Die Erbsünde der Wissenschaft | „Leben des Galilei“ von Bertolt Brecht

Bertolt Brechts politisches Stück „Leben des Galilei“ handelt von der Wechselwirkung zwischen der Forschung und ihren politischen und wirtschaftlichen Zwängen und formuliert eine Antwort auf die Frage, wozu Wissenschaft überhaupt gut ist.

Galileo Galilei unterrichtet Mathematik an der Universität in Padua und erforscht nebenbei in seinem heimischen Studierzimmer die Bewegung der Himmelskörper. Die venezianische Obrigkeit lässt ihn weitgehend in Ruhe, bezahlt ihn dafür aber auch schlecht. Seine Situation erinnert an die prekären Verhältnisse unter denen viele heutige Lehrbeauftragte und Nachwuchsforscher arbeiten. Um sich finanziell über Wasser zu halten, lässt er hin und wieder seine wenig lukrative kosmologische Arbeit ruhen und präsentiert seinen Gönnern irgendeine praktische Erfindung, für die er einen Bonus bekommt. Als ihm eines Tages ein Student von einem mysteriösen Rohr erzählt, dass man gerade in Holland erfunden habe, um besser in die Ferne sehen zu können, wittert Galilei wieder eine Gelegenheit für eine schnell verdiente Zulage. Mit der Hilfe eines Linsenschleifers baut er das Gerät in verbesserter Form nach und verkauft es seinen Fürsten als Neuheit.

Die Venezianer freuen sich über die möglichen Anwendungen des Gerätes in der Seefahrt und auf dem Schlachtfeld. Galilei selbst aber richtet es auf den Mond und erkennt, dass es dort Berge und Täler gibt, die unterschiedlich hell sind, woraus er schließt, dass der Mond das Licht der Sonne reflektiert. Als er das Rohr dann auch auf den Jupiter richtet, erkennt er, dass dieser von seinen eigenen Monden umkreist wird. Das alles bestärkt das ketzerische Weltbild des Kopernikus, an das er lange geglaubt hat und das er nun endlich belegen kann. In seiner Euphorie über diese Entdeckungen ist er davon überzeugt, die Welt schnell und einfach von der neuen Theorie überzeugen zu können. Wenn die Fürsten und Kirchenväter durch das Fernrohr sähen, würden sie die Belege ja mit eigenen Augen überprüfen können und müssten sich der Wahrheit beugen, glaubt er.

Die Warnungen seiner Freunde ignorierend beschließt er, mit seiner neuen Entdeckung nach Florenz umzusiedeln und von dort aus seine Forschung zu vertiefen. Das vom neunjährigen Cosmo di Medici regierte Florenz bietet ihm bessere finanzielle Möglichkeiten und ist gleichzeitig in der Hand der Kirche. Im naiven Glauben an die Überzeugungskraft seiner Beobachtungen siedelt Galilei dorthin um und versucht, den Fürsten und die dortige Wissenschaft von seiner Entdeckung zu unterrichten. Weder der kindliche Fürst, der sowieso keine Ahnung hat, was um ihn herum vor sich geht, noch die florentinischen Mathematiker und Philosophen können aber von Galilei trotz größter Anstrengungen überhaupt dazu gebracht werden, auch nur einmal durch das Fernrohr hindurch zu sehen. Diesen belesenen und am liebsten auf Latein diskutierenden Vertretern der etablierten Wissenschaft ist klar, dass eine Beobachtung, die dem großen Aristoteles widerspricht, wohl nur falsch sein kann. Die Fakten passen nicht zur bevorzugten Theorie und das ist dann eben Pech für die Fakten.

Der Widerstand der Päpste

Obwohl Pater Christophorus Clavius, der größte Astronom dieser Zeit, Galileis Beobachtungen überraschend recht gibt, begreift Galilei nun, dass er mit seiner Unterstützung des kopernikanischen Weltbildes auf harte Widerstände stößt und sich in Gefahr bringt. Er lässt das Thema acht Jahre lang ruhen und konzentriert sich mit einer Gruppe interessierter Schüler in dieser Zeit auf die Erforschung anderer physikalische Gesetzmäßigkeiten. Dann aber, als der Papst im Sterben liegt und bekannt wird, dass der in den Wissenschaften ausgebildete Kardinal Barberini der Nachfolger werden soll, sieht Galilei seine Chance, auf das Thema zurückzukommen und die Welt endlich von der kopernikanischen Theorie zu überzeugen. Er irrt sich aber in Barberini. Dieser lässt dem allzu einflussreichen Forscher die Folterinstrumente der Inquisition zeigen, worauf Galilei seine Behauptungen widerruft und der kopernikanischen Ketzerei abschwört. Seine letzten Jahre verbringt er zurückgezogen auf einem Landsitz unter der ständigen Kontrolle der kirchlichen Zensur.

