dieser Text als Podcast-Episode

Die göttliche Familie der griechischen Antike hat ihre ganz eigenen Probleme. Die Erde Gaia und der Himmel Uranos zeugen eine erste Generation von Nachkommen, die Titanen, aber Uranos findet alle seine Kinder so hässlich, dass er sie in den Mutterboden zurückstopft. Die Erde wehrt sich dagegen und stiftet ihren Jüngsten, Kronos, dazu an, den eigenen Vater gewaltsam zu kastrieren. Kronos wird wiederum durch seinen eigenen Sohn Zeus in einer spektakulären Schlacht besiegt, in Ketten gelegt und in den unterirdischen Tartaros verbannt. Damit steigt Zeus zur Spitze der olympischen Hierarchie auf und zeugt mit verschiedenen Partnerinnen einen gigantischen Stammbaum von Göttern und Halbgöttern.

Das alles und noch viel mehr berichtet Hesiods „Theogonie“, das älteste überlieferte Werk der griechischen Literatur. Raoul Schrott hat es vor ein paar Jahren neu ins Deutsche übersetzt und über den historischen Kontext einen ausführlichen Kommentar angefügt, der auf das Werk und auf Hesiods Rolle in der Literaturgeschichte ein interessantes Licht wirft. Von besonderer Bedeutung sind hierfür die Musen, die Hesiod am Anfang der „Theogonie“ anruft, damit sie ihm die darauf folgende Dichtung über die Götter eingeben:

Heil euch ihr töchter des Zeus! Legt mir eure lieder süss in den mund

um das heilige geschlecht der ewig unsterblichen zu preisen […]

Damit erfüllen sie die Funktion, die man aus späteren Werken von Musen kennt: sie inspirieren den Dichter und durch ihre Eingebung ermöglichen sie das Kunstwerk. Auf den Aspekt der Künstler-Gehilfinnen wurden sie aber erst im Lauf der Geschichte von Hesiods Nachahmern reduziert. Im Original ist noch klar, dass sie selbst auch Göttinen sind, die mit höheren Göttern in Verbindung stehen. Durch ihren Gesang erfährt man als Mensch überhaupt erst von den Göttern. Ihre Anrufung ist also nicht nur ein künstlerisches Stilmittel, sondern ein liturgischer Akt.

Schrott weist in seinem Kommentar nun nach, dass Hesiod die Musen dem Vorbild einer bei den Hethitern und anderen nahöstlichen Völkern verehrten Gottheit namens Mušuni nachempfunden hat. Sowohl die Tänze als auch die Gesänge der Musen weisen Parallelen zu Riten auf, mit denen die Gottheit in diesen Kulturen verehrt wurde. Mušuni hatte dort ähnlich wie Hesiods Musen die Funktion, die Verbindung zu älteren Göttern herzustellen und diese heraufzubeschwören. Darüber hinaus hatte sie ordnende und richtende Aufgaben. Offenbar hat Hesiod den Kult um Mušuni durch Kontakt zu östlichen Kulturen gekannt und Schrott beschreibt im Detail die geographischen Rahmenbedingungen, die das möglich machten. Dass aus der einen Gottheit mehrere Musen wurden ist vermutlich durch einen Kreis niedrigerer Gottheiten zu erklären, die mit Mušuni assoziiert wurden.

Mušuni wurde in ihrem Kult gemeinsam mit einer anderen mächtigen Göttin namens Hepat verehrt, einer Art Göttermutter, die Herrschern bei wichtigen Entscheidungen beistand und auf Schlachtfeldern über Sieg und Niederlage entschied. Auch Hepat wurde von Hesiod adaptiert und trägt in der „Theogonie“ den Namen Hekate, vielleicht weil das für griechisches Publikum weniger fremd klang. Er dichtet ihr Verwandtschaftsverhältnisse zu griechischen Göttern an und betont in ihrer Beschreibung, dass sie noch die gleiche Macht genießt wie die alten Götter, die direkten Nachkommen von Uranos und Gaia, weil Zeus auf ihrer Seite ist. In der ausdrücklichen Betonung ihrer Macht und ihrer Fähigkeiten unterscheidet sich der ihr gewidmete Abschnitt auffällig von der Beschreibung der anderen Götter, von denen die meisten nur durch eine einzelne Eigenschaft charakterisiert oder nur beim Namen genannt werden. Schrott sieht hierin einen weiteren Beleg dafür, dass Hesiod die Absicht verfolgte, mit der „Theogonie“ den Kult der Mušuni  und der Hepat in seiner griechischen Heimat einzuführen.

