Spuren der Verdrängung | „Moses der Ägypter“ von Jan Assmann

Jan Assmanns Buch „Moses der Ägypter“ aus dem Jahr 1998 ist durch ein anderes berühmtes Buch über den alttestamentarischen Propheten inspiriert. Kurz vor seinem Tod im Jahr 1939 veröffentlichte Sigmund Freud als sein letztes Werk ein Buch mit dem Titel „Der Mann Moses“. Erstaunlicherweise widmete sich der bereits schwer kranke Freud also in seinen letzten Lebensmonaten nicht etwa einer Zusammenfassung seines Lebenswerkes, der Begründung der Psychoanalyse, sondern einem Text über diesen Propheten, dessen historische Identität trotz seiner immensen religiösen Bedeutung ein großes Rätsel bleibt, und beim näheren Hinsehen wird schnell klar, warum Freud dieses Thema nicht losgelassen hat. Man kennt die Person Moses natürlich aus dem Buch Exodus, in dem er sein Volk aus Ägypten herausgeführt und mit seiner Gesetzgebung eine monotheistische Religion begründet. Seine ersten beiden Gebote, keine anderen Götter anzubeten und sich von Gott kein Bild machen zu dürfen, sind ganz klar dazu gedacht, die neue Religion vom bildreichen Polytheismus der Ägypter abzugrenzen.

Freud wusste aber andererseits auch von einer spektakulären Entdeckung der zeitgenössischen Archäologen: Ägypten war nicht immer die Heimat vieler Götter gewesen. Im dreizehnten Jahrhundert vor Christus gab es in Ägypten eine zwar kurze aber doch umso heftigere monotheistische Episode. Der mächtige Pharao Echnaton, der Mann von Nofretete, hatte damals den Sonnengott Aton zum höchsten und einzigen Gott erklärt. Er verbot die Anbetung aller anderen Götter, zerstörte ihre Tempel und setzte seinen Monotheismus gewaltsam und konsequent als Staatsreligion durch. Nach Echnatons Tod kehrten die Ägypter allerdings sofort wieder zu ihren alten Göttern zurück, bauten die Tempel wieder auf und versuchten sogar, diesen kurze monotheistischen Alptraum, in dem man sie gezwungen hatte, ihren Göttern abzuschwören, aus ihrer eigenen Geschichtsschreibung zu löschen. Sie entfernten Echnaton aus den Königslisten und sorgten dafür, dass er und sein Monotheismus für Jahrtausende in Vergessenheit geriet. Erst die moderne Ägyptologie entdeckte ihn wieder.

Für Freud bestand zwischen Echnaton und Moses ein Zusammenhang, der wunderbar zu seiner Theorie der Verdrängung passt. Freud glaubte, dass Moses ein Anhänger von Echnatons Religion gewesen war. Weil er diesen in Ägypten verdrängten Monotheismus dort nicht wieder aufleben lassen konnte, verkündete er ihn stattdessen den Israeliten und zog mit ihnen aus Ägypten aus, um seine Religion an einem anderen Ort zu etablieren. Diese Theorie hat allerdings einen Haken, von dem Freud ebenfalls wusste: zwischen Echnatons Sonnengott Aton und dem alttestamentarischen Jahwe gab es deutliche Unterschiede. Aton spielte als Quelle der Zeit und des Lichts die Rolle einer weit über allem schwebenden, schöpferischen Naturgewalt, die in Form der Sonne für alle Menschen gleichermaßen scheint und Leben spendet. Auf der anderen Seite ist der alttestamentarische Gott vor allem eine moralische Instanz, die eine Trennung zwischen Gut und Böse vorgibt, und sich nicht etwa an alle Menschen richtet, sondern sich ein bestimmtes Volk für ein Bündnis auserwählt und von ihm klare Bekenntnisse fordert. Zu diesem Gegensatz zwischen den beiden Gottesvorstellungen kommt für Freuds Theorie die Schwierigkeit hinzu, dass manche Bibelforscher vermuteten, Moses habe ursprünglich an einen Vulkandämon namens Jahweh geglaubt und diesen den Israeliten als neuen Gott verkündet.

