„Memories of Heidelberg“ ist ein in den sechziger Jahren von Peggy March gesungener Schlager und seit Sommer 2026 ist es auch der Titel eines Romans von Heinz Strunk. Die Namensgleichheit ist beabsichtigt. Bertram und Isolde, die Protagonisten in Strunks Roman, werden in ihrem Heidelberg-Urlaub immer wieder von diesem Song berieselt, und umgekehrt scheint der Schlager Strunks Roman vorauszuahnen, wenn es in der ersten Strophe heißt: „Doch ein Roman, so schön begann, den ich niemehr vergessen kann!“ Im Gegensatz zum Song, in dem ein verliebtes Paar vom Heidelberger Schloss aus ein Feuerwerk ansieht und danach noch eine ungestörte Zweisamkeit genießt, deren Details uns ganz im Stil der sechziger Jahre dezent vorenthalten werden, zeigt Strunks Gegenwartsroman in brutalem Kontrast zu diesem romantischen Kitsch ein Ehepaar am Abgrund.
Ehemann Bertram, aus dessen Perspektive wir den Heidelberg-Aufenthalt des Paares erleben, ist der Typ Mann, den die Influenzer der berüchtigten Manosphäre mit dem griechischen Buchstaben beta indizieren würden. Im Gegensatz zum aus der Biologie bekannten Alpha-Tier, das im Rudel den Ton angibt und immer den besten Teil der Beute bekommt, ordnet Beta-Mann Bertram sich unter. Er geht Konflikten aus dem Weg und entschuldigt sich noch bei denen, die ihn anrempeln oder betrügen. Auch seiner Frau Isolde ist er im ständigen ehelichen Kräftemesse unterlegen und muss jeden Moment befürchten, für eine seiner Ungeschicklichkeiten und müden Scherze von ihr angeherrscht oder einfach nur noch belächelt zu werden.
Auch in erotischer Hinsicht ist diese Ehe aus dem Gleichgewicht geraten. Während Isolde ihren Mann nach siebzehn Ehejahren nur noch als ein eher lästiges Anhängsel zu sehen scheint, wünscht Bertram sich noch die körperliche Nähe zu ihr, die ihm schon lange verwehrt bleibt. Eine gegenseitige Berührung ihrer Hände in einem streitlosen Augenblick ist schon der erotische Höhepunkt des Romans, und das obwohl das Buch im Gegensatz zum Song von Peggy March ansonsten keine Hemmungen hat, intime Körperlichkeiten preiszugeben. Bertrams Fettleibigkeit, seine fettigen Haare, sein Schweiß und sein schlechter Atem werden uns so drastisch beschrieben, dass wir schließlich nachvollziehen können, warum dieser Mann mittleren Alters sich vor sich selbst ekelt. Bertram hat das traurige Schicksal, sich seiner Beta-Natur vollkommen bewusst zu sein und da Strunk ihm zusätzlich zu seinen Komplexen und ungesund überflüssigen Kilos auch noch eine aus seinen Gedankengängen nicht zu überhörende Todessehnsucht mit auf den Weg gibt, ist von Anfang an absehbar, dass es mit diesem Antihelden nicht gut enden wird.
Bertrams Verhängnis ist dann aber nicht Isoldes Abneigung sondern das von einer italienischen Familie betriebene Restaurantschiff „Karolina“. Am Abend nach ihrer Ankunft in Heidelberg sehen Bertram und Isolde das Schiff auf dem Neckar schwimmen und kehren dort zum Abendessen ein. Die Kellnerin ist nett und die Mahlzeiten sind in Ordnung. Als es ihnen auf ihren Sitzplätzen an Deck etwas kühl wird, stellt man die Heizstrahler für sie an und am Ende setzt sich der Inhaber Enrico zu ihnen an den Tisch und plaudert mit ihnen über die Renovierungsarbeiten, die er in sein schwimmendes Restaurant gesteckt hat. Über die Lautsprecher läuft dabei eine Mischung aus italienischen Hits und Schlagern, inklusive „Memories of Heidelberg“.
Opfer der Gewohnheit
Der Abend auf dem Schiff hätte für Bertram und Isolde eine dieser heidelberger Memories bleiben können, aber sie machen den Fehler, am nächsten Abend gleich wieder und dann auch an den folgenden Abenden immer wieder dort zu essen. Sie werden nun nicht mehr von Enricos Frau sondern von deren Kindern bewirtet, die von Abend zu Abend unfreundlicher werden und nicht wissen, wie die Heizstrahler funktionieren oder sie einfach nicht einschalten wollen. Der Tisch an Deck, den man ihnen immer wieder zuweist, wird immer schmutziger und die Auswahl der für sie verfügbaren Gerichte auf der Speisekarte und selbst die Anzahl der Songs in der aus den Lautsprechern kommenden Schleife verringert sich mit jedem Abend. Enrico und seine Familie sind erst verwundert und dann sogar darüber verärgert, dass diese beiden hartnäckigen Gäste trotz aller Schikanen jeden Abend wieder dort auftauchen und statt ihnen von seinen Renovierungen zu erzählen, macht Enrico ihnen immer neue Vorwürfe über ihr angebliches Fehlverhalten in seinem Lokal.
