@fotografie_akd

Thomas Pynchon, der leider nicht für ein Interview zur Verfügung stand, gilt wegen seiner Zurückgezogenheit als die große, rätselhafte Figur der amerikanischen Gegenwartsliteratur. „Die Versteigerung von No. 49“ aus dem Jahr 1966 ist sein zweiter und bisher kürzester Roman.

Die Hauptfigur namens Oedipa erfährt eines Tages, dass sie zur Testamentsvollstreckerin des verstorbenen Multimillionärs Pierce Inverarity berufen wurde, mit dem sie einmal eine Beziehung gehabt hatte. Sie reist in die kalifornische Retortenstadt San Narcisso, in der Inverarity mehrere Firmen besessen und gegründet hat. Hier trifft sie auf Metzger, einen gut aussehenden Anwalt und ehemaligen Schauspieler, der sie bei der Nachlassverwaltung unterstützen soll und mit dem sie sofort eine wilde Affaire beginnt.

Zeichen aus dem Untergrund

Während ihres Aufenthalts in San Narcisso stößt Oedipa immer wieder auf ein mysteriöses Symbol, das wie eine vereinfachte Darstellung eines Posthorns mit einem Schalldämpfer aussieht. Zuerst fällt ihr das Symbol in einer Kritzelei auf einer Damentoilette auf. Nach und nach findet sie heraus, dass es sich offenbar um das Zeichen eines Netzwerkes namens W.A.S.T.E. handelt, das in Konkurrenz zur offiziellen Post ein geheimes Kuriersystem zu betreiben scheint. Das Netzwerk hat offenbar seine eigenen Boten und Briefkästen und es benutzt eigene, gefälschte Briefmarken, von denen sich auch einige in Inveraritys Nachlass befinden.

Oedipa beginnt auf eigene Faust nach dem Sinn dieses rätselhaften Postsystems zu forschen. Sie entdeckt einen scheinbaren Zusammenhang zu der Handlung eines elisabethanischen Theaterstücks namens „The Courier’s Tragedy“, das in der Stadt gerade aufgeführt wird. In einer Szene dieses absurden Eifersuchtsdramas wird ein Bote von drei schwarz gekleideten Männern ermordet, die im Auftrag einer rätselhaften Macht namens Trystero handeln. Oedipa findet heraus, dass es sich hierbei möglicherweise um eine Anspielung auf eine reale Verschwörung gehandelt hat. Trystero könnte der Urheber eines in Europa zur Zeit der Renaissance gegründeten Vorläufers des geheimen Post-Netzwerkes gewesen sein. Diese Organisation hatte es sich offenbar zur Aufgabe gemacht, das damalige Post-Monopol der Familie Thurn und Taxis zu untergraben und hatte sich deshalb deren Posthorn – aber mit einem aufgesetzten Dämpfer versehen – als Erkennungszeichen ausgesucht.

Warum diese Post-Verschwörung aber nun im Amerika der Gegenwart noch immer aktiv sein sollte und ob diese historischen Hintergründe tatsächlich stimmen, wird immer weniger klar, je weiter Oedipa der Sache nachgeht. Sie stößt auf verschiedene Druckausgaben des Theaterstückes, in dem der ominöse Trystero mal erwähnt ist und mal nicht, und begegnet auf ihren Erkundungsgängen durch San Narcisso und San Francisco verschiedenen Personen mit unterschiedlichen Interpretationen des Posthorn-Symbols und der Bedeutung des alternativen Postsystems. Oedipa steigert sich in diesem Gewirr skurriller Zusammenhänge in eine Paranoia hinein und befürchtet schließlich, dass die ganze Verschwörung entweder nur erfunden wurde, um ihr einen Streich zu spielen, oder dass sie im Begriff ist, den Verstand zu verlieren.

