Gesundheit oder Freiheit | „Corpus Delicti“ von Juli Zeh

Die Freiheit des Einzelnen gegen die Interessen der Allgemeinheit – das ist der Konflikt, um den es in Juli Zehs Roman „Corpus Delicti“ geht. Das Schlachtfeld, auf dem er stattfindet, ist ausgerechnet das Thema Gesundheit. Die Gesellschaft hat ein natürliches Interesse daran, dass ihre Mitglieder gesund und leistungsfähig sind, und in der Regel will man als Einzelner für sich zwar genau dasselbe, aber möglichst ohne sich dabei vorschreiben zu lassen, was man mit dem eigenen Körper zu tun oder zu lassen hat. Freiheit bedeutet in diesem Kontext, auch mal ungesund leben, Alkohol trinken oder übergewichtig sein zu dürfen und ärztlich empfohlene Therapien ablehnen zu können.

„Corpus Delicti“ spielt in einer nahen Zukunft, in der es diese Freiheiten nicht mehr gibt. Wer sich ungesund verhält, wird hier zur Verantwortung gezogen. Das allgemeine Interesse an einer durch und durch gesunden Gesellschaft, in der niemand mehr irgendwen ansteckt, auf der Arbeit fehlt und teure Krankenhausbetten belegt, ist so stark in den Vordergrund gerückt, dass persönliche Rechte reihenweise dieser Utopie geopfert wurden. Wer seiner Gesundheit schadet, indem er sich zu wenig bewegt oder mal eine Zigarette raucht, macht sich in dieser neuen Gesellschaft strafbar. Leugnen ist zwecklos, denn an Datenschutz glaubt längst niemand mehr und die verräterischen Blutwerte lassen sich bequem aus einem Chip auslesen, der im Arm implantiert ist.

Auch die Gewaltenteilung ist in dieser Zukunft dem Gesundheitswahn zum Opfer gefallen, denn der Schutz dieses radikalen Gesundheitssystems, das alle nur „die Methode“ nennen, steht über allem, auch über der Justiz. Der oberste Schützer und Erfinder der „Methode“ ist der mächtige Journalist Jürgen Kramer. Er hat nicht nur das Recht, in Gerichtsprozesse einzugreifen, sondern leitet vor allem ein einflussreiches Massenmedium namens „Der gesunde Menschenverstand“, an dem sich auch andere Medien orientieren. Kramer hat die öffentliche Meinung in der Hand. Er ist ein kühler, berechnender Machtmensch, der vorgibt, für seine Mitmenschen nur das beste zu wollen, nämlich ihre Gesundheit. Seine hinterhältigen Tricks zur Verteidigung seines Systems erinnern aber an die STASI. Wer sich mit Kramer und der alles beherrschenden „Methode“ anlegt, riskiert schnell den Ruf, ein Staatsfeind zu sein.

Justizirrtum im unfehlbaren System

In diese Rolle rutscht im Lauf des Romans die junge Biologin Mia Holl hinein, die zunächst nur wegen harmloser Gesundheitsverstöße in Konflikt mit dem Gesetz gerät. Auf ihrem Hometrainer haben sich ein paar Kilometer Rückstand angestaut und auch andere Details deuten darauf hin, dass Mia Holl sich nicht ganz im Griff hat. Die Justiz drückt zuerst nochmal ein Auge zu, denn die Gründe für Mias Probleme sind bekannt. Ihr Bruder Moritz hat sich das Leben genommen. Er saß wegen Vergewaltigung und Mord im Gefängnis und sein Fall hatte großes Aufsehen erregt, denn er hatte trotz der eindeutigen Beweislage gegen ihn seine Tat hartnäckig geleugnet. Als Mia nun wegen ihrer unbedeutenden Nachlässigkeiten vor Gericht steht, kommt dabei nebenbei durch Zufall auf spektakuläre Weise heraus, dass ihr Bruder Moritz tatsächlich unschuldig gewesen war, so wie sie immer geglaubt hatte.

Damit wird Mia unfreiwillig zu einer politischen Schlüsselfigur. Der Justizirrtum im Fall ihres Bruders zeigt nämlich, dass Kramers „Methode“ trotz DNA-Tests und vollständiger Durchleuchtung der Bürger wohl doch nicht so unfehlbar ist, wie immer behauptet wurde. Kramer wittert die Gefahr für sein System. Zuerst beobachtet er Mia nur aus der Distanz, aber als die Unschuld ihres Bruders herauskommt, setzt er alles in Bewegung, um das Geschwisterpaar als methodenfeindliche Terroristen zu diffamieren. Der Prozess um Mia wird dadurch zum Justiz- und Medienspektakel und ihr Leben steht auf dem Spiel.

