Sich setzend | „Dies Ich, das viel besagt“ von Dieter Henrich

Johann Gottlieb Fichte ist zwar einer der bekannteren Namen der deutschen Philosophiegeschichte, aber weshalb genau man diesen Philosophen im Schatten von Kant und Hegel kennen sollte, ist anscheinend umstritten und manche würden ihn am liebsten ganz ignorieren. Zum Beispiel schreibt Bertrand Russell in seinem berühmten Bestseller „Philosophie des Abendlandes“:

Kants unmittelbarer Nachfolger Fichte (1762-1814) verzichtete auf die „Dinge-an-sich“ und trieb den Subjektivismus in einer Art auf die Spitze, die schon an Wahnsinn grenzt. […] Fichte ist nicht als reiner Philosoph, sondern als theoretischer Begründer des deutschen Nationalismus wichtig, und zwar durch seine Reden an die deutsche Nation (1807/1808), welche die Deutschen nach der Schlacht bei Jena zum Aufstand gegen Napoleon aufrufen sollten.

Bertrand Russell, Philosophie des Abendlandes (A History of Western Philosophy)

Eine ganz andere Meinung vertritt Dieter Henrich, der in seinem langen Berufsleben als Philosophieprofessor in Berlin, Heidelberg und München die Vertreter des Deutschen Idealismus und insbesondere Fichtes Werk intensiv untersucht hat. Sein Buch „Dies Ich, das viel besagt“ aus dem Jahr 2019 erklärt, warum Fichte nicht nur als politische Figur und als einer unter vielen Vertretern des zu seiner Zeit in Mode gekommenen Idealismus gelten sollte, sondern sehr wohl als reiner Philosoph und origineller Denker, der als erster ein bestimmtes, fundamentales Problem der Philosophie erkannt und durchdacht hat. Schon im Jahr 1966 hatte Henrich in einer philosophischen Arbeit mit dem Titel „Fichtes ursprüngliche Einsicht“ dieses fundamentale Problem ausführlich erklärt und Fichtes Ansätze dazu hervorgehoben. Am Anfang des Buches „Dies Ich, das viel besagt“, ist dieser mehr als fünfzig Jahre alte Aufsatz noch einmal vollständig abgedruckt, und anschließend kommentiert und ergänzt Henrich die Diskussion aus heutiger Sicht.

Woher kommt Selbsterkenntnis?

Das besagte philosophische Problem lautet ungefähr so: Wenn man einen Gegenstand bewusst wahrnimmt und erkennt, lässt sich auf eine bestimmte, sehr einfache Art beschreiben, was dabei passiert. Ich nehme den Gegenstand wahr, ich erkenne, dass es zum Beispiel ein Tisch ist und mir ist von da an bewusst, dass sich vor mir ein Tisch befindet. Der Tisch als Objekt und ich als das ihn wahrnehmende Subjekt stehen in einem Verhältnis zu einander, von dem ich zum Beispiel sagen kann: „Ich habe den Tisch erkannt und er ist in meinem Bewusstsein“. Ein Problem tritt aber auf, wenn Subjekt und Objekt nicht mehr von einander verschieden sind und ich also auf diese Art versuche zu beschreiben, dass ich mich selbst erkenne. Ich könnte damit anfangen, dass ich mein eigenes Denken gewissermaßen wahrnehme und mir bewusst ist, dass die denkende Person ich selbst bin. Aber derjenige, der das erkennt, war ja von Anfang an auch schon ich und damit ich überhaupt etwas wahrnehmen und erkennen kann, muss es in mir schon ein Bewusstsein davon gegeben haben, dass ich es bin, der etwas wahrnimmt und erkennt. Ich drehe mich also im Kreis. Wenn man über Selbsterkenntnis oder in diesem Sinne von Selbstbewusstsein spricht, lassen sich Subjekt und Objekt nicht von einander trennen und der Versuch, einen Erkenntnisvorgang zu beschreiben, landet in einer endlosen Schleife, die nicht erklärt, wie wir zu einem Bewusstsein von uns selbst kommen. Das, was wir meinen, wenn wir „ich“ sagen, fällt also als einziger Beobachtungsgegenstand aus dem üblichen Schema heraus und wir können auf diese Art nicht verstehen, wodurch wir überhaupt vom ich wissen.

