Die RAF und ihr Erzähler | „Die Entführung und Ermordung des Hanns-Martin Schleyer“ von Peter-Jürgen Boock

Der sogenannte „Deutsche Herbst“, liegt im Jahr 2027 genau 50 Jahre zurück. Im September 1977 entführte die RAF den damaligen Arbeitgeberpräsidenten Hanns-Martin Schleyer und erpresste mehr als vierzig Tage lang den deutschen Staat. „Die Entführung und Ermordung des Hanns-Martin Schleyer“ aus dem Jahr 2002 ist ein ungewöhnliches Buch über diese Ereignisse, denn es zeigt sie aus der Sicht der Terroristen. Der Autor Peter-Jürgen Boock war damals einer der Entführer.

Soll man ein Buch eines Terroristen über seinen Terrorakt lesen oder überhaupt drucken? Dass man es getan hat, hängt mit der Sonderrolle zusammen, die Peter-Jürgen Boock bis heute in der Aufarbeitung von RAF-Verbrechen spielt. Unter den verhafteten Terroristen war es üblich, die Zusammenarbeit mit dem Staat und damit auch jede Information über die RAF zu verweigern. Wegen dieser Verschwiegenheit sind die Mörder von Alfred Herrhausen, Siegfried Buback und auch von Hanns-Martin Schleyer bis heute unbekannt. Peter-Jürgen Boock gehörte zu den ersten Terroristen, die zu reden bereit waren – allerdings, wie dieses Buch zeigt, auch nur bis zu einem gewissen Punkt. Boock wurde zunächst in den Achtziger Jahren für seine Beteiligung an der Schleyer-Entführung zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe verurteilt, und daraus Ende der Neunziger Jahre auf Bewährung entlassen, nachdem er Reue gezeigt und eine umfangreiche Aussage über die Entführung abgelegt hatte. Wohlwollend könnte man sein Buch als eine überarbeitete Version dieser Aussage sehen und für den damals noch unabhängigen Eichborn Verlag rechtfertigte deren historische Relevanz die Veröffentlichung. Auf den ersten Seiten des Buches heißt es:

Der Verlag hat sich zur Publikation entschlossen, weil er in dieser ersten Darstellung der Innensicht eines der wichtigsten historischen Ereignisse der Bundesrepublik Deutschland einen Beitrag zur Zeitgeschichte sieht.

Das Buch ist aber nicht nur wegen dieser Ereignisse und der Person des Autors sondern auch wegen seiner Vorgehensweise brisant. Ex-Terrorist Boock gibt von Anfang an zu, dass sein Text nicht nur reine Tatsachen enthält. An die konnte er sich Jahrzehnte nach der Tat wohl nicht mehr vollständig erinnern. Er war sich stellenweise nicht mehr sicher, welcher Terrorist genau welche Aufgabe übernommen oder mit welchem Wortlaut sich Hanns-Martin Schleyer in ihren Gesprächen genau geäußert hatte. Statt diese Details einfach offen zu lassen, schreibt Boock an diesen Stellen einfach, wie die Dinge vermutlich gewesen sind. Das Buch ist also bestenfalls eine Vermischung aus erinnerten Tatsachen und Spekulationen, die Boock im Untertitel des Buches selbst als „dokumentarische Fiktion“ bezeichnet. Damit liegt das Buch in der problematischen Zone zwischen Fakt und Erzählung, die auf diesem Blog schon in ein paar andere Beiträgen eine Rolle gespielt hat. Dazu später mehr.

