„Der Aufruhr der Ausgebildeten“ fasst die internationalen Proteste des Jahres 2011 zusammen. Obwohl das Buch schon im März 2012 erschienen ist, nur ein Jahr nach den Umstürzen des „Arabischen Frühlings“ und wenige Monate nach der Räumung des Occupy-Wall-Street-Camps in New York – zu einer Zeit, als noch nicht sicher schien, ob die Occupy-Bewegung wirklich schon zu Ende war – präsentiert Wolfgang Kraushaar hier bereits nicht nur eine Chronologie sondern auch eine Analyse der Proteste und betont ihre Verbindungen unter einander.

Ein wesentliches Ergebnis dieses Vergleichs steckt bereits im Titel: Die Hauptakteure waren sowohl auf den Plätzen von Kairo, Madrid, Lissabon, Tel Aviv, als auch in den Occupy-Camps in New York und Frankfurt die „Ausgebildeten“. Die Proteste wurden an allen Orten von überwiegend jungen Demonstranten getragen, die sich trotz überdurchschnittlichen Schul- und Universitätsabschlüssen in beruflicher und finanzieller Perspektivlosigkeit sahen, angefangen beim 26-Jährigen Tunesier Mohammed Bouazizi, der sich vor dem Gouverneurssitz aus Verzweiflung selbst in Brand setzte, über den gleichaltrigen Fabio Gándara, den Gründer der spanischen Bewegung ¡Democracia Real Ya! (Echte Demokratie jetzt!), bis hin zu den Besetzern des Zuccotti-Parks in Manhattan, deren Mehrheit jünger war als 34 Jahre (64,2%) und ein College besucht hatte (92,1%). Trotz sehr unterschiedlicher politischer Rahmenbedingungen in den jeweiligen Regionen erscheinen die Ursachen und wesentlichen Antriebe hinter den Protesten des Jahres 2011 hier als globale Phänomene: die Entwertung von Bildung und Ausbildung  und eine bedrückende soziale und finanzielle Unsicherheit ohne Ausweg.

Besonders interessant sind Passagen, die Kraushaar aus den Erklärungen der jeweiligen Protestorganisationen zitiert. Hier wird unter anderem deutlich, wie die Strömungen auf einander Bezug genommen und sich in einem größeren Zusammenhang gesehen haben. Die ägyptischen Demonstranten etwa nennen die tunesische Revolution als ihr Vorbild, und in der E-mail der Adbusters-Redaktion, die zu Occupy Wall Street aufruft, heißt es: „Seid ihr bereit für einen Tahir-Moment?“, in Bezug auf die Demonstrationen auf dem Tahir-Platz in Kairo. Dass die Occupy-Bewegung den Arabischen Frühling zwar zu ihrem Beginn als initiale Inspiration betrachtet, später aber eine Rückkopplung in der Form eines klares Bekenntnisses zu den arabischen Demonstranten versäumt, ist hingegen Teil ihres Scheiterns und Vorzeichen ihres schnellen Endes. So schreiben ägyptische Demonstranten hellsichtig über ihren Kampf gegen das Mubarak-Regime: „Wenn sie es schaffen, unseren Widerstand zu ersticken, dann wird das eine Prozent gewinnen – in Kairo, New York, London, Rom – überall.“ Kurze Zeit später ist Occupy zu Ende. Auf das globale Problem waren die Proteste in ihrer Gesamtheit vielleicht doch nur die Andeutung einer globalen Antwort. Kraushaar betont am Ende, dass die Probleme bestehen bleiben, und seit Erscheinen des Buches hat sich daran sicher nichts geändert. Das Buch bleibt ein wertvoller Überblick über eine turbulente Ära.