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Dem Pariser Bibliothekar Abraham-Hyacinthe Anquetil-Duperron gelingt um die Mitte des achtzehnten Jahrhunderts die erste Übersetzung des Zend-Avesta, der heiligen Schrift der durch den alt-iranischen Propheten Zarathustra gegründeten zoroastrischen Religion. Nebenbei macht Anquetil-Duperron bei der Übersetzungsarbeit eine Beobachtung, die noch Jahrhunderte später Philosophen und Historiker faszinieren soll: Zarathustra hat vermutlich im sechsten Jahrhundert vor Christus gelebt und war daher Zeitgenosse des Konfuzius und auch des griechischen Philosophen Pherekydes, der als Lehrer des Pythagoras bekannt ist. Diese Gleichzeitigkeit ist deshalb bemerkenswert, weil die drei bedeutenden Zeitgenossen in sehr ähnlicher Weise das Denken ihrer jeweiligen, sehr weit von einander entfernten Kulturen nachhaltig verändert haben.

Anquetil-Duperrons Beobachtung ist die Geburtsstunde einer Theorie, oder vielleicht besser eines Diskurses, der später von Karl Jaspers unter dem Begriff „Achsenzeit“ zusammengefasst wird. Zunächst aber entwickelt sich die ursprüngliche Beobachtung weiter und nimmt mehr Fahrt auf, indem andere Sprach- und Kulturgelehrte dem antiken Trio der Zeitgenossen weitere Namen hinzufügen. Auch Laotse, der alttestamentarische Prophet Jesaja (der jüngere), die griechischen Philosophen Parmenides und Xenophanes, und schließlich Buddha waren weitere Zeitgenossen des Zarathrustra, Konfuzius und Pherekydes. Es scheint, als ob zur selben Zeit in beinahe allen Hochkulturen der damaligen Welt herausragende Persönlichkeiten auftauchten und in ihrer Umgebung einen geistigen Umbruch auslösten, der sich als eine Abkehr von einer in Mythen und Traditionen festgefahrenen Antike und einer Bewegung hin zu einem neuen Verständnis des Transzendenten und zu einer umfassenden Weltsicht ausdrückt. Dieses neue Denken, das neue Verständnis des Transzendenten und der Welt als Ganzem, nimmt in den verschiedenen beteiligten Kulturen unterschiedliche Formen an, aber in jedem Fall handelt es sich um eine Alternative und offenbar um einen geistigen Fortschritt im Vergleich zum Polytheismus und zu Ansammlungen von willkürlich und haarsträubend erscheinenden Mythen. In der griechischen Kultur ist es der Schritt von den launischen Göttern des Olymp zu einer von Logik und Ideen beherrschten Weltsicht, in der jüdischen Kultur ist es der Schritt vom Poly- zum Monotheismus mit einer umfassenden Heilsgeschichte als resultierendem Weltbild, und im fernen Osten ist es die Entstehung des Taoismus und des Buddhismus. Alle diese Formen des neuen Denkens haben in Gestalt der Weltreligionen oder philosophischer Theorien bis heute überlebt und es scheint deshalb angebracht, dieses sechste Jahrhundert vor Christus mit seiner auffälligen Häufung großer Denker als die Wiege des modernen Denkens zu betrachten.

In seinem Buch „Achsenzeit – Eine Archäologie der Moderne“ zeichnet der Ägyptologe Jan Assmann den Lebensweg nach, den diese Idee seit Anquetil-Duperrons Entdeckung genommen hat. Die wichtigsten Anhänger und Kritiker der Auffassung, dass es mit diesem gleichzeitigen Auftreten der Geistesgrößen etwas Entscheidendes auf sich hat, kommen in chronologischer Reihenfolge zu Wort. Seinen Höhepunkt erfährt dieser Standpunkt im Werk des Philosophen Karl Jaspers, dem das längste Kapitel des Buches gewidmet ist. Für Jaspers, der während des Nazi-Regimes in die innere Emigration gegangen ist, bedeutete Anquetil-Duperrons Beobachtung nichts Geringeres, als dass sich alle modernen Kulturen weltweit auf einen gemeinsamen Nenner bringen lassen, der seinen Ursprung in der Mitte des ersten Jahrtausends vor Christus hat. Der damals gemeinsam getane kulturelle Schritt verbindet die Kulturen bis heute. Der Europäer findet bekanntes Denken wieder, wenn er die Schriften von Laotse oder Konfuzius liest. Es gibt also in der Achsenzeit einen gemeinsamen Kern einer kulturellen Weltgemeinschaft, das heißt: einer Menschheit. Jaspers hat damals für sein auf Verständigung zwischen den Kulturen zielendes Werk den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels erhalten, und auch Jan Assmann ist nun mit diesem Preis ausgezeichnet worden.

Aber es gibt wie gesagt auch Kritik an dieser Deutung der sogenannten Achsenzeit. Vielleicht sind die beteiligten Kulturen doch weiter von einander entfernt, als es scheint. Zum Beispiel muss der in der jüdischen Kultur vollzogene Schritt vom Polytheismus zur monotheistischen Jahweh-Religion insbesondere wegen der damit verbundenen Heilsgeschichte des jüdischen Volkes vielleicht doch als ein einzigartiges, nicht mit den anderen zeitgleichen Entwicklungen vergleichbares Phänomen betrachtet werden. Der Philosoph Eric Voegelin hat ein damit zusammenhängendes, ganz grundsätzliches Problem mit Jaspers‘ Deutung: für ihn ist Kulturgeschichte relational, das heißt, die Entwicklung einer Kultur drückt sich im Vergleich zu anderen Kulturen aus. Welchen Sinn macht es dann, von einem gemeinsamen kulturellen Ursprung und überhaupt von der gesamten Menschheit zu sprechen? Das Problem erinnert an Zygmunt Baumans Bemerkung in „Retrotopia“, dass die gesamte Menschheit die erste Gemeinschaft in der Geschichte wäre, die nicht durch eine Abgrenzung gegen „die anderen“ zusammengehalten werden kann.

