Stolz und Vorurteil | „Kanak Sprak“ von Feridun Zaimoglu

Im Vorwort seines 1995 erschienenen Buches beschreibt Feridun Zaimoglu, wie schwierig es war, mit türkischstämmigen jungen Männern am Rande der deutschen Gesellschaft in Kontakt zu treten. Es genügte nicht, dass auch er türkische Vorfahren hat. Als Studierter war er erst einmal suspekt und musste von einem Kontaktmann vorgestellt und in diese Gesellschaft eingeführt werden, bevor man mit ihm sprach. Was die jungen Männer ihm dann auf die einfache Frage „Wie lebt es sich so?“ zu sagen hatten, ist als eine Sammlung von vierundzwanzig kurzen Statements das Buch „Kanak Sprak“ geworden.

Feridun Zaimoglu hat diese ihm vorgetragenen Monologe auf Band aufgenommen oder mitgeschrieben und aufbereitet. Die türkischen Begriffe, die sich in den Redeschwall seiner Gesprächspartner gemischt haben, hat er dabei ins Deutsche übersetzt. Davon abgesehen geben die Texte aber das wieder, was die jungen „Kanakster“ wie sie sich hier selbst teilweise nennen, wohl loswerden wollten. Das Spektrum reicht vom dreizehnjährigen Schüler über Rapper, Gigolos, Müllmänner, Arbeitslose und Zuhälter bis hin zum dreiundreißigjährigen Patienten einer psychiatrischen Klinik. auch ein junger Soziologe kommt zu Wort, aber er fällt mit seinem schriftdeutsch deutlich heraus. Die Sprache der meisten Gesprächspartner ist ein impulsiver, bildreicher Wortschwall, der nach seinen eigenen Regeln funktioniert. Die Stimme einer Frau sucht man in diesem Buch übrigens vergeblich. An die haben übermäßig protektive Brüder und Ehemänner den damals noch unbekannten Autor noch nicht herangelassen. Er hat das dann in einem späteren Buch nachgeholt, in dem er ausschließlich mit Frauen gesprochen hat.

Nicht wie die Deutschen sein

So verschieden die hier zu Wort kommenden Männer auch sind, sie sehen sich alle bedingt durch die Herkunft in einer mehr oder weniger alternativlosen Außenseiterrolle. In den meisten Monologen geht es darum, wo genau man sich am Rande der Gesellschaft befindet, wie man sich dort durchschlägt und nach welchen moralischen Prinzipien man lebt. Diese Verortung findet zunächst als eine Abgrenzung von „den anderen“ statt. Das sind vor allem erst einmal die Allemannen, deren langweiliges, priviligiertes, von Leistungsstreben bestimmtes Leben nicht nachahmenswert erscheint. Die Deutschen werden hier durchweg aus einer Perspektive großer Distanziertheit beschrieben, die sich an manchen Stellen auch in echten Deutschenhass hineinsteigert. In den meisten Beiträgen sind die Deutschen aber nur eher bedauernswerte Nebenfiguren, irgendwo in einer absurden Parallelgesellschaft, die in diesem Land den Ton angibt – „leider“ könnte man aus Sicht der Gesprächspartner hinzufügen.

Die anderen, von denen es sich zu distanzieren gilt, sind in einigen Texten aber auch andere Türkischstämmige, insbesondere die in die Kriminalität und ins Drogenmilieu abgedrifteten sind, und auf der anderen Seite des Spektrums auch die Generation der eigenen Eltern. Die Väter waren es, die den Fehler gemacht haben, in dieses verwunschene Land zu kommen und die jetzt dem genauso irrigen Traum hinterherhängen, irgendwann in die Türkei zurückzukehren. Sie sind die hart schuftenden, resignierten, die sich der Arbeitswelt und der Ausbeutung der Deutschen unterworfen haben. Ihr Leben kann nicht das Vorbild für das eigene sein.

Nach diesen Abgrenzungen stellt sich die Frage, was als Alternative bleibt, und wie man sich in diesem bezugslosen Raum einen eigenen Weg und eine Identität konstruiert. „Erste Sorge: Identität, ne Person sein“, heißt es im Monolog des achtzehnjährigen Packers Büjüc. Es sind Fragen, die sich wohl alle jungen Menschen irgendwann stellen, aber hier unter dem Vorzeichen, einer von vornherein benachteiligten Gruppe anzugehören. Es ist deutlich spürbar, dass die Männer mit diesen Fragen in besonderem Maße auf sich allein gestellt sind. Deutsche Lehrer oder Vorgesetzten können ihnen so wenig helfen, wie die Traditionen und Weltanschauungen der Eltern. Sie müssen sich ihren ganz eigenen Reim auf ihre Situation machen.