Der doppelte Moses

Diese Probleme löst Freud mit einer weiteren, gewagten Theorie: Der Name Moses steht bei ihm für zwei verschiedene Männer. Der erste von beiden war Ägypter und verkündete die Aton-Religion. Aber weil sein Volk noch zu tief im ägyptischen Polytheismus steckte, lehnte es sich gegen ihn auf und ermordete ihn. Diese Vermutung stützt sich auf verschiedene Andeutungen in antiken Schriften und indirekt auch auf das Buch Exodus. In der Episode mit dem goldenen Kalb wird beispielsweise beschrieben, wie die Israeliten rückfällig werden, sich von Moses abwenden und wieder die alten Götter anbeten. Eine Ermordung des Propheten ist nicht Teil der biblischen Geschichte, aber sie hätte an dieser Stelle passieren können. Laut Freud gab es danach, als sich die Mörder ihrer Schuld bewusst wurden und ihre Tat bereuten, eine zweite Führungsfigur, die Moses ersetzte. Dieser zweite Moses setzte das monotheistische Projekt des ersten fort und formte das biblische Gottesbild aber auf der Grundlage seines ursprünglichen Glaubens an den Vulkangott.

Diese Theorie vom doppelten Moses, deren Wahrheitsgehalt Jan Assmann stark bezweifelt, ist für Freud deshalb so attraktiv, weil sich hier aus seiner Sicht eine Urszene aus der Frühgeschichte der Menschheit wiederholt. In der steinzeitlichen Ur-Horde gab es laut Freud typischerweise eine starke männliche Persönlichkeit, vergleichbar mit dem Silberrücken in der Gorilla-Horde, der alle Vorzüge dieser Gesellschaft genießt, insbesondere das Recht, sich mit den weiblichen Mitgliedern zu paaren. Alle anderen Männer der Horde werden von ihm unterdrückt, bis er irgendwann zu alt wird, um dieses Macht-Ungleichgewicht aufrecht zu erhalten. In diesem Moment wird er von den anderen Männern umgebracht und es entsteht eine neue Hierarchie. Dieser Mord ist mit starken Schuldgefühlen verbunden, aber gleichzeitig ist er eine Art Gründungsmoment für die daraus entstehende, neue Gesellschaftsordnung. Die blutige Tat wird verdrängt, aber gerade dadurch lebt sie im Unbewussten länger und entfaltet eine umso größere Wirkung, indem sie die Gesellschaft der Schuldigen zusammenschweißt. Freud überträgt dieses Schema auf den Mord am ersten Moses und folgert daraus, dass gerade wegen dieser in der Bibel nicht erwähnten Tat und ihrer Verdrängung der zweite Moses und das von beiden vertretene Prinzip des Monotheismus sich so nachhaltig durchsetzen konnte. Den Erfolg einer Jahrtausende alten Weltreligion erklärt Freud also mit einer verdrängten Gewalttat in ihrer Gründungsstunde.

In Jan Assmanns Buch „Moses der Ägypter“ geht es nun um all das, aber nicht nur um Freuds Einsichten, sondern um die lange Verkettung von Theorien und Vermutungen über die Rolle des Propheten an der Verbindungsstelle zwischen antiker ägyptischer und späterer jüdischer Kultur, die sich über Jahrhunderte entwickelte und schließlich Freud beeinflusste. Schon in der Bibel steht, dass Moses in Ägypten aufgewachsen war, und bereits in der Antike stellten Autoren Vermutungen an, in welcher Weise die ägyptische Kultur ihn beeinflusst hatte. In der Apostelgeschichte sagt der heilige Stephanus kurz vor seiner Steinigung: „Und Mose wurde in aller Weisheit der Ägypter ausgebildet, und er war mächtig in Wort und Tat.“ Diese Stelle und andere antike Quellen nahm im siebzehnten Jahrhundert der in Cambridge lehrende Hebraist John Spencer zum Anlass, die mosaischen Gesetze und Riten mit den altägyptischen Kulthandlungen zu vergleichen. Er kommt zu dem Schluss, dass Moses den neuen Glauben als Gegenreligion gegen Ägypten errichtete und dazu aufrief, genau das Gegenteil von dem zu tun, was man in Ägypten bisher tat. So wurde beispielsweise das Lamm als Opfertier geschlachtet, weil es dem Widder entsprach, der in Ägypten einen der höchsten Götter symbolisierte und als heilig verehrt wurde, also gewissermaßen gerade das Gegenteil eines Opfertieres war.

