Gottes Humor | „Joseph, der Ernährer“ von Thomas Mann

Am Anfang des letzten Romans aus Thomas Manns großer Tetralogie „Joseph und seine Brüder“ beginnt Joseph noch einmal ganz unten, um auf spektakuläre Weise nach ganz ober aufzusteigen. Im fremden Land Ägypten ist er im Gefängnis gelandet, weil er im dritten Roman den erotischen Annäherungsversuchen der Frau seines Dienstherrn Potiphar nicht ganz konsequent aus dem Weg gegangen war. Thomas Mann hatte hier schon klargestellt, dass es sich bei diesem Gefängnisaufenthalt um die Wiederholung eines für Josephs Leben wichtigen Motivs handelt. Seine Brüder hatten ihn ja im zweiten Roman in einen Brunnenschacht geworfen und so wie aus diesem, soll er jetzt auch aus dem Gefängnisloch von einer höheren Macht befreit werden.

Ganz so dunkel wie der Brunnen, ist dieses ägyptische Gefängnis allerdings nicht. Potiphar hatte geahnt, dass seine Frau bei ihrer Beinahe-Affäre mit seinem Haushalter Joseph die Hauptschuldige war und deshalb sorgt er dafür, dass Joseph hinter Gittern bevorzugt behandelt wird. Als Schreiber und Assisten darf er den gutmütigen Gefängnisleiter Mai-Sachme unterstützen. In dieser Funktion lernt Joseph zwei prominente Herren kennen, die als neue Häftlinge eingeliefert werden, der Hofbäcker und der oberste Mundschenk von Pharao Amenhotep III. Beide sind angeklagt, an einer Verschwörung beteiligt zu sein, die eine Ermordung Pharaos zum Ziel hatte. Joseph versorgt die beiden Mit-Häftlinge mit ihrer täglichen Verpflegung und bei dieser Gelegenheit erzählen sie ihm von ihren Träumen. Der Bäcker hat von Gebäck geträumt, das ihm von Vögeln weggefressen wird und dem Mundschenk sind im Traum Weintrauben erschienen, die er für seinen Pharao zu einem Getränk auspresste. Joseph erklärt ihnen, dass sich aus diesen Träumen ihr Schicksal voraussagen lässt. Dem Bäcker prophezeit er, schuldiggesprochen und hingerichtet zu werden, während der unschuldige Mundschenk freigesprochen werde und an Pharaos Hof zurückkehren dürfe.

Dass er mit seiner Traumdeutung genau die Ereignisse vorhersagt, die drei Tage später tatsächlich eintreffen, ist etwas weniger beeindruckend, nachdem Thomas Mann andeutet, dass Joseph schon vorher vom Gefängnisleiter erfahren hatte, welcher der beiden Männer tatsächlich an der Verschwörung beteiligt war, und welcher nicht. Beim Mundschenk bleibt Josephs Weissagung aber so nachhaltig in Erinnerung, dass er ihn Jahre später seinem Pharao empfiehlt, als dieser einen auffälligen Traum hat. Dieser Pharao ist inzwischen Amenhotep IV. und träumt seinen berühmten Traum von den sieben fetten und den sieben abgemagerten Rindern und den sieben gut gewachsenen und sieben ausgetrockneten Getreideähren. Amenhotep ahnt, dass es ein wichtiger Traum ist, mit dem ihm die Götter etwas mitteilen wollen. Er ruft seine Gelehrten zusammen und bittet um eine Interpretation. Die weisen Männer erzählen ihm aber nur etwas von sieben Nachkommen, von sieben Helden Ägyptens und von irgendwelchen Städten, die er erobern werde. Er ist sich sicher, dass sein Traum mit alldem nichts zu tun hat und als nach der Anhörung der üblichen Gelehrten niemand mehr da ist, der ihm mit einer Deutung weiterhelfen könnte, kommt der Munschenk auf die Idee, den Traumdeuter Joseph aus dem Gefängnis zu holen.

Josephs Begegnung mit dem Pharao

Thomas Mann hat an verschiedenen Stellen geschrieben, dass es sich bei dem nun folgenden Gespräch zwischen Joseph und Amenhotep IV. um den Höhepunkt seiner Tetralogie handelt. Dieses Zusammentreffen auszugestalten war für ihn die wesentliche Motivation, das ganze Romanprojekt überhaupt zu beginnen. Im Roman selbst heißt es:

[…] und als wir, die Scheu unseres Fleisches überwindend, uns für die Höllenfahrt stark machten durch die Schlucht der Jahrtausende hinab zur Brunnenwiese von Josephs Gegenwart, da war es unser Vorsatz vor allem, dies Gespräch zu belauschen und es heraufzubringen in allen seinen Gliedern, wie es sich damals zu On in Unter-Ägypten wirklich begeben.

