Die große Klage | „Doktor Faustus“ von Thomas Mann

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In den mehr als siebzig Jahren seit seiner Veröffentlichung ist sicher alles über diesen Roman gesagt worden, aber trotzdem hier ein kurzer Punkt dazu. Erst das Allgemeine: „Doktor Faustus“ ist die Lebensgeschichte des Komponisten Adrian Leverkühn, erzählt von seinem Freund Serenus Zeitblom. Letzterer ist Gymnasiallehrer für alte Sprachen und drückt sich entsprechend altertümlich aus, womit Thomas Mann seinen eigenen Stil übersteigert und den Roman zu einem zwar schwer verdaulichen aber auch sprachlich eleganten, extravaganten Kunstwerk werden lässt. Die Bezeichnung Adrian Leverkühns als „Tonsetzer“ im Untertitel des Romans deutet den eigenwilligen Stil bereits an und ist vielleicht als eine Vorwegnahme eines zentralen Punktes der Handlung zu verstehen. Denn Leverkühn glaubt, dass er seine Werke eigentlich nicht selbst komponiert, sondern die Töne eines anderen aufs Papier setzt – Eingebungen, die ihm vom Teufel persönlich in die Feder diktiert werden. Mit diesem hat er nämlich in jungen Jahren einen Vertrag mit folgendem Inhalt geschlossen: Der Teufel bekommt Adrian Leverkühns Seele, an der er schon seit dessen Geburt großes Interesse hat, und wird sie eines Tages in die Hölle aufnehmen und sie dort ewige, unvorstellbare Qualen erleiden lassen. Dies alles wird Leverkühn vom Teufel selbst, der zu den Vertragsverhandlungen persönlich in seinem Arbeitszimmer auftaucht und in wechselnden Gestalten einen ausführlichen Dialog mit ihm führt, eindrucksvoll und beklemmend geschildert. Es gibt in diesem Vertrag nichts Kleingedrucktes, der Tonsetzer weiß, worauf er sich einlässt. Als Gegenleistung für seine Seele gibt der Teufel ihm vierundzwanzig Jahre, in denen er fantastische Musik schreiben wird. Für Leverkühn, der die Musik seiner Zeit als festgefahren betrachtet, erscheint dieses Angebot besonders deshalb so verlockend, weil er in der Unterstützung des Teufels die einzige Möglichkeit sieht, überhaupt noch etwas nie dagewesenes zu erschaffen. Handwerk und Theorie des Komponierens hat Leverkühn erlernt und – ach! – Theologie hat er natürlich auch studiert.

Noch eine weitere Klausel enthält der Vertrag zu Leverkühns Nachteil, nämlich ein striktes Liebesverbot. Alle Menschen, die ihm etwas bedeuten, werden ihm genommen. Und so passiert es dann tatsächlich. Leverkühn komponiert vierundzwanzig Jahre lang aufsehenerregende Musik und lebt zum Preis dafür in Abgeschiedenheit. Zwei Menschen, die er dann doch zu nah an sich heran lässt, sterben gleich darauf. Der eine ist der Konzertgeiger Rudi Schwertfeger, mit dem Leverkühn eine enge, andeutungsweise erotische Freundschaft verbindet, und der, als Leverkühn ihn nicht mehr auf Distanz hält, von einer eifersüchtigen Liebhaberin erschossen wird. Der andere ist Leverkühns fünfjähriger Neffe.

Hier gibt es eine auffällige Parallele zu Thomas Manns erstem Roman „Buddenbrooks“ – und wer sich davon noch überraschen lassen will, sollte jetzt nicht weiterlesen. In beiden Romanen stirbt gegen Ende ein Kind an einer tödlichen Krankheit. In „Buddenbrooks“ ist es Hanno, mit dessen Tod die Dynastie der Lübecker Kaufleute zu Ende geht. Man hat ihn gerade noch in der Schule sitzen sehen, wie er die Eigenheiten seiner Lehrer beobachtet, da kommt abrupt das berühmte vorletzte Kapitel: „Mit dem Typhus ist es folgendermaßen bestellt…“. Es ist eine medizinisch-nüchterne Beschreibung über den typischen Verlauf der Krankheit, und obwohl nicht einmal erwähnt wird, dass Hanno an ihr erkrankt war, versteht man am Ende des Kapitels, dass er an ihr gestorben ist. Die Erschütterung darüber drückt sich im Kontrast des Unausgesprochenen zu der distanzierten Abhandlung aus und der Tod des Kindes bleibt auch für die verbleibenden Figuren bis zum Ende des Romans das Unsagbare.

In „Doktor Faustus“ ist es der fünfjährige Nepomuk Schneidewein, Adrian Leverkühns Neffe, der an einer Hirnhautentzündung stirbt. Hier allerdings wird das schreckliche Ereignis nicht erzählerisch elegant den gedanklichen Ergänzungen des Lesers überlassen, sondern es wird in grausamer Detailtreue geschildert. Man muss mit ansehen, wie das liebenswerte Kind sich erst immer häufiger erschöpft zurückzieht, um zu schlafen, wie es laute Stimmen nicht mehr erträgt, über heftige Kopfschmerzen klagt, von krampfhaftem Erbrechen heimgesucht wird und am Ende jegliche Kontrolle über seinen Körper verliert. Das Schreckliche wird hier aus nächster Nähe gezeigt. Das passt zum düsteren Grundton von „Doktor Faustus“, den es bei „Buddenbrooks“ so nicht gab, aber ich denke es erfüllt hier zusätzlich noch eine ganz bestimmte Funktion.

Zuerst noch eine weitere Gemeinsamkeit: In beiden Fällen steht die tödliche Krankheit für ein höheres Prinzip. Das physische Leiden ist Ausdruck einer rein geistigen Ursache. In Hanno Buddenbrooks Fall ist es die „Verneinung des Willens zum Leben“, mit der Thomas Mann auf „Die Welt als Wille und Vorstellung“ des im Roman vorher schon zitierten Schopenhauer verweist, denn Hanno hätte den Typhus wohl überleben können, so wird angedeutet, hätte ihm nicht ein starker Lebenswille gefehlt. Bei Nepomuk Schneidewein hingegen erinnern die Symptome der Hirnhautentzündung an den Wahnsinn eines von einem Dämon, also in diesem Fall vom Teufel selbst besessenen. Diese Deutung der Krankheit ist beabsichtigt, aber der Erzähler übernimmt sie nicht selbst, sondern überlässt sie Adrian Leverkühn. Für Leverkühn ist klar, dass er den geliebten Neffen zu nah an sich heran gelassen hat und nun die Schuld dafür trägt, dass der Teufel ihn aus dem Leben reißt, so wie es vertraglich beschlossen war.

Mit dieser Schuld kann Leverkühn nicht mehr leben. Die vierundzwanzig Jahre sind abgelaufen und an einem letzten Konzertabend, zu dem er einen Teil der höheren Münchner Gesellschaft in seine ländliche Residenz einlädt, gesteht der verwahrloste und offenbar wahnsinnig gewordene Künstler seinem höchst irritierten Publikum in einer dramatischen Ansprache seinen Pakt mit dem Teufel. Es bleibt der Deutung des Lesers überlassen, ob es der Glaube an einen solchen Pakt und die Last der Schuldgefühle am Tod des kleinen Neffen sind, die ihn in den Wahnsinn getrieben haben, oder ob tatsächlich der Teufel am Werk ist und nun die ihm versprochene Seele mitnimmt. Leverkühn sinkt nach seinem Geständnis am Klavier zusammen und ist danach, in der Nachrede des Romans, in der Serenus Zeitblom scheinbar nur um der Vollständigkeit willen das Leben seines Freundes zu Ende erzählt, nicht mehr er selbst. Er ist psychisch krank, fortschreitend dement. Die ungewollte Rückkehr des großen Künstlers in sein Heimatdorf als Pflegefall, gegen seinen Willen versorgt von seiner Mutter, und die letzten Begegnungen mit dem Freund Zeitblom, den er am Ende nicht mehr erkennt, bilden den sehr düsteren Ausklang des Romans. Alles Schöne muss vergehen, weil es nicht sein darf – diese verzweifelte Erkenntnis Leverkühns nach dem Tod seines Neffen scheint sich am Ende auch an seinem eigenen Leben zu bewahrheiten.

Die ganze Lebensgeschichte des großen Komponisten und insbesondere sein Niedergang am Ende werden von Zeitblom, der Leverkühn überlebt und die Geschichte während des endenden Zweiten Weltkriegs aufschreibt, als Parallele zum Untergang des „Dritten Reichs“ erzählt. Genau wie Leverkühn ist auch das deutsche Volk vom Teufel besessen, der in Leverkühns Arbeitszimmer ja schon gezeigt hat, dass er verschiedene Gestalten annehmen kann, und offenbar in der Person Adolf Hitlers seinen Pakt mit den Deutschen geschlossen hat. Thomas Mann, der hier mit der Stimme Zeitbloms als patriotischer Emigrant spricht, kommt zu dem schmerzlichen Schluss, dass aber nicht nur der Teufel schuld war. Die Veranlagung zum Nationalsozialismus und seinem Grauen lag schon in der „deutschen Seele“ bereit, so wie auch die Kälte und der Hang zum Teuflischen von Anfang an in Adrian Leverkühns Seele existiert hatten, und nur geweckt und übertrieben werden mussten, um in den Wahnsinn zu führen. Auch der Roman selbst hat seine eigene Parallele, sein Spiegelbild, im Roman, in der Form der letzten großen Komposition Leverkühns, einem Stück namens „Doktor Fausti Weheklag“. Diese Komposition ist ein hoffnungslos düsterer musikalischer Klageruf mit der klassischen Geschichte des Doktor Faustus als Thema. Leverkühn drückt hierin die Verzweiflung über seinen eigenen Teufelspakt aus, während Thomas Manns Roman „Doktor Faustus“ eine große Klage über das vom Nationalsozialismus besessene und mit ihm untergegangene Deutschland ist.