Die Ereignisse im Herbst 1977

Aber erst zum Inhalt des Buches. Im Herbst 1977 sitzen mit Andreas Baader, Gudrun Ensslin, Ulrike Meinhof und Jan-Carl Raspe die Anführer der sogenannten ersten Generation der RAF in einem Hochsicherheitsgefängnis in Stuttgart-Stammheim. Draußen in der Freiheit formiert sich eine zweite Generation, der auch Peter-Jürgen Boock angehört. Nach einem Zerwürfnis mit seinen Eltern war Boock als Teenager wegen Besitz von Marihuana in einem Erziehungsheim gelandet und hatte dort Baader und Ensslin kennengelernt, die das Heim im Rahmen ihres Pädagogik-Studiums besuchten. Laut Boock war diese persönliche Bekanntschaft mit den Gefangenen von Stammheim noch vor ideologischen Gründen das wichtigere Motiv, sich an einer Aktion zu ihrer Befreiung zu beteiligen. Der einfache Plan bestand darin, einen hochrangigen Funktionsträger der Bundesrepublik zu entführen und mit der Androhung seiner Ermordung die Häftlinge frei zu pressen. Aus einer langen Liste möglicher Opfer entschied sich die zweite RAF-Generation für den damaligen Präsidenten der Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände Hanns-Martin Schleyer.

Schleyer passte genau in das ideologische Schema der RAF. In Nazi-Deutschland war er Mitglied der Hitlerjugend und der SS gewesen. Als Student hatte er sich für den Nationalsozialismus eingesetzt und verschiedene Funktionen als Leiter von Studentenwerken und als Sachbearbeiter in der Nazi-Bürokratie innegehabt. Nach dem Krieg wurde er als SS-Offizier verhaftet, galt aber schnell nur noch als Mitläufer und konnte seit 1949 dann eine steile Karriere als Wirtschaftsfunktionär verfolgen, die ihn aus Sicht der RAF zu einer Personifikation sowohl einer gescheiterten Entnazifizierung als auch des verhassten kapitalistischen Systems machte. Hinzu kam, dass eine Entführung Schleyers technisch durchführbar erschien. Boock beschreibt in seinem Buch die Beobachtungsphase, in der die Terroristen herausfanden, dass Schleyer zwar unter Polizeischutz stand, aber sich mit seinem Dienstwagen immer wieder auf derselben Route durch Köln bewegte.

Am Nachmittag des 5. September 1977 fahren die RAF-Mitglieder Willy Peter Stoll und Stefan Wisniewski einen gelben Mercedes genau im richtigen Moment aus einer Baustellenausfahrt heraus und zwingen damit Schleyers Dienstwagen zum anhalten. Boocks sogenannte „Fiktion“ beginnt übrigens bereits damit, dass die echten Namen der Terroristen in diesem Buch nicht genannt werden, was auch juristische Gründe haben mag. Die Terroristen heißen bei ihm Hilde, Hans, Gerhard und so weiter, aber es ist relativ klar, wem die Fantasienamen in der Realität entsprechen. Stoll und Wisniewski bringen jedenfalls Schleyers Dienstwagen zum Halten. Der dahinter fahrende Wagen mit drei zu Schleyers Bewachung beauftragten Polizisten kann nicht rechtzeitig bremsen und fährt auf den Dienstwagen auf. Am Straßenrand warten bereits Sieglinde Hoffmann und Peter-Jürgen Boock, die mit einem Kinderwagen als junges Elternpaar getarnten sind. Sie nehmen zwei Heckler-und-Koch-Sturmgewehre aus dem Kinderwagen und eröffnen das Feuer. Auch Stoll und Wisniewski schießen auf die beiden Fahrzeuge. Die Polizisten Reinhold Brändle, Roland Pieler, Helmut Ulmer und auch Schleyers Fahrer Heinz Marcisz werden von den Terroristen erschossen.

Nach Boocks Beschreibung artet dieser Überfall auf Schleyer und seine Bewacher in eine blinde Schießerei aus, in der die Terroristen von einer Art Panik ergriffen wild um sich feuern und am Ende überrascht sind, dass Hanns-Martin Schleyer zwar unter Schock steht aber unverletzt geblieben ist. Sie schaffen Schleyer in einen in der Nähe geparkten VW-Bus und bringen ihn dann in eine spartanisch eingerichtete Wohnung, die sie als Versteck gemietet haben. In einem der Zimmer, das sie zum sogenannten „Volksgefängnis“ umfunktioniert haben, liegt eine Matraze und saubere Wäsche für ihren Gefangenen bereit. Sie erklären ihm, er dürfe sich auf und direkt um die Matraze herum bewegen, werde aber sofort erschossen, falls er Lärm mache oder zu fliehen versuche. In den nun folgenden Wochen wird Schleyer zu jeder Tages- und Nachtzeit von mindestens einem bewaffneten Terroristen bewacht.