Ähnlich wie an früheren Stellen der Tetralogie sieht Thomas Mann seine Aufgabe hier darin, die knappe Vorlage aus dem Buch Genesis nicht nur auszuschmücken, sondern überhaupt plausibel zu machen. Denn für Josephs Leben bedeutet dieses Gespräch mit dem Pharao eine vollkommen unwahrscheinliche Wendung. Joseph tritt als unbekannter Häftling vor den mächtigsten Mann der damaligen Welt und wird von diesem am Ende ihres Gespräches zu seinem höchsten Beamten und Stellvertreter ernannt. Es ist gewissermaßen das erfolgreichste Personalgespräch aller Zeiten.

Dem Alten Testament genügt es als Begründung für diese extreme Wendung, dass Joseph Pharaos Traum zufriedenstellend interpretiert. Auch bei Thomas Mann ist das wenigstens der Ausgangspunkt des Gesprächs. Die sieben fetten und sieben mageren Rinder beziehungsweise Ähren deutet Joseph als sieben fruchtbare und sieben trockene Jahre, die auf Pharaos Ägypten zukommen. Joseph sagt nicht nur eine Dürreperiode voraus, sondern gibt dem Herrscher Ägyptens auch eine Empfehlung, wie er sein Land darauf vorbereiten soll. Ein verständiger Mann solle mit dem Bau und dem Befüllen von Kornspeichern beauftragt werden, um in den sieben fetten Jahren einen Vorrat anzulegen, von dem die Ägypter in den sieben mageren überleben können. In der Bibel ist dem schnellentschlossenen Pharao sofort klar, dass dieser verständige Mann kein anderer als der Traumdeuter Joseph selbst sein soll, den er gerade erst kennengelernt hat.

Thomas Mann geht das etwas zu schnell. Bevor er seinen Pharao zu dieser Entscheidung finden lässt, lernen sich die beiden Männer über ein zweites Gesprächsthema näher kennen, das an dieser Stelle im Buch Genesis ironischerweise überhaupt keine Rolle spielt, nämlich ihr Glaube an Gott. Das ist der Teil der Begegnung, der Thomas Mann eigentlich interessiert, und hierfür spielt es jetzt eine wichtige Rolle, dass es sich bei Josephs Gesprächspartner nicht um irgendeinen namenlosen ägyptischen Pharao handelt wie in der Bibel, einen reinen Platzhalter für ägyptische Macht, sondern um Amenhotep IV. Der ist nicht irgendeiner aus der langen Reihe von Pharaonen sondern gerade was die Religion betrifft ein sehr untypischer ägyptischer Herrscher.

600 Jahre

Es wird jetzt klar, dass Thomas Mann auf dieses Gespräch von Anfang an hin gearbeitet und mit einem erzählerischen Kraftakt die gesamte Chronologie seiner Geschichte so eingerichtet hat, dass eine Begegnung zwischen Joseph und genau diesem Pharao möglich wird. Im ersten Josephsroman erklärt Mann, dass Joseph und sein Vater Jaakob zwar direkte Nachfahren Abrahams sind, aber nicht so unmittelbar, wie in der Bibel behauptet wird. Jaakob ist bei Thomas Mann nicht Abrahams Enkel wie in Genesis behauptet, also nicht der Sohn des berühmten Isaak, der beinahe geopfert worden wäre. Stattdessen sind in Manns Version der Geschichte zwischen Abraham und Jaakob sechshundert Jahre vergangen, in denen verschiedene Nachfahren Abrahams immer wieder Isaak genannt wurden, und so irgendwann auch Jaakobs Vater. Mit diesen künstlich eingeschobenen sechshundert Jahren ermöglicht Thomas Mann die Begegnung zwischen Joseph und Amenhotep, denn Abrahams Lebenszeit wird generell einer Völkerwanderung knapp zweitausend Jahre vor Christus zugeordnet während Amenhotep im vierzehnten Jahrhundert vor Christus regierte. Nur sechshundert Jahre nach Abraham kann Joseph also genau diesem Pharao begegnet sein.