Mit ihren sich graduell immer weiter verschlimmernden Besuchen auf dem Restaurantschiff, in denen sie immer härteren Demütigungen ausgesetzt werden, befinden sich Bertram und Isolde in einer Abwärtsspirale, die im Chaos zu enden droht. Sie könnten den Zyklus sehr leicht durchbrechen, indem sie einfach nicht mehr hingehen. Aber genau das ist ihnen absurderweise unmöglich. Erst ist es eine Mischung aus Bequemlichkeit und Einfallslosigkeit und dann sind es ihre vollkommen unbegründeten Schuldgefühle gegenüber Enrico, die sie immer wieder in sein Lokal treiben, auch dann noch, als er sie selbst unfreundlich darauf hinweist, dass es in der Stadt auch noch andere Restaurants gibt.
Das interessante an diesem Verhalten ist, dass Bertram und Isolde nicht etwa Masochisten sind. Die Unfreundlichkeit der Bedienung, das immer schlechter werdende Essen und die immer aggressiveren Vorwürfe des Inhabers ertragen sie am Bord der „Karolina“ höchst ungern. Sie ärgern sich darüber, dass man ihnen trotz zunehmender Kälte die Heizstrahler nicht mehr anstellt und ihnen die falschen Gerichte serviert, weil sie glauben, dass ihnen doch eigentlich etwas besseres zusteht. Trotzdem sind sie beim besten Willen nicht fähig, Konsequenzen zu ziehen und die Katastrophe aufzuhalten, weil sie einen Zusammenhang zu ihrem eigenen Verhalten nicht einmal erkennen. Gegen Ende des Romans fragen sie sich gegenseitig, wie es nur sein könne, dass ihnen all diese schlimmen Dinge zustoßen, obwohl sie doch nichts falsches getan haben.
Der Urlaub und das ganze Leben
Wie sich im Lauf des Romans zeigt, ist es dieser Cocktail aus Anspruchsdenken, Feigheit und Bequemlichkeit, der Bertram und Isolde nicht nur den Heidelberg-Urlaub sondern das gesamte Leben ruiniert. Vor allem Bertram ist aus Trägheit und Feigheit zum unterlegenen Part einer dysfunktionalen Ehe geworden und kompensiert seinen Frust, indem er Unmengen ungesundes Essen in sich hineinstopft und damit seinen Körper wissentlich zerstört. Wir sehen einem Mann dabei zu, wie er an seinen eigenen Gewohnheiten zugrunde geht. Die zentrale Botschaft des Romans ist relativ klar. Sei nicht wie Bertram. Du musst deine Trägheit durchbrechen, sonst bricht sie dich.
Wenn man dieses übrigens sehr witzig geschriebene Buch noch etwas konsumkritischer deuten will, als es vielleicht gemeint ist, könnte man noch ergänzen: In einer Welt, in der der Mensch in erster Linie Kunde ist, darf er nicht gleichzeitig auch noch Tourist sein. Die letzte Macht des Kunden besteht darin, seine Kundschaft zu entziehen. Machtausübung von unten bedeutet, das Produkt nicht zu kaufen, das überteuerte Hotel nicht zu buchen, nicht noch einmal dort zu essen, wo man gestern schlecht behandelt wurde und sich nicht von jedem blöden Schlager berieseln zu lassen. Wer von dieser Macht des Ablehnens keinen Gebrauch macht, ist dem Untergang geweiht. Der Tourist hat es besonders schwer weil er neu in der Stadt ist und nicht weiß, wo er hin soll. Er tappt in die Touristenfalle und wenn er sich vom Abwärtsstrudel aus Trägheit und Gewohnheit herunterziehen lässt, kommt er nicht mehr aus ihr heraus. Die asymmetrisch-kaputte Ehe, die träge Hingabe an die Gifte des Alltags und „a job that slowly kills you“, wie es bei Radiohead heißt, sind die Touristenfallen unseres Lebens. „Schaue! Dreh dich endlich um und erkenne!“ ruft Heinz Strunk seinem Bertram zu und indem der genau das in einem sehr wörtlichen Sinne tut, gelingt es ihm am Ende auszubrechen und aus einem Antihelden, der sich selbst schon aufgegeben hatte, doch noch so etwas wie ein Held zu werden.
