Bob Woodward ist eine Ausnahmeerscheinung im amerikanischen Journalismus. Seine Enthüllungsarbeit zum Watergate-Skandal zusammen mit seinem Reporterkollegen Carl Bernstein, die beide 1974 in ihrem Buch „All the President’s Men“ zusammenfassten und die später mit Robert Redford als Woodward und Dustin Hoffman als Bernstein verfilmt wurde, gilt als Meilenstein der investigativen Recherche und führte zum Rücktritt von Richard Nixon. Seitdem hat Woodward achtzehn weitere Bücher über einige der wichtigsten amerikanischen Institutionen geschrieben, unter anderem über das Pentagon, den CIA, George Bush senior und junior, Bill Clinton, Barack Obama, und zuletzt nun über Donald Trump.

„Rage“ ist Woodwards zweites Buch über Trump. In seinem Vorläufer mit dem Titel „Fear“ fasste Woodward im Jahr 2018 die ersten beiden Jahre der Trump-Präsidentschaft zusammen. Der Präsident fand dieses kritische Buch natürlich sehr schlecht und nachdem seine Mitarbeiter angeblich ohne sein Wissen die damaligen Interviewanfragen des berühmten Journalisten abgeblockt hatten, beschloss Trump nun für die Arbeit am zweiten Buch mit Woodward zu kooperieren und stand ihm für insgesamt 17 Interviews zur Verfügung. Ausgerechnet Woodward, der wie kaum ein anderer in den USA die Rolle der Medien als Kontrollinstanz und vierte Gewalt verkörpert trifft in „Rage“ also auf den Präsidenten, der die Medien zu seinem Feind erklärt hat und ihre Kontrollfunktion zu untergraben versucht.

Das Buch beginnt mit Trumps Wahl zum Präsidenten im Jahr 2016 und bietet einen chronologischen Einblick in die wichtigsten Ereignisse seiner Präsidentschaft bis zum Wahlkampf 2020 gegen Joe Biden. In Woodwards Darstellung dieser Periode lassen sich drei wesentliche Bedrohungen erkennen, denen die USA in dieser Zeit ausgesetzt war. Die erste Bedrohung ist der Eingriff russischer Hacker in die Präsidentschaftswahl 2016. Präsident Trump bestreitet diese Manipulationen nach der Wahl und scheint Vladimir Putin, der eine russische Einflussnahme abstreitet, mehr Glauben zu schenken, als den Erkenntnissen und Warnungen aller wichtigen amerikanischen Geheimdienste. Seine Versuche, die Ermittlungen des FBI gegen sein Wahlkampfteam zu untergraben gipfelt im höchst umstrittenen Rauswurf des FBI-Direktors James Comey. Das Weiße Haus behauptet, der Rauswurf sei die Idee Rod Rosensteins gewesen, des stellvertretenden Leiters des Justizministeriums, aber Woodwards Recherche zeigt, dass sie auf Trumps eigene Initiative zurückgeht. Rosenstein beruft dann Sonderermittler Robert Mueller, von dem ständig zu befürchten ist, dass er ebenfalls von Trump rausgeworfen werden könnte.

In der Russland-Affäre zeigen sich bereits wesentliche Verhaltensmuster des Präsidenten. Eine Gefahr wird heruntergespielt und die Sicherheit des Landes wird den eigenen persönlichen Interessen untergeordnet. Die aus diesen Interessen motivierten ad-hoc Entscheidungen werden nachträglich auf Biegen und Brechen gerechtfertigt oder anderen in die Schuhe geschoben. Die kontrollierende Rolle demokratischer Institutionen, wie in diesem Fall des FBI, wird angegriffen und hohe Amtsträger werden geopfert, um den eigenen Kopf zu retten.

Die zweite Bedrohung, mit der die USA unter Trump konfrontiert sind, ist rocket man Kim Jong-un, der offen mit einem Atomkrieg droht. Trump steigt in die Kriegsrhetorik mit ein und spricht von „fire and fury“. Nach Annäherungsversuchen des Verteidigungsministers Mattis und CIA-Direktors Pompeo entspannt sich die Lage und plötzlich ist die Rede von einem Treffen zwischen Kim und Trump, das dann im Sommer 2018 tatsächlich in Singapur stattfindet. Später folgen zwei weitere Treffen, eines in Vietnam und eines an der innerkoreanischen Grenze, die Trump als erster amerikanischer Präsident überschreitet und in Kims Beisein nordkoreanischen Boden betritt.