Grenzen des Realen

Thomas Pynchon spielt mit Oedipas Unsicherheit und auch mit der des Lesers. Der ganze Roman bewegt sich in einem Grenzgebiet zwischen Realität und surrealer Übertreibung und man hat immer das Gefühl, Oedipas Suche nach der Post-Verschwörung könne mit ihrem nächsten Schritt ins vollständig Irreale abdriften oder sich einfach in Luft auflösen. Einerseits entsteht dieser Eindruck durch die karikaturhaften Nebenfiguren, die sich erst mehr oder weniger absurd verhalten und dann nach und nach einfach aus Oedipas Leben verschwinden. Über den Anwalt und Ex-Schauspieler Metzger erfahren wir beispielsweise, dass er früher als Kinderstar in Filmen gespielt hat und ausgerechnet, als er Oedipa in ihrem Motel-Zimmer zum ersten mal begegnet, läuft im Fernsehn einer dieser Filme, in dem er ein Kind namens „Baby Igor“ spielt und zusammen mit einem alten Mann und einem Hund in eine U-Boot-Schlacht des zweiten Weltkriegs hinein gerät. Nachdem Metzger noch während der Film im Hintergrund läuft mit Oedipa ins Bett gegangen ist, macht er sie etwas später in einer Szene, die aus einem Agentenfilm stammen könnte, mit einem anderen Anwalt bekannt, der gerade von der Mafia verfolgt wird. Weitere absurde Nebenfiguren sind Oedipas Psychater, der Patienten versuchsweise LSD verabreicht und sich als Nazi entpuppt, und die Mitglieder einer jugendlichen, stark an die Beatles erinnernden Rock-Band mit dem vielsagenden Namen „The Paranoids“, die Metzger und Oedipa eine Weile begleiten, überall ihre E-Gitarren anschließen wollen und ständig von Groupies umgeben sind.

Das Gefühl, an diesen absurden Stellen sozusagen im falschen Film zu sein, wird dadurch verstärkt, dass der Roman hier stark in einen umgangssprachlichen Slang abdriftet, der in die zitierten Genres des Abenteuer-, Liebes- oder Agentenromans hineinpassen könnte. In der Szene mit Metzger heißt es zum Beispiel, Oedipa wolle sich „in der Röhre“ Bonanza ansehen oder sie habe, nach Metzgers ersten Verführungsversuchen nun „endlich kapiert“, dass „alles nur Geschwätz“ sei. Im Kontrast zu den absurden Handlungselementen und Ausflügen in andere Genres steht aber Oedipas Suche nach dem Sinn der Symbole und Zusammenhänge, die sie vorfindet. Hier wird auch die Sprache wieder ernst und beschreibt Oedipas innere Konflikte und Zweifel sehr eindringlich. Oedipa ist im Gegensatz zu den sie umgebenden, absurden Nebenfiguren selbst keine Karikatur, sondern als Stellvertreterin des Lesers, eine ernsthafte Betrachterin des ganzen Durcheinanders.

„Erkenne Dich selbst!“

Trotz aller Absurditäten gilt „Die Versteigerung von No. 49“ vielleicht deshalb als Thomas Pynchons zugänglichster Roman, weil man ihm anmerkt, dass er interpretiert werden will und Pynchon die Schlüssel dazu einigermaßen freigiebig herausgibt und am Ende des Textes sogar selbst ziemlich klar ausführt, was Oedipas Suche nach Trystero und dem verschwörerischen Netzwerk bedeuten soll. Ein erster Hinweis ist natürlich ihr Name. So wie dem König Ödipus wird auch ihr ein Rätsel aufgegeben, durch den verstorbenen Millionär Inverarity, der die Rolle der Sphinx übernimmt. Und wie in der antiken Sage ist die Aufgabe schwieriger und gefährlicher, als es zuerst den Anschein hat. Ödipus hat die berühmte Frage nach dem Wesen, das sich zuerst auf vier, dann auf zwei und dann auf drei Beinen fortbewegt schnell beantwortet. Die dahinter stehende, eigentliche Aufgabe „Erkenne Dich selbst!“ treibt Ödipus aber in Verzweiflung und Untergang. Auch in Oedipas Fall ist der durch Inverarity gegebene Auftrag der Testamentsvollstreckung zunächst banal, aber daraus ergibt sich die schwierige Aufgabe, die tieferen Zusammenhänge in der von ihm hinterlassenen Stadt, oder wie sich später herausstellt, dem gesamten Land, seiner kulturellen Ursprünge und Oedipas eigene Rolle darin zu verstehen.

