Wie ein Zauberer, der behauptet, er werde gleich seinen Assistenten in zwei Teile zersägen, und dem man dann interessiert dabei zusieht, nicht weil man glaubt, dass der arme Mann tatsächlich halbiert wird, sondern wegen seiner Kunst, das Unmögliche real aussehen zu lassen, so beginnt auch Heinrich von Kleist seine berühmte Novelle „Michael Kohlhaas“ mit einer unmöglichen Behauptung, die er dann bis zur letzten Konsequenz wahr werden lässt. Diese lautet: Der dreißigjährige Pferdehändler Michael Kohlhaas, der immer ein vorbildlicher Bürger gewesen war, wurde in kürzester Zeit zum Brandstifter und Mörder, und zwar – und das ist das Unmögliche – wegen seines besonders starken Rechtsgefühls.

Es bleibt keine Zeit, sich lange über diese Ankündigung zu wundern, denn Kleist schickt den Pferdehändler sofort auf Geschäftsreise. Als er an der Burg eines gewissen Junckers namens Wenzel von Tronka vorbei will, wird er dort von dessen Leuten aufgehalten und gezwungen, zwei seiner Pferde als Pfand in der Burg zu lassen, damit er trotz fehlenden Passierscheins weiterreisen darf. Widerwillig lässt Kohlhaas die beiden Pferde zurück, zusammen mit einem Knecht, der sie in seiner Abwesenheit pflegen soll. Als er sie nach einer Weile auf dem Rückweg von seiner Reise aber wieder mit nach Hause nehmen will, muss er feststellen, dass von Tronkas Leute den Knecht verjagt und die Pferde so schlecht behandelt haben, dass sie vollkommen abgemagert sind. Als er sich bei von Tronka darüber beschwert und Schadenersatz für die Pferde fordert, schmeißt dieser ihn einfach raus.

Langsam wachsender Zorn

Der geschädigte Pferdehändler versucht, sich gegen diese Ungerechtigkeit zu wehren und reicht Klage ein, aber von Tronka hat am Hof in Dresden zwei einflussreiche Vettern namens Hinz und Kunz, die dafür sorgen, dass die Klage einfach zurückgewiesen wird. Kohlhaas will nun nach Dresden reisen, um die Sache persönlich zu regeln. Als seine Frau ihm dabei helfen will und dabei durch unglückliche Zufälle ums Leben kommt, gibt es für Kohlhaas, dessen Zorn auf von Tronka sich bis hierhin nur langsam gesteigert hatte, kein Halten mehr. Obwohl seine sterbende Frau ihn bittet, dem Juncker zu vergeben, verkauft er sein Haus, bewaffnet seine Knechte und beginnt einen gewaltsamen Feldzug gegen von Tronka und sogar gegen die Stadt Wittenberg, die dem Juncker Schutz gewährt. Nur ein Schlichtungsversuch von Martin Luther höchstpersönlich kann verhindern, dass Kohlhaas und seine Leute in ihrem Zorn Wittenberg vollständig niederbrennen. Durch Luthers Einsatz erhält Kohlhaas doch noch die Chance auf einen fairen Prozess gegen von Tronka, aber durch sein unnachgiebiges Rechtsempfinden steht er sich wieder selbst im Weg.

Die Handlung bis zum Eingreifen Martin Luthers könnte eine Vorlage für den Film „Falling down“ aus den 90er Jahren gewesen sein, in dem Michael Douglas einen ganz normalen Angestellten spielt, der an einem heißen Tag durch einen Verkehrsstau und eine Anhäufung unglücklicher Umstände nach und nach zur Weißglut getrieben wird, bis er vollkommen durchdreht, schwer bewaffnet durch Los Angeles läuft, und sich einfach mit Gewalt das nimmt, was ihm rechtmäßig zusteht – zum Beispiel das Gurkenscheibchen auf einem Burger. Das ist der moralische Abstieg und der Wechsel von Recht zu Unrecht, den Kohlhaas durchmacht, und es beginnt sehr langsam. Kohlhaas befragt seinen Knecht kritisch und sehr genau, bevor er zum Urteil kommt, dass von Tronka ihn zu Unrecht vom Hof gejagt und damit von der Pflege der  Pferde abgehalten hat. Jede Antwort des Knechts lässt hier erst noch eine Deutung offen, in der von Tronka als Unschuldiger aus der Sache heraus käme und Kohlhaas alles auf sich beruhen lassen müsse, aber nur um diese Deutung dann in einem zweiten Satz zu widerlegen und zu zeigen, dass von Tronkas Verhalten sogar noch schlimmer war, als gedacht. Der Zorn des Kohlhaas gegen seinen Erzfeind steigert sich mit jeder Antwort des Knechts, aber langsam und rational begründet. Kohlhaas behält hier noch einen kühlen Kopf und zeigt sich als normal denkender Mensch. Den Amoklauf eines Wahnsinnigen zu zeigen wäre langweilig gewesen. Der Pferdehändler Kohlhaas und der von Michael Douglas verkörperte Angestellte sind keine Verrückten sondern Leute wie Du und ich. Einen Fehler hat Kohlhaas allerdings: Er kann seinem Feind nicht vergeben, auch dann nicht, wenn seine Frau im Moment ihres Todes und selbst Martin Luther ihn dazu auffordern. Sein Rechtsempfinden ist so unerschütterlich, dass er ihm sogar das Wort Gottes unterordnen muss.