Das Paradoxe ist, dass ausgerechnet diese Selbsterkenntnis gleichzeitig die einzige Erkenntnis ist, die wirklich sicher ist. Der vor mir wahrgenommene Tisch könnte eine optische Täuschung sein. Aber wie der berühmte Satz „ich denke, also bin ich“ schon sagt, ist mein eigenes Denken und somit meine eigene Existenz mir auf eine unmittelbare Weise bewusst. Es stehen hier zwischen Bewusstsein und Objekt keine Sinnesorgane und Wahrnehmungsvorgänge, die sich täuschen könnten. Das Ich nimmt also eine doppelte Sonderrolle ein, weil seine Existenz für sich selbst die einzige wirklich sichere Erkenntnis ist, die sich gleichzeitig aber nicht erklären lässt.

Für Fichte war das der Grund, das Ich zum Fundament seiner Philosophie zu machen und das Problem der Selbsterkenntnis gewissermaßen als Grundlage jeder Erkenntnis immer wieder neu zu durchdenken. Auf diesem ersten und einzig sicheren Ausgangspunkt der Erkenntnis aufbauend entwickelte Fichte eine umfassende Theorie, die er unter dem Titel „Wissenschaftslehre“ zusammenfasste. Von diesem Werk veröffentlichte er über Jahrzehnte hinweg verschiedene Versionen, in denen sich auch sein Ausgangspunkt der Selbsterkenntnis veränderte. Henrich unterscheidet hier drei verschiedene Formeln, mit denen Fichte das Ich-Bewusstsein im Lauf dieser Entwicklung beschrieben hat.

Formeln für das Ich

Die erste dieser drei Formeln stammt aus einer frühen Version der Wissenschaftslehre aus dem Jahr 1794 und lautet: „Das Ich setzt schlechthin sich selbst.“ Wie Henrich erwähnt, wurde dieser Satz von Fichtes Zeitgenossen im Kontext der Französischen Revolution bereits politisch interpretiert, als ein Ausdruck der Freiheit und Unabhängigkeit des Individuums. Der Begriff der Freiheit spielt in Fichtes Philosophie zwar tatsächlich eine wichtige Rolle als das eigentliche Ziel seiner gesamten Lehre, aber der Satz über das Ich hat eine tiefere Bedeutung. Fichte versucht hiermit, das erwähnte Problem von der Selbsterkenntnis, das er in der Philosophie von Immanuel Kant entdeckte, von einer neuen Richtung her anzugehen. Weil er weiß, dass er in eine sinnlose Schleife gerät, wenn er versucht, das Ich im üblichen Sinne als passives Subjekt zu sehen, das sich selbst als Objekt wahrnimmt, gibt er dem Ich stattdessen mit seiner Formel eine aktive Rolle und setzt die Selbsterkenntnis mit einer Handlung gleich: das Ich „setzt“ sich selbst. Mit diesem „setzen“ ist, wie Henrich erklärt, so etwas wie „einsetzen“ gemeint, etwa so wie ein Vorgesetzter einen seiner Mitarbeiter als Abteilungsleiter oder als Stellvertreter einsetzt.

Diese Interpretation deutet bereits an, dass Fichtes Formel noch unvollständig ist, denn wenn auf diese Art von „setzen“ normalerweise ein „als“ folgt, wie in „als Abteilungsleiter“, könnte man ja fragen: Als was setzt das ich denn sich selbst ein? Tatsächlich beantwortet Fichte genau diese Frage in einer zweiten Version seiner Formel, die er drei Jahre später präsentiert. Hier lautet sie nun: „Das ich setzt sich schlechthin als sich setzend.“ Laut Fichte setzt das ich also sich selbst als dasjenige ein, das dieses spezielle Verhältnis zu sich selbst hat. So kryptisch wie diese komprimierten Formeln sind, können sie natürlich nicht als eine tatsächliche Auflösung des Problems der Selbsterkenntnis verstanden werden. Sie bringen stattdessen auf den Punkt, dass eine paradoxe Situation vorliegt und zeigen gewissermaßen genau auf die problematische Stelle. Weil das eigentliche Problem in klarer Sprache ausgedrückt eben bestehen bleibt, weicht Fichte mit seiner Formulierung vom sich setzenden Ich auf einen metaphorischen Sprachgebrauch aus, mit dem er versucht, den Kern des Problems besser zu treffen.