Bei aller Verzweiflung gibt es aber einen wunderbar beschriebenen Hoffnungsschimmer. Leverkühns durchweg düstere Komposition endet mit einem langen Ton, und erst nachdem dieser verklungen ist, entsteht laut Zeitbloms Beschreibung, weil man den Ton in der Stille noch zu hören glaubt, eine Ahnung davon, das es trotz aller Verzweiflung doch noch weitergehen und sich zum Guten wenden kann. So wie Zeitblom hier das Ende des Werkes seines Freundes interpretiert, will Thomas Mann vielleicht auch seinen Roman, der ebenfalls in Verzweiflung endet, gelesen wissen und ihm auf diese Weise – unausgesprochen – ein hoffnungsvolles Ende verleihen.

Vorher noch, während Leverkühns Monolog, in dem er der versammelten Münchner Gesellschaft sein Bündnis mit dem Teufel gesteht, gibt es einen Moment, in dem Thomas Mann auch zeigt, wie er seinen Roman nicht gelesen wissen will. Während Leverkühn bewegt und um die richtigen Worte ringend seinen schrecklichen Pakt gesteht und die Mehrheit der Zuhörer davon irritiert und entsetzt sind, ruft einer der eingeladenen Münchner Schriftsteller mehrfach dazwischen, dass er das Gesagte für „schön“ hält und gibt zu verstehen, dass er Leverkühns Geständnis als Teil einer Vorführung auffasst – als ein Kunstwerk. Dieser rein auf das Ästhetische achtende Zuhörer ist die lächerlichste Figur im ganzen Roman. Er hat offensichtlich nicht verstanden, dass das Gezeigte keine Kunst mehr ist, sondern harte Wirklichkeit. Deshalb musste auch der Tod Nepomuk Schneideweins so drastisch dargestellt werden. Thomas Mann will hier nicht mehr für seine erzählerischen, ästhetischen Kniffe gelobt werden, sondern Wahrheit und echte Betroffenheit vermitteln. Verzweifelte Klage und ein unausgesprochener Hoffnungsschimmer. Das ist der Eindruck, der am Ende bleibt, und deshalb ist „Doktor Faustus“ für mich ein großartiger Roman.

Das andere Ende der Geschichte | „Europadämmerung“ von Ivan Krastev

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Ganz am Ende des Buches, in der Danksagung, erwähnt Ivan Krastev seinen Literaturagenten, der ihn überzeugt habe, „dass nur eines schlimmer ist, als mitten in einem großen Umbruch ein Buch zu schreiben, nämlich es nicht zu schreiben“.

Mit dem großen Umbruch sind die Massenmigration und der Aufschwung des Rechtspopulismus in Europa gemeint. Krastevs ernüchternder Essay „Europadämmerung“ aus dem Jahr 2017 sieht die Europäische Union zwar von einer ganzen Reihe von schädlichen Einflüssen angegriffen, aber die „Migrationskrise“ ist es seiner Ansicht nach, die tatsächlich zu ihrem Zusammenbruch führen könnte. Die Europäische Union wäre nicht das erste multinationale Konstrukt, das auf europäischem Boden kollabiert – man denke an das Habsburgreich und die Sowjetunion. In beiden Fällen war das Ende weniger eine Zerschlagung von außen, als ein innerlicher Zusammenbruch, den Krastev nun auch für die EU befürchtet.

Der Untergang der Sowjetunion dient aber in „Europadämmerung“ nicht nur dem Vergleich sondern auch der Erklärung der Ursachen für diese Bedrohung. Zunächst betont Krastev, dass im Untergang des kommunistischen Regimes nicht nur ein Sieg der Demokratie zu sehen war, wie Francis Fukuyama in seinem berühmten Werk „Das Ende der Geschichte?“ suggerierte, sondern eine Gefahr. Als Folge auf den Kollaps waren Krisen und Traumata zu erwarten, wie der amerikanische Politikwissenschaftler Ken Jowitt zur selben Zeit prognostizierte. Vieles von Jowitts Pessimismus scheint wahr geworden zu sein.

In Fukuyamas Augen bildete Europa das Modell für die kommende liberale Weltordnung. Jowitt dagegen sah in Europa das Epizentrum der neuen Weltunordnung.

In der unterschiedlichen Geschichte diesseits und jenseits des ehemaligen Eisernen Vorhangs liegen nun Ursachen für eine sich mitten durch Europa ziehende Spaltung in der Migrationsfrage und der Akzeptanz der Rechtspopulisten. Wie kann es sein, dass gerade in Osteuropa, oft unter Menschen, die selbst von Flüchtlingen abstammen, der Rechtspopulismus in den letzten Jahren so gut Fuß fassen konnte? Eine von Krastevs Antworten ist, dass es zwischen Ost und West einen historisch bedingten Unterschied in der Wahrnehmung der politischen Eliten gibt. Die Rede ist hier von den meritokratischen Eliten, also von Führungspersonal, das durch eigene Leistungen wie herausragende Schul- und Hochschulabschlüsse und durch Bilderbuchkarrieren an die Spitze von Konzernen und Staaten aufgestiegen ist und eben auch die Spitzenbeamten der EU ausmacht. Diese meritokratischen Führungskräfte bringen die sehr wesentliche Eigenschaft mit sich, mobil zu sein, und sowohl Orte als auch Positionen mit Leichtigkeit wechseln zu können. Zum Beispiel kann man sich leicht einen hochrangigen deutschen Landespolitiker vorstellen, der nach Berlin geht um ein Bundesministerium zu übernehmen, danach eine hohe Funktion in Brüssel ausübt und seine Karriere dann im Aufsichtsrat irgendeines Konzerns beendet.

Diese anscheinend universell einsetzbaren Spitzenleute werden nicht als Kapitäne wahrgenommen, die mit einem sinkenden Schiff untergehen würden. Vielmehr haftet ihnen der Verdacht an, immer oben zu schwimmen, die Konsequenzen ihrer Fehler nicht tragen zu müssen – im Gegensatz zu denen, die von ihnen regiert werden – und aus diesem Grund nicht wirklich an der Region zu hängen, aus der ihre politische Laufbahn ursprünglich hervorgegangen ist. Hierin liegt der Unterschied zu den Spitzenbeamten des ehemaligen Ostblocks: Mögen diese auch korrupter uns skrupelloser, gewesen sein, so verband sie zumindest mit den von ihnen Regierten das Schicksal, ebenfalls nicht an einen besseren Ort entkommen zu können, wenn alles schief ging. Die Politiker des Ostblocks konnten nicht einfach in den Westen wechseln und dort als Aufsichtsrat weitermachen. Diese erzwungene Verknüpfung der Regierenden mit den Regierten steht nun im Kontrast zur Ungebundenheit der neuen Eliten und verstärkt im Osten das Misstrauen gegen letztere. Die Rechtspopulisten greifen dieses Misstrauen auf, wenn sie sich als Gegenentwurf regional fest verankerter und nur auf das Wohl des eigenen Volkes bedachter Kapitäne präsentieren.

Als einen weiteren gefährlichen Trick der Populisten, der die EU in den Abgrund treiben könnte, entlarvt Krastev das Instrument des Referendums. Die Volksabstimmung ist in Mitgliedsstaaten der Europäischen Union mehrfach nicht zur Stärkung sondern eher zum Missbrauch der Demokratie genutzt worden, wie Krastev im Detail an Beispielen aus den Niederlanden, Italien und in Ungarn zeigt. Konkrete Sachfragen wurden hier clever missbraucht, um die Ablehnung von Bevölkerungen gegen eine Regierung oder gegen die EU anzustacheln und dieser ein Ventil zu bieten. Die Tricks sind durchschaubar, wie Krastev zeigt, und umso erschreckender ist es, wie gut sie funktionieren.

„Europadämmerung“ ist eine harte Analyse. Wer sie liest, kann den Eindruck gewinnen, die EU sei am Ende. Erst ganz zum Schluss sieht Krastev eine positive Wendung: die Wahl Emmanuel Macrons in Frankreich sieht er nach dessen pro-europäischem Wahlkampf im Sommer 2017 als das Zeichen, dass es wieder bergauf geht. In ein paar Wahlniederlagen rechter Parteien aus dieser Zeit sieht er diese Hoffnung bestätigt. Aus Krastevs Sicht bedeutet diese Wendung, dass die EU kein Patentrezept braucht, um zu überleben, sondern vielleicht nur das Glück, alle Krisen irgendwie überstanden zu haben. Das Schicksal des Staatenbundes kann von Zufällen und dem Auftauchen von Einzelpersonen wie Macron abhängen. Für einen Leser im Jahr 2020 bewahrheitet sich an dieser Stelle die in dem anfänglich erwähnten Satz aus der Danksagung steckende Ahnung, dass das mitten im Umbruch geschriebene Buch die Ereignisse nicht aus der vielleicht nötigen historischen Distanz und die Entwicklungen nicht zu Ende beschreiben kann. Der Wahlsieg Macrons liegt inzwischen schon eine Weile zurück und steht heute im Schatten jüngerer Ereignisse. Aus der deutschen Perspektive ist es beispielsweise der Aufstieg der AfD, der eher die pessimistischen Passagen aus „Europadämmerung“ bestätigt. Trotzdem ist der Text sicher alles andere als bereits überholt. Die Probleme, die Krastev analysiert, haben tiefe historische Wurzeln und sind zu fundamental, um nach ein paar Jahren wieder erledigt zu sein.