Geheimer Monotheismus

Im achtzehnten Jahrhundert griff dann Bischof William Warburton Spencers Theorie auf und erweiterte sie um einen neuen Aspekt, der später direkt zu Freuds Theorie führen sollte. Obwohl Warburton nichts von Echnaton wissen konnte, ging er davon aus, dass es im alten Ägypten zusätzlich zur bekannten Vielgötterei auch bereits einen verborgenen Monotheismus gegeben habe. Laut dieser Theorie wurde an der Oberfläche der Polytheismus als Religion für das einfache Volk aufrecht erhalten und der Monotheismus wurde im Geheimen von einer elitären Priesterklasse und von den eingeweihten Machthabern als die wahre Religion zelebriert. Wie Warburton glaubte, hielt man den Monotheismus deshalb geheim, und offenbarte ihn nur einer Elite, weil der Glaube des einfachen Volkes an viele verschiedene Götter politisch notwendig war, um das nach lokalen Gottheiten aufgeteilte Ägypten als Staat funktionsfähig zu halten. Jan Assmann zufolge gibt es keine eindeutigen historischen Belege für diese geheime Priesterklasse. Warbuton und andere stützten sich in ihren Vermutungen auf zweifelhafte historische Texte, wie insbesondere das zur Renaissancezeit übersetzte Corpus Hermeticum, das man damals noch für eine Sammlung altägyptischer Originaltexte hielt. Darin ist immer wieder von nur einem Gott die Rede.

Diese Theorie, dass es in Ägypten als das große Myterium eine geheime Religion gegeben hatte, in die nur wenige Auserwählte eingewiesen wurden, wurde in der Blütezeit der Geheimgesellschaften durch den Freimaurer und Illuminaten Karl Leonhard Reinhold aufgegriffen. Während Bischof Warburton noch großen Wert auf die Unterscheidung gelegt hatte, dass Moses zwar möglicherweise den geheimen ägyptischen Monotheismus gekannt, aber den Israeliten dann einen ganz anderen, nämlich den wahren Gott verkündet habe, macht Reinhold diese Unterscheidung nicht mehr, sondern setzt einfach beide Götter gleich. Für ihn ist der von Moses verkündete Gott derselbe, den er in Ägypten als Eingeweihter kennengelernt hatte. Moses führt demzufolge die ägyptische Geheimniskrämerei und Mysterienkulte ad absurdum, indem er den geheimen Gott öffentlich macht und ihn nicht nur wenigen Auserwählten sondern gleich einem ganzen Volk offenbart. Reinholds Theorie wird wenig später von Friedrich Schiller aufgegriffen, dessen Essay über dieses Thema wiederum Freud beeinflusste.

Wahre und falsche Götter

In Reinholds und Schillers Augen beteten sowohl Israeliten als auch die Eingeweihten unter den Ägyptern also denselben, wahren Gott an. Damit ist der im Buch Exodus hervorgehobene Gegensatz zwischen Israel und Ägypten quasi wieder aufgehoben und darin liegt auch für Freud und Assmann ein wichtiger Aspekt der Moses-Debatte. Moses hatte, wie Jan Assmann erklärt, als erster bedeutender Religionsstifter eine klare Trennung zwischen wahrer und falscher Religion eingeführt, die es vorher in der antiken Welt so nicht gegeben hatte. Der Polytheismus war gewissermaßen international kompatibel gewesen. Die Götter wurden an verschiedenen Orten zwar unter verschiedenen Namen verehrt, aber es war allgemein anerkannt, dass es sich trotz der unterschiedlichen Namensgebung im Wesentlichen um dieselben Götter handelte. Wenn Völker mit einander in Kontakt traten und Verträge abschlossen, war es deshalb üblich, die Götter des jeweils anderen Volkes offiziell anzuerkennen oder sogar zu übernehmen. Eine Unterscheidung zwischen richtigen und falschen Göttern und eine damit verbundene Trennung von Völkern war deshalb ein unerhörtes Novum, das nachhaltig für einen weit verbreiteten Hass auf das Volk gesorgt haben musste, das sich auf diese Weise von den anderen unterschied. Assmann sieht hier die historische Wurzel für das Phänomen des Antisemitismus.