Aus dieser kurzen Periode der amerikanisch-nordkoreanischen Annäherung stammt eine ausgedehnte Korrespondenz aus insgesamt 27 Briefen, die zwischen Trump und Kim ausgetauscht wurden. Woodward berichtet hier erstmalig über diesen vollständigen Briefwechsel, der einen Einblick in die wohl absurdeste Männerfreundschaft der Weltpolitik bietet. Beide preisen ihre wunderbare Freundschaft in diesen Briefen in den höchsten Tönen und Kim vergleicht eines der Treffen sogar mit einem Fantasy-Film. Offensichtlich treffen hier zwei Gleichgesinnte aufeinander, die beide ganz begeistert davon sind, dass sie vor den Augen der Weltöffentlichkeit Geschichte schreiben. Kim Jong-un, der Trump in seinen enthusiastischen und blumig formulierten Briefen mit „Exzellenz“ anspricht, verspricht die vollständige atomare Abrüstung seines Landes und Trump wiederum verspricht Nordkorea einen beispiellosen wirtschaftlichen Aufschwung und eine blühende Zukunft, natürlich unter Kim Jong-uns Führung. In einem seiner Briefe schreibt Trump:

You and I have a unique style and a special friendship. Only you and I, working together, can resolve the issues between out two countries and end nearly 70 years of hostility, bringing an era of prosperity to the Korean peninsula that will exceed all our greatest expectations – and you will be the one to lead. It will be historic!

Im Zusammenhang mit einem späteren Gespräch mit Recep Erdogan erwähnt Trump gegenüber Woodward, dass er sich komischerweise immer mit denjenigen Regierungschefs besonders gut verstehe, die als problematisch gelten. Woodward fügt in seinem Buch sarkastisch hinzu, dass das wohl nicht so schwer zu erklären sei. Im Kontakt mit Kim Jong-un zeigt sich besonders deutlich, dass Trump und Kim dieselbe Sprache sprechen, weil sie beide vorrangig an persönlichem Ruhm und der internen Stärkung der eigenen Macht interessiert sind. Bei den Treffen mit Kim geht es für Trump nicht um die Nachhaltigkeit politischer Vereinbarungen, die sich später im Sand verlaufen sollen, sondern um das Medienspektakel und die Wahrnehmung in der Weltöffentlichkeit. Direkt nach ihrem ersten Treffen schreibt er an Kim:

I have arrived back in America, and the media for North Korea and you has been fantastic. They have great respect for you and your country.

Auch in einem späteren Interview kommt er immer wieder darauf zurück, wie viele Kameras auf ihn und auf Kim gerichtet waren und was für tolle Fotos bei diesem Treffen entstanden seien, statt auf Woodwards Fragen zu den politischen Fortschritten einzugehen.

Die dritte und am Ende schwerwiegendste Bedrohung ist die Corona-Pandemie, die das Land hart treffen sollte. Zum Zeitpunkt der Präsidentschaftswahlen 2020 verzeichnen die USA mehr als 220 000 Todesfälle. Für Woodward ist die Pandemie der wichtigste Prüfstein für Trumps Präsidentschaft und er weicht hier von seiner strikt chronologischen Zusammenfassung der Ereignisse ab, indem er die Schilderung eines Treffens von Trumps Beraterstab am 28. Januar 2020 seinem Buch im Vorwort voranstellt. In diesem Gespräch im Oval Office warnt Sicherheitsberater Robert O’Brien den Präsidenten vor der sich gerade erst anbahnenden Pandemie und bezeichnet sie als das größte nationale Sicherheitsrisiko, das er in seiner Präsidentschaft zu bewältigen habe. Zu diesem Zeitpunkt gibt es in den USA erst fünf Corona-Fälle, die sich alle auf Einreisen aus China zurückführen lassen.