Noch einmal vier Jahre später, im Jahr 1801, kommt Fichte zu einer dritten und letzten Formel, in der er ein neues Bild verwendet: Selbstbewusstsein ist für ihn nun „eine Tätigkeit, der ein Auge eingesetzt ist“. Er bleibt also dabei, das Selbstbewusstsein als aktive Tätigkeit aufzufassen. In der Rede von einem eingesetzten Auge sieht Henrich aber nun einen deutlichen Wandel in Fichtes Denken. Das Wort „eingesetzt“ deutet er hier als „ins Innere versenkt“. Der Blick dieses eingesetzten Auges geht also nach Innen, auf die Tätigkeit und das ich selbst. Es ist das paradoxe Bild eines Auges, das sich selbst sieht, allerdings nicht in einem Spiegel, denn sonst entstünde wieder die Endlosschleife zwischen Subjekt und Objekt, sondern indem es nach innen unmittelbar auf sich selbst gerichtet ist.

Änderungen im Bauplan der Theorie

Gleichzeitig mit diesem Schritt von der zweiten zur dritten Formel hat sich auch in Fichtes gesamter Wissenschaftslehre eine wesentliche Änderung vollzogen, die möglicherweise von äußeren Umständen erzwungen wurde. Fichte stand zu dieser Zeit nämlich unter dem Verdacht, ein Atheist zu sein. Seine nur auf dem Ich und seiner Selbsterkenntnis aufbauende Theorie musste so gewirkt haben, als wolle sie ohne Gott auskommen, was für damalige Philosophen noch ein echter Affront war. In seiner neuen Version ist nun nicht mehr das Ich sondern das Wissen der zentrale Begriff, womit so etwas wie das allgemeine Wissen der gesamten Menschheit gemeint ist. Das Ich spielt weiterhin eine wichtige Rolle, weil das Wissen sich aus der sicheren Selbsterkenntnis des Ich ergeben soll. Das Ich und seine mit dem Bild des Auges beschriebene Selbsterkenntnis werden jetzt aber auch zu einer Manifestation Gottes. Im sich selbst erkennenden Ich tritt gewissermaßen Gott in Erscheinung, der somit also an den eigentlichen Ausgangspunkt der Theorie gesetzt wird.

Für Dieter Henrich liegt in Fichtes Schritt von der Selbsterkenntnis des ich zum allgemeinen Wissensbegriff ein schwerwiegendes Problem, das die gesamte Konstruktion seiner Wissenschaftslehre in Frage stellt. Man könnte zwar mit Fichte argumentieren, dass das Ich von sich selbst auf andere schließen kann und davon ausgehen kann, dass auch alle anderen Menschen diesen sicheren Kern der Selbsterkenntnis besitzen und von diesem Startpunkt aus ihr weiteres Wissen erschließen können. Aber die Direktheit und Sicherheit, die die Selbsterkenntnis auszeichnete, geht mit diesem Schritt von einem zu vielen Erkennenden trotzdem verloren. Aus einem „ich denke, also bin ich“ folgt nicht mit der selben Sicherheit ein „die anderen denken und sind auch“.

Was an diesem Punkt scheitert, wäre eine Theorie gewesen, die der inzwischen etablierten Vorgehensweise der Naturwissenschaften entgegengesetzt gewesen wäre. Den Naturwissenschaften ist das Ich und seine Selbsterkenntnis beim Aufbau des als gesichert geltenden Wissens erst einmal vollkommen egal. Das Ich wird sogar systematisch ausgeschlossen, indem seine Beobachterperspektive gerade keine Rolle für wissenschaftliche Resultate spielen darf. Alle Ergebnisse müssen von verschiedenen Personen nachvollziehbar sein, das heißt, nur das, was sich eben nicht auf eine einzelnes ich stützt, darf eine Rolle spielen. In Folge dieser Vorgehensweise haben die Naturwissenschaften es dann schwer, wenn es um die Beschreibung des Ich und seines Bewusstseins geht. Das haben andere in diesem Blog besprochene Werke schon deutlich gemacht, zum Beispiel das Buch „Geist und Kosmos“ von Thomas Nagel. Das dem Ich unmittelbar präsente Bewusstsein ist für die Naturwissenschaften erst einmal schwer zu greifen und vielleicht sogar völlig außer Reichweite. Eine Theorie, so wie Fichte sie ursprünglich im Sinn hatte, würde genau in umgekehrter Reihenfolge vorgehen und mit dem Ich beginnen. Das wäre eine radikale Alternative und wenn sie im Nachhinein als gescheitert betrachtet werden muss, stellt sich die Frage, ob das naturwissenschaftliche Vorgehen des Erkenntnisgewinns alternativlos ist, oder ob sich doch in irgendeiner Form an Fichtes Ansatz anknüpfen lässt.