Es ist eine der Stärken des Buches, dass Krastev nicht die auffälligste europäische Zerfallserscheinung, den Brexit, sondern das mittel- und osteuropäische Denken in das Zentrum seiner Betrachtungen rückt. Er selbst ist gebürtiger Bulgare und leitet ein Forschungsinstitut mit politischem, ökonomischem und sozialem Schwerpunkt und Sitz in Sofia. Eine weitere Stärke liegt in der Schonungslosigkeit und Nüchternheit von Krastevs Analysen. Gerade für heutige Leser, die noch die EU-verkitschenden Slogans des Europawahlkampfs im Ohr haben, ist „Europadämmerung“ eine willkommene Abwechslung im Tonfall und ein Zeichen, dass man sich mit der EU nicht nur ernsthaft und kritisch beschäftigen kann, sondern es auch muss, wenn einem etwas an ihr liegt. Sowohl gegen die anti-europäischen Phrasen von Rechts als auch gegen die auf Plakate gedruckten, leeren Liebesbekenntnisse selbsterklärter Vorzeige-Europäer ist eine ungeschönte, konstruktive Analyse wie „Europadämmerung“ die bessere Lektüre.

Die zu gute Recherche | „Der Friedhof in Prag“ von Umberto Eco

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Als im Jahr 2011 „Der Friedhof in Prag“ erschien, waren sich Süddeutsche Zeitung und FAZ einig, dass es sich um einen gescheiterten Roman handelte. Der Plot dieses letzten großen Werkes von Umberto Eco klingt aber zunächst eigentlich so gut, dass dieses Scheitern – wenn man sich diesem Urteil anschließen wollte – erstaunlich ist.

Der im Paris des späten neunzehnten Jahrhunderts lebende Italiener Simon Simonini wacht eines Tages mit gravierenden Gedächtnislücken auf. Ganze Tage der letzten Wochen und auch Begebenheiten seiner früheren Vergangenheit sind plötzlich aus seiner Erinnerung verschwunden. Er kann sich an Personen nicht erinnern, die er eigentlich kennen sollte, und ist sich seiner eigenen Identität nicht mehr sicher. Ein gewisser „Doktor Froïd“, dem er zufällig im Restaurant begegnet war, hatte ihm einmal erklärt, dass so etwas Leuten passieren kann, die ein traumatisches Erlebnis hinter sich haben, und dass es die beste Therapie sei, sich diese Erinnerungen durch Gespräche oder das Schreiben eines Tagebuches zurückzuholen. Simonini beginnt also, die Geschichte seines Lebens schriftlich zu rekonstruieren. Er stellt aber fest, dass diese Notizen in seiner Abwesenheit über Nacht von einer mysteriösen zweiten Person kommentiert und fortgeschrieben werden. Diese Person, die sich ihm in den Notizen als Abé Dalla Piccola vorstellt, ist sehr gut über Simoninis Vergangenheit informiert und schließt mit seinen kritischen Einschüben einige der Erinnerungslücken. Aber auch der Abé ist im Zweifel über seine eigene Identität. Das Tagebuch wird zum Briefwechsel zwischen Simonini und Dalla Piccola, der in einem mit Simoninis Wohnung verbundenen Zimmer zu leben scheint und offenbar immer dann vor Ort ist, wenn Simonini nicht zu Hause ist, und umgekehrt. Obwohl beide relativ schnell begreifen, dass sie nur zwei verschiedene Teile der selben gespaltenen Persönlichkeit sind, behalten sie diesen therapeutischen Briefwechsel aufrecht. Der größte Teil der Geschichte wird so von Simonini selbst erzählt, während sein alter ego, Dalla Piccola, in der Rolle des schlechten Gewissens verdrängte Erinnerungen ergänzt. Als dritte Instanz rückt ein beiden übergeordneter, aber keineswegs allwissender Erzähler diesen Dialog hin und wieder in einen ordnenden Rahmen zurecht.

Das Leben des Simon Simonini, das auf diese Weise rekonstruiert wird, ist das eines niederträchtigen, von Hass und Geldgier angetriebenen Fälschers und mehrfachen Mörders. Simonini wächst in Turin auf, wird von Jesuiten erzogen, nimmt an einem Feldzug des Generals Garibaldi teil, schlüpft in verschiedene Rollen und Kostüme und lässt sich im Auftrag verschiedener Geheimdienste in einige der bedeutendsten politischen Affären seiner Zeit hineinziehen. Wie könnte aus dieser brisanten Konstruktion ein schlechter Roman werden?

Das Problem ist: Das Leben des Simon Simonini ist eigentlich nicht die Geschichte, die Umberto Eco hier tatsächlich erzählen will. Es geht in Wirklichkeit um etwas anderes. „Der Friedhof in Prag“ ist nicht die Biographie des Fälschers und Mörders Simonini, sondern in erster Linie die Entstehungsgeschichte eines infamen, realen Stücks Literatur. Neben all seinen kriminellen und verräterischen Aktivitäten ist die Hauptfigur Simonini nämlich auch der anonyme Urheber der sogenannten „Protokolle der Weisen von Zion“, des berüchtigten, gefälschten Berichtes von einem angeblichen, geheimen Treffen führender Rabbiner auf dem jüdischen Friedhof in Prag, dem angeblichen Beweis für die jüdische „Weltverschwörung“. Eco vollzieht vor den Augen des Lesers im Detail nach, wie dieser Text entstanden ist und aus welchen Quellen sich sein den Geschichtsbüchern unbekannter Autor bedient haben muss. Eco hat die literarischen und politischen Einflüsse auf die Entstehung der „Protokolle der Weisen von Zion“ lange erforscht und bündelt hier nun die Information. Der geniale Trick besteht darin, alle Lücken in dieser historischen Rekonstruktion durch das Hinzufügen eines einziges Puzzle-Stücks zu schließen: der erfundenen Hauptfigur Simonini. So ist Simonini beispielsweise begeisterter Leser von Alexandre Dumas und übernimmt Motive aus dessen Romanen. Er begegnet Autoren anderer antisemitischer Schriften und schreibt bei ihnen ab, oder auch umgekehrt.  In einer ersten Version denkt sich Simonini das geheime Treffen als eine Verschwörung von Jesuiten aus, aber angetrieben vom eigenen, tief verwurzelten Antisemitismus und dem Wunsch, den Text gewinnbringend zu verkaufen, schreibt er ihn mehrfach um und lässt ihn zur umfangreichen Verschwörungstheorie anwachsen, die am Ende durch den russischen Geheimdienst verbreitet wird.

Simonini ist Ecos Vorschlag, wie ein Autor der „Protokolle“ ausgesehen haben könnte. Er ist als frei erfundene Hauptfigur mühevoll eingebettet in historische, akribisch recherchierte Ereignisse und umgeben von realen Nebenfiguren. Um das erfundene Puzzlestück auszugleichen, flutet Eco den Roman mit einer erdrückenden Fülle realer Details. Unzählige quer über das Werk verteilte Kochrezepte und die präzisen Ortsbeschreibungen der historischen Pariser Handlungsschauplätze sind die auffälligsten Auswüchse im Recherche-Overkill. Und alles hat nur den einen Zweck. Simoninis Leben wird erzählt, um die Entstehung der berühmten antisemitischen Hetzschrift aufzuschlüsseln.  Diese Konstruktion, das plausible Anpassen des Lebenslaufs dieser Figur in den Ablauf der realen Ereignisse, ist die Lösung einer gigantischen, komplexen Rechenaufgabe der Literatur-, Verschwörungs- und Geheimdienstgeschichte. Es ist die historische Entschlüsselung und sicher auch der Versuch der Entzauberung einer der niederträchtigsten Verschwörungstheorien der Geschichte. In diesem Sinne ist Ecos Werk geglückt. Die Abläufe erscheinen plausibel, auch wenn sich die Beteiligung an Komplotts und Affären für nur einen Lebenslauf vielleicht etwas zu sehr häuft, und der erfundene Simonini fügt sich geschmeidig in die reale Szenerie ein. Um diese Leistung würdigen zu können, müsste man die historischen und literarischen Zusammenhänge wohl so gut kennen, wie Eco selbst.

Eine Rechenaufgabe ist aber kein Roman. Dafür braucht es eine Hauptfigur, die atmet, zweifelt und sich entwickelt. Genau das ist Simon Simonini nicht und kann es auch nicht sein. Er ist von Anfang an ein von Hass und Vorurteilen erfüllter Antisemit und bleibt es bis zum Ende. Er handelt aus uninteressanten Motiven: stumpfer Hass, Geldgier, manchmal sogar Langeweile. Man wünscht sich, er möge am Ende eine Kehrtwende machen, die Niedrigkeit seiner Taten begreifen, oder wenigstens auf den letzten Seiten den Hauch eines schlechten Gewissens verspüren. Aber all das bleibt aus. Simonini darf sich nicht wandeln, denn sonst hätte Eco aus dem Urheber der „Protokolle der Weisen von Zion“ ja doch noch einen Helden gemacht. Dieser Antiheld muss, um seine Rolle in der Rechenaufgabe zu erfüllen, der niedrige, kleine Verbrecher bleiben, der er von Anfang an war. Damit aber wird er zu einer uninteressanten Figur. Selbst das schnell aufgelöste Rätsel um seine Persönlichkeitsstörung und sein alter ego, die eigentlich in einem Widerspruch zu seiner sonst absoluten Gewissenlosigkeit steht, hilft hier nicht weiter. Simonini kann und darf beim Leser keine Sympathie wecken, was noch verzichtbar wäre, aber insbesondere bleibt sein Charakter statisch, und das ist der eigentliche Mangel des Romans, der durch die gegebene Konstruktion unvermeidlich ist.

