monster heraussteigen, die einen verschlingen können. Diese Theorie ist das Gegenstück zu den in manchen modernen Selbsthilfe-Ratgebern angebotenen Anleitungen, wie man die eigene Persönlichkeit nach Belieben umgestaltet. Die von Jung beschriebene, im Unterbewussten lauernde Anima ist ein uraltes Ungeheuer, das sich nicht von ein paar einfachen Kalendersprüchen, Motivationspodcasts und anderen Mind-Tricks beeindrucken lässt. Jung zufolge bleibt uns nichts anderes übrig, als uns mit diesem unkontrollierten Teil der Psyche irgendwie friedlich zu arrangieren.