Traulich und treu ist’s nur in der Tiefe | „Nullzeit“ von Juli Zeh

Sven, der Ich-Erzähler des Romans „Nullzeit“ ist leidenschaftlicher Taucher und hat irgendwann einmal ein Jurastudium abgeschlossen. Das sind aber schon die beiden einzigen Gemeinsamkeiten mit der Autorin des Romans. Denn im Gegensatz zur öffentlich sehr präsenten (manchmal vielleicht überpräsenten?) Juli Zeh, die neben ihrer literarischen, politischen und journalistischen Aktivität nicht nur eine Promotion abgeschlossen hat, sondern seit 2019 auch Verfassungsrichterin in Brandenburg ist, hat Sven der Rechtsprechung und überhaupt der ganzen von Zeh so gerne analysierten deutschen Gesellschaft den Rücken gekehrt, um sich auf Lanzarote als Tauchlehrer selbstständig zu machen.

Sven hat es gerne einfach und klar. Er liebt es, unter Wasser zu sein, weil er dort seine Ruhe hat und sich sicher fühlt. Das Verhältnis zu seiner Freundin Anja, die er aus Deutschland nach Lanzarote mitgebracht hat und die in seiner kleinen Tauchschule die Büroarbeit macht, ist eine Zweckbeziehung mit wenig Leidenschaft. Auf der kargen Insel, die hier wie ein entlegener Ort am Ende der Welt erscheint, führt er mit ihr ein sehr regelmäßiges Eremitenleben.

Seine Ruhe wird durch Jola und Theo gestört, ein Pärchen aus Deutschland, das bei ihm für viel Geld in einem Intensivkurs tauchen lernen will. Jola ist Schauspielerin in einer Daily Soap und hofft auf die Hauptrolle in einem biographischen Film über eine berühmte Taucherin, für die sie sich mit dem Kurs bei Sven vorbereiten will. Ihr Freund Theo ist etwas älter als sie und ist ein zynischer Schriftsteller, der irgendwo zwischen verkannt und gescheitert rangiert und bisher nur einen einzigen Roman geschrieben hat, wie Jola wiederholt betont.

Jola und Theo bringen ein ganzes Bündel Beziehungsprobleme und sonstigen psychischen Balast mit auf Svens einsame Insel und ziehen ihn in ihre Hassliebe hinein. Als Tauchlehrer ist er unter Wasser für die Sicherheit seiner beiden problematischen Schüler verantwortlich, die ständig nach Gelegenheiten suchen, sich gegenseitig nicht nur seelisch sondern auch körperlich zu verletzen. Die Grenzen zwischen Spaß und Ernst verschwimmen schnell. Svens Job wird noch dadurch weiter erschwert, dass Jola sehr offen mit ihm flirtet, um ihren Theo zu provozieren. Nach wenigen Tauchstunden hat Sven sich in sie verliebt, was Theo nicht entgeht. Diese Dreieckskonstellation wird dann zur echten Gefahr, als Sven sich an seinem vierzigsten Geburtstag auf eine Expedition begibt, um in tiefere Gewässer hinab zu tauchen und ein versunkenes Wrack aus dem zweiten Weltkrieg zu suchen.

Juli Zehs relativ kurzer Roman hat viele Facetten und muss gegen das abgegrenzt werden, was er trotzdem nicht ist. Insbesondere muss er ein Stück weit gegen seinen eigenen Klappentext verteidigt werden. Dort heißt es, „Nullzeit“ sei ein Psychothriller und außerdem ein „Kammerspiel über Willensfreiheit, Urteilsfindung, Schuld und Macht“. „Nullzeit“ ist zweifellos ein spannendes Buch, aber es ist schade, dass es um irgendeiner Einordnung und vielleicht auch um der Vermarktung willen der Kathegorie „Thriller“ zugeordnet wurde, die nicht hundertprozentig passt. Dieses Label nimmt einen Aspekt vorweg, der erst gegen Ende wirklich hervortritt. Eigentlich ist es nämlich nicht so, dass man als Leser die ganze Zeit um das Leben der Protagonisten bangt. Für echte Thriller-Fans wäre das Buch wahrscheinlich ein zu leichter Stoff.

Auch um das angekündigte „Kammerspiel“ über hochtrabende letzte Fragen handelt es sich bei diesem Roman eigentlich nicht. Es geht um die zwischenmenschliche Reibung, die in einer erfolgsorientierten und auf Geld und Berühmtheit fixierten Gesellschaft entsteht. Aus Svens Sicht ist das die hässliche, deutsche Gesellschaft, die er zurücklassen wollte, und von der er nun in Form zweier von diesen Untugenden besonders belasteter Landsleute in seinem Exil wieder heimgesucht wird. Jola und Theo stehen für das, wovor er geflohen ist, aber was ihn andererseits auch wieder anzieht. In diesem Spannungsfeld wird der scheinbar ambitionslose und schlichte Tauchlehrer zur interessantesten der drei Figuren. Der äußerliche Beziehungs-Machtkampf zwischen Jola und Theo weckt in Sven einen inneren Konflikt zwischen dem, was er in Lanzarote gesucht und was er in Deutschland zurückgelassen hat. Die Projektion der Gesellschaftskritik und der Aussteiger-Idee auf diese kleine Anzahl von Akteuren an einem entlegenen Ort hat zwar den Charakter eines „Kammerspiels“, aber es wäre zu viel gesagt, dass der Roman Theorien über Schuld und Macht entwickelt. Das Buch ist kein Unterwasser-Dostojewski.

Nachdem der Roman das alles nicht ist, bleiben die weniger marketingtauglichen Begriffe übrig. Es ist einfach eine unterhaltsame, sehr gut geschriebene Erzählung über eine Beziehung am Limit und es ist die gelungene Charakterstudie eines Aussteigers. Die eigentliche Stärke des Buches ist kein mörderischer Thrill und es ist auch nicht die Gesellschaftskritik. Beide Facetten sind da, aber Juli Zeh hat es damit glücklicherweise nicht übertrieben. Es gibt zwar eine Szene, in der Sven, Jola und Theo mit einer schrillen Regisseurin, einem herablassenden Literaturkritiker und ein paar anderen B-Prominenten zu Abend essen – Figuren, die die wohl sämtliche Macken des deutschen Kulturbetriebs repräsentieren sollen – aber davon abgesehen versucht der Roman sich nicht als Gesellschaftssatire oder Spiegel, der irgendwem vorgehalten werden soll. Stattdessen wird er von dem Spannungsfeld getragen, das zwischen dem verlässlichen Sven und der unberechenbaren Jola mit ihrem rätselhaften Theo entsteht, und das deshalb so interessant ist, weil diese Figuren und ihre Eigenheiten stimmig und einfach gut geschrieben sind. „Nullzeit“ ist also vor allem gute Unterhaltung und ein Beweis für Juli Zehs erzählerisches Können.


Titelbild: @fotografie_akd


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