Die Konfliktlinie des Romans verläuft zwischen zwei Extremen, die durch Jürgen Kramer und Mias Bruder Moritz personifiziert sind. Kramer ist der gefühlskalte Rationalist, dem alle Mittel recht sind, um die totalitäre „Methode“ zu verteidigen. Moritz hingegen, so wie man ihn in den Gesprächen kennenlernt, an die sich Mia erinnert, ist ein romantischer Träumer und rebellischer Außenseiter. Er sitzt in Mias Erinnerungen Zigarette-rauchend am See, fängt mit einer primitiven Angel Fische, und philosophiert über die Freiheit. Mia steht zwischen diesen beiden Männern und fühlt sich zu beiden hingezogen. Die Aura des souveränen, eleganten und beherrschten Gentleman Kramer hat auf sie paradoxerweise eine umso stärkere erotische Wirkung, je gefährlicher er ihr wird. Was sie mit ihm verbindet ist ein kühles Temperament und vor allem auch ihr anfänglicher Glaube an die Vorteile der „Methode“. Mia sieht das Gesundheitssystem nämlich zu Beginn noch unkritisch, obwohl sie mit ihm in Konflikt gerät. Sie glaubt an dieses System und hatte es sogar in Diskussionen mit ihrem Bruder verteidigt. Auf seine Seite zieht sie aber dessen Emotionalität und Freiheitsliebe. Durch diese Hin- und Her-Gerissenheit der Hauptfigur zwischen den beiden Polen wird aus dem Konflikt zwischen Interessen der Gesellschaft und persönlicher Freiheit auch ein Kampf von Rationalität gegen Emotionalität. Mia muss sich zwischen diesen Seiten entscheiden.

Individuelle Krankheitsgeschichten

Das totalitäre Gesundheitssystem dient nicht nur als Schauplatz für diesen Gefühlskonflikt, sondern es ist selbst Thema des Romans. Es geht Juli Zeh ganz offensichtlich darum, vor genau dieser möglichen Zukunft zu warnen. Deshalb zeigt sie indirekt, wie es dazu kommen konnte, indem sie am Anfang die Freiheitseinschränkungen so einführt, dass sie noch harmlos erscheinen. Was ist schon dabei, wenn Mia Holls Bewegungsmangel vom praktischen Datenchip in ihrem Arm dokumentiert wird und ihre Nachbarn im Treppenhaus tratschen, wenn jemand gegen die Hygienerichtlinien der Wohnanlage verstoßen hat. Das sind die alltäglichen Kleinigkeiten, die Juli Zeh hier als erste Warnsignale präsentiert, in denen sich eine schleichende Entwicklung zu erkennen gibt, die später im Roman in ihrer ganzen menschenverachtenden und vernichtenden Kraft zur Erscheinung kommt. Mia erlebt unschuldig und in kürzester Zeit einen Abstieg von der unbescholtenen Bürgerin zur rechtlosen, in der Gefängniszelle gefolterten Staatsfeindin. Wie konnte es dazu kommen, in einem System, das doch nur mit Logik und Konsequenz das beste für seine Bürger will? Das ist die Frage, die der Roman aufwirft und sich selbst auch beantwortet. Es ist die schleichende Preisgabe der von uns oft belächelten Sekundärtugenden der Demokratie, von altmodischen Konzepten wie Datenschutz, Gewaltenteilung und vor allem Privatheit, die den Dammbruch ermöglicht hat. „Dieser Riss […]“ heißt es an einer Stelle „entstand an dem Tag, als dieses Land auf die Idee kam, sich den Luxus von individuellen Krankheitsgeschichten nicht mehr leisten zu können.“

Es ist wegen dieser im Kontext Gesundheitssystem aufgeworfenen Fragen vollkommen unmöglich, diesen aus dem Jahr 2010 stammenden Roman heute zu lesen, ohne an Corona zu denken. Juli Zeh wollte offenbar bereits zehn Jahre vor der Pandemie ihre Leser mit der Frage konfrontieren, ob wir uns vielleicht schon in den Anfangsstadien einer Entwicklung befinden, die zu einem System wie Kramers allmächtiger „Methode“ führen kann. Wer sich diese Frage heute stellen will, wird auch über die Maßnahmen und Kampagnen zur Pandemiebekämpfung nachdenken. Befinden wir uns etwa schon mitten in der Entwicklung, vor der „Corpus Delicti“ warnt?