In Reinholds und Schillers Interpretation nimmt Moses aber nun ganz im Gegenteil eine Rolle ein, die Völker nicht von einander trennt. Indem er den geheimen Gott der Ägypter nach Kanaan exportiert, verbindet er die Kulturen und stiftet gewissermaßen den Ableger einer Universalreligion, zu der sich alle Menschen bekennen könnten. Auch wenn Freud und Assmann inzwischen mehr über das alte Ägypten wissen und sich dieser Theorie nicht ohne weiteres anschließen können, betonen auch sie den völkerverbindenden Aspekt der Lesart von Moses als Ägypter und nutzen das Thema in ihren Büchern für eine Analyse des Antisemitismus. Vom Standpunkt des Therapeuten analysiert Freud die mosaische Unterscheidung zwischen wahrer und falscher Religion, die zu der Verfeindung der Völker führte, als einen Verdrängungsprozess. Ein Verständnis dieses psychischen Prozesses könnte ein Schritt zur Heilung sein und insofern ist Freuds Werk über Moses ein Beitrag zur Völkerverständigung. Jan Assmann greift diesen Aspekt in seinem Buch aus der Sicht des Ägyptologen wieder auf.

Eine Geschichte der Vermutungen

Es ist allerdings eine Besonderheit dieses Buches, dass Assmann nicht von vornherein als Ägypten-Experte spricht, sondern sich auf die Entwicklung der Ideen von der Antike bis zu Freud konzentriert. Während er zusammenfasst, was Spencer, Warburten und Reinhold über Moses zu wissen glaubten, lässt er ihre Missverständnisse zum Teil erst einmal stehen und setzt ihnen erst am Ende des Buches archäologische Fakten entgegen. Das Buch geht also erst einmal der Frage nach, wie die Ideen und Theorien sich im Lauf der jahrhundertealten Moses-Debatte unter einander beeinflusst haben. Ob sie dann auch noch wahr sind, ist eine andere, hier eher zweitrangige Frage. „Moses der Ägypter“ präsentiert eine Rezeptionsgeschichte auf einer Meta-Ebene der Geschichtsschreibung, auf die man sich erst einmal einlassen muss. Zu der entscheidenden Frage, ob Moses tatsächlich ein Anhänger von Echnatons Religion war, kann auch Jan Assmann sich nicht festlegen. Allerdings weist er gegen Ende des Buches auf die Ähnlichkeit zwischen dem 104. Psalm des alten Testaments und einem Hymnus aus der Echnaton-Zeit hin. Der Psalm könnte eine Übersetzung des altägyptischen Sonnengott-Hymnus sein, den Moses aus Ägypten mitgenommen hat.

„Moses der Ägypter“ handelt also von einer faszinierenden Verbindung zwischen dem frühen Judentum und der antiken ägyptischen Kultur. Ähnlich wie in seinem Buch „Achsenzeit“ liegt der besondere Reiz in Jan Assmanns Darstellung darin, dass er nicht nur die historischen Tatsachen sondern vor allem die Ideengeschichte zeigt, die von der Antike über die Renaissance, Aufklärungsepoche und das Freimaurertum bis hin zu Siegmund Freud führt. Es ist also nicht nur ein Buch über Ägypten und Moses, sondern, indem es zeigt, wie die verschiedenen Theorien aus einander hervorgehen, ein Buch über die Geschichte des Denkens am Beispiel dieser Themen. Mich hat dieses Buch jedenfalls wirklich begeistert.


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