Der Roman „Der Defekt“ handelt von der Suche nach Akzeptanz für den eigenen Körper und die eigene Sexualität. Für die sechzehnjährige Mina gehen erotische Erlebnisse bevorzugt mit Schmerz einher. Das entdeckt sie im Zusammensein mit dem achtzehnjährigen Vetko, der in ihrer aufblühenden Sadomaso-Beziehung die Rolle ihres dominanten Gegenparts einnimmt.

Mina kennt Vetko zunächst nur als den Sitzenbleiber und Eigenbrötler, der in ihrer Klasse alleine in der ersten Reihe sitzt, bis sie ihn auf einem Spaziergang dabei antrifft, wie er sich gerade mitten im Wald selbst befriedigt. Statt den skurrilen Naturfreund nach dieser Begegnung zu meiden, plant sie ihre Spaziergänge nun so, dass sie ihm erneut bei diesem regelmäßigen Akt begegnet und assistiert ihm schließlich dabei. Es ist der Anfang einer heimlichen Beziehung, in der die beiden Teenager nun verschiedene Szenarien durchprobieren, um ihre gegensätzliche und mit einander kompatible Lust auszuleben.

Vetko bringt Mina dazu, sich während ihrem ersten Kuss von einer Bremse stechen zu lassen, halbnackt auf dem harten Ackerboden zu knien bis ihre Knie bluten und sich Wäscheklammern auf ihre Zungenspitze zu stecken. Mina will das alles. Die Ungewisstheit, wie weit Vetko im sadomasochistischen Spiel mit ihr gehen wird, zieht sie unwiderstehlich an. Sie wünscht sich die Regeln und Befehle, die Vetko ihr vorgibt, und hat das Gefühl, dadurch Struktur und Klarheit in ihrem Leben zu gewinnen. Gleichzeitig leidet sie daran, mit ihren Vorlieben offenbar nicht „normal“ zu sein und außer mit Vetko mit niemandem darüber sprechen zu können. Nach dem Schulabschluss gehen beide getrennte Wege. Mina zieht vom Dorf in eine Stadt, um zu studieren und hofft heimlich darauf, irgendwann zu Vetko zurück zu kehren.

Der mysteriöse Außenseiter Vetko ist in dieser Geschichte die eigentliche Hauptfigur und der Fluchtpunkt, auf den Minas gesamtes Denken zustrebt. Er ist kontaktscheu, eigensinnig und unberechenbar. Als ein Mitschüler unter ungeklärten Umständen stirbt, ist Mina sich erst einmal nicht sicher, ob Vetko ihn umgebracht hat. Die extreme Außenseiterrolle hält Mina nicht davon ab, sich Vetkos Ideen zu fügen, sondern zieht sie im Gegenteil an. Vetko regiert ihre kleine Welt, verbietet ihr, Makeup und Deodorant zu benutzen und gibt ihr schmerzhafte Prüfungen vor, die sie bei ihren nachmittäglichen Treffen zu bestehen hat. Sein gesamtes Verhalten erklärt sich aus seinem fanatischen Glauben an die Natur, nach deren Prinzipien er seine und Minas Welt zu strukturieren glaubt.

Damit sich die Figur Vetko besonders drastisch von ihrer Umgebung abhebt, hat Leona Stahlmann ihn und die Handlung um ihn herum in ein besonders miefiges Schwarzwalddorf verlegt, das von finsterstem Wald und ewigem Nebel umgeben und von stumpfsinnigen Klischeedörflern bevölkert ist. Das Leben in diesem Umfeld von in altbackenen Traditionen und Geschlechterrollen steckengebliebenen Elternteilen, prüden Nachbarinnen und kleinlichen Geschäftemachern wäre für Mina ohne Vetkos Anweisungen vollkommen unerträglich, aber mit ihnen ist es das auch.

Mina leidet an ihrer Situation. Sie leidet an den Unebenheiten ihres Körpers, an der Heimlichtuerei um ihre Treffen mit Vetko, an der Anstrengung und an den körperlichen Nachwirkungen ihrer sexuellen Praktiken, an dem Widerspruch zur dörflichen Spießigkeit, an der Normalität ihrer besten Freundin und dem Neid auf ihre gesellschaftlich akzeptierte Form der Lust und sie leidet nicht zuletzt an den von ihrer Mutter geschmierten Pausenbroten, die sie manchmal einfach wegschmeißt. Ansonsten erfährt man zwar, wie ihre Dehnungsstreifen aussehen, wie sich ihr fettiges Haar anfühlt, wenn es schwer zwischen den Schulterblättern aufliegt, wie es aussieht, wenn die Wunden auf ihren Knien verkrusten oder die Haut ihrer Lippen einreißt und wie sich ihre Haarwurzeln nach der Rasur anfühlen, aber ihr Seelenleben beschränkt sich darauf, dass sie sich unwohl fühlt. Wir wissen am Ende nicht, ob sie einen Beruf ausübt, was außerhalb des Sexuellen ihre Interessen und Talente sind oder was sie nach der Schule studiert.