Recht und Gerechtigkeit

Vergib Deinen Feinden – das ist die einzige Moral, die man aus dieser handlungsreichen Geschichte ziehen könnte, aber selbst das ist nicht klar, denn Kohlhaas gelangt auch ohne die Beachtung dieser Regel  in gewissem Sinne zu einem Happy End, und das ist es, was der Erzählung ihre inhaltliche Radikalität verleiht. Es heißt manchmal, in Kleists Novelle gehe es um den Unterschied zwischen Gerechtigkeit und Rechtsprechung. Die Wendungen der Handlung ergeben sich in der Tat aus diesem Spannungsfeld, aber sie sind letztlich nur Mittel zu einem erzählerischen Zweck. Kleist hat keine Botschaft zu diesem Thema. Am Anfang der Geschichte könnte man glauben, es gehe um die Hilflosigkeit, mit der wir der Obrigkeit und ihrer willkürlichen Rechtsprechung ausgeliefert sind – oder es zu Luthers Zeiten gewesen wären – aber diese Botschaft hält im weiteren Verlauf der Geschichte nicht stand, denn diese Obrigkeit erweist sich beim genaueren Hinsehen dann doch als zwar fehlbar aber grundsätzlich fair. Es lässt sich keine wirkliche „Moral von der Geschicht“ extrahieren. Das Feld der Rechtsprechung bleibt für Kleist nur der Motor einer wechselhaften Handlung und liefert die geeigneten Zutaten: Unrecht, Selbstjustiz, Prozess und Revision. Das alles sind nur die Wendungen, die er nach einander ausspielt, um den Plot voranzutreiben. Die gesamte Handlung des „Michael Kohlhaas“ ist eine einzige, perfekt konstruierte Eskalation, beginnend mit einem um eine Nichtigkeit geschädigten und leicht verärgerten Pferdehändler in der Provinz bis hin zu einem Volksaufstand, einem Kurfürsten und Kaiser involvierenden politischen Konflikt und einem grenzenlosen, bis in den Tod mitgenommenen Hass. 

Ein wichtiges Mittel, die Erzähllawine voranzutreiben, ist das Tempo. Kleist packt hier eine Fülle von Ereignissen und Wendungen auf gut hundert Seiten, die anderen Autoren für eine ganze Roman-Trilogie genügt hätte. Er hat keine Zeit zu verlieren. Wenn Kleist seine Hauptfigur eingeführt und ihr tragisches Ende angekündigt hat, Kohlhaas mit seinen Pferden zur Geschäftsreise aufgebrochen ist, angehalten wurde und den Namen seines künftigen Erzfeindes zum ersten mal gehört hat, dann haben wir erst die erste Seite der Novelle gelesen. Die Ereignisse sind dicht komprimiert und müssen unabhängig von ihrer Relevanz auch in Nebensätzen Platz finden. Die Präzision, mit der Kleist mit nur einem einzigen Satz eine Figur auftreten lässt, sie durch einen kurzen Einschub plastisch beschreibt und sofort zum Handeln bringt ist einzigartig und vielleicht der eigentliche Grund für die Bedeutung dieser Novelle. Wo sonst in der Literatur ist so zielstrebig und punktgenau erzählt worden?

Er war aber noch kaum unter den Schlagbaum gekommen, als eine neue Stimme schon: halt dort, der Roßkamm! hinter ihm vom Turm erschwoll, und er den Burgvogt ein Fenster zuwerfen und zu ihm herabeilen sah. Nun, was gibt’s Neues? fragte Kohlhaas bei sich selbst, und hielt mit den Pferden an. Der Burgvogt, indem er sich noch eine Weste über seinen weitläufigen Leib zuknüpfte, kam, und fragte, schief gegen die Witterung gestellt, nach dem Paßschein.

Es bleibt keine Zeit zu erwähnen, dass es stürmt. Wir wissen es aus dem schiefen Stand des Burgvogts. Alles in dieser Novelle ist Handlung. Es gibt kein Innehalten, kein Standbild, in dem wir einen Blick auf die mitteldeutsche Landschaft werfen. Alles ist in Bewegung und steuert eilig zum Ende hin.

Der Aufprall

Ganz zum Schluss bietet sich für Kohlhaas eine allerletzte, perfekte Möglichkeit, alles zum Guten zu wenden, wenn er seinen Feinden nur ein stückweit vergeben könnte. Die Rachsucht treibt ihn aber in ein fatales Ende. Dieser von Kleist als Happy End präsentierter Ausgang der Geschichte muss vor dem Hintergrund gelesen werden, dass Kleist sich mit Anfang Dreißig, also ungefähr dem Alter des Kohlhaas, das Leben nehmen sollte. Kleist, ein Mann, der angeblich einmal wegen einer missglückten Aufführung des „Zerbrochenen Kruges“ in Weimar fast so weit gegangen wäre, sich mit dem dortigen Theaterdirektor namens Johann Wolfgang von Goethe zu duellieren, wird mit seinem Kohlhaas einiges an Gerechtigkeitswahn, Rachsucht und Anmaßung geteilt und sich in dieser historischen Figur wiedererkannt haben. So hat dessen vermeidbares, tragisches Ende und dessen gleichzeitige Genugtuung den Beigeschmack einer Selbstmordfantasie. Allerdings tritt auch dieser Aspekt zurück hinter der ästhetischen Logik, laut der dies nun einmal das folgerichtige Ende sein musste, auf das die Handlung zugesteuert ist. Kein anderer Ausgang wäre für den bis dorthin geschilderten, dynamischen Prozess ein schlüssiges Ende gewesen.

Kleists Novelle ist ein einzigartiges erzählerisches Meisterwerk. Es hat keine Botschaft. Alles ist der Ästhetik der Handlung untergeordnet. Sie ist eine perfekt ausgeführte, beschleunigte Bewegung, ein freier Fall, der mit einem Aufprall endet. Der Zaubertrick ist geglückt. Der Assistent ist in zwei Teile zersägt.