dieser Text als Podcast-Episode

In den mehr als siebzig Jahren seit seiner Veröffentlichung ist sicher alles über diesen Roman gesagt worden, aber trotzdem hier ein kurzer Punkt dazu. Erst das Allgemeine: „Doktor Faustus“ ist die Lebensgeschichte des Komponisten Adrian Leverkühn, erzählt von seinem Freund Serenus Zeitblom. Letzterer ist Gymnasiallehrer für alte Sprachen und drückt sich entsprechend altertümlich aus, womit Thomas Mann seinen eigenen Stil übersteigert und den Roman zu einem zwar schwer verdaulichen aber auch sprachlich eleganten, extravaganten Kunstwerk werden lässt. Die Bezeichnung Adrian Leverkühns als „Tonsetzer“ im Untertitel des Romans deutet den eigenwilligen Stil bereits an und ist vielleicht als eine Vorwegnahme eines zentralen Punktes der Handlung zu verstehen. Denn Leverkühn glaubt, dass er seine Werke eigentlich nicht selbst komponiert, sondern die Töne eines anderen aufs Papier setzt – Eingebungen, die ihm vom Teufel persönlich in die Feder diktiert werden. Mit diesem hat er nämlich in jungen Jahren einen Vertrag mit folgendem Inhalt geschlossen: Der Teufel bekommt Adrian Leverkühns Seele, an der er schon seit dessen Geburt großes Interesse hat, und wird sie eines Tages in die Hölle aufnehmen und sie dort ewige, unvorstellbare Qualen erleiden lassen. Dies alles wird Leverkühn vom Teufel selbst, der zu den Vertragsverhandlungen persönlich in seinem Arbeitszimmer auftaucht und in wechselnden Gestalten einen ausführlichen Dialog mit ihm führt, eindrucksvoll und beklemmend geschildert. Es gibt in diesem Vertrag nichts Kleingedrucktes, der Tonsetzer weiß, worauf er sich einlässt. Als Gegenleistung für seine Seele gibt der Teufel ihm vierundzwanzig Jahre, in denen er fantastische Musik schreiben wird. Für Leverkühn, der die Musik seiner Zeit als festgefahren betrachtet, erscheint dieses Angebot besonders deshalb so verlockend, weil er in der Unterstützung des Teufels die einzige Möglichkeit sieht, überhaupt noch etwas nie dagewesenes zu erschaffen. Handwerk und Theorie des Komponierens hat Leverkühn erlernt und – ach! – Theologie hat er natürlich auch studiert.

Noch eine weitere Klausel enthält der Vertrag zu Leverkühns Nachteil, nämlich ein striktes Liebesverbot. Alle Menschen, die ihm etwas bedeuten, werden ihm genommen. Und so passiert es dann tatsächlich. Leverkühn komponiert vierundzwanzig Jahre lang aufsehenerregende Musik und lebt zum Preis dafür in Abgeschiedenheit. Zwei Menschen, die er dann doch zu nah an sich heran lässt, sterben gleich darauf. Der eine ist der Konzertgeiger Rudi Schwertfeger, mit dem Leverkühn eine enge, andeutungsweise erotische Freundschaft verbindet, und der, als Leverkühn ihn nicht mehr auf Distanz hält, von einer eifersüchtigen Liebhaberin erschossen wird. Der andere ist Leverkühns fünfjähriger Neffe.

Hier gibt es eine auffällige Parallele zu Thomas Manns erstem Roman „Buddenbrooks“ – und wer sich davon noch überraschen lassen will, sollte jetzt nicht weiterlesen. In beiden Romanen stirbt gegen Ende ein Kind an einer tödlichen Krankheit. In „Buddenbrooks“ ist es Hanno, mit dessen Tod die Dynastie der Lübecker Kaufleute zu Ende geht. Man hat ihn gerade noch in der Schule sitzen sehen, wie er die Eigenheiten seiner Lehrer beobachtet, da kommt abrupt das berühmte vorletzte Kapitel: „Mit dem Typhus ist es folgendermaßen bestellt…“. Es ist eine medizinisch-nüchterne Beschreibung über den typischen Verlauf der Krankheit, und obwohl nicht einmal erwähnt wird, dass Hanno an ihr erkrankt war, versteht man am Ende des Kapitels, dass er an ihr gestorben ist. Die Erschütterung darüber drückt sich im Kontrast des Unausgesprochenen zu der distanzierten Abhandlung aus und der Tod des Kindes bleibt auch für die verbleibenden Figuren bis zum Ende des Romans das Unsagbare.