Der Grund aus dem Thomas Mann solche Verrenkungen unternimmt, damit sich genau diese beiden begegnen können, liegt darin, dass die beiden Männer ein für ihre Zeit vollkommen ungewöhnliches Merkmal mit einander verbindet. Beide sind Monotheisten in einer polytheistischen Welt. In Josephs Fall ist bekannt, dass er an den Gott seines Stammesvaters Abraham glaubt. Amenhotep IV. ist in der ägyptischen Geschichte dafür bekannt, dass er sich gegen die uralte polytheistische Tradition seines Landes auflehnte und den Sonnengott Aton zum einzig wahren Gott erklärte. Als Bekenntnis zu diesem einen Gott gab er sich selbst den Namen Echnaton, unter dem er bis heute bekannt ist, und der mit „dem Aton wohlgefällig“ oder „der dem Aton dient“ übersetzt werden kann. In Thomas Manns Version der Geschichte ist diese berühmte Namensänderung ein Ergebnis des Zusammentreffens mit Joseph.

In Manns Roman ist Amenhotep zur Zeit dieser Begegnung erst siebzehn Jahre alt. Die Regierungsgeschäfte werden noch von seiner Mutter überwacht und auch im religiösen Bereich hat er seine Linie noch nicht gefunden, aber er hinterfragt die Religion seines Landes und führt nächtelange Gespräche mit ägyptischen Gelehrten, die ihm die uralten Mythen und Rituale erklären. Das Gespräch mit Joseph, einem Mann, der an nur einen Gott glaubt und über diesen auch ein paar schlaue Dinge sagen kann, ist für ihn eine Offenbarung, die ihn so sehr bewegt, dass er danach erst einmal in einen Trance-Zustand versinkt und nicht mehr ansprechbar ist. Josephs religiöse Ansichten bestätigen die monotheistische Überzeugung, die schon seit längerem in ihm gereift ist und euphorisch gibt er noch während ihres Gespräches seine Umbenennung in Echnaton bekannt. Diese Verbundenheit über die gemeinsame Neigung zu nur einem Gott ist es dann, die ihn zu seiner Entscheidung bringt, Joseph zu einem Großvisier Ägyptens und zum Herrn über die Getreidespeicher zu ernennen.

Freud und Echnaton

Mit diesem gemutmaßten Zusammentreffen zwischen den Wurzeln der jüdisch-christlichen Religion und einer altägyptischen Episode des Monotheismus, die von Echnatons Nachfolgern übrigens sofort nach seinem Tod wieder verworfen und sogar aus der Geschichtsschreibung Ägyptens ausgelöscht wurde, greift Thomas Mann eine Idee auf, die vorher so ähnlich schon Sigmund Freud faszinierte, und kehrt dessen Gedanken gewissermaßen um. In seinem letzten Werk mit dem Titel „Der Mann Moses und die monotheistische Religion“ spekuliert Freud, der biblische Moses könne zur Zeit Echnatons in Ägypten aufgewachsen sein und habe möglicherweise dessen Monotheismus seinen Israeliten verkündet. Echnaton wäre laut dieser Theorie also der entscheidende Vordenker des Monotheismus in der Antike und aus seiner Aton-Religion hätte sich nach dem Auszug der Israeliten aus Ägypten das Judentum entwickelt. In seinem Buch „Moses der Ägypter“, das ich hier auch besprochen habe, behandelt Jan Assmann Freuds Theorie aus der Sicht der modernen Ägyptologie.

Indem Thomas Mann seinen Echnaton abweichend von Freud nicht zum Zeitgenossen Moses‘ sondern Josephs erklärt, dreht er die Richtung der interkulturellen religiösen Inspiration wieder um. Bei ihm ist Echnaton nicht der erste Urheber der monotheistischen Idee, sondern er wird von Joseph und damit indirekt von Abraham inspiriert. Allerdings bemüht sich Mann, diesen von ihm gemutmaßten Einfluss Josephs nicht zu hoch zu bewerten. So wie Echnaton hier beschrieben wird, wäre er früher oder später auch von selbst bei seiner religiösen Überzeugung angekommen. Schon im dritten Roman war davon die Rede, dass zumindest bei den religiös fortschrittlich denkenden Priestern der Stadt On, mit denen sich Echnaton regelmäßig unterhält, ein monotheistisches Denken in der Luft liegt, auch ganz ohne Josephs Einfluss.