Es liegt nahe, die Autorin das einfach selbst zu fragen. Schon in der Anfangsphase der Pandemie, im Sommer 2020, hat Juli Zeh als Kommentar zu ihrem Roman das Buch „Fragen zu Corpus Delicti“ herausgebracht, in dem sie sich einige der damals aufkommenden Fragen zum Aktualitätsbezug des Romans wie in einem Interview selbst beantwortet. Später positionierte sie sich öffentlich zwar für die Impfkampagne aber gegen eine Impfpflicht. Ich finde es aber interessanter, was der Roman selbst sagt, weil er aus einer Zeit stammt, in der sein Thema eben noch nicht mit einem konkreten Anlass und einer realen Krise verbunden war, sondern noch als Idee und Befürchtung ganz für sich stand. Jeder, der sich heute zu diesen Themen äußert, ordnet sich automatisch in eine riesige Debatte ein, die von manchen Beteiligten längst nicht mehr mit der nötigen Gelassenheit geführt wird. Von dieser Belastung war Juli Zeh noch ganz frei, als sie „Corpus Delicti“ schrieb, und das macht den Roman interessant.

Fabrizierter Konsens

In der Konstruktion der Handlung ist ein Punkt besonders auffällig: Als den bösen Gegenspieler des unschuldigen Geschwisterpaares Mia und Moritz Holl hätte Juli Zeh sich einen Staatsanwalt, einen Richter oder einen korrupten Politiker aussuchen können. Jürgen Kramer ist aber Journalist. Seine Machtgrundlage ist sein enormer Einfluss auf die öffentliche Meinung. Sein totalitäres System hat er der Gesellschaft nicht mit militärischer Gewalt oder durch einen Staatsstreich aufgedrängt. Er hat sie einfach davon überzeugt. Es ist ihm gelungen, in der Öffentlichkeit ein Klima zu schaffen, in der nicht nur jeder als Idiot dasteht, der ihm widerspricht, sondern sogar als gefährlicher Feind. Es gibt keine echte Meinungsvielfalt mehr. Kramers Journalisten-Kollegen wollen so sein wie er, plappern ihm einfach nach, laden ihn in ihre Sendungen ein und bejubeln alles, was er von sich gibt. Alle, die tatsächlich anderer Meinung sind, ziehen sich in den privaten, stillen Protest zurück wie Mias Bruder Moritz, oder sie gehen in den Untergrund. Immer wieder ist im Roman die Rede von einer terroristischen Vereinigung, die sich in Anspielung auf die RAF „Recht auf Krankheit“ also RAK getauft hat, und von der niemand weiß, ob es sie wirklich gibt, oder ob sie ein von Kramer erfundenes Feindbild ist. Kramer verbreitet hemmungslos, dass wer ihm widerspricht wohl Terrorist sein muss. Weil niemand mehr den Mut hat, Kramers Methode öffentlich zu kritisieren, ist es für ihn sehr einfach geworden, seine Gegner auf diese Weise zu diffamieren.

Kramer ist der Feind der Privatheit. Die individuelle Krankheitsgeschichte ist für ihn kein Tabu, er zerrt sie in die Öffentlichkeit und instrumentalisiert sie. Als er die unbequem gewordene Mia Holl in den Medien als Staatsfeindin darstellt, kann Mia nur hilflos behaupten, immer an die Methode geglaubt zu haben. „Ich bin keine Anti-Methodistin“ sagt sie an einer Stelle, als ob sie das noch retten könne. Sie und ihre persönliche Situation werden durch die von Kramer dirigierte mediale Aufmerksamkeit zu einem symbolischen Schlüsselfall, an dem nicht ihr persönliches Recht sondern das Schicksal der Methode demonstrativ entschieden werden soll. Ihre persönliche Meinungsäußerung spielt dabei keine Rolle mehr.