Trump nimmt die Warnungen der Experten zunächst ernst und stoppt weitere Einreisen aus China. In mehreren Interviews behauptet er später, zum Zeitpunkt dieser Entscheidung hätten sich 21 Personen im Oval Office beraten, und er sei von allen der einzige gewesen, der die Flüge aus China nicht ins Land lassen wollte. Woodwards Recherche zeigt, dass diese Darstellung vollkommen falsch ist. Sämtliche Sicherheitsberater und Gesundheitsexperten haben Trump zu dieser Entscheidung gedrängt. Es gab praktisch niemanden, der anderer Meinung gewesen wäre. Trump hat sich einfach überzeugen lassen.

Diese falsche Darstellung eines Entscheidungsprozesses ist ein typisches Beispiel für die vielen kleinen Unwahrheiten, die Trump ohne Zwang ausgerechnet dort einstreut, wo er es am wenigsten nötig hätte. Er hat an dieser Stelle eine richtige Entscheidung getroffen und lügt trotzdem. Woodward erkennt darin einen Kommunikationstrick. Indem Trump in Fällen wie diesem die Fakten verdreht, zwingt er jeden, der ihn korrigieren will, sich genauer mit einem dieser Themen zu befassen, in denen Trump relativ gut dasteht. Die Unwahrheit ist hier wie ein Köder, und jeder politische Gegner, der anbeißt um Trump zu korrigieren, findet sich plötzlich in einer Diskussion, die er gar nicht führen wollte, weil sie einem jener Bereiche mehr Redezeit verschafft, in denen Trump punkten kann. Es ist ein einfacher Tauschhandel von Wahrheit gegen Aufmerksamkeit.

Ein weiteres Beispiel für diese Taktik ist Trumps im Wahlkampf ständig wiederholte Behauptung, er sei der Präsident, der am meisten für die Schwarzen getan habe, mit Ausnahme von Abraham Lincoln. Wer diesen Blödsinn sachlich widerlegen will, ist automatisch gezwungen, sich mit den Maßnahmen Trumps zu befassen, die tatsächlich die schwarze Bevölkerung unterstützen. Auch die banale aber ebenfalls ständig wiederholte Behauptung, er sei die Nummer eins auf Twitter, ist zwar leicht widerlegbar, aber jeder, der sich die Followerzahlen ansieht, muss feststellen, dass Trump nach Barack Obama zumindest der Politiker mit der zweitgrößten Reichweite auf dieser Plattform ist.

Trumps späteres Management der Corona-Krise wurde oft kritisiert und auch Woodward hinterfragt in seinen Interviews sehr kritisch das Vorgehen des Präsidenten. Weder in Trumps Antworten noch in seinen Maßnahmen ist ein roter Faden erkennbar. Einerseits beansprucht er für sich selbst die Rolle des obersten Krisenmanagers, andererseits schiebt er den Gouverneuren in der Öffnung nach dem anfänglichen Lockdown die Verantwortung zu. Die Suche nach einem Impfstoff unterstützt er zwar, untergräbt sie aber auch gleichzeitig durch seine Behauptung, der Virus werde irgendwann schon von selbst wieder verschwinden. Schutzmasken lehnt er mal ab und befürwortet sie ein anderes mal und auch Gesundheitsexperte Anthony Fauci wird mal gelobt und mal öffentlich demontiert.

Unter den vielen Gesprächen mit Trump, die Woodward in seinem Buch wörtlich wiedergibt, und die den Präsidenten als den ständig das Thema wechselnden, konfusen und schamlosen Selbstdarsteller zeigen, als den man ihn längst kennt, gibt es einen besonders entlarvenden Gesprächsfetzen aus der Zeit der Corona-Krise Anfang Mai. Woodward zitiert in diesem Gespräch zuerst einen Vergleich Trumps aus dem Golfsport, laut dem man jeden Schlag vom Wetter und allen äußeren Bedingungen abhängig neu abzuwägen habe, und er fügt hinzu, dass Trump dieses Prinzip nun auch auf den Umgang mit dem Virus anwenden müsse. Auf Woodwards anschließende Frage „How do you feel about that now?“ antwortet Trump: „I feel, that we’re doing well. We have six months to go.“ Trumps Antwort bezieht sich nicht auf die Lage in den USA, die zu dieser Zeit bereits 70 000 Todesfälle verzeichnen, sondern auf die Präsidentschaftswahlen im November.