Simonini als kleinen, schäbigen und letzten Endes langweiligen Menschen zu beschreiben, ist vielleicht aber mehr als nur eine erzählerische Notwendigkeit. Vielleicht liegt in den Mängeln der Hauptfigur Simonini eine „Theorie des Bösen“. Dieses Böse wäre demnach nicht das Ergebnis großen, leidenschaftlichen Zorns und grausamer Unterwerfungsfantasien sondern würde aus ganz einfachen, niedrigen Gefühlen und Bedürfnissen entspringen, aus der Geldgier eines einfachen Bürgers und den von engstirnigen Erziehern und Vorfahren vererbten Vorurteilen. Simoninis Hass ist mehr Gewohnheit als Leidenschaft. Hinter keiner seiner Taten steht ein starker Wille, seine Morde begeht er, weil die Opfer ihm nichts bedeuten. Die endgültige Fassung seiner „Protokolle“ schreibt er, weil der russische Geheimdienst ihn dazu zwingt. Er gibt sich den Bedürfnissen und Einflüssen widerstandslos hin und wird dadurch zu einer Personifizierung des niedrigen, leidenschaftslosen Bösen.

Am Ende des Romans begegnet Simonini einem blinden, von Beulen und Narben übersäten Bettler, der auf der Straße sitzt und durch ein Nasenloch auf einer Flöte spielt. Ihm kommt bei diesem Anblick der Gedanke, dass das Leben vielleicht einfach nur schäbig und hässlich sei. Es ist eine kurze, aber auffällige Szene, denn es ist einer der wenigen Momente, in denen Simonini innehält und reflektiert. Für Eco, der sich in anderen Publikationen eingehend mit Theorien zur Schönheit und Hässlichkeit beschäftigt hat, ist das Verhältnis seiner Hauptfigur zur Schönheit verknüpft mit dem aus ihr entstehenden Bösen. Die These könnte lauten: Aus der Sicht eines Menschen wie Simonini kann das Leben nur hässlich sein. Wahre Schönheit muss sich ihm entziehen. Der einzige Genuss, der sich ihm nicht verschließt, ist der kulinarische, den er mit den in seine Notizen penetrant eingestreuten Rezepten und seinen ständigen Besuchen in Nobelrestaurants bis ins Absurde zelebriert. Es ist ein hasserfülltes und daher hässliches, ein allein auf Geld und gutes Essen fixiertes und daher langweiliges Leben, zu dem dieser Antiheld verdammt ist. Es darf nicht das Leben einer großen Romanfigur sein.

Eco gelingt mit diesem Werk eine große historische Rekonstruktion, ein fantastisches Recherche-Puzzle und die schlüssige Lösung einer komplexen Aufgabe. Um all das sein zu können, durfte „Der Friedhof in Prag“ nicht auch noch ein großartiger Roman werden.

Der letzte Alleskönner | „Maker of Patterns“ von Freeman Dyson

Freeman Dysons Autobiographie „Maker of Patterns“ beginnt mit so etwas wie einer Entschuldigung. Im Vorwort schreibt Dyson, so wie das Buch „The Double Helix“ des Biologen James Watson basiere auch „Maker of Patterns“ auf Briefen, die der Autor über die Jahrzehnte an seine Eltern geschrieben habe. Nur leider habe er im Gegensatz zu Watson hier nicht von einer so wichtigen Entdeckung wie der DNA zu berichten:

I do not have any great discovery like the double helix to describe. The letters record daily life of an ordinary scientist doing ordinary work.

Die verbleibenden knapp vierhundert Seiten widerlegen diese Behauptung gründlich. So ziemlich nichts an Dysons wissenschaftlichem Werdegang ist „ordinary“ und die Entdeckung, die der Leser hier miterlebt, ist die der Quantenelektrodynamik – wenn man so will also der modernen theoretischen Teilchenphysik. Der entscheidende Geistesblitz kam ihm im Geyhound-Bus auf einer Reise quer durch die USA im Jahr 1948. Kurz zuvor hatte er den Physiker Julian Schwinger besucht und sich dessen komplizierte Berechnungen zu Streuexperimenten erklären lassen. Diese lieferten rätselhafterweise dieselben Ergebnisse, wie die vollkommen anders aussehende, viel anschaulichere Theorie von Richard Feynman, mit dem Dyson eng befreundet war. Auf der langen Busreise hatte Dyson nun genug Zeit, in aller Ruhe über beide Methoden nachzudenken und zu verstehen, dass Feynman und Schwinger ohne es zu wissen nur zwei verschiedene Formulierungen der selben Theorie benutzten. Wie sich nur wenig später herausstellte, hatte Shin’ichirō Tomonaga im durch den Weltkrieg abgeschiedenen Japan schon einige Jahre vorher mit einer dritten, ebenfalls unabhängig entwickelten Methode, Ergebnisse erzielt, die mit Schwinger und Feynman übereinstimmten. Dyson fügte die drei Ansätze nun in seinem Artikel „The Radiation Theories of Tomonaga, Schwinger, and Feynman“ zu einer einheitlichen Theorie zusammen und legte so den Grundstein zur heutigen Quantenfeldtheorie.

Es sagt viel über Dysons Charakter, wie er später von dieser wichtigsten Arbeit seiner Laufbahn gesprochen hat. Feynman, Schwinger und Tomonaga erhielten den Nobelpreis, und die Entscheidung, des Nobelpreiskomitees nicht auch Dyson auszuzeichnen, gilt als umstritten, aber keineswegs durch Dysons Zutun, der seinen Beitrag zur Entwicklung der Quantenelektrodynamik seit jeher mit größter Bescheidenheit beschrieben hat. Seine Freundschaft mit Richard Feynman sei ein großer Glücksfall gewesen und Feynman habe die genialen Ideen gehabt. Er selbst sei nur derjenige gewesen, der zur richtigen Zeit am richtigen Ort war und diesen Ideen nur eine mathematische Formulierung geben musste. Durch Zufall hatte er als erster genug von den Arbeiten Feynmans, Schwingers und Tomonagas gesehen, um ihre Zusammenhänge zu erkennen. In zahlreichen Interviews hat Dyson, der die drei Nobelpreisträger überlebte, nun diese Version vom vor Ideen sprudelnden Genie Feynman und dem nur hinter ihm aufräumenden Arbeiter Dyson erzählt – „an ordinary scientist doing ordinary work“.

Auch im Brief an die Eltern, in dem er von seiner Entdeckung im Greyhound-Bus erzählt, spielt er seine Einsicht herunter, erkennt aber gleichzeitig ihre Wichtigkeit:

This piece of work is neither difficult nor particularly clever, but it is undeniably important if nobody else has done it in the meantime. I became quite excited over it when I reached Chicago and sent off a letter to Bethe announcing the triumph.

Der hier erwähnte Physiker Hans Bethe war zu dieser Zeit Mentor des jungen, aus England übergesiedelten Mathematikers Dyson, der sich in den USA nun erst seit wenigen Jahren mit Teilchenphysik beschäftigte. Unter normalen Umständen, so wie „ordinary scientists“ es gehandhabt hätten, wäre Bethe wohl Dysons Doktorvater gewesen. Wie Bethe später in Interviews erzählte, hatte Dyson aber das Problem, das er ihm als Promotionsthema gegeben hatte, schon nach wenigen Wochen gelöst. Zu einer Promotion kam es dann nicht mehr. Dyson wurde ohne Doktortitel zum Professor in Princeton.

Vorher aber musste die neu entwickelte Theorie gegen ihre Kritiker verteidigt werden. An dieser Stelle tritt mit Robert Oppenheimer ein Mann in Dysons Leben, der in „Maker of Patterns“ sogar eine größere Rolle spielt als Feynman. Oppenheimer, der während des Weltkriegs als Leiter des Los Alamos Laboratory entscheidende Beiträge zum Bau der amerikanischen Atombombe geleistet hatte, galt als einer der bedeutendsten Quantenphysiker der Welt. Nach dem Krieg hatte er in Princeton die Leitung des Institute for Advanced Study übernommen und dort hoffte ein ganzes Heer junger Wissenschaftler auf seine Impulse. Auch Dyson zog es nach Princeton, allein mit dem Ziel, den berühmten Professor für die neue Quantentheorie zu begeistern. Er wurde bitter enttäuscht. Oppenheimer interessierte sich nicht für die neuen Ideen und hielt sie sogar für grundweg falsch, und das obwohl sie zum Teil von seinem eigenen ehemaligen Studenten Julian Schwinger stammten. Oppenheimers Widerstand gegen die neue Theorie erklärte sich Dyson später damit, dass die neue Ideen den alten Methoden, mit denen Oppenheimer und seine Kollegen früher an gewissen Problemen gescheitert waren, noch sehr ähnlich sahen und auf den selben Grundprinzipien beruhten. Oppenheimers Generation erwartete, dass diese Probleme nur mit einer völlig neuartigen Theorie gelöst werden konnten, und wollte zunächst nicht akzeptieren, dass ein auf den alten Grundlagen aufbauender, vergleichsweise konservativer Ansatz es auch schon tat. Die neue Theorie schien den Alten nicht neu genug.

Nachdem Dyson sich nicht abwimmeln ließ, gab Oppenheimer ihm fünf Seminartermine, in denen er seine Theorie den Physikern des Institutes in aller Ausführlichkeit erklären durfte. Die ersten dieser Vorträge waren ein Desaster. „Oppy“, wie er in den Briefen oft genannt wird, unterbrach Dyson ständig und erklärte in belehrendem Ton, warum das alles falsch sein musste. Erst als Hans Bethe das Institut besuchte und sich in einen der Vorträge mit hinein setzte, gelang ihm es, den ständig störenden Oppenheimer zu ermahnen und zum Zuhören zu bringen. Am Ende der Seminarreihe zeigte Oppenheimer sich überzeugt und berief Dyson etwas später als Professor an sein Institut. Dyson arbeitete dort bis kurz vor seinem Tod. Das Verhältnis zwischen Oppenheimer und Dyson wurde über die Jahre persönlicher. In „Maker of Patterns“ ist häufig von Parties bei Oppenheimers die Rede. Beide Physiker unterstützen sich gegenseitig in politischen Fragen, Oppenheimers Frau „Kitty“ gab Dyson Beziehungsratschläge, und am Ende ist es Dyson als einer von wenigen übrig gebliebenen Freunden, der an Oppenheimers Sterbebett sitzt.