Diese Bekenntnisse zur Methode, die Mia zu ihrer Verteidigung hervorbringt, erinnern heute an die Äußerungen von Spitzensportlern, über die Ende 2021 und Anfang 2022 monatelang berichtet wurde, weil sie mitten in der Kampagne noch ungeimpft auf Fussball- und Tennisplätzen herumliefen. Eine berühmte Nummer Eins der Tennis-Weltrangliste beteuerte zum Beispiel, kein Gegner der Maßnahmen zu sein, sondern nur für sich selbst, für seinen ganz privaten Fall, davon abweichen zu wollen. Auch hier ging es weniger darum, ob der Sportler auf dem Platz andere Spieler anstecken könnte, als vielmehr um die Symbolwirkung seines Falls, der die gesamte Kampagne anzugreifen schien. Der Ungeimpfte wurde als Impfgegner abgestempelt und wie er sich selbst zu diesem Thema positionierte, spielte keine Rolle mehr.

Ambivalenz und Pathos

Man kann also zumindest sagen, dass Julia Zehs Roman vor gesundheitspolitischen Medienkampagnen warnt. Ob sich das alles aber wirklich mit der Pandemie vergleichen lässt und „Corpus Delicti“ überhaupt mit aktuellen Ereignissen in Verbindung gebracht werden kann, werden die Abiturientinnen und Abiturienten entscheiden müssen, die das Buch überall in Deutschland jetzt auf dem Lehrplan haben. Ich will hier auf keinen Fall in die politische Debatte einsteigen und mein persönliches Problem mit dem Buch hat auch nichts mit seinen gesundheitspolitischen Inhalten sondern eher mit seinem Stil zu tun. Die Geschichte ist mir kurz gesagt zu pathetisch. Mia, die angeblich kühle und rationale Naturwissenschaftlerin, was ja schon von vornherein ein Klischee ist, verhält sich gar nicht so kühl und rational, wie behauptet, sondern diskutiert mit ihrem Bruder, mit ihrem Anwalt und nicht zuletzt mit ihrem Schwarm und Todfeind Kramer aus voller Leidenschaft über letzte und allerletzte philosophische Fragen. Die Gedanken der Figuren müssen nicht erraten werden, sie werden uns eher aufgedrängt, damit uns ihre Positionen in der Debatte auch wirklich nicht entgehen können. Das schadet meiner Meinung nach diesen Figuren. Es hätte vielleicht geholfen, wenn sich Mia und Moritz nicht ständig über Freiheit, Liebe und Gerechtigkeit unterhalten würden, sondern auch einfach mal über das Wetter.

In ihrem späteren Roman „Nullzeit“ hat mir Juli Zehs elegante und schnelle Erzählweise besser gefallen. Am Beispiel des Aussteigers Sven geht es auch dort um die Freiheit des Einzelnen und seine Rolle in der Gesellschaft, die ihn mit ihren Zwängen und Erwartungen einzuholen versucht, aber im Vordergrund steht hier nicht das Zusammenprallen von Theorien und Konzepten, sondern von Charakteren. Die Figuren und ihre Dialoge sind in „Nullzeit“ glaubwürdig, und vielleicht gerade weil nicht alles ausgesprochen wird und man die widersprüchlichen Gefühle der drei Hauptfiguren oft nur ahnt, wirken sie realistisch. Die Figur Sven ist dort komplex genug, dass seine Gefühle für die ihm gefährlich werdende Jola plausibel sind. In „Corpus Delicti“ dagegen nehme ich es Mia nicht ab, dass sie sich in Kramer verliebt. Dieses Verhältnis gehört zu den Widersprüchen, die vielleicht Realität erzeugen sollen, aber eigentlich doch Klischees sind: der Feind, in den man sich verliebt, die gefühlskalte, angepasste Naturwissenschaftlerin, die zur leidenschaftlich kämpferischen Märtyrerin wird und der schusselige Anwalt, der plötzlich die geniale Prozessstrategie aus dem Ärmel schüttelt. Diese Ambivalenz der Figuren wirkt aufgesetzt und wegen ihrer Klischeehaftigkeit wirken sie nicht wie reale Personen, sondern eher wie Anschauungsmaterial in einem juristischen Lehrstück.

Juli Zeh ist Juristin und inzwischen Verfassungsrichterin in Brandenburg. „Corpus Delicti“ ist ihr Plädoyer für Persönlichkeitsrechte, Freiheit und Demokratie. Es war ihr so wichtig, dass sie aus dem ursprünglichen Theaterstück auch einen Roman machte. Die Botschaft ist gut, sie ist sogar überzeugend, aber sie steht für meinen Geschmack zu sehr im Vordergrund. Ich würde am Ende gerne in allem zustimmen können, ohne das Gefühl zu haben, belehrt worden zu sein. Dann wäre „Corpus Delicti“ für mich ein guter Roman.


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