Neben der Faszination an der historischen Figur Echnaton und einer möglichen Verbindung zur jüdischen Religion verbindet Thomas Mann mit Sigmund Freud noch eine andere Parallele, die in diesem Roman aber sehr viel schwächer ausgearbeitet ist, als eigentlich denkbar wäre. Durch die gesamte Tetralogie hindurch wird bedeutungsvoll geträumt, im ersten Roman von Jaakob, im zweiten von Joseph, im dritten von Potiphars verführerischer Frau Mut-em-enet und im vierten nun von Echnaton. Joseph ist nach all der Träumerei zum Traumexperten herangereift und betätigt sich mit der Deutung des pharaonischen Traums in Freuds Spezialgebiet. Thomas Mann macht daraus aber keine psychoanalytische Therapiesitzung, in der Joseph den ägyptischen Herrscher zur freien Assoziation einläd. Nur ganz vorsichtig wird ein freudsches Motiv angedeutet, wenn Joseph dem Pharao zu verstehen gibt, dass der Träumer die Bedeutung seines Traums eigentlich selbst schon kannte und Joseph nur derjenige ist, der ihn dazu bringt, diese auszusprechen. Er lässt den Pharao selbst zu der Erkenntnis kommen, dass es sich bei den sieben fetten und mageren Kühen um jeweils sieben Jahre handelt. Damit greift Mann dem anschließenden religiösen Teil des Gespräches vor, in dem Echnaton ebenfalls durch Joseph auf das gestoßen wird, was er selbst schon wusste, nämlich die Existenz nur eines Gottes.

Der Sinn der „Heiterkeit“

Im Anschluss an ihr Gespräch wird Joseph also von seinem neuen Freund Echnaton aus dem Gefängnis entlassen und zum zweitmächtigsten Mann Ägyptens befördert. In den fruchtbaren Jahren treibt er in Pharaos Namen Getreideabgaben ein, die er in den mageren nicht nur an das Volk Ägyptens sondern auch an Gesandte der Nachbarländer verkauft. Dass es vielleicht nicht sieben sondern eher fünf fette Jahre sind, ist den Ägyptern egal. Josephs Weissagung wird allgemein als wahr anerkannt. Den Gefängnisleiter Mai-sachme, mit dem er sich ebenfalls angefreundet hatte, macht er zum Vorsteher über sein privates Anwesen und an ihn wendet er sich auch, als er in der Dürrezeit eines Tages eine besondere Beobachtung macht. In den Listen seiner Getreideverwalter hat er die Namen seiner Brüder entdeckt. Die haben sich offenbar von Hebron aus auf den Weg nach Ägypten gemacht, um für ihre Familien das überall knapp gewordene Getreide zu kaufen.

An dieser Stelle tritt Thomas Manns Tetralogie in ihre letzte Phase ein, in der die gesamte Erzählung noch eine neue Bedeutung hinzugewinnt. Der Romanzyklus „Joseph und seine Brüder“ wird von Literaturfans immer wieder für seinen Humor und seine Leichtigkeit gelobt. Thomas-Mann-Anhänger nutzen ihrem Meister folgend gerne das Wort „heiter“. In diesem letzten Roman zeigt sich, dass die Heiterkeit für die gesamte Geschichte mehr bedeutet, als nur eine erzählerische Stimmung. Als Joseph begreift, dass er seine Brüder wiedersehen wird, spricht er von seinem eigenen Leben wie von einer witzigen Erzählung. Thomas Mann ist hier kurz davor die sogenannte vierte Wand zu durchbrechen, wenn Joseph zu Mai-sachme sagt: „Diese ganze Geschichte steht überhaupt schon geschrieben, Mai und wir werden sie miteinander lesen unter Lachen und Tränen.“ Etwas später fügt Joseph hinzu:

Daß mich die Brüder zerrissen und mich in die Grube warfen und daß sie nun sollen vor mir stehen, das ist Leben; und Leben ist auch die Frage, ob man die Tat beurteilen soll nach dem Ergebnis und soll gut heißen die böse, weil sie notwendig war fürs gute Ergebnis. Das sind so Fragen, wie sie das Leben stellt. Man kann sie im Ernst nicht beantworten. Nur in Heiterkeit kann sich der Menschengeist aufheben über sie, daß er vielleicht mit innigem Spaß über das Antwortlose Gott selbst, den gewaltig Antwortlosen, zum Lächeln bringe.