Kitty believes, perhaps rightly, that I can help Robert to keep alive by keeping his interest in physics. […] On the other hand, I find that Robert is so physically tired from his radiation that my instinct is to hold his hand in silence rather than burden him with particles and equations. It is odd that I feel so personally responsible for him. I never had been close to him until now.

„Maker of Patterns“ bietet dem Leser insgesamt einen weit umfassenden Einblick in die Verläufe von Wissenschaft und Politik in der Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts. Angefangen mit namhaften Mathematikern wie Hardy, Weil, Littlewood, Gödel und Giganten der Physik wie Dirac, Bohr, Wigner, Lee, Yang, deWitt, Hawking und die oben bereits erwähnten, macht der von vielfältigen Interessen angetriebene Dyson Bekanntschaft mit einem bunten Panorama aus Wissenschaftlern und Intellektuellen quer durch die Fachrichtungen. Die Nobelpreisdichte ist hoch in diesem Bekanntenkreis. Durch seinen Mentor Bethe und seinen eigenen Schüler Abdus Salam ist Dyson quasi von Nobelpreisträgern umzingelt. Trotz der gebündelten Sachkompetenz der Protagonisten und des Autors bleibt „Maker of Patterns“ aber durch die Briefform ein gut lesbares Stück Wissenschaftsgeschichte. Dyson reiht seine Briefe unverändert und zum Teil durch kurze Einschübe kommentiert an einander. Die Autobiographie bleibt dadurch abwechslungsreich und für naturwissenschaftliche Laien weitgehend verständlich, denn dem Schreiber war bewusst, dass sich die Empfänger der Briefe – Dysons Eltern und seine ältere Schwester – nur begrenzt für die technischen Details seiner wissenschaftlichen Arbeit interessierten. Ein weiterer hier sehr deutlich sichtbarer Vorteil einer aus Briefen bestehenden Autobiographie ist eine gewisse Unverfälschtheit und authentische Gewichtung der Personen und Inhalte, die nicht durch die seitdem vergangene Zeit im Rückblick verfälscht werden kann. Jugendfreunde und Reisebekanntschaften dürfen hier den gleichen Raum einnehmen wie spätere Nobelpreisträger.

In der durch die Briefe abgedeckten Zeitspanne von den vierziger bis siebziger Jahren gibt es einige Themen, die über die Jahrzehnte in Dysons Leben eine dauerhafte Rolle spielen. Eines dieser wiederkehrenden Motive ist die Bedrohung durch die Atombombe. Dyson selbst gehörte nicht zu den Physikern, die die Bombe entwickelt hatten, das war Oppenheimers, Bethes und Edward Tellers Generation. Er gehörte aber, so wie ebenfalls Oppenheimer, zu den Physikern, die nach dem Krieg vor der Bombe warnten und sich politisch für die Abrüstung einsetzten. Auch in nur wenige Jahre zurückliegenden Interviews bezeichnete Dyson die Atomwaffen noch immer als die größte Bedrohung der Menschheit. (Seine Ansichten zum drohenden Klimawandel hingegen wurden häufig als verharmlosend kritisiert.) Auch Dysons wissenschaftliche Arbeit stand in den Jahren nach der Etablierung der Quantenelektrodynamik in gewissem Sinne im Schatten der Bombe, denn es ging in seinen nächsten Projekten gezielt um die friedliche Nutzung der Kernenergie. Zunächst war er maßgeblich an der Entwicklung des sogenannten TRIGA-Reaktors beteiligt, einem Typ von Kernreaktoren, in denen es per Konstruktion aus rein physikalischen Gründen nicht zur Kernschmelze kommen kann. (Einer dieser Reaktoren steht zum Beispiel auf dem Campus der Uni Mainz.) Das zweite Projekt zur zivilen Nutzung der Kernenergie mit Dysons Beteiligung nannte sich Projekt Orion und war eine gute Spur verrückter. Ziel des Projektes war der Bau einer Rakete, die durch die gezielte Detonation mehrerer Atombomben angetrieben wird und zur bemannten Raumfahrt benutzt werden sollte. In Dysons euphorischen Briefen über das Projekt ist die Rede von Flügen zum Mars. Was aus heutiger Sicht nach Wahnsinn klingt, galt zumindest technisch als realisierbares Raumfahrtprojekt und wurde über mehrere Jahre hinweg von namhaften Physikern vorangetrieben. Erst mit dem allgemeinen Verbot von Atombombentests musste das Projekt eingestellt werden. Die atombombenbetriebene Rakete verlor das Rennen um die ersten bemannten Flüge ins All gegen von Brauns chemischen Raketenantrieb.

Die Vielfalt von Dysons wissenschaftlichem Lebenswerk ist nahezu beispiellos. Nach den Arbeiten in der Zahlentheorie, der Theoretischen Physik und den technischen Anwendungen der Kernenergie folgten zum Beispiel noch eine ingenieurwissenschaftliche Theorie zur Existenz außerirdischen Lebens, biologische Arbeiten über den Ursprung des Lebens und Beiträge zu theologischen Fragen. In den letzten Jahrzehnten war Dyson vornehmlich als Autor verschiedener Bestseller tätig. Im Jahr 2014 habe ich in Berlin einen seiner Vorträge gesehen. Dyson war 90 Jahre alt und mit seinen Enkelinnen aus den USA angereist. Thema des Vortrags war: Arbeitet das Gehirn digital oder analog? Neben dem menschlichen Gehirn streifte Dyson in diesem einstündigen, ohne jegliche optischen Hilfsmittel nur von seinen Notizen abgelesenen und doch an keiner Stelle langweiligen Vortrag eine ganze Bandbreite weiterer Themen aus seinem Fundus. Unter anderem erklärte er den versammelten Berliner Teilchenphysikern, dass Teilchenbeschleuniger relativ ungeeignete Apparate seien, und den Berliner Informatikern, dass die ganze künstliche Intelligenz nicht viel tauge. Wer sich als Fünfundzwanzigjähriger gegen Oppenheimer durchsetzen musste, kann sich als Neunzigjähriger vor ein paar Berliner Professoren nicht mehr fürchten.

„Maker of Patterns“ ist ein lesenswertes, abwechslungsreiches Buch über einen der größten Wissenschaftler unsrer Zeit. Der „ordinary scientist doing orninary work“ war darin nicht auffindbar. Mit Dysons Briefen endet das Buch schon im Jahr 1978. Dyson arbeitete bis ins hohe Alter. Er starb im Februar 2020 mit 96 Jahren.

Neues vom ersten Dichter | „Theogonie“ übersetzt von Raoul Schrott

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Die göttliche Familie der griechischen Antike hat ihre ganz eigenen Probleme. Die Erde Gaia und der Himmel Uranos zeugen eine erste Generation von Nachkommen, die Titanen, aber Uranos findet alle seine Kinder so hässlich, dass er sie in den Mutterboden zurückstopft. Die Erde wehrt sich dagegen und stiftet ihren Jüngsten, Kronos, dazu an, den eigenen Vater gewaltsam zu kastrieren. Kronos wird wiederum durch seinen eigenen Sohn Zeus in einer spektakulären Schlacht besiegt, in Ketten gelegt und in den unterirdischen Tartaros verbannt. Damit steigt Zeus zur Spitze der olympischen Hierarchie auf und zeugt mit verschiedenen Partnerinnen einen gigantischen Stammbaum von Göttern und Halbgöttern.

Das alles und noch viel mehr berichtet Hesiods „Theogonie“, das älteste überlieferte Werk der griechischen Literatur. Raoul Schrott hat es vor ein paar Jahren neu ins Deutsche übersetzt und über den historischen Kontext einen ausführlichen Kommentar angefügt, der auf das Werk und auf Hesiods Rolle in der Literaturgeschichte ein interessantes Licht wirft. Von besonderer Bedeutung sind hierfür die Musen, die Hesiod am Anfang der „Theogonie“ anruft, damit sie ihm die darauf folgende Dichtung über die Götter eingeben:

Heil euch ihr töchter des Zeus! Legt mir eure lieder süss in den mund

um das heilige geschlecht der ewig unsterblichen zu preisen […]

Damit erfüllen sie die Funktion, die man aus späteren Werken von Musen kennt: sie inspirieren den Dichter und durch ihre Eingebung ermöglichen sie das Kunstwerk. Auf den Aspekt der Künstler-Gehilfinnen wurden sie aber erst im Lauf der Geschichte von Hesiods Nachahmern reduziert. Im Original ist noch klar, dass sie selbst auch Göttinen sind, die mit höheren Göttern in Verbindung stehen. Durch ihren Gesang erfährt man als Mensch überhaupt erst von den Göttern. Ihre Anrufung ist also nicht nur ein künstlerisches Stilmittel, sondern ein liturgischer Akt.

Schrott weist in seinem Kommentar nun nach, dass Hesiod die Musen dem Vorbild einer bei den Hethitern und anderen nahöstlichen Völkern verehrten Gottheit namens Mušuni nachempfunden hat. Sowohl die Tänze als auch die Gesänge der Musen weisen Parallelen zu Riten auf, mit denen die Gottheit in diesen Kulturen verehrt wurde. Mušuni hatte dort ähnlich wie Hesiods Musen die Funktion, die Verbindung zu älteren Göttern herzustellen und diese heraufzubeschwören. Darüber hinaus hatte sie ordnende und richtende Aufgaben. Offenbar hat Hesiod den Kult um Mušuni durch Kontakt zu östlichen Kulturen gekannt und Schrott beschreibt im Detail die geographischen Rahmenbedingungen, die das möglich machten. Dass aus der einen Gottheit mehrere Musen wurden ist vermutlich durch einen Kreis niedrigerer Gottheiten zu erklären, die mit Mušuni assoziiert wurden.

