Verteilt den Bachmannpreis!

Manche Schriftsteller hassen den Bachmannpreis. Andere nehmen daran teil und einige wenige, die innere Widersprüche besonders gut aushalten können, schaffen sogar beides. Zum Beispiel Slata Roschal. Im Juni 2026 las sie in Klagenfurth ihren Text vor, lief aber zur Jury-Diskussion schon aus dem Saal und sagte dann der Jüdischen Allgemeinen in einem Interview, es sei ihr sowieso klar gewesen, dass sie nicht gewinnen werde, denn bei diesem Wettbewerb gehe es ja gar nicht um Texte sondern nur um Oberflächlichkeiten. Der ganze Wettbewerb sei überhaupt nicht zeitgemäß und außerdem mache man so etwas auch einfach nicht. „Man trommelt nicht lauter Autoren zusammen, die dringend Geld brauchen, damit sie gegeneinander lesen“, so Frau Roschal. Man fragt sich, wer sie dazu gezwungen haben mag, bei dieser schlimmen Veranstaltung teilzunehmen. Eingeladen wurde sie jedenfalls ausgerechnet vom Juryvorsitzenden Klaus Kastberger und der wird im Nachhinein vermutlich nicht mehr ganz glücklich mit dieser Entscheidung gewesen sein.

Dabei war dieses trojanische Pferd in Textform so wenig überraschend wie das Original aus Holz. Seit Jahren ist Frau Roschal für ihre Kritik am sogenannten Literaturbetrieb bekannt, die immer wieder auf demselben Missverständnis beruht, nämlich dass es sich bei diesem um einen tatsächlichen Betrieb handelt. Um einen Arbeitgeber, der seine Mitarbeiter in Form von Preisen und Stipendien bezahlt, und zwar natürlich viel zu schlecht. In dieser Literaturfirma spielen die Autoren nach Frau Roschals Meinung nur die Rolle des Reinigungspersonals, oder um es in ihren Worten zu sagen: der „Putzfrauen“. Aus dieser Logik des Arbeitnehmens und -gebens erklärt sich dann auch ihre Weigerung, beim Bachmannpreis der Jury-Diskussion zu ihrem eigenen Text beizuwohnen. Der Jury zuzuhören sei, wie sie der Süddeutschen Zeitung erkärte, einfach nicht ihr Job. In einem Punkt sollte sie übrigens recht behalten, nämlich, dass sie auf dem Preis keine Chance hatte. Die Jury gab ihrem Text Null Punkte.

Nachdem man sich über das alles zu Ende gewundert hat, kann man darüber nachdenken, ob sich nach fünfzig Jahren Bachmannpreis tatsächlich etwas ändern muss, wenn es den Wettbewerb auch in Zukunft noch geben soll. Denn das scheint alles andere als selbstverständlich zu sein. Nachdem dieser Podcast nicht mehr über die Veranstaltung berichtet, steht sie anscheinend kurz vor der Absetzung. Unter den Kritikern des Preises hört man aber nicht nur destruktives Jammern. Schon im Jahr 2022 kam unter den damaligen Teilnehmern der interessante Vorschlag auf, das Preisgeld unter allen vierzehn Autorinnen und Autoren gleichmäßig aufzuteilen. Tatsächlich ist es ja ein eher unschönerr Aspekt des Wettbewerbs, dass es neben Kunst und Ehrung auch darum geht, wer am Ende das Geld mitnimmt, im Fall des Hauptpreises immerhin 30 000 Euro. Die Veranstalter haben inzwischen zwar auch ein paar zweite und dritte Preise eingeführt und vergeben so jährlich insgesamt 75 000 Euro Preisgeld, aber die Mehrheit der Teilnehmer verlassen Klagenfurth nur um eine Erfahrung reicher.

Wenn man sich fragt, warum die Leute sich das Wettbewerbstheater trotzdem antun, stößt man auf eine einfache Wahrheit. Es liegt nicht daran, dass Philipp Tingler so nett ist. Für viele Autoren ist der Bachmannpreis in erster Linie eine Gelegenheit, auf ihren nächsten Roman aufmerksam zu machen. Man muss nur durchzählen, wie viele der Wettbewerbsbeiträge aus den letzten Jahren sich im Nachhinein als Romanauszüge entpuppt haben. Das Abdriften zum Romangenre ist verständlich, denn da ist Geld. Die Kurzprosa ist zwar vielleicht nicht tot aber pleite. Wann haben Sie zuletzt eine Literaturzeitschrift oder einen Band Kurzgeschichten gekauft? Immerhin hat der Bachmannpreis das Genre noch auf seiner Flagge. Die kurzen Wettbewerbsbeiträge dürfen zwar Auszüge aus längeren Texten sein, sollen aber grundsätzlich als abgeschlossene Einheit für sich selbst sprechen.

Eine gleichmäßige Verteilung der Preisgelder könnte der Kurzprosa neues Leben einhauchen. Für manche Autoren, die keinen Roman zu verkaufen haben und sich auf das Siegertreppchen nur geringe Hoffnungen machen, wäre ein pauschales Teilnahmegeld, das man bei gleichbleibendem Budget in höhe von 5000 Euro vergeben könnte, vielleicht der nötige Anreiz, um ihren Text trotz allem einzusenden. Eine damit gewonnene Vielfalt außerhalb der Romangattung und damit eine Wiederbelebung kurzer Prosa könnte den Bachmannpreis ein Stück näher zu seinen eigenen Wurzeln zurückführen und ihm eine neue kulturelle Relevanz verleihen. Er wäre nicht nur Werbeplattform des Buchmarkts sondern das Sprachrohr einer weniger lukrativen Gattung, die ohne ihn fast nur noch im Verborgenen und Obskuren zu finden ist. Der Preis und sein ursprüngliches Genre könnten sich gegenseitig retten.

Vielleicht klingt das utopisch. Kaufen werden wir den Kurzprosa-Band natürlich immer noch nicht, auch wenn „Bachmannpreis“ auf dem Cover steht. Aber vielleicht, und das ist jetzt wirklich nur ganz spekulativ, sind Kunst und Konsum eben doch nicht dasselbe. In jedem Fall ist es für den fünfzigjährigen Bachmannpreis jetzt der Moment, über solche Fragen einmal nachzudenken, denn die Midlife Crisis scheint in vollem Gange zu sein. Wenn man am Abgrund steht, ist es Zeit für Experimente.


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