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Als im Jahr 2011 „Der Friedhof in Prag“ erschien, waren sich Süddeutsche Zeitung und FAZ einig, dass es sich um einen gescheiterten Roman handelte. Der Plot dieses letzten großen Werkes von Umberto Eco klingt aber zunächst eigentlich so gut, dass dieses Scheitern – wenn man sich diesem Urteil anschließen wollte – erstaunlich ist.

Der im Paris des späten neunzehnten Jahrhunderts lebende Italiener Simon Simonini wacht eines Tages mit gravierenden Gedächtnislücken auf. Ganze Tage der letzten Wochen und auch Begebenheiten seiner früheren Vergangenheit sind plötzlich aus seiner Erinnerung verschwunden. Er kann sich an Personen nicht erinnern, die er eigentlich kennen sollte, und ist sich seiner eigenen Identität nicht mehr sicher. Ein gewisser „Doktor Froïd“, dem er zufällig im Restaurant begegnet war, hatte ihm einmal erklärt, dass so etwas Leuten passieren kann, die ein traumatisches Erlebnis hinter sich haben, und dass es die beste Therapie sei, sich diese Erinnerungen durch Gespräche oder das Schreiben eines Tagebuches zurückzuholen. Simonini beginnt also, die Geschichte seines Lebens schriftlich zu rekonstruieren. Er stellt aber fest, dass diese Notizen in seiner Abwesenheit über Nacht von einer mysteriösen zweiten Person kommentiert und fortgeschrieben werden. Diese Person, die sich ihm in den Notizen als Abé Dalla Piccola vorstellt, ist sehr gut über Simoninis Vergangenheit informiert und schließt mit seinen kritischen Einschüben einige der Erinnerungslücken. Aber auch der Abé ist im Zweifel über seine eigene Identität. Das Tagebuch wird zum Briefwechsel zwischen Simonini und Dalla Piccola, der in einem mit Simoninis Wohnung verbundenen Zimmer zu leben scheint und offenbar immer dann vor Ort ist, wenn Simonini nicht zu Hause ist, und umgekehrt. Obwohl beide relativ schnell begreifen, dass sie nur zwei verschiedene Teile der selben gespaltenen Persönlichkeit sind, behalten sie diesen therapeutischen Briefwechsel aufrecht. Der größte Teil der Geschichte wird so von Simonini selbst erzählt, während sein alter ego, Dalla Piccola, in der Rolle des schlechten Gewissens verdrängte Erinnerungen ergänzt. Als dritte Instanz rückt ein beiden übergeordneter, aber keineswegs allwissender Erzähler diesen Dialog hin und wieder in einen ordnenden Rahmen zurecht.

Das Leben des Simon Simonini, das auf diese Weise rekonstruiert wird, ist das eines niederträchtigen, von Hass und Geldgier angetriebenen Fälschers und mehrfachen Mörders. Simonini wächst in Turin auf, wird von Jesuiten erzogen, nimmt an einem Feldzug des Generals Garibaldi teil, schlüpft in verschiedene Rollen und Kostüme und lässt sich im Auftrag verschiedener Geheimdienste in einige der bedeutendsten politischen Affären seiner Zeit hineinziehen. Wie könnte aus dieser brisanten Konstruktion ein schlechter Roman werden?

Das Problem ist: Das Leben des Simon Simonini ist eigentlich nicht die Geschichte, die Umberto Eco hier tatsächlich erzählen will. Es geht in Wirklichkeit um etwas anderes. „Der Friedhof in Prag“ ist nicht die Biographie des Fälschers und Mörders Simonini, sondern in erster Linie die Entstehungsgeschichte eines infamen, realen Stücks Literatur. Neben all seinen kriminellen und verräterischen Aktivitäten ist die Hauptfigur Simonini nämlich auch der anonyme Urheber der sogenannten „Protokolle der Weisen von Zion“, des berüchtigten, gefälschten Berichtes von einem angeblichen, geheimen Treffen führender Rabbiner auf dem jüdischen Friedhof in Prag, dem angeblichen Beweis für die jüdische „Weltverschwörung“. Eco vollzieht vor den Augen des Lesers im Detail nach, wie dieser Text entstanden ist und aus welchen Quellen sich sein den Geschichtsbüchern unbekannter Autor bedient haben muss. Eco hat die literarischen und politischen Einflüsse auf die Entstehung der „Protokolle der Weisen von Zion“ lange erforscht und bündelt hier nun die Information. Der geniale Trick besteht darin, alle Lücken in dieser historischen Rekonstruktion durch das Hinzufügen eines einziges Puzzle-Stücks zu schließen: der erfundenen Hauptfigur Simonini. So ist Simonini beispielsweise begeisterter Leser von Alexandre Dumas und übernimmt Motive aus dessen Romanen. Er begegnet Autoren anderer antisemitischer Schriften und schreibt bei ihnen ab, oder auch umgekehrt.  In einer ersten Version denkt sich Simonini das geheime Treffen als eine Verschwörung von Jesuiten aus, aber angetrieben vom eigenen, tief verwurzelten Antisemitismus und dem Wunsch, den Text gewinnbringend zu verkaufen, schreibt er ihn mehrfach um und lässt ihn zur umfangreichen Verschwörungstheorie anwachsen, die am Ende durch den russischen Geheimdienst verbreitet wird.