Die verschiedenen Einflüsse in Galileis Leben sind durch die Personen in seiner nächsten Umgebung repräsentiert. Sein Schüler Andrea Sarti, der schon als Kind von ihm über die Drehung der Erde aufgeklärt wird und der im Verlauf des Stückes zu einem eigenständigen Forscher heranwächst, steht für Wahrheitsliebe und Wissenschaftsoptimismus. Andrea Sartis Mutter, die Haushälterin Galileis, ist die Stimme der an Kirche und Staat glaubenden und an den Bewegungen der Gestirne weit weniger als am aktuellen Milchpreis interessierten, sogenannten einfachen Leute. Galileis Tochter Virginia ist vollkommen der Kirche ergeben und unterstützt diese am Ende sogar bei der Überwachung ihres Vaters. Virginias Verlobter Ludovico ist ein Gutsbesitzer aus besserem Hause, der die Kirchentreue seiner Bauern benutzt, um sie auszubeuten. In Galilei selbst steckt ein Stück von allen. Er ist Vollblutforscher wie sein Schüler Andrea, finanziell abhängig wie seine Haushälterin, auf sein eigenes Wohl bedacht wie Ludovico und er endet in den Armen der Mutter Kirche, wie seine Tochter Virginia. Die Entwicklung, die er durchmacht, ist die vom Idealisten zum sich den äußeren Zwängen ergebenden Pragmatiker.

Hieraus kommt es zum tragischen Konflikt mit Andrea, denn der kann es nicht fassen, als Galilei dem Druck der Inquisition nachgibt und seine Thesen widerruft. Selbst ganz am Ende des Stückes, als er ihm Jahre nach dem Widerruf zum letzten mal begegnet, glaubt er, dass dahinter ein Plan stecken musste, und Galilei nur widerrufen hatte, um unbehelligt weiter forschen und die kopernikanische Revolution doch vorantreiben zu können. Galilei gesteht ihm aber, dass er keinen solchen Plan hatte, sondern einfach nicht der Held war, für den sein Schüler ihn hielt. Die Einflüsse Virginias haben am Ende scheinbar gesiegt und Galilei steht vor seinem Schüler als ein gebrochener Mann, der sich selbst für seinen Verrat an der Wahrheit anklagt. Andrea lässt sich dennoch nicht davon abbringen, dass man sich an Galilei einmal nicht als gescheiterten Verräter, sondern eben doch als Helden der Wissenschaft erinnern wird. Er nimmt eine Kopie von Galileis letztem, unter der Kontrolle der Kirche verfasstem Werk, den „Discorsi“ über die Mechanik und Fallgesetze, mit nach Amsterdam, um sie von dort zu verbreiten.

Galilei als Adam der Wissenschaft

In Galileis tragischer Selbstanklage am Ende des Stückes steckt die eigentliche Quintessenz und eine mögliche Deutung des berühmten Widerrufs als negativer Schlüsselmoment der Wissenschaftsgeschichte. Brecht lässt Galilei hier sagen:

Hätte ich widerstanden, hätten die Naturwissenschaftler etwas wie den hippokratischen Eid der Ärzte entwickeln können, das Gelöbnis, ihr Wissen einzig zum Wohle der Menschheit anzuwenden! Wie es nun steht, ist das Höchste, was man erhoffen kann, ein Geschlecht erfinderischer Zwerge, die für alles gemietet werden können.

Für Galilei ist sein Widerruf der Sündenfall, der alle nach ihm folgenden Forschergenerationen vom richtigen Weg abgebracht hat. Dieser Weg wäre eine Wissenschaft, die den einfachen Menschen dient und sie dabei unterstützt, sich gegen ihre Unterdrücker zur Wehr zu setzen. Dass Galilei wie ein Adam der Naturwissenschaft ganz zu Beginn ihrer langen Geschichte nicht standhaft war, wirkt sich dieser Deutung zufolge nun auf die gesamte Wissenschaftsgeschichte bis heute aus. Dass der Webstuhl, die Dampfmaschine und der Industrieroboter nicht dazu benutzt wurden, die einfachen Leute zu entlasten, sondern weiter zu unterdrücken, ist nach Brecht also die Konsequenz dieses ersten Sündenfalls der Wissenschaft. Gleichzeitig liefert Brecht hier eine sozialistische Theorie über den Nutzen der Wissenschaft, die er ebenfalls Galilei in den Mund legt:

Ich halte dafür, dass das einzige Ziel der Wissenschaft darin besteht, die Mühseligkeit der menschlichen Existenz zu erleichtern.

Brechts Galilei ist gleichzeitig Urheber dieses Gebots und der Erste, der gegen es verstößt.

Es ist eigentlich erstaunlich, wie gut dieses Stück ist. Bei all der dahinterstehenden Konstruktion, Theorie und Politik hätte es eigentlich vollkommen missraten müssen, wie so manche andere Werke mit politisch-pädagogischen Ambitionen. „Leben des Galilei“ ist aber lebendig und amüsant. Das liegt insbesondere am sarkastischen, leidenschaftlichen und gewitzten Weinliebhaber Galilei. Der Vater der Naturwissenschaften redet hier locker und frei heraus so, wie Brecht glaubt, dass dem großen Mann der Schnabel gewachsen sein könnte. Man nimmt ihm sofort ab, dass er sich seine besten Tricks von den Arbeitern auf den Schiffswerften abgeguckt hat. Insofern ist Brechts sozialistische Theorie durch die Lebendigkeit dieser Figur unterstützt, die nichts mit dem abgehobenen Weisen im Elfenbeinturm aber sehr viel mit dem improvisierenden Bastler und einfachen Handwerker gemeinsam hat. Die wahre Erneuerung kann nach Brecht nur aus den unteren, zum Erfindungsgeist gezwungenen Gesellschaftsschichten kommen. Wenn sie diesen einfachen Leuten dann auch noch dienen könnte, wäre das Ziel erreicht.


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