Der Drang zum Machterhalt, die öffentliche Meinung und die Umfrageergebnisse im Wahlkampf sind es, die Trumps Denken und seine Politik bestimmen. Das geht aus Woodwards Buch klar hervor, sei es im Zusammenhang mit der Russland-Affäre, der medienwirksamen Brieffreundschaft mit Kim Jong-un oder der chaotischen Navigation durch die Corona-Krise. Seine Amtszeit ist geprägt von ständigen Attacken, gegen die Medien, den politischen Gegner und Leute aus den eigenen Reihen. Demokratische Institutionen, außenpolitische Kontakte, die innere Sicherheit, das Ansehen der eigenen Partei, der Minister und des eigenen Amtes – all das erscheint dem Ziel der Wiederwahl untergeordnet. Trump hat sofort nach seiner Wahl mit neuen Wahlkampfkundgebungen begonnen und sich und den USA nie eine Zeit der Erholung von der Spaltung durch den politischen Konflikt gegönnt. Er hat sein Land in einen dauerhaften, ununterbrochenen Wahlkampf gestürzt. Das ist vielleicht der größte Schaden, den er persönlich zu verantworten hat.

Woodward bleibt um eine sachliche und faire Berichterstattung bemüht und hält persönliche Urteile über weite Strecken zurück. Am Ende des Buches macht er aber deutlich, dass Trump aus seiner Sicht für das Amt des Präsidenten ungeeignet sind. Neben Trumps Fokussierung auf persönliche Interessen und dem Missmanagement der Krise sind für Woodward auch die Aussagen von Trumps konservativen Weggefährten entscheidend. Die obersten Verantwortungsträger nationaler Sicherheit, Trumps eigener Verteidigungsminister James Mattis, sein Außenminister Rex Tillerson und sein oberster Leiter der Geheimdienste John Coats schmissen ihre Ämter im Lauf dieser vier Jahre hin und halten Präsident Trump inzwischen für eine Gefahr für die Sicherheit des Landes.

Trump hat bereits geahnt, dass das zum Endspurt seines Wahlkampfes erscheinende Buch für ihn zum Desaster werden könnte und er erwähnt diese Befürchtung in mehrere Interviews. „I hope you treat me better than Bush, because you made him look like a stupid moron, which he was,“ sagt er an einer Stelle. Es ist nicht ganz klar, was Trump sich erhofft hatte. Hatte er wirklich geglaubt, die gleichaltrige Reporterlegende Woodward, den er trotz seines Buches immer wieder als einen fairen und guten Autor bezeichnet, zu umschmeicheln und von sich überzeugen zu können? Woodwards Buch erhebt den Anspruch, über den Journalismus hinaus bereits ein Stück Geschichtsschreibung zu sein, und wahrscheinlich war es genau das, was Trump faszinierte und ihn dazu bewegte, für so viele Interviews zur Verfügung zu stehen: Mit Woodwards Hilfe am eigenen Denkmal zu arbeiten.

Diese Einflussnahme ist spektakulär gescheitert. Trump wirkt in den Interviews inkompetent, selbstherrlich, verlogen und planlos, also genau so, wie man ihn längst kennt. „Rage“ ist keine sensationelle Enthüllung und auch nicht der einzigartige Einblick in das Denken des Präsidenten, als das es vermarktet wird, denn dieser Präsident ist ja längst ein offenes Buch. Sein Twitter-Account zeigt bereits das gesamte Elend. Allerdings erfüllt das Buch die wichtige Funktion, die Ära-Trump fair und sachlich zusammenzufassen und die Fakten wieder in den Vordergrund treten zu lassen.

Verstörend ist nur, dass Trumps Anhängern alles egal sein wird, was einer wie Woodward jemals über ihren Helden zu Papier bringen könnte. Dass Trump trotz der dubiosen Verbindungen seiner Kampagne zu Putins Hackern, einem nur knapp gescheiterten Amtsenthebungsverfahren und einer desaströsen Corona-Bilanz im November 2020 tatsächlich noch eine echte Chance hat, wieder gewählt zu werden, weil all das weniger schwer wiegt, als die tiefe Spaltung der amerikanischen Gesellschaft, die Trump so erfolgreich durch seinen nie endenden Wahlkampf verstärkt hat, das ist die eigentliche amerikanische Krise.