Die Heiterkeit und Distanz, mit der Joseph sein eigenes Leben wie einen Roman betrachtet, bringt ihn also dazu, seinen Brüdern zu vergeben. Ihre böse Tat hat im Kontext der gesamten Erzählung zum Guten geführt und ist dann vielleicht doch nicht so böse gewesen. Eine ähnliche Haltung zu moralischen Fragen zeigt Joseph schon zu Beginn des Romans, als er dem an der Verschwörung beteiligten Bäcker und dem unschuldigen Mundschenk ihr Schicksal voraussagt. Der Bäcker habe vielleicht wenigstens an das Gute seiner Tat geglaubt, weil er dachte, die Ermordung Pharaos sei gut für Ägypten, und der Mundschenk sei vielleicht nur aus Mangel an Gelegenheit unschuldig, weil ihn niemand gefragt hatte, ob er bei der Verschwörung mitmachen will. Gut und Böse sind für Joseph nur relative Kategorien. Das ist seine Anwendung von göttlicher Heiterkeit in der moralischen Praxis.

Neben moralischen Fragen verpflichtet ihn das, was er als Gottes Humor zu erkennen glaubt aber auch dazu, die Geschichte auf möglichst witzige Weise zu Ende zu bringen. Joseph sagt zu Mai-sachme:

Was für eine Geschichte, Mai, in der wir sind! Es ist eine der besten! Und nun kommt’s darauf an und liegt uns ob, daß wir sie ausgestalten recht und fein und das Ergötzlichste daraus machen und Gott all unseren Witz zur Verfügung stellen.

Joseph, dem Thomas Mann ja schon im zweiten Roman schriftstellerische Neigungen unterstellt hat, versteht sein eigenes, von Gott erzähltes Leben also als Herausforderung, es als Co-Autor weiter zu erzählen und dabei möglichst Gottes Humor zu treffen. Damit wird plausibel, warum Joseph sich im Buch Genesis nicht auf dem schnellstem Weg mit den Brüdern und dem Vater trifft, als er von ihnen erfährt. Er will die eigene Geschichte noch witziger machen, als sie seiner Ansicht nach schon ist. Seine Brüder, die ohne den jüngsten Bruder Benjamin nach Ägypten gekommen sind, lässt der mächtige Großvisir zwar in seinem Amtssaal vorsprechen, aber er gibt sich ihnen noch nicht zu erkennen, sondern lässt sie unter einem Vorwand noch einmal zurück nach Hause reisen, um ihm auch Benjamin zu bringen und dann wirft er ihnen noch vor, einen silbernen Becher von ihm gestohlen zu haben. Mit diesem aufwändig inszenierten Hin-und-Her rächt Joseph sich einerseits spielerisch für das Verbrechen, das die Brüder an ihm begangen haben, und zögert gleichzeitig als Co-Autor der Geschichte das Happy End hinaus, bis er sich endlich als der verschollene Bruder offenbart.

Die Auferstehung als wiederkehrendes Motiv

Auch seinen Vater Jaakob sieht Joseph am Ende wieder und damit schließt sich der Kreis zwischen den beiden Protagonisten der Tetralogie. In ihrer Interpretation der gesamten Geschichte sind sich die beiden einig. Aus Jaakobs Sicht hat Gott seinen Sohn Joseph weggenommen und dann in erhöhter Form wieder zurückgegeben. Er hat ihn aus dem Leben gerissen, denn Ägypten ist für Jaakob das Totenreich, und dann hat er ihn wieder ins Leben zurückgegeben. Schon bevor er seinen Vater wiedersieht, zieht Joseph selbst in einem Gespräch mit seinem Bruder Benjamin die Parallele zu einer Auferstehung. Hier sagt er:

Das Grab ist freilich ein ernstes Loch, tief und dunkel; aber seine Kraft, zu halten, ist wenig bedeutend. Es ist leer von Natur, mußt du wissen, – leer ist die Höhle, wenn sie der Beute wartet, und kommst du hin, wenn sie sie eingenommen, so ist sie wieder leer, – der Stein ist abgewälzt.