Mušuni wurde in ihrem Kult gemeinsam mit einer anderen mächtigen Göttin namens Hepat verehrt, einer Art Göttermutter, die Herrschern bei wichtigen Entscheidungen beistand und auf Schlachtfeldern über Sieg und Niederlage entschied. Auch Hepat wurde von Hesiod adaptiert und trägt in der „Theogonie“ den Namen Hekate, vielleicht weil das für griechisches Publikum weniger fremd klang. Er dichtet ihr Verwandtschaftsverhältnisse zu griechischen Göttern an und betont in ihrer Beschreibung, dass sie noch die gleiche Macht genießt wie die alten Götter, die direkten Nachkommen von Uranos und Gaia, weil Zeus auf ihrer Seite ist. In der ausdrücklichen Betonung ihrer Macht und ihrer Fähigkeiten unterscheidet sich der ihr gewidmete Abschnitt auffällig von der Beschreibung der anderen Götter, von denen die meisten nur durch eine einzelne Eigenschaft charakterisiert oder nur beim Namen genannt werden. Schrott sieht hierin einen weiteren Beleg dafür, dass Hesiod die Absicht verfolgte, mit der „Theogonie“ den Kult der Mušuni  und der Hepat in seiner griechischen Heimat einzuführen.

Die unmittelbaren Umstände, unter denen Hesiod seine „Theogonie“ erstmalig einem Publikum vortrug, sind besonders interessant. Anlass war eine Feier in der Stadt Chalkis, etwa 60 Kilometer von Hesiods Heimatort Askra entfernt. Chalkis hatte im Jahr 705 vor Christus einen seiner Anführer, Amphidamas, in einer Schlacht gegen das benachbarte Eretria verloren und seitdem veranstalteten dessen Söhne regelmäßig Festspiele zu Ehren ihres gefallenen Vaters. Hesiods „Theogonie“ war ein Wettbewerbsbeitrag auf diesen Festspielen, mit dem er in der Sparte Hymnik einen Preis gewann. Vor diesem Hintergrund ergeben die unterschiedlichen Aspekte des Textes Sinn: Einerseits ist ein Fest zu Ehren eines Verstorbenen ein angemessener Anlass für liturgische Gesänge, aber nicht nur das. Es kann sein, dass sich Hesiod mit der „Theogonie“ bei den führenden Aristokraten von Chalkis indirekt um eine Stellung als Berater bewerben wollte, indem er betonte, dass er ein von den Musen Eingeweihter war, der durch sie in Kontakt mit so mächtigen, Schlachten entscheidenden Göttern wie Hekate war. Schließlich ist der Text aber, wie Schrott am Ende seines Kommentars betont, abgesehen von religiösen und eventuellen politischen Absichten auch ein Kunstwerk, mit dem erklärten Ziel, die Zuhörer zu unterhalten. Es ist der Anfang der Unterhaltungsliteratur. Dank Schrotts Erläuterungen zeigt sich in Hesiods Werk der Übergang von Mušuni zu den Musen, von Liturgie zu Dichtung, von Kult zu Kunst.

Es gibt eine Stelle, die mir in der „Theogonie“ besonders aufgefallen ist, ohne dass sie in Schrotts Kommentar weiter erwähnt wird, und zwar wenn Hesiod die Entfernungen zwischen Himmel und Erde und zwischen der Erdoberfläche und dem unterirdischen Tartaros beschreibt:

Fiele ein bronzener amboss neun nächte und tage

vom himmel herunter und schlüge er erst am zehten auf der erde ein –

und fiele er darauf weitere neun tage und nächte von der erde hinab so käme er am zehnten im Tartaros zu liegen.

Um eine unvorstellbar große Distanz zu beschreiben, benutzt Hesiod hier die Zeit, die ein sehr schneller Gegenstand braucht, um sie zurückzulegen. (Die neun Tage und Nächte sind übrigens die selbe Zeit, die Miltons Satan in „Paradise Lost“ braucht, um vom Himmel in die Hölle zu fallen.) Das ist natürlich genau das Prinzip, das auch die moderne Physik nutzt, wenn sie das Lichtjahr als Maßeinheit für kosmische Entfernungen benutzt. Aus der schnellsten vorstellbaren Bewegung der Antike, dem Herunterfallen eines Amboss, ist in der Moderne die Propagation des Photons geworden, aber es bleibt der selbe Trick.

In den östlichen Kulturen hatte man offenbar noch ein anderes Verständnis von der Entfernung zwischen Himmel und Erde. Schrott erwähnt in seinem Kommentar (in einem anderen Zusammenhang) die Legende von Ullikummi, der versucht zwei Berge über einander zu stapeln, um auf diesem Weg in den Himmel hinaufsteigen zu können. Auch Hesiod stellt sich den Sitz der Götter noch auf Berggipfeln vor, aber die mit Hilfe des Amboss beschriebene Entfernung ist bereits deutlich größer als die ein- oder zweifache Höhe eines Berges. Vielleicht liegt darin schon eine gewisse Vorahnung Hesiods, dass man doch etwas weiter ausholen muss, um das große Ganze zu beschreiben. Die Wahrheit liegt jenseits des Olymp.

Medienkritik von innen | „Haltung“ von Mely Kiyak

Der Essay „Haltung“ ist Mely Kiyaks Antwort auf das „Haltung zeigen!“, das man sich auf Preisverleihungen der Medienbranche gegenseitig zuruft. Ihre Antwort ist: Haltung zu zeigen wäre vor Jahren schon nötig gewesen und genügt nicht mehr, denn die Rechtsradikalen sitzen jetzt in den Parlamenten und verändern das Land bereits. Statt der bloßen Zurschaustellung einer Haltung fordert Kiyak ein Handeln mit Konsequenzen. Es ist ein Appell, den sie hier besonders an ihre Kollegen in den Redaktionen richtet. Der lautstarken Selbstbestätigung und gegenseitigen, öffentlichen Bestärkung Medienschaffender stellt sie Handlungsweisen entgegen, die nicht nur Zeichen setzen, sondern die Situation verändern, auch wenn es nur im Stillen geschieht: das Verlassen einer Veranstaltung, das Nicht-Einladen von rechten Populisten in Talkshows, der Entzug medialer Aufmerksamkeit.

Aus ihrer eigenen Erfahrung als Kolumnistin beschreibt Kiyak den Versuch, das Schema aus rechter Provokation, medialer Empörung und rechter Gegen-Empörung zu durchbrechen. Nachdem sie lange kritisch über das rechte Parteienspektrum geschrieben hat, meidet sie das Thema inzwischen bewusst.

„Ich änderte also mein Verhalten, nicht aber meine Haltung. Ich fand das Gesprochene im öffentlichen Raum immer noch unmöglich, aber meine bisherige Handlungsweise inadäquat.“

Schweigen im richtigen Moment, das Nicht-Reagieren und wohl dosierte Leisesein sind Kiyaks neue Techniken und sie regt dazu an, diese in das persönliche Arsenal im Umgang mit dem Rechtsextremismus aufzunehmen. Sich solcher Maneuver zu bedienen ohne sich dabei aber einfach nur zurückzuziehen ist hierbei die Kunst. Wie schwer es ist, den richtigen Weg zwischen laut und leise zu finden, zeigt der Text nicht zuletzt indirekt durch sein eigenes Beispiel, denn strenggenommen widerspricht er sich zwangsläufig selbst: „gegen das Lautsein“ gerichtet nennt er selbst die durch den Aufstieg der Rechtsextremen und die halbherzige Haltung der Medienbranche verschuldeten Mißstände sehr deutlich beim Namen – man könnte sagen: laut und deutlich. Kiyaks Buch ist ein kurzer und doch tiefer Einblick in den Balance-Akt und die Ratlosigkeit der etablierten Medien im Umgang mit dem Rechtspopulismus.

Früher war mehr Lametta | „Retrotopia“ von Zygmunt Bauman

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Im kurz vor seinem Tod im Jahr 2017 vollendeten Werk „Retrotopia“ analysiert der Soziologe Zygmunt Bauman Entwicklungen der jüngsten Vergangenheit. Das Themenspektrum des Buches ist breit und erstreckt sich von weltpolitischen Erscheinungen wie dem internationalen Terrorismus, globalen Migrationsbewegungen und dem Aufstieg der Rechtspopulisten bis hin zum privaten Nutzungsverhalten moderner Kommunikationsmittel und einem zunehmenden individuellen Gefühl von Einsamkeit und Überforderung. Für Bauman lassen sich diese Phänomene aus sogenannten Retrotopien erklären, dem rückwärtsgewandten Gegenstück zur Utopie. Die Retrotopie ist der Wunsch, in eine bessere Vergangenheit zurückzukehren – sei sie oft auch nur eine beschönigte Erinnerung.

Bauman identifiziert in diesem Buch mehrere solcher Retrotopien und zeigt ihre Zusammenhänge. Er beginnt mit der Rückkehr „zu Hobbes“ oder in anderen Worten: zum Konzept des starken Nationalstaats, der seinen Bürgern ein gutes, zivilisiertes Leben ermöglicht, das Gewaltmonopol innehat und seine Grenzen absichert. Dieser Wunsch ist die Reaktion auf den Bedeutungsverlust von Nationalstaaten und einer durch die Globalisierung entstandenen Machtverschiebung, die Bauman als die Trennung von Macht und Politik bezeichnet. Die beiden nächsten Retrotopien spielen ebenfalls auf der politischen Bühne und hängen mit der ersten eng zusammen: die Rückkehr ans Stammesfeuer, das heißt, der Wunsch nach dem Rückzug zu Gleichgesinnten des selben Kulturkreises und einer Abgrenzung gegen alles Fremde, und die Rückkehr zur sozialen Ungerechtigkeit, die weniger ein Wunsch als ein stillschweigend hingenommener Trend ist, der aber zur allgemeinen Tendenz der gegenseitigen Abgrenzung passt. Die Trennung zwischen den Reichen, dem berühmten „einen Prozent“, und dem Rest der Menschheit wird hier durch das Modell zweier von einander vollkommen separierter Länder dargestellt, deren Einwohner verschiedene Sprachen sprechen, unterschiedlichen Kulturen angehören und schlicht nichts mit einander zu tun haben.