Simonini ist Ecos Vorschlag, wie ein Autor der „Protokolle“ ausgesehen haben könnte. Er ist als frei erfundene Hauptfigur mühevoll eingebettet in historische, akribisch recherchierte Ereignisse und umgeben von realen Nebenfiguren. Um das erfundene Puzzlestück auszugleichen, flutet Eco den Roman mit einer erdrückenden Fülle realer Details. Unzählige quer über das Werk verteilte Kochrezepte und die präzisen Ortsbeschreibungen der historischen Pariser Handlungsschauplätze sind die auffälligsten Auswüchse im Recherche-Overkill. Und alles hat nur den einen Zweck. Simoninis Leben wird erzählt, um die Entstehung der berühmten antisemitischen Hetzschrift aufzuschlüsseln.  Diese Konstruktion, das plausible Anpassen des Lebenslaufs dieser Figur in den Ablauf der realen Ereignisse, ist die Lösung einer gigantischen, komplexen Rechenaufgabe der Literatur-, Verschwörungs- und Geheimdienstgeschichte. Es ist die historische Entschlüsselung und sicher auch der Versuch der Entzauberung einer der niederträchtigsten Verschwörungstheorien der Geschichte. In diesem Sinne ist Ecos Werk geglückt. Die Abläufe erscheinen plausibel, auch wenn sich die Beteiligung an Komplotts und Affären für nur einen Lebenslauf vielleicht etwas zu sehr häuft, und der erfundene Simonini fügt sich geschmeidig in die reale Szenerie ein. Um diese Leistung würdigen zu können, müsste man die historischen und literarischen Zusammenhänge wohl so gut kennen, wie Eco selbst.

Eine Rechenaufgabe ist aber kein Roman. Dafür braucht es eine Hauptfigur, die atmet, zweifelt und sich entwickelt. Genau das ist Simon Simonini nicht und kann es auch nicht sein. Er ist von Anfang an ein von Hass und Vorurteilen erfüllter Antisemit und bleibt es bis zum Ende. Er handelt aus uninteressanten Motiven: stumpfer Hass, Geldgier, manchmal sogar Langeweile. Man wünscht sich, er möge am Ende eine Kehrtwende machen, die Niedrigkeit seiner Taten begreifen, oder wenigstens auf den letzten Seiten den Hauch eines schlechten Gewissens verspüren. Aber all das bleibt aus. Simonini darf sich nicht wandeln, denn sonst hätte Eco aus dem Urheber der „Protokolle der Weisen von Zion“ ja doch noch einen Helden gemacht. Dieser Antiheld muss, um seine Rolle in der Rechenaufgabe zu erfüllen, der niedrige, kleine Verbrecher bleiben, der er von Anfang an war. Damit aber wird er zu einer uninteressanten Figur. Selbst das schnell aufgelöste Rätsel um seine Persönlichkeitsstörung und sein alter ego, die eigentlich in einem Widerspruch zu seiner sonst absoluten Gewissenlosigkeit steht, hilft hier nicht weiter. Simonini kann und darf beim Leser keine Sympathie wecken, was noch verzichtbar wäre, aber insbesondere bleibt sein Charakter statisch, und das ist der eigentliche Mangel des Romans, der durch die gegebene Konstruktion unvermeidlich ist.

Simonini als kleinen, schäbigen und letzten Endes langweiligen Menschen zu beschreiben, ist vielleicht aber mehr als nur eine erzählerische Notwendigkeit. Vielleicht liegt in den Mängeln der Hauptfigur Simonini eine „Theorie des Bösen“. Dieses Böse wäre demnach nicht das Ergebnis großen, leidenschaftlichen Zorns und grausamer Unterwerfungsfantasien sondern würde aus ganz einfachen, niedrigen Gefühlen und Bedürfnissen entspringen, aus der Geldgier eines einfachen Bürgers und den von engstirnigen Erziehern und Vorfahren vererbten Vorurteilen. Simoninis Hass ist mehr Gewohnheit als Leidenschaft. Hinter keiner seiner Taten steht ein starker Wille, seine Morde begeht er, weil die Opfer ihm nichts bedeuten. Die endgültige Fassung seiner „Protokolle“ schreibt er, weil der russische Geheimdienst ihn dazu zwingt. Er gibt sich den Bedürfnissen und Einflüssen widerstandslos hin und wird dadurch zu einer Personifizierung des niedrigen, leidenschaftslosen Bösen.

Am Ende des Romans begegnet Simonini einem blinden, von Beulen und Narben übersäten Bettler, der auf der Straße sitzt und durch ein Nasenloch auf einer Flöte spielt. Ihm kommt bei diesem Anblick der Gedanke, dass das Leben vielleicht einfach nur schäbig und hässlich sei. Es ist eine kurze, aber auffällige Szene, denn es ist einer der wenigen Momente, in denen Simonini innehält und reflektiert. Für Eco, der sich in anderen Publikationen eingehend mit Theorien zur Schönheit und Hässlichkeit beschäftigt hat, ist das Verhältnis seiner Hauptfigur zur Schönheit verknüpft mit dem aus ihr entstehenden Bösen. Die These könnte lauten: Aus der Sicht eines Menschen wie Simonini kann das Leben nur hässlich sein. Wahre Schönheit muss sich ihm entziehen. Der einzige Genuss, der sich ihm nicht verschließt, ist der kulinarische, den er mit den in seine Notizen penetrant eingestreuten Rezepten und seinen ständigen Besuchen in Nobelrestaurants bis ins Absurde zelebriert. Es ist ein hasserfülltes und daher hässliches, ein allein auf Geld und gutes Essen fixiertes und daher langweiliges Leben, zu dem dieser Antiheld verdammt ist. Es darf nicht das Leben einer großen Romanfigur sein.

Eco gelingt mit diesem Werk eine große historische Rekonstruktion, ein fantastisches Recherche-Puzzle und die schlüssige Lösung einer komplexen Aufgabe. Um all das sein zu können, durfte „Der Friedhof in Prag“ nicht auch noch ein großartiger Roman werden.