Es ist eine Anspielung auf mehreren Ebenen. Das Grab als dunkles Loch ist für Joseph selbst der Brunnen, in den ihn die Brüder geworfen haben und das Gefängnis, in dem er saß. Aus beiden Gräbern ist er befreit und dabei erhöht worden. Der Leser hört aus Josephs Rede vom leeren Grab und dem abgewälzten Stein natürlich das neue Testament heraus und auch eine Szene, in der Joseph seine Brüder zu einem Festessen einläd, erinnert an die Stelle im Lukasevangelium, an der Jesus nach der Auferstehung in der Nähe vom Emmaus mit zwei Jüngern das Brot bricht und sie ihn dabei wiedererkennen. Für Benjamin erinnern Josephs Worte noch an ihren Spaziergang, den sie im zweiten Roman als Kinder unternommen hatten. Hier hatten sie Anhänger des Adonis-Kults dabei beobachtet, wie sie eine Figur ihres getöteten Gottes in ein Grab trugen, um später das Grab leer aufzufinden und die Auferstehung des Gottes zu feiern.

Thomas Manns letzte und entscheidende Pointe der Tetralogie ist also, dass sich die Auferstehung Christi schon in der uralten Geschichte von Joseph und seinen Brüdern und in noch älteren Mythen andeutet und von ihnen vorweggenommen wird, genau wie sich die anderen zentralen Motive nicht nur der Bibel sondern der Weltgeschichte über die Grenzen der Kulturen und Religionen hinweg immer wiederholen. Um das zu verdeutlichen hatte er ja den ersten Roman mit dem Abstieg in den tiefen Brunnen der Vergangenheit begonnen, Motive aus dem Buch Genesis in der ägyptischen Kultur wiedergefunden und über ihre noch älteren Ursprünge spekuliert. Den hier schon behandelten Motiven von der großen Flut, dem Bau des großen Turms und dem Erbstreit unter den verfeindeten Brüdern Kain und Abel, Seth und Osiris oder Jaakob und Esau fügt er mit seiner Tetralogie nun auch das sich wiederholende Motiv der Auferstehung hinzu. Menschen in die Grube zu legen, um sie dann wieder daraus zu befreien, ihnen das Leben zu nehmen, um es ihnen in erhöhter Form zurück zu schenken, gehört, wenn man Thomas Mann und seinen beiden Protagonisten Joseph und Jaakob glauben will, zu den ganz normalen Dingen, die Gott immer wieder tut. Es ist, wie man sagen könnte, ganz sein Humor.

„Joseph und seine Brüder“ ist damit ein tief religiöses und trotzdem leichtes, stellenweise tatsächlich witziges Werk. Für Golo Mann, der manche Werke seines Vaters eher kritisch gesehen hat, war diese epische Tetralogie mit der Odysse und der Ilias vergleichbar. Mich persönlich beeindruckt, wie stimmig das Werk trotz seines enormen Umfangs über vier Romane hinweg als eine zusammenhängende Einheit konstruiert ist. Das zeigt sich besonders in Josephs Gespräch mit Echnaton, auf das Thomas Mann von Anfang an hinarbeitet, aber auch an seiner Ausarbeitung der zentralen mythischen Motive der Geschichte, die über das gesamte Werk hinweg mit einander verwoben sind.

Der Abstieg in den tiefen Brunnen der Vergangenheit ist unter Thomas Manns großen Romanen die Ausnahme. „Buddenbrooks“ handelt von der eigenen Familiengeschichte im neunzehnten Jahrhundert, „Der Zauberberg“ von der Zeit vor dem ersten und „Doktor Faustus“ von der Zeit vor dem zweiten Weltkrieg. In diesen Werken bewegte sich Thomas Mann immer in der Nähe zur eigenen Zeit und schrieb über Untergänge, die auch ihn selbst bedrohten. Mit der dreitausend Jahre zurückliegenden Josephsgeschichte gönnte er sich eine Distanz zur eigenen Gegenwart und aus ihr ergibt sich der Humor, mit der er hier über Gott und das Leben schreibt. Dieselbe Distanz gönnt er am Ende auch seinem Protagonisten Joseph und empfiehlt sie implizit dem Leser für den Blick auf das eigene Leben. Das Leben ist also, wenn wir Thomas Mann glauben, eine von Gott begonnene Erzählung, in der wir selbst als Co-Autor aktiv werden sollen. Entspannt und mit dem distanzierten Blick des Schriftstellers sollen wir sie weiterschreiben und dabei, wie Joseph sagt, „all unseren Witz zur Verfügung stellen“.


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