Auch der Autor selbst, der Ägypten-Experte Jan Assmann, steht dem Achsenzeit-Phänomen kritisch gegenüber. Denn was ist eigentlich mit der Ägyptischen Hochkultur? Sie will nicht so richtig in diese Theorie hineinpassen, wie Assmann an mehreren Stellen seines Buches betont. Denn manche Aspekte, die angeblich diese Achsenzeit in der Mitte des ersten Jahrtausends vor Christus als etwas besonderes, weltweit Verbindendes auszeichnen, sind in der Geschichte der Ägyptischen Kultur schon deutlich früher zu finden. Es ist deshalb fraglich, ob es diese Merkmale wirklich gibt, die die Achsenzeit und die an ihr beteiligten Kulturen definieren. Außerdem fällt auf, dass keiner der Achsenzeit-Theoretiker bisher in der Lage war, zu erklären, wie es zu diesem Phänomen kommen konnte. Dass es zwischen diesen entlegenen Orten der damaligen Welt eine Kommunikation gab und Laotse beispielsweise Kenner der jüdischen Kultur gewesen sein soll, wurde schnell verworfen. Auch der Versuch, das gleichzeitige Auftreten gewisser Entwicklungen mit dem ähnlichen Alter und dem daraus resultierenden gleichzeitigen Erreichen kulturhistorischer Entwicklungsstufen zu erklären, ergab keine zufriedenstellende Antwort auf die Frage nach dem Warum? War vielleicht also doch göttlicher Wille im Spiel, der durch die Inspiration herausragender Individuen an allen Orten die ganze Welt gleichzeitig in eine neue Epoche führen wollte?

Ganz am Ende des Buches gibt Jan Assmann eine faszinierende und gewissermaßen desillusionierende Antwort auf die Fragen nach dem Wie und dem Warum. Nicht unbedingt die Entwicklungen der Achsenzeit selbst, des fünften und sechsten Jahrhunderts vor Christus, waren entscheidend, sondern die weltweit gleichzeitige Herausbildung gewisser kultureller Techniken etwas später, im dritten Jahrhundert vor Christus. Hier wurde damit begonnen, Schriften zu kommentieren, sie in Bibliotheken zu organisieren und zu kanonisieren, das heißt, sie in das „kulturelle Gedächtnis“ aufzunehmen. Die ersten Schriften, die hierfür zur damaligen Zeit zur Verfügung standen, waren eben jene von Laotse, Konfuzius, Zarathustra, Jesaja und den vorsokratischen griechischen Philosophen. Nur durch die nachträgliche Aufbereitung und Konservierung wurden sie zu den Klassikern, die sie bis heute sind, und als die sie die Kulturen über die Jahrtausende hinweg geprägt haben.

Nicht schon durch schriftliche Aufzeichnung, sondern erst durch Kanonisierung und Kommentierung sind Homer und Jesaja, Zarathustra und Buddha, Laotse und Konfuzius unsterblich geworden. Kanon und Exegese erschließen einen Raum virtueller Gleichzeitigkeit, der uns zu Gesprächspartnern jahrtausendealter Vorgänger und fernster Nachgeborener macht.

Jan Assmann hält diese einleuchtende Erklärung am Ende seines Buches so kurz und nüchtern, dass man glauben könnte, er befürchte damit die Achsenzeit-Debatte zu entzaubern und vielleicht sogar zu beenden. Denn man erhält durch den in diesem Buch gebotenen Rückblick den Eindruck, dass der Achsenzeit-Diskurs in die Jahre gekommen ist und mit dem Werk von Jaspers seine beste Zeit schon hinter sich hat. So wie einige der in diesem Buch zitierten Philosophen die Entwicklung einer Kultur mit dem Lebenslauf eines Menschen vergleichen, drängt sich dieser Vergleich nun auch für die Achsenzeit-Debatte selbst auf, die mit ihren ersten Denkern Anquetil-Duperron, Rèmusat, Röth und Stuart-Glenny eine Kindheit und Jugendzeit voller wilder Spekulation und Ratlosigkeit durchgemacht hat, dann mit den reiferen Beiträgen von Karl Jaspers, Alfred Weber und Jürgen Habermas erwachsen geworden ist, und danach in den wissenschaftlichen Arbeitskreisen des Shmuel Eisenstadt und in Theorien Robert Bellahs mit gewissen Relativierungen und Auflösungserscheinungen zu kämpfen hat und eine Art Greisenalter erreicht.

Aber es ist eindeutig nicht Assmanns Absicht, mit diesem Buch einen Schlusspunkt unter die Debatte zu setzen. Vielmehr betont er wiederholt, dass insbesondere Jaspers‘ die Kulturen weltweit mit einander verbindender Ansatz neu bedacht werden müsse und dass es sich lohne, über das Phänomen der Achsenzeit wieder neu nachzudenken. Hierfür ist dieses scharfsinnige und in seiner Kritik ehrliche Werk ein guter Ausgangspunkt und insgesamt ein faszinierendes Buch.