Neben dem Schlager von Peggy March, den ich beim Vorbereiten dieses Podcasts die ganze Zeit als Ohrwurm hatte und der hier als Symbol der absoluten Berieselung leider nicht so gut wegkommt, enthält der Roman noch zwei weitere Referenzen, die zu seiner Einordnung nützlich sind. Direkt am Anfang heißt es, dass Bertram und Isolde zwei Namen wie aus einem Loriot-Sketch sind. Tatsächlich ist Strunk mit seiner satirischen Darstellung einer auf ihre Rechte pochenden und in ihren eigenen Konventionen gefangenen Bürgerlichkeit sehr nah dran an der typischen Stoßrichtung Loriotscher Satire. Die wortkargen Dialoge eines Ehepaars, das sich außer Banalitäten nichts mehr zu sagen hat und auch Nebenfiguren wie etwa Isoldes Bruder Godehard, ein blasser Verlagsmitarbeiter, der sich gegenüber seiner Schwester wie in einem Verhör zum Gesundheitszustand ihrer Mutter rechtfertigen muss, könnten genau so auch bei den Hoppenstedts und Müller-Lüdenscheidts zu finden sein. Bertram und Isolde sind zu übergewichtig um von Loriot und Evelyn Hamann verkörpert zu werden, aber davon abgesehen wirkt der Roman an einigen Stellen, als habe Strunk aus zwanzig verschiedenen Loriot-Sketchen die dunkelsten Abgründe herausgefiltert, um daraus ein Buch zu machen.
Tristan in Heidelberg
Bertram und Isolde sind aber nicht nur Namen wie bei Loriot, sondern wie Strunk ausdrücklich erwähnt, gibt es in der Literatur auch eine als Tristans Frau bekannte Isolde. Eine direkte Parallele zur Handlung erkenne ich zwar weder im mittelalterlichen Mythos noch in Richard Wagners Version, aber gewisse Elemente hat der Roman mit dieser Geschichte doch gemeinsam. Zum Beispiel spielt ein Schiff nicht nur für Bertram sondern auch für Tristan und Isolde eine zentrale Rolle und sowohl bei Strunk als auch bei den mittelalterlichen Autoren übt Isolde auf ihren Mann mit ihren Liebes- und Todeszaubertränken eine wechselhafte und für ihn unwiderstehliche Macht aus. Vor allem ist es die Mischung aus Sehnsucht nach Liebe und Tod, die Tristan und Bertram mit einander verbindet. Wenn Tristan im dritten Aufzug von Wagners Oper schwer verwundet auf die rettende Isolde wartet, die mit dem Schiff zu ihm unterwegs ist, und er lange Zeit weder Isolde umarmen noch sterben kann, dann ist das in etwa die Lage, in der auch Bertram sich in diesem Roman befindet, nur dass bei ihm noch der Ärger über das zu teure Hotelzimmer und über Balsamico-Flecken auf seinem Hemd hinzukommen.
Auch bei Loriot gibt es schon Tristan-hafte Figuren und ihre Tragik ist dort das Gegengewicht, das die Komik braucht um noch komischer sein zu können. Auch Strunks Bertram ist deshalb komisch, weil er auch tragisch ist, aber in der Tragik geht Strunk einen Schritt weiter als Loriot. Zunächst begegnet uns Bertram wie eine Karikatur, aber indem Strunk ihn uns sehr mitfühlend auch von innen zeigt, sehen wir schnell, dass seine Leiden echt sind. Wir kennen seine geheimen Wünsche und hören die Sätze aus Stanislav Lems Roman „Solaris“, den er in diesem Urlaub zu lesen versucht und der ihn daran erinnert, dass er vor langer Zeit mal irgendwas mit Literatur machen wollte, bevor er aus Trägheit in seinen Verwaltungsjob hineinrutschte. Wir sehen auch, dass er die Demütigungen der Welt tatsächlich nicht mehr lange ertragen wird. Wie bei Tristan ist seine Verwundung, die ihm nicht mit dem Schwert sondern mit den Waffen seiner eigenen Gewohnheiten geschlagen wurde, ernst und am Ende tödlich.
„Doch ein Roman, so schön begann, Den ich niemehr vergessen kann!“ Das hat sich nicht nur Peggy March gedacht, sondern auch die Juroren des Deutschen Buchpreises 2026. Vor ein paar Tagen wurde „Memories of Heidelberg“ für den Preis nominiert und ich hätte nichts dagegen, wenn er gewinnt. In seinem kurzen aber intensiven Roman schreibt Heinz Strunk mit Härte und Sympathie über die wirklichen Abgründe der ganz normalen deutschen Bürgerexistenz und über einen komischen und sehr tragischen Helden, der näher an uns dran ist, als wir wahrhaben wollen. Stellvertretend lässt er ihn über seinen Schatten springen, damit wir auch wir uns endlich umdrehen und erkennen.
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