In „Doktor Faustus“ ist es der fünfjährige Nepomuk Schneidewein, Adrian Leverkühns Neffe, der an einer Hirnhautentzündung stirbt. Hier allerdings wird das schreckliche Ereignis nicht erzählerisch elegant den gedanklichen Ergänzungen des Lesers überlassen, sondern es wird in grausamer Detailtreue geschildert. Man muss mit ansehen, wie das liebenswerte Kind sich erst immer häufiger erschöpft zurückzieht, um zu schlafen, wie es laute Stimmen nicht mehr erträgt, über heftige Kopfschmerzen klagt, von krampfhaftem Erbrechen heimgesucht wird und am Ende jegliche Kontrolle über seinen Körper verliert. Das Schreckliche wird hier aus nächster Nähe gezeigt. Das passt zum düsteren Grundton von „Doktor Faustus“, den es bei „Buddenbrooks“ so nicht gab, aber ich denke es erfüllt hier zusätzlich noch eine ganz bestimmte Funktion.

Zuerst noch eine weitere Gemeinsamkeit: In beiden Fällen steht die tödliche Krankheit für ein höheres Prinzip. Das physische Leiden ist Ausdruck einer rein geistigen Ursache. In Hanno Buddenbrooks Fall ist es die „Verneinung des Willens zum Leben“, mit der Thomas Mann auf „Die Welt als Wille und Vorstellung“ des im Roman vorher schon zitierten Schopenhauer verweist, denn Hanno hätte den Typhus wohl überleben können, so wird angedeutet, hätte ihm nicht ein starker Lebenswille gefehlt. Bei Nepomuk Schneidewein hingegen erinnern die Symptome der Hirnhautentzündung an den Wahnsinn eines von einem Dämon, also in diesem Fall vom Teufel selbst besessenen. Diese Deutung der Krankheit ist beabsichtigt, aber der Erzähler übernimmt sie nicht selbst, sondern überlässt sie Adrian Leverkühn. Für Leverkühn ist klar, dass er den geliebten Neffen zu nah an sich heran gelassen hat und nun die Schuld dafür trägt, dass der Teufel ihn aus dem Leben reißt, so wie es vertraglich beschlossen war.

Mit dieser Schuld kann Leverkühn nicht mehr leben. Die vierundzwanzig Jahre sind abgelaufen und an einem letzten Konzertabend, zu dem er einen Teil der höheren Münchner Gesellschaft in seine ländliche Residenz einlädt, gesteht der verwahrloste und offenbar wahnsinnig gewordene Künstler seinem höchst irritierten Publikum in einer dramatischen Ansprache seinen Pakt mit dem Teufel. Es bleibt der Deutung des Lesers überlassen, ob es der Glaube an einen solchen Pakt und die Last der Schuldgefühle am Tod des kleinen Neffen sind, die ihn in den Wahnsinn getrieben haben, oder ob tatsächlich der Teufel am Werk ist und nun die ihm versprochene Seele mitnimmt. Leverkühn sinkt nach seinem Geständnis am Klavier zusammen und ist danach, in der Nachrede des Romans, in der Serenus Zeitblom scheinbar nur um der Vollständigkeit willen das Leben seines Freundes zu Ende erzählt, nicht mehr er selbst. Er ist psychisch krank, fortschreitend dement. Die ungewollte Rückkehr des großen Künstlers in sein Heimatdorf als Pflegefall, gegen seinen Willen versorgt von seiner Mutter, und die letzten Begegnungen mit dem Freund Zeitblom, den er am Ende nicht mehr erkennt, bilden den sehr düsteren Ausklang des Romans. Alles Schöne muss vergehen, weil es nicht sein darf – diese verzweifelte Erkenntnis Leverkühns nach dem Tod seines Neffen scheint sich am Ende auch an seinem eigenen Leben zu bewahrheiten.