Diese Beschränktheit der Protagonistin hängt mit dem Erzählstil des Romans zusammen. Leona Stahlmanns erzählerisches Mittel der Wahl ist es, das Materielle und Äußerliche im Detail zu beschreiben, eventuell um innere Vorgänge anzudeuten. Diese Technik dominiert den gesamten Text. Gefühlte achtzig Prozent des Romans bestehen in Beschreibungen von Landschaften, Bäumen, Kräutern, Tieren und menschlichen Körperregionen, die in ihre Details zerlegt werden. Es wird immer wieder bis in die Blattfasern und Hautporen hineingezoomt, um im Spannungsfeld der Verfremdung Spielraum für Interpretationen entsteht zu lassen. Zu Beginn des Romans gelingt diese Technik und in der bedrückenden Schwärze des Waldes und der Härte der Ackerstoppel spiegelt sich ein Stück weit Minas Seelenleben und insbesondere die Fremdheit im eigenen Körper. Mit der Wiederholung nutzt sich diese Methode aber ab und es ist irgendwann gar nicht genug Gefühl und Handlung da, um durch so viel im Vergrößerungsglas betrachtete Natur symbolisiert werden zu können.

Ein weiteres Problem des Romans ist die direkte Rede der Figuren. Dass die Teenager Mina und Vetko in ihren wenigen Dialogen auch mal mit bedeutungsschweren Sätzen hantieren ist verständlich, aber wenn Minas Eltern, die man anfangs nur als den Pfeiferaucher und die Hausfrau kannte, plötzlich so sprechen, als hätten Sie gerade an einem Kurs für kreatives Schreiben teilgenommen, dann geht das auf Kosten der Glaubwürdigkeit dieser Figuren. Besonders auffällig ist eine Stelle, an der Minas Mutter die häusliche Gewalt thematisiert, die Minas Großmutter durch den Großvater erfahren hat. Statt offen über diese Gewalt zu sprechen, erwähnt sie die ständig unnatürlich geröteten Wangen der Großmutter, aber sie verbindet diese Erwähnung mit einer ausführlichen Beschreibung der verschiedenen Kämme, die der kahlköpfige Großvater immer bei sich getragen hatte. Es ist wieder dieselbe Technik. Durch die Beschreibung der materiellen und scheinbar banalen Äußerlichkeit wird der unausgesprochene, eigentlich relevante Vorgang angedeutet und gewinnt so an Gewicht. Minas Mutter wird diese Erzählweise in den Mund gelegt. Das Kapitel endet dann mit Minas Gedanken, dass es doch absurd sei, dass sie selbst in ihrer Beziehung den Schmerz hervorrufen wolle, nachdem andere, kämpferische Frauen wie ihre Großmutter so lange unter Schmerz gelitten hätten. An dieser Stelle wird klar, dass die ganze Episode nur mit dem Zweck eingebaut wurde, auch diesen Aspekt von Minas Sexualität noch anzudiskutieren.

Es ist leider nicht das einzige Beispiel einer Figur oder einer Episode, die mit dem Ziel eingebaut wäre, eine Facette von Minas Sexualität oder die Abgrenzung zu anderen sexuellen Vorlieben zu beleuchten. So wird beispielsweise die Homosexualität des Mitschülers Robert mit Minas Sexualität verglichen, ohne dass Robert darüber hinaus eine besondere Rolle spielen würde. Der Roman ist sehr damit beschäftigt, Minas Sexualität von allen Seiten darzustellen und mit Minas Akzeptanz auch die des Lesers herbei zu schreiben.

An seinen besten Stellen gelingt dem Roman immerhin ein origineller und tiefer Einblick in diese Form sexueller Lust und in die damit verbundenen gesellschaftlichen Hürden. Es wird klar, dass Minas Verlangen nichts mit in Lack und Leder gekleideten Klischee-Sadomasochisten zu tun hat oder nur irgendein Tick wäre, den sie sich wieder abgewöhnen könnte. Der Appell, diese Sexualität als einen Teil der natürlichen Vielfalt gelten zu lassen, ist sicher einen Roman wert. Diese Botschaft hätte ein Stück in den Hintergrund treten müssen, um den Figuren und Handlungselementen Raum zur Entfaltung zu geben und sie nicht nur für diesen Zweck existieren zu lassen. Dann wäre aus diesem sprachlich intensiven Text vielleicht auch eine mitreißende Erzählung geworden.