Fichtes Verteidigung

Für Henrich ist Fichtes ambitioniertes Gesamtprogramm zwar gescheitert, aber er sympathisiert stark mit Fichtes Denken und verteidigt ihn in diesem Buch auch gegen diejenigen, die das von ihm hervorgehobene Problem der Selbsterkenntnis einfach leugnen und wegdiskutieren wollen. Insbesondere in der aus dem angelsächsischen Raum stammenden Sprachanalyse, in der Gedanken erst einmal als Sätze aufgefasst werden, wie etwa bei Wittgenstein, gab es wohl Versuche, den Knoten des Selbstbewusstseins sprachlich aufzudröseln, aber ohne Erfolg. Zwischen den Zeilen liest man bei Henrich die Kritik heraus, dass moderne Philosophen, die sich mit dieser Thematik beschäftigen, von Fichte oft nur wenig oder sogar gar nichts gelesen haben. Ein Grund hierfür ist neben sprachlichen Barrieren wohl die schwierige Quellenlage. Fichtes Werk scheint ein gewaltiger Wust aus Werken in verschiedenen Versionen zu sein, zu dem außerdem künstlerische Texte wie etwa philosophische Sonette und viele unzusammenhängende Notizen gehören, von denen einige wohl erst seit kurzem lesbar und öffentlich verfügbar gemacht wurden. Henrich betont, dass nicht nur eine weitere Diskussion offener philosophischer Fragen in Fichtes Werk sondern auch eine umfangreiche Exegese dieser Texte nötig wäre, um Fichte besser zu verstehen.

Mit seinem Buch „Dies Ich, das viel besagt“ leistet Henrich selbst aber bereits einen wichtigen Beitrag zu diesem Ziel und stellt Fichte als einen Denker dar, der entgegen Russells Meinung sehr wohl als reiner Philosoph wichtig ist. Er ist Henrich zufolge der erste, der das fundamentale Problem des Selbstbewusstsein erkannt hat und indem er es zum Ausgangspunkt allen Wissens machen wollte, verfolgte er einen originellen und gewagten Weg, der, auch wenn er gescheitert ist vielleicht doch zu Ansätzen anregen könnte, die Probleme anzugehen, die seitdem ungelöst blieben und in der modernen Philosophie des Geistes wieder aktuell geworden sind.

Ich muss zugeben, dass mich dieses Buch beim Lesen oft überfordert hat. Nicht nur der Inhalt, in dem Henrich Fichtes Formeln und Theorien aus immer wieder neuen Blickwinkeln betrachtet und akribisch durchleuchtet, sondern auch seine zwar elegante aber weit von der Umgangssprache entfernte Ausdrucksweise haben das Lesen für mich sehr anstrengend gemacht. Manche Sätze habe ich fünfmal gelesen und weiß immer noch nicht, was sie mir sagen. Umso größer ist mein Respekt für die Leistung des Autors, der dieses komplexe Werk im Alter von zweiundneunzig Jahren vollendet hat und hiermit sein enormes Wissen über einen Themenkomplex verfügbar macht, der ihn, wie er selbst schreibt, schon seit seiner Jugend und den Anfängen seiner philosophischen Laufbahn fasziniert. Ich bin sehr davon beeindruckt, wie tief Henrich in dieses Thema eindringt, vom Blick auf die große Gesamtkonstruktion in Fichtes Werk bis hin zur Analyse einzelner Sätze, Wörter und Silben. Wer eine leichte philosophische Gute-Nacht-Lektüre sucht, sei also vor diesem Buch gewarnt. Wer andererseits ein echtes Interesse an Fichte und seiner grundlegenden Erkenntnis hat, wird nicht auf dieses tiefgreifende Werk verzichten wollen.

Dieter Henrich ist gestern, am 17. Dezember 2022, im Alter von 95 Jahren verstorben.


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