Moral im Zwischenraum

Was dabei herauskommt ist sehr unterschiedlich und in manchen Fällen sehr sorgfältig durchdacht. Im Niemandsland zwischen dem deutschen Mainstream und der Religion der Väter legen sie sich ihre moralischen Prinzipien so zurecht, dass sie eben für die eigene Situation passen. „Jeder unserer Jungs steht für eine Miniphilosophie, in der alle Gegenstände aufgeräumt sind und ihren Platz haben“, heißt es an einer Stelle. Für die einen ist es besonders wichtig, dass sie sich von Drogen fernhalten. Der Junkie, der ein paar Seiten später zu Wort kommt, hat sich dagegen einen desillusionierten Hedonismus zurechtgelegt, in dem er nach den kurzen Momenten des Glücks streben kann. Der Arbeitslose hat eine klare Vorstellung davon, wie weit er sich auf das Leistungsstreben der Gesellschaft einlassen will und der Zuhälter, der sich auf der Arbeitgeberseite sieht, spricht von seinen moralischen Verpflichtungen gegenüber seinen Prostituierten. Der einzige, der mit all diesen Gedanken nicht auf sich selbst gestellt ist, ist der zweiundzwanzigjährige islamische Fundamentalist, der im allerletzten Text des Buches zu hören ist und hier mit auswendiggelernten Phrasen ein Selbstbild des treu dienenden Knechts des Allmächtigen vorträgt. Als einziger, der sein unabhängiges Denken aufgegeben hat, stellt er gewissermaßen den Gegenpol zu allen vorangegangenen Texten dar. Für alle, die es nicht schaffen, sich den eigenen Weg zurechtzulegen, bleibt also, so deutet es sich hier an, die Unterwerfung in den religiösen Fanatismus als ein letzter, ebenso trostloser Ausweg.

Es ist die einzige auffällige Gemeinsamkeit all dieser unterschiedlichen Lebensentwürfe und Prinzipien, dass sie mit Überzeugtheit und größtmöglichem Selbstbewusstsein vorgetragen werden. Die Zweifel sind in dieser übertrieben abgeklärten Präsentation spürbar, aber sie werden nicht zur Sprache gebracht. Alle geben vor, genau zu wissen, was sie tun. Selbst der Dreizehnjährige klingt, als habe er im Leben schon alles gesehen. Die Texte zeigen ein Milieu, in dem man lieber keine Unsicherheiten zugibt. Wer Schwäche zeigt, wird nicht ernst genommen. Es spricht hieraus sicher auch ein gewisser Stolz des Insiders, der dem studierten Schreiber mal erklärt, wie das Leben in diesem Teil der Gesellschaft so läuft, wenn er denn schonmal da ist und mitschreibt.

Das Buch ist offensichtlich keine kalte Sprach- oder Milieustudie und erst recht keine Parodie sprachlicher Manierismen. Es ist ein sehr ernstes Buch und die Sprache ist keine sogenannte einfache Sprache. Sie ist überaus anschaulich, kreativ, dynamisch und komplex. Die Sprecher finden in ihrer umgangssprachlichen Wörterflut originelle Bilder und Wortschöpfungen und sind Meister der Übertreibung und Polemik. Es geht Feridun Zaimoglu offensichtlich darum, diese Leute, die keine öffentliche Stimme haben, zu Wort kommen zu lassen. Ihre Meinungen kommentiert er nicht und macht sie sich nicht zu eigen, aber im Vorwort spricht er sehr klar über die prekären sozialen Bedingungen, in denen diese Gedankengänge entstanden sind.

Schock-Performance

Einem größeren Publikum ist „Kanak Sprak“ vielleicht erst durch eine katastrophale Besprechung in der NDR-Sendung „3 nach 9“ bekannt geworden. „3 nach 9“ ist eine jener Fernsehtalkshows, in der eine Hand voll Prominente an einem runden Tisch versammelt sind und nach einander von den Moderatoren interviewt werden. Im Mai 1998, drei Jahre nach Erscheinen des Buches, war Feridun Zaimoglu dort zu Gast. In den ersten Minuten seines Interviews musste er ausführlich erklären, warum die Männer seines Buches sich selbst als „Kanakster“ bezeichneten, aber von Deutschen nicht so genannt werden wollten, was in der Runde schon einmal auf erstes Unverständnis stieß. Dann wurden drei junge Schauspieler angekündigt, die einige Sätze aus „Kanak Sprak“ vortragen sollten. Es war eine vollkommen einseitige Auswahl von im Buch vorkommenden Kraftausdrücken und Feindseligkeiten, die die drei Bühnendarsteller engagiert ins verwirrte Publikum brüllten. Die Szene erweckte den Eindruck, es handele sich bei dem ganzen Buch um eine durchgehende Hasstirade gegen die Deutschen und als habe der Autor einen Ausschnitt davon hier als Publikumsbeschimpfung inszenieren wollen. In einem späteren Interview erklärte Feridun Zaimoglu, dass er in diese kleine Inszenierung genauso wenig involviert war, wie in die Auswahl der Textstellen. Das Fernsehteam habe ihm erst kurz vor der Sendung gesagt, dass Schauspieler etwas aus seinem Buch vortrage würden.