Die ganze Lebensgeschichte des großen Komponisten und insbesondere sein Niedergang am Ende werden von Zeitblom, der Leverkühn überlebt und die Geschichte während des endenden Zweiten Weltkriegs aufschreibt, als Parallele zum Untergang des „Dritten Reichs“ erzählt. Genau wie Leverkühn ist auch das deutsche Volk vom Teufel besessen, der in Leverkühns Arbeitszimmer ja schon gezeigt hat, dass er verschiedene Gestalten annehmen kann, und offenbar in der Person Adolf Hitlers seinen Pakt mit den Deutschen geschlossen hat. Thomas Mann, der hier mit der Stimme Zeitbloms als patriotischer Emigrant spricht, kommt zu dem schmerzlichen Schluss, dass aber nicht nur der Teufel schuld war. Die Veranlagung zum Nationalsozialismus und seinem Grauen lag schon in der „deutschen Seele“ bereit, so wie auch die Kälte und der Hang zum Teuflischen von Anfang an in Adrian Leverkühns Seele existiert hatten, und nur geweckt und übertrieben werden mussten, um in den Wahnsinn zu führen. Auch der Roman selbst hat seine eigene Parallele, sein Spiegelbild, im Roman, in der Form der letzten großen Komposition Leverkühns, einem Stück namens „Doktor Fausti Weheklag“. Diese Komposition ist ein hoffnungslos düsterer musikalischer Klageruf mit der klassischen Geschichte des Doktor Faustus als Thema. Leverkühn drückt hierin die Verzweiflung über seinen eigenen Teufelspakt aus, während Thomas Manns Roman „Doktor Faustus“ eine große Klage über das vom Nationalsozialismus besessene und mit ihm untergegangene Deutschland ist.

Bei aller Verzweiflung gibt es aber einen wunderbar beschriebenen Hoffnungsschimmer. Leverkühns durchweg düstere Komposition endet mit einem langen Ton, und erst nachdem dieser verklungen ist, entsteht laut Zeitbloms Beschreibung, weil man den Ton in der Stille noch zu hören glaubt, eine Ahnung davon, das es trotz aller Verzweiflung doch noch weitergehen und sich zum Guten wenden kann. So wie Zeitblom hier das Ende des Werkes seines Freundes interpretiert, will Thomas Mann vielleicht auch seinen Roman, der ebenfalls in Verzweiflung endet, gelesen wissen und ihm auf diese Weise – unausgesprochen – ein hoffnungsvolles Ende verleihen.

Vorher noch, während Leverkühns Monolog, in dem er der versammelten Münchner Gesellschaft sein Bündnis mit dem Teufel gesteht, gibt es einen Moment, in dem Thomas Mann auch zeigt, wie er seinen Roman nicht gelesen wissen will. Während Leverkühn bewegt und um die richtigen Worte ringend seinen schrecklichen Pakt gesteht und die Mehrheit der Zuhörer davon irritiert und entsetzt sind, ruft einer der eingeladenen Münchner Schriftsteller mehrfach dazwischen, dass er das Gesagte für „schön“ hält und gibt zu verstehen, dass er Leverkühns Geständnis als Teil einer Vorführung auffasst – als ein Kunstwerk. Dieser rein auf das Ästhetische achtende Zuhörer ist die lächerlichste Figur im ganzen Roman. Er hat offensichtlich nicht verstanden, dass das Gezeigte keine Kunst mehr ist, sondern harte Wirklichkeit. Deshalb musste auch der Tod Nepomuk Schneideweins so drastisch dargestellt werden. Thomas Mann will hier nicht mehr für seine erzählerischen, ästhetischen Kniffe gelobt werden, sondern Wahrheit und echte Betroffenheit vermitteln. Verzweifelte Klage und ein unausgesprochener Hoffnungsschimmer. Das ist der Eindruck, der am Ende bleibt, und deshalb ist „Doktor Faustus“ für mich ein großartiger Roman.