Die letzte Retrotopie schließlich betrifft das Individuum und äußert sich bildlich als Wunsch nach der Rückkehr in den Mutterleib. Ausgangspunkt sind die psychischen Belastungen, denen das in einer neoliberalen Konsumgesellschaft lebende Individuum ausgesetzt ist. Als Reaktion darauf entsteht der Wunsch, sich von allem zurückziehen zu können, keine riskanten Entscheidungen mehr treffen zu müssen, nicht mehr verantwortlich für die eigene Ich-AG zu sein (siehe auch meinen Beitrag zu „Die schleichende Revolution“ von Wendy Brown), Ruhe zu finden und – überspitzt formuliert – in ein Nirwana zurückkehren zu dürfen. Bauman identifiziert diesen Wunsch als das Gegenstück zur mittelalterlichen Utopie des Schlaraffenlandes. Während in der von Lebensmittelmangel und Unfreiheit geplagten Gesellschaft des Mittelalters der Überfluss und hemmungslose Genuss das erstrebte Ideal sein konnte, ist es heute, in der Konsumgesellschaft, in der prinzipiell alles immer zur Verfügung steht und ständiger Entscheidungszwang herrscht, genau das umgekehrte extrem, die absolute Leere und Losgelöstheit, die verlockend erscheint.

Eine gemeinsame Wurzel der rückwärtsgewandten Übel liegt bei der Globalisierung und den mit ihr verbundenen Schwächungen von Staatsmacht, Politik und gesellschaftlichem Zusammenhalt. Das eigentliche Problem sieht Bauman (mit Ulrich Beck) aber nicht in der Globalisierung an sich, sondern darin, dass Institutionen wie etwa Nationalstaaten und auch das Selbstverständnis der Individuen der Globalisierungsetwicklung hinterherhinken und ein „culture lag“ entstanden ist.

„Wir leben zwar in bereits fortgeschrittenen kosmopolitischen Verhältnissen (der universellen planetenweiten Interdependenz und Interaktion), doch ist unser Gewahrwerden dieser Tatsache, geschweige denn ein kosmopolitisches Bewusstsein, noch kaum über die Phase der Geburtswehen hinausgelangt.“

Als Lösung dieses Problems stellt Bauman ans Ende dieser Analyse schädlicher Retrotopien eine echte Utopie: Die Menschheit müsste sich im besten Sinne des Wortes globalisieren und über alle Grenzen hinweg als eine Gemeinschaft begreifen. Hierin läge sowohl die Antwort auf politischen und sozialen Separatismus und Kriegstreiberei als auch auf die drohende Zerstörung der Umwelt. Bauman weist aber darauf hin, dass einer solchen Weltgemeinschaft, der „kosmopolitisch integrierten Menschheit“, ein massives Hindernis im Weg steht: Noch nie in der Geschichte der Menschheit wurde eine Gruppe geformt, ohne sich von „den anderen“ abzugrenzen. Die Steinzeit-Horde, die antike Polis, der Nationalstaat, die NATO – wann immer Menschen sich zusammengetan haben, haben sie eine Grenze gezogen, die irgendwen ausschloss, und in diesem Ausschließen der „anderen“ bestand der eigentliche Zusammenschluss. Gemeinschaften haben sich immer darüber definiert, wer nicht dazugehört. Eine Gemeinschaft, die aber alle Menschen einschließen soll, kann auf diese Technik nicht mehr zurückgreifen. Zum ersten mal in der Geschchte müsste ein Zusammenhalt formiert werden, der ohne die Abgrenzung gegen „die anderen“ auskommt. Ob das jemals gelingen kann ist fraglich, trotzdem endet das Buch zuversichtlich.

„Retrotopia“ ist ein dichtes und gedankenreiches Werk. Bauman bedient sich in seinen Argumenten aus einem reichen Fundus von Klassikern der Literaturgeschichte über soziologische Fachpublikationen bis hin zu jüngsten Äußerungen von Javier Solana oder Papst Franziskus, und aus der Vielfalt der Themen und Stimmen heraus gelingt es ihm, die komplexen Zusammenhänge auf elegante Formeln zu bringen. Irgendjemand hat Bauman mal mit einem Künstler verglichen, der seine Bilder mit großen Pinseln malt, mit breiten, weit ausholenden Linien. Dieser Vergleich erscheint auch hier passend. Es geht um die ganz großen Zusammenhänge und die Verbindungslinien sind in diesem Buch manchmal so schwungvoll gezogen, dass man nach einem abstrakten Gedankengang pausieren und sich ein konkretes Beispiel dazu denken muss. Trotz der eleganten Abstraktionen entsteht aber nicht das Gefühl, eine vereinfachte Version der Wirklichkeit gezeigt zu bekommen. Bauman scheint immer genau den angemessenen Ton zu treffen und auch wenn die Linien breit und wuchtig gezogen sein mögen ergibt sich insgesamt doch ein stimmiges Bild. Das ist das eigentlich beeindruckende an diesem Buch.

Aufstieg des homo oeconomicus | „Die schleichende Revolution“ von Wendy Brown

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„Die schleichende Revolution“ von Wendy Brown ist eine schonungslose Darstellung des Neoliberalismus, ein schwer zugängiges und gleichzeitig aufrüttelndes Buch. Anstrengend zu lesen ist es, weil es den Anspruch verfolgt, der wissenschaftlichen Theorie über den Neoliberalismus etwas substanzielles hinzuzufügen. Aufrüttelnd ist es, weil es zeigt, wie der Neoliberalismus es schaffen kann, die Demokratie von innen zu zerstören.

Dies geschieht aber erst in der zweiten Hälfte des Buches. In der ersten fasst Brown zunächst zusammen, was Foucault zum Thema zu sagen hatte. In seinen Vorlesungen zur „Geburt der Biopolotik“ am Collège de France war Foucault bereits in den Jahren 1978 und 1979 in der Lage, wesentliche Merkmale des Neoliberalismus zu charakterisieren, noch bevor dieser durch die Politik Thatchers und Reagans in den westlichen Industriestaaten Fahrt aufnehmen konnte. Insbesondere betont Foucault, dass der Begriff nicht wirtschaftspolitische Maßnahmen bezeichnet. Der Neoliberalismus ist nicht eine von vielen möglichen Richtungen der Wirtschaftspolitik, sondern eine darüber hinausgehende, umfassende Denkweise; in Foucaults Worten eine „politische Rationalität“. Als solche ist sie nicht (nur) selbst Politik, sondern gibt unter anderem vor, wie Politik zu bewerten ist, nämlich nach rein ökonomischen Maßstäben. Aus neoliberaler Sicht ist Politik dann und nur dann gut, wenn sie der Wirtschaft nützt.

Grundgedanke des Neoliberalismus ist der Vorrang der Regeln des Marktes, und zwar – und das ist der Unterschied zum klassischen Liberalismus – in allen Bereichen des Lebens. Regierungen werden danach gemessen, ob sie das Wirtschaftswachstum fördern. Führungskräfte, seien es Politiker, Professoren oder Büroleiter, werden nach ihren unternehmerischen Qualitäten beurteilt. Schul- und Hochschulbildung wird auf den Zweck reduziert, kommende Generationen brauchbarer Arbeitnehmer auszubilden. Freizeitaktivitäten und gesundheitsfördernde Maßnahmen werden mit dem Zweck verfolgt, Arbeitskraft zu erhalten oder zu regenerieren. Jede erlernte Sprache, jedes Kleidungsstück, jedes Selfie dient einem persönlichen Wettbewerbsvorteil. Es sind buchstäblich alle Bereiche der menschlichen Existenz, in die das neoliberale Denken die Regeln der Ökonomie und des Wettbewerbs hemmungslos eindringen lässt.

Weil also die Gesamtheit des menschlichen Daseins betroffen ist, lässt sich das neoliberale Denken, wie Foucault betont, durch das Menschenbild auf den Punkt bringen, das es hervorbringt: den homo oeconomicus. Dieser Begriff ist nicht neu, aber er erhält durch den Neoliberalismus eine neue Bedeutung. Für Vordenker des Liberalismus, wie etwa Adam Smith, war der homo oeconomicus noch ein Mensch, der seine eigenen Interessen im wirtschaftlichen Wettbewerb verfolgt, ein Akteur der Ökonomie. Smith betont aber, dass der Mensch über die Sphäre der Ökonomie hinaus ein Wesen mit vielen anderen Facetten ist, unter anderem ein Wesen, „das zum politischen Zusammenschluss bestimmt ist“, und dass die Regeln und Zwänge der Ökonomie von diesen anderen Lebensbereichen möglichst fernzuhalten sind. Smith und andere Denker des Liberalismus stehen hier noch in einer Tradition, die bis zu Aristoteles zurückverfolgt werden kann, das politische Leben vor einem rein wirtschaftlichen Denken bewahren zu wollen und in einer Vermischung dieser Sphären eine ernste Gefahr zu erkennen.