Die Aufführung der drei Schauspieler erzielte die erwünschte Schockwirkung und statt das Interview mit Zaimoglu fortzusetzen, ließen die beiden Moderatoren die anderen Gäste ihre Empörung über das gerade gesehene äußern. Heide Simonis entrüstete sich über den Schaden, den Zaimoglu mit so einem Text am Projekt der Integration anrichte. Norbert Blühm sagte, er sei zwar ein Freund klarer Sprache, aber das hier gehe doch deutlich zu weit. Wolf Biermann richtete die Frage an den Autor, was überhaupt an ihm echt sei: seine „pfäffische, salbungsvolle“ Art zu reden, oder die starken Töne, die man gerade vernommen habe. Allein Harald Juhnke hielt sich zurück und spekulierte, dass das alles vielleicht so hart klingen müsse, damit man darauf aufmerksam werde. Gelesen hatte das Buch natürlich niemand und wie Biermanns Frage zeigte, legte auch niemand Wert auf die Unterscheidung, dass die zitierten Sätze nicht vom Autor selbst stammten sondern eingefangene Originaltöne waren.

Große Koalition der Nichtleser

Gegen die Anfeindungen von allen Seiten des runden Tisches konnte Zaimoglu seinen Text nur mit Mühe verteidigen, denn er konnte sich nicht einfach von diesen Sätzen distanzieren, die nicht seine eigenen waren. Wenn „Kanak Sprak“ das Vorführen oder ins Lächerliche ziehen der impulsiven Äußerungen wäre, hätte er sich auf seine Rolle als Chronist zurückziehen können. Aber das Buch verwirft das am sogenannten Rand der Gesellschaft geäußerte eben nicht, sondern nimmt es ernst. Der Autor hielt also zu seinen Quellen, auch wenn diese hier durch die einseitige Auswahl von ihrer aggressivsten Seite gezeigt wurden. Während sich eine große Koalition aus Norbert Blüm und Heide Simonis gegen ihn in Rage redete, versuchte er vergeblich, die soziale Situation zu erklären, in der diese Sätze entstanden waren. Die Auseinandersetzung gipfelte schließlich darin, dass Heide Simonis ihn als Schnapsnase bezeichnete. Giovanni di Lorenzo, der kein einziges mal eingegriffen hatte, um seinen von allen Seiten bedrängten Gast zu verteidigen, beendete dann irgendwann mitten im Satz die Debatte, denn die Sendezeit war vorbei.

Das 3-nach-9-Desaster ist einerseits ein deutliches Beispiel dafür, wie wenig zumindest noch ende der Neunziger Jahre Spitzenpolitiker die Personengruppe verstanden, die sie durch ihre Politik zu integrieren glaubten. Heide Simonis brachte mitten in der Debatte noch einmal die unsinnige Frage auf, wer denn nun wen als „Kanake“ bezeichnen dürfe. Ein rassistisches Schmähwort zu entschärfen und gewissermaßen seinen Nutzern zu entreißen, indem man es als beschimpfte Minderheit auf sich selbst anwendet, ist allerspätestens seit dem Hiphop der achtziger Jahre ein international gebräuchliches Mittel der Selbstverteidigung. Politiker vom Schlage einer Heide Simonis würden wohl aus allen Wolken fallen, wenn man ihnen verriete, was die Abkürzung NWA bedeutet. „Kanak Sprak“ wäre gerade für diese Gattung wirklichkeitsferner Integrationsprediger eine wunderbare Lektüre, weil es genau zeigt, wie sich am empfangenden Ende der integrationspolitischen Maßnahmen die Identitäten und individuellen Lebensentwürfe trotz aller Widerstände und ohne staatliches Eingreifen selbstständig formieren.

Die andere Lektion aus der peinlichen Sendung ist, was das Fernsehen aus Literatur macht. Grundsätzlich hat das Fernsehen keine Zeit für Bücher, will sich aber irgendwie trotzdem mit ihnen schmücken. Ernsthaft darüber reden wäre zu langweilig. Es muss laut knallen und alle müssen sich aufregen. Dann darf jeder prominente Nichtleser was dazu sagen und wenn der Autor etwas klarstellen will, ist leider die Zeit vorbei. Nächstes Thema. Das sklavisch den Prinzipien der knappen Sendezeit und der direkten Übertragung unterworfene Medium Fernsehen ist offensichtlich unfähig, das vollkommen anders geartete, auf die Ewigkeit ausgerichtete Medium irgendwie abzubilden. Fernsehmacher können nicht verstehen, dass das Buch im Fernsehen das überlegene Medium im unterlegenen ist, und nicht umgekehrt.

„Kanak Sprak“ ist inzwischen ein historisches Zeugnis über die Kinder der ersten Gastarbeitergeneration, die heute so alt sind wie damals ihre Väter. Es ist eine schonungslose Kritik der Benachteiligung und Zweiklassengesellschaft und gleichzeitig eine Sammlung origineller Gedanken zu Moral und Lebensweise. Nicht zuletzt ist es dank seiner Sprache auch ein bildreiches und poetisches Buch.


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