Die unmittelbaren Umstände, unter denen Hesiod seine „Theogonie“ erstmalig einem Publikum vortrug, sind besonders interessant. Anlass war eine Feier in der Stadt Chalkis, etwa 60 Kilometer von Hesiods Heimatort Askra entfernt. Chalkis hatte im Jahr 705 vor Christus einen seiner Anführer, Amphidamas, in einer Schlacht gegen das benachbarte Eretria verloren und seitdem veranstalteten dessen Söhne regelmäßig Festspiele zu Ehren ihres gefallenen Vaters. Hesiods „Theogonie“ war ein Wettbewerbsbeitrag auf diesen Festspielen, mit dem er in der Sparte Hymnik einen Preis gewann. Vor diesem Hintergrund ergeben die unterschiedlichen Aspekte des Textes Sinn: Einerseits ist ein Fest zu Ehren eines Verstorbenen ein angemessener Anlass für liturgische Gesänge, aber nicht nur das. Es kann sein, dass sich Hesiod mit der „Theogonie“ bei den führenden Aristokraten von Chalkis indirekt um eine Stellung als Berater bewerben wollte, indem er betonte, dass er ein von den Musen Eingeweihter war, der durch sie in Kontakt mit so mächtigen, Schlachten entscheidenden Göttern wie Hekate war. Schließlich ist der Text aber, wie Schrott am Ende seines Kommentars betont, abgesehen von religiösen und eventuellen politischen Absichten auch ein Kunstwerk, mit dem erklärten Ziel, die Zuhörer zu unterhalten. Es ist der Anfang der Unterhaltungsliteratur. Dank Schrotts Erläuterungen zeigt sich in Hesiods Werk der Übergang von Mušuni zu den Musen, von Liturgie zu Dichtung, von Kult zu Kunst.

Es gibt eine Stelle, die mir in der „Theogonie“ besonders aufgefallen ist, ohne dass sie in Schrotts Kommentar weiter erwähnt wird, und zwar wenn Hesiod die Entfernungen zwischen Himmel und Erde und zwischen der Erdoberfläche und dem unterirdischen Tartaros beschreibt:

Fiele ein bronzener amboss neun nächte und tage

vom himmel herunter und schlüge er erst am zehten auf der erde ein –

und fiele er darauf weitere neun tage und nächte von der erde hinab so käme er am zehnten im Tartaros zu liegen.

Um eine unvorstellbar große Distanz zu beschreiben, benutzt Hesiod hier die Zeit, die ein sehr schneller Gegenstand braucht, um sie zurückzulegen. (Die neun Tage und Nächte sind übrigens die selbe Zeit, die Miltons Satan in „Paradise Lost“ braucht, um vom Himmel in die Hölle zu fallen.) Das ist natürlich genau das Prinzip, das auch die moderne Physik nutzt, wenn sie das Lichtjahr als Maßeinheit für kosmische Entfernungen benutzt. Aus der schnellsten vorstellbaren Bewegung der Antike, dem Herunterfallen eines Amboss, ist in der Moderne die Propagation des Photons geworden, aber es bleibt der selbe Trick.

In den östlichen Kulturen hatte man offenbar noch ein anderes Verständnis von der Entfernung zwischen Himmel und Erde. Schrott erwähnt in seinem Kommentar (in einem anderen Zusammenhang) die Legende von Ullikummi, der versucht zwei Berge über einander zu stapeln, um auf diesem Weg in den Himmel hinaufsteigen zu können. Auch Hesiod stellt sich den Sitz der Götter noch auf Berggipfeln vor, aber die mit Hilfe des Amboss beschriebene Entfernung ist bereits deutlich größer als die ein- oder zweifache Höhe eines Berges. Vielleicht liegt darin schon eine gewisse Vorahnung Hesiods, dass man doch etwas weiter ausholen muss, um das große Ganze zu beschreiben. Die Wahrheit liegt jenseits des Olymp.