Im Neoliberalismus nun sind diese Bedenken und Einschränkungen beseitigt. Der neoliberale homo oeconomicus folgt in allen Bereichen des Lebens den Regeln des Marktes. Außerdem, und hier geht Wendy Browns Deutung über Foucault hinaus, ist aus dem seine eigenen Interessen verfolgenden Akteur ein eher passiver Spielball äußerer Zwänge geworden. Der Mensch handelt nun nicht mehr nach ökonomischen Prinzipien, weil er so seine Ziele am besten erreicht, sondern weil ihm zum Überleben nichts anderes übrig bleibt. Die eigentlich souveränen Akteure mit eigenständigen Interessen sind in diesem Szenario nicht einzelne Menschen sondern Konzerne und Vereinigungen in der Rolle „juristischer Personen“. Eine typische Stoßrichtung neoliberaler Maßnahmen ist daher, wirtschaftliche Risiken vom Konzern auf das Individuum zu verlagern, indem beispielsweise ein großer Teil der Arbeit auf befristete, leicht kündbare oder vom eigentlichen Unternehmen abgekoppelte Arbeitnehmer ausgelagert wird. Wenn es mit den Geschäften bergab geht, werden diese Arbeitskräfte abgestoßen und sich selbst überlassen, damit das Mutterschiff überleben kann. Der einzelne Mensch wird durch die daraus folgenden Unsicherheiten gezwungen, sein Leben rundum so zu führen, dass er ständig flexibel, leistungsfähig und dem Arbeitsmarkt verfügbar bleibt. Er hat sich in eigener Verantwortung weiterzubilden, gesund zu halten, seine Mobilität zu gewährleisten und sich um seine Altersversorgung zu kümmern. Die Zwänge drängen ihn einerseits in die Rolle des Mikro-Unternehmers einer eigenen Ich-AG, des CEO seines eigenen Lebens, das er wie eine gewinnorientierte Firma führen soll, aber er bekommt nur die Schattenseiten des Chef-Seins übertragen: die Risiken und die Verantwortung.

Es ist aufgrund dieser Zwänge und Abhängigkeiten der Begriff des Humankapitals, der die neoliberale Version des homo oeconomicus auf den Punkt bringt. Wendy Brown arbeitet dieses Menschenbild im Detail aus und hebt sich hierin von Foucaults grundlegender Theorie ab. Insbesondere betont sie, dass der neoliberale homo oeconomicus keinen Platz mehr lässt für den politisch aktiven Menschen, den homo politicus. Hierin sieht Brown eine ernste Bedrohung der Demokratie. Diese lebt seit jeher von der Mitwirkung Einzelner, die weit über bloße Wahlbeteiligung hinausgeht. Eine Denkweise, die in individueller politischer Aktivität keinen Sinn mehr erkennt, weil diese keinen persönlichen Wettbewerbsvorteil produziert, entzieht der Demokratie dieses Standbein.

Die wirklich zersetzenden Kräfte, die Brown dem Neoliberalismus zuschreibt, sind aber weit subtiler, und hiervon handelt der interessanteste und tatsächlich beunruhigende Teil des Buches. Laut Wendy Brown bedient sich der Neoliberalismus bei seiner Zersetzung der Demokratie oft ausgerechnet bei Werten und Prinzipien, die wir an sich für demokratisch halten. Durch diesen Trick wird die Zersetzung der Demokratie verschleiert. Als Beispiel hierfür dient ein Gerichtsurteil des Obersten Gerichtshofes der USA aus dem Jahr 2010. Dieses Urteil hebt gewisse Einschränkungen auf, die es bislang für die finanzielle Unterstützung von Wahlkämpfen gegeben hatte. Die Regierung darf laut diesem Urteil finanzielle Zuwendungen von Unternehmen an politische Aktionskomitees zur Unterstützung von Kandidaten nicht mehr verbieten. So wurde es möglich, dass „das Geld von Unternehmen den Wahlprozeß erdrückt“, wie Brown schreibt. Das Bemerkenswerte ist die Begründung des Urteils durch den vorsitzenden Richter Kennedy: In dessen Argumentation werden zunächst Unternehmen mit Personen gleichgesetzt und der Einsatz deren Gelder wird als eine Form der Meinungsäußerung dargestellt, um schließlich zu argumentieren, dass die Einschränkung finanzieller Zuwendungen im Wahlprozess einer Einschränkung der Redefreiheit gleichkommt. Die Gleichsetzung von Unternehmen mit Personen und von Geld mit freier Rede macht es möglich, das Prinzip der Redefreiheit zugunsten einer Entscheidung ins Feld zu führen, die einen demokratischen Prozess angreift.

Diese Beobachtung bringt Brown dazu, den Demokratiebegriff zu untersuchen und von anderen Begriffen abzugrenzen, die nur traditionell mit ihm verbunden sind, die aber, wie das Beispiel zeigt, auch gegen die Demokratie verwendet werden können. Redefreiheit, Religionsfreiheit, Gleichheit vor dem Gesetz und andere Prinzipien sind historisch vorwiegend in Demokratien umgesetzt worden, machen diese aber nicht aus. Demokratie bedeutet in ihrem Kern nur die Herrschaft des Volkes, insbesondere im Gegensatz zu einer Herrschaft nur eines Teils des Volkes, beispielsweise eines sich durch Wohlstand abhebenden Teils. Gegen Ende des Buches betont Brown die Rolle der Bildungseinrichtungen in der Verteidigung der Demokratie und schildert ihre bedrückende Transformation von Institutionen, die freies Denken und politische Teilnahme ermöglichen zu bloßen Produzenten nützlichen Humankapitals.

Das Buch „Die schleichende Revolution“ kann neben seinem sozialwissenschaftlichen Anspruch die Theorie des Neoliberalismus zu erweitern und ihn in seiner jetzigen Form vollständig darzustellen vielleicht als Anleitung dazu gelesen werden, seine Techniken und Auswirkungen zu erkennen. Das Buch zeigt aber aus dem als zwar historisch nicht zwingenden aber inzwischen unausweichlich erscheinenden Siegeszug neoliberalen Denkens keinen Ausweg auf, sondern betont vielmehr, dass es an einer echten Alternative fehlt, die nicht rückwärtsgewandt wäre. Das Buch ist als theorielastige Analyse formuliert, nicht als Kampfansage, aber durch die Schonungslosigkeit der Darstellung wird sie vielleicht umso wirkungsvoller doch auch zur letzteren. Die abschließenden Abschnitte klingen verzweifelt und erst ganz ans Ende setzt Brown doch noch einen Appell. In Bezug auf scheinbar vergebliche politische Arbeit, die nötig wäre, um der schleichenden neoliberalen Revolution doch noch irgendetwas entgegen zu setzen, endet das Buch mit der Frage: „Doch was, wenn nicht diese Arbeit, könnte die leiseste Hoffnung auf eine gerechte, nachhaltige und wirkliche Zukunft bieten?“

„Der Aufruhr der Ausgebildeten“ von Wolfgang Kraushaar

„Der Aufruhr der Ausgebildeten“ fasst die internationalen Proteste des Jahres 2011 zusammen. Obwohl das Buch schon im März 2012 erschienen ist, nur ein Jahr nach den Umstürzen des „Arabischen Frühlings“ und wenige Monate nach der Räumung des Occupy-Wall-Street-Camps in New York – zu einer Zeit, als noch nicht sicher schien, ob die Occupy-Bewegung wirklich schon zu Ende war – präsentiert Wolfgang Kraushaar hier bereits nicht nur eine Chronologie sondern auch eine Analyse der Proteste und betont ihre Verbindungen unter einander.

Ein wesentliches Ergebnis dieses Vergleichs steckt bereits im Titel: Die Hauptakteure waren sowohl auf den Plätzen von Kairo, Madrid, Lissabon, Tel Aviv, als auch in den Occupy-Camps in New York und Frankfurt die „Ausgebildeten“. Die Proteste wurden an allen Orten von überwiegend jungen Demonstranten getragen, die sich trotz überdurchschnittlichen Schul- und Universitätsabschlüssen in beruflicher und finanzieller Perspektivlosigkeit sahen, angefangen beim 26-Jährigen Tunesier Mohammed Bouazizi, der sich vor dem Gouverneurssitz aus Verzweiflung selbst in Brand setzte, über den gleichaltrigen Fabio Gándara, den Gründer der spanischen Bewegung ¡Democracia Real Ya! (Echte Demokratie jetzt!), bis hin zu den Besetzern des Zuccotti-Parks in Manhattan, deren Mehrheit jünger war als 34 Jahre (64,2%) und ein College besucht hatte (92,1%). Trotz sehr unterschiedlicher politischer Rahmenbedingungen in den jeweiligen Regionen erscheinen die Ursachen und wesentlichen Antriebe hinter den Protesten des Jahres 2011 hier als globale Phänomene: die Entwertung von Bildung und Ausbildung  und eine bedrückende soziale und finanzielle Unsicherheit ohne Ausweg.

Besonders interessant sind Passagen, die Kraushaar aus den Erklärungen der jeweiligen Protestorganisationen zitiert. Hier wird unter anderem deutlich, wie die Strömungen auf einander Bezug genommen und sich in einem größeren Zusammenhang gesehen haben. Die ägyptischen Demonstranten etwa nennen die tunesische Revolution als ihr Vorbild, und in der E-mail der Adbusters-Redaktion, die zu Occupy Wall Street aufruft, heißt es: „Seid ihr bereit für einen Tahir-Moment?“, in Bezug auf die Demonstrationen auf dem Tahir-Platz in Kairo. Dass die Occupy-Bewegung den Arabischen Frühling zwar zu ihrem Beginn als initiale Inspiration betrachtet, später aber eine Rückkopplung in der Form eines klares Bekenntnisses zu den arabischen Demonstranten versäumt, ist hingegen Teil ihres Scheiterns und Vorzeichen ihres schnellen Endes. So schreiben ägyptische Demonstranten hellsichtig über ihren Kampf gegen das Mubarak-Regime: „Wenn sie es schaffen, unseren Widerstand zu ersticken, dann wird das eine Prozent gewinnen – in Kairo, New York, London, Rom – überall.“ Kurze Zeit später ist Occupy zu Ende. Auf das globale Problem waren die Proteste in ihrer Gesamtheit vielleicht doch nur die Andeutung einer globalen Antwort. Kraushaar betont am Ende, dass die Probleme bestehen bleiben, und seit Erscheinen des Buches hat sich daran sicher nichts geändert. Das Buch bleibt ein wertvoller Überblick über eine turbulente Ära.