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Im kurz vor seinem Tod im Jahr 2017 vollendeten Werk „Retrotopia“ analysiert der Soziologe Zygmunt Bauman Entwicklungen der jüngsten Vergangenheit. Das Themenspektrum des Buches ist breit und erstreckt sich von weltpolitischen Erscheinungen wie dem internationalen Terrorismus, globalen Migrationsbewegungen und dem Aufstieg der Rechtspopulisten bis hin zum privaten Nutzungsverhalten moderner Kommunikationsmittel und einem zunehmenden individuellen Gefühl von Einsamkeit und Überforderung. Für Bauman lassen sich diese Phänomene aus sogenannten Retrotopien erklären, dem rückwärtsgewandten Gegenstück zur Utopie. Die Retrotopie ist der Wunsch, in eine bessere Vergangenheit zurückzukehren – sei sie oft auch nur eine beschönigte Erinnerung.

Bauman identifiziert in diesem Buch mehrere solcher Retrotopien und zeigt ihre Zusammenhänge. Er beginnt mit der Rückkehr „zu Hobbes“ oder in anderen Worten: zum Konzept des starken Nationalstaats, der seinen Bürgern ein gutes, zivilisiertes Leben ermöglicht, das Gewaltmonopol innehat und seine Grenzen absichert. Dieser Wunsch ist die Reaktion auf den Bedeutungsverlust von Nationalstaaten und einer durch die Globalisierung entstandenen Machtverschiebung, die Bauman als die Trennung von Macht und Politik bezeichnet. Die beiden nächsten Retrotopien spielen ebenfalls auf der politischen Bühne und hängen mit der ersten eng zusammen: die Rückkehr ans Stammesfeuer, das heißt, der Wunsch nach dem Rückzug zu Gleichgesinnten des selben Kulturkreises und einer Abgrenzung gegen alles Fremde, und die Rückkehr zur sozialen Ungerechtigkeit, die weniger ein Wunsch als ein stillschweigend hingenommener Trend ist, der aber zur allgemeinen Tendenz der gegenseitigen Abgrenzung passt. Die Trennung zwischen den Reichen, dem berühmten „einen Prozent“, und dem Rest der Menschheit wird hier durch das Modell zweier von einander vollkommen separierter Länder dargestellt, deren Einwohner verschiedene Sprachen sprechen, unterschiedlichen Kulturen angehören und schlicht nichts mit einander zu tun haben.

Die letzte Retrotopie schließlich betrifft das Individuum und äußert sich bildlich als Wunsch nach der Rückkehr in den Mutterleib. Ausgangspunkt sind die psychischen Belastungen, denen das in einer neoliberalen Konsumgesellschaft lebende Individuum ausgesetzt ist. Als Reaktion darauf entsteht der Wunsch, sich von allem zurückziehen zu können, keine riskanten Entscheidungen mehr treffen zu müssen, nicht mehr verantwortlich für die eigene Ich-AG zu sein (siehe auch meinen Beitrag zu „Die schleichende Revolution“ von Wendy Brown), Ruhe zu finden und – überspitzt formuliert – in ein Nirwana zurückkehren zu dürfen. Bauman identifiziert diesen Wunsch als das Gegenstück zur mittelalterlichen Utopie des Schlaraffenlandes. Während in der von Lebensmittelmangel und Unfreiheit geplagten Gesellschaft des Mittelalters der Überfluss und hemmungslose Genuss das erstrebte Ideal sein konnte, ist es heute, in der Konsumgesellschaft, in der prinzipiell alles immer zur Verfügung steht und ständiger Entscheidungszwang herrscht, genau das umgekehrte extrem, die absolute Leere und Losgelöstheit, die verlockend erscheint.

Eine gemeinsame Wurzel der rückwärtsgewandten Übel liegt bei der Globalisierung und den mit ihr verbundenen Schwächungen von Staatsmacht, Politik und gesellschaftlichem Zusammenhalt. Das eigentliche Problem sieht Bauman (mit Ulrich Beck) aber nicht in der Globalisierung an sich, sondern darin, dass Institutionen wie etwa Nationalstaaten und auch das Selbstverständnis der Individuen der Globalisierungsetwicklung hinterherhinken und ein „culture lag“ entstanden ist.

„Wir leben zwar in bereits fortgeschrittenen kosmopolitischen Verhältnissen (der universellen planetenweiten Interdependenz und Interaktion), doch ist unser Gewahrwerden dieser Tatsache, geschweige denn ein kosmopolitisches Bewusstsein, noch kaum über die Phase der Geburtswehen hinausgelangt.“

Als Lösung dieses Problems stellt Bauman ans Ende dieser Analyse schädlicher Retrotopien eine echte Utopie: Die Menschheit müsste sich im besten Sinne des Wortes globalisieren und über alle Grenzen hinweg als eine Gemeinschaft begreifen. Hierin läge sowohl die Antwort auf politischen und sozialen Separatismus und Kriegstreiberei als auch auf die drohende Zerstörung der Umwelt. Bauman weist aber darauf hin, dass einer solchen Weltgemeinschaft, der „kosmopolitisch integrierten Menschheit“, ein massives Hindernis im Weg steht: Noch nie in der Geschichte der Menschheit wurde eine Gruppe geformt, ohne sich von „den anderen“ abzugrenzen. Die Steinzeit-Horde, die antike Polis, der Nationalstaat, die NATO – wann immer Menschen sich zusammengetan haben, haben sie eine Grenze gezogen, die irgendwen ausschloss, und in diesem Ausschließen der „anderen“ bestand der eigentliche Zusammenschluss. Gemeinschaften haben sich immer darüber definiert, wer nicht dazugehört. Eine Gemeinschaft, die aber alle Menschen einschließen soll, kann auf diese Technik nicht mehr zurückgreifen. Zum ersten mal in der Geschchte müsste ein Zusammenhalt formiert werden, der ohne die Abgrenzung gegen „die anderen“ auskommt. Ob das jemals gelingen kann ist fraglich, trotzdem endet das Buch zuversichtlich.

„Retrotopia“ ist ein dichtes und gedankenreiches Werk. Bauman bedient sich in seinen Argumenten aus einem reichen Fundus von Klassikern der Literaturgeschichte über soziologische Fachpublikationen bis hin zu jüngsten Äußerungen von Javier Solana oder Papst Franziskus, und aus der Vielfalt der Themen und Stimmen heraus gelingt es ihm, die komplexen Zusammenhänge auf elegante Formeln zu bringen. Irgendjemand hat Bauman mal mit einem Künstler verglichen, der seine Bilder mit großen Pinseln malt, mit breiten, weit ausholenden Linien. Dieser Vergleich erscheint auch hier passend. Es geht um die ganz großen Zusammenhänge und die Verbindungslinien sind in diesem Buch manchmal so schwungvoll gezogen, dass man nach einem abstrakten Gedankengang pausieren und sich ein konkretes Beispiel dazu denken muss. Trotz der eleganten Abstraktionen entsteht aber nicht das Gefühl, eine vereinfachte Version der Wirklichkeit gezeigt zu bekommen. Bauman scheint immer genau den angemessenen Ton zu treffen und auch wenn die Linien breit und wuchtig gezogen sein mögen ergibt sich insgesamt doch ein stimmiges Bild. Das ist das eigentlich beeindruckende an diesem Buch.