Eine weitere aufschlussreiche Parallele, die Pynchon andeutet, ist ein berühmtes Gedankenexperiment des schottischen Physikers James Clerk Maxwell. In einem Kasten mit zwei getrennten Kammern befindet sich Luft und in beiden Kammern herrscht die gleiche Temperatur. Angenommen es gebe ein Wesen, ein später so genannter Maxwellscher Dämon, der durch bloßes Hinsehen die schnellen Luftteilchen von den langsameren unterscheiden könne. Dieses Wesen könnte dann eine Öffnung zwischen den beiden Kammern so öffnen und schließen, dass sich in einer der Kammern die schnelleren Teilchen ansammeln und die Temperatur dort also ansteigt. Eine solche Anordnung würde den zweiten Hauptsatz der Thermodynamik verletzen, und man könnte damit eine Maschine konstruieren, die praktisch aus dem Nichts Energie erzeugt. Spätere Physiker haben auf gewisse Probleme dieses Gedankenexperimentes hingewiesen und aus dieser Diskussion ist unter anderem ein Entropiebegriff der Informationstheorie hervorgegangen.

Hoffen auf den Maxwellschen Dämon

Oedipa trifft während ihrer Recherchen auf einen Erfinder, der behauptet, genau eine solche Maschine zur Energiegewinnung mittels Maxwellschem Dämon gebaut zu haben. Natürlich funktioniert sie nicht, so sehr Oedipa auch versucht, sie durch die Kraft ihrer Gedanken in Gang zu setzen. Die Unfähigkeit des angeblich in der Maschine sitzenden Wesens, die schnellen von den langsamen Luftpartikeln zu trennen, ist ein Bild für Oedipas eigenes Scheitern beim Sortieren der sie umgebenen Zeichen. Oedipa befindet sich in einem System mit erheblicher Entropie. Alles könnte wahr oder falsch sein und könnte einen Sinn haben, oder auch nicht. Die in den Roman eingestreuten Songs der Paranoids und anderer Nebenfiguren haben, genau wie die absurden Nebenhandlungen und popkulturellen Referenzen, entweder eine Bedeutung für Oedipas Suche, oder eben nicht. Für die Erklärungen zum Posthorn-Symbol und dem ominösen Trystero, die sie von Briefmarkenexperten, Literaturprofessoren und Zufallsbegegnungen erhält, gilt dasselbe.

Pynchon stellt am Ende des Romans klar, dass es sich bei dem undurchschaubaren Erbe, das Pierce Inverarity seiner Oedipa hinterlässt, und in dem sie sich zwischen widersprüchlichen Zeichen unklarer Bedeutung zu verlieren droht, um Amerika handelt. Die amerikanische Kultur, die aus einer rätselhaften, schon ins mystische abgedrifteten europäischen Vergangenheit hervorgegangen ist, die sich aus widersprüchlichen Quellen nur noch schwer nachvollziehen lässt, ist in dieser Deutung nun in einer mit grellen popkulturellen Symbolen überladenen Gegenwart angekommen, in der niemand mehr wissen kann, welche der überall verbreiteten Zeichen überhaupt noch etwas aussagen. In den sechziger Jahren konnte Pynchon das Internet nicht vorhersehen, aber im Hinblick auf das heutige Überangebot an in Wahrheits- und Bedeutungsgehalt nicht mehr einsortierbarer Information war der Roman beinahe prophetisch. Oedipa verzweifelt bereits an dieser Unentscheidbarkeit, die sich heute noch um ein Vielfaches gesteigert hat.

Pynchon deutet an, dass diese Entwicklung nicht beliebig weitergehen kann. Nachdem Metzger verschwunden, der Psychiater wahnsinnig geworden und Oedipas Ehemann dauerhaft in einen LSD-Trip abgedriftet ist, besteht die Gefahr, dass auch die klar denkende Oedipa selbst nicht mehr lange durchhalten wird. Der Roman steuert auf ein bestimmtes, alles entscheidendes Ereignis hin, das entweder Klarheit schaffen, und alle Fragen beantworten soll, oder Oedipa zur Kapitulation zwingen wird. Es ist nicht ganz klar, was diese Alternative übertragen auf Amerika bedeuten soll, aber es ist eine düstere Warnung vor einem irgendwie gearteten Zusammenbruch der bestehenden Unordnung.

Dieselbe Sogwirkung, die Oedipa in ihre immer tiefer gehende Suche hineinzieht, reißt auch den Leser in diesen Strudel mit. „Die Versteigerung von No. 49“ ist ein mitreißender, geistreicher und sehr lesenswerter Roman.