Gespräche mit Schleyer

Bei der Schilderung des weiteren Verlaufs legt Boock nun einen Schwerpunkt auf die Gespräche, die nachts zwischen Schleyer und seinen Entführern stattgefunden haben sollen. Die RAF betrachtete Schleyer laut Boock nicht als ihr Opfer sondern als ihren Häftling. Obwohl es eigentlich nicht im Interesse der Terroristen war, ihn zu bestrafen, sondern ihn so bald wie möglich gegen die Insassen von Stammheim auszutauschen, wurde Schleyer eine Art Gerichtsprozess gemacht. In ihren mal mehr und mal weniger vorbereiteten Gesprächen, die sie für die Nachwelt auf inzwischen verschollenen Tonbändern aufzeichneten, konfrontierten sie Schleyer mit dem, was sie für seine Verbrechen hielten, insbesondere seine Aktivitäten zur Nazizeit, aber auch seine gewerkschaftsfeindliche Haltung als Arbeitgeberpräsident in der Bundesrepublik.

Wenn man Boocks Schilderung dieser Gespräche glauben will, sind die Terroristen schnell mit ihrem Angeklagten überfordert. Schleyer gelingt es laut Boocks Darstellung nicht nur, seinen Lebenslauf zu verteidigen, sondern er konfrontiert seinersets die Terroristen mit ihren moralischen Widersprüchen und entlarvt ihre Naivität, sowohl wenn es um Nazi-Deutschland als auch um den Kapitalismus der Nachkriegszeit geht. Auf Schleyers Fragen, welches politische System sie mit ihrem Guerrillakampf durchsetzen wollen und wie die für diesen Kampf gewählten Mittel mit ihren moralischen Prinzipien vereinbar seien, haben die Terroristen außer ein paar Phrasen nicht viel zu sagen. Aus beinahe jeder Diskussion geht der rational argumentierende Schleyer als Sieger über die als naiv und emotional dargestellten Entführer hervor. In einer Art Schlüsselszene prophezeit Schleyer ihnen sogar, die RAF werde eines Tages daran scheitern, dass sie die Erreichung kurzfristiger Ziele, wie jetzt die Befreiung der ersten Generation, über ihre eigenen Utopien stelle. Denn eigentlich, so erkennt Schleyer, dürften sie ihn nicht austauschen wollen, sondern müssten ihn töten, wenn er denn wirklich das personifizierte Böse wäre, für das sie ihn hielten.

Boock betont, dass Schleyer seine Entführer nicht nur in diesen moralischen Debatten sondern auch in der Abwicklung der Entführung durch seine Initiative überrascht habe. So habe er sich beispielsweise geweigert, in den berüchtigten Videobotschaften die vorformulierte Texte der Terroristen zu verlesen und habe sie schließlich davon überzeugt, dass es eine größere Wirkung auf die Bundesregierung und die Öffentlichkeit habe, wenn er in den Videos mit seinen eigenen Worten zu hören sei. In diesen Momenten scheint es, als kämen sich Schleyer und seine Entführer näher, indem sie gemeinsam auf den Gefangenenaustsuch hinarbeiten. Diese Nähe wird später noch zum Problem, als eine Terroristin während ihrer nächtlichen Bewachung damit anfängt, mit dem Gefangenen ausgerechnet Monopoly zu spielen, sogar in einer vom Wirtschaftsexperten Schleyer um Sonderregeln erweiterten Variante, und dabei ihre Waffe außer Reichweite auf dem Bett liegen lässt. Als die Gruppe davon erfährt, wird die unzuverlässige Bewacherin von der Entführung ausgeschlossen.

An solchen Stellen, die sicher nicht wegen ihrer historischen Relevanz im Text enthalten sind, wird spürbar, dass Ex-Terrorist Boock sich seinem Thema auch mit einer gewissen Lust am Erzählen widmet. Das betrifft auch Momente der insgesamt vierundvierzig Tage, in denen die Entführung beinahe gescheitert wäre. In einer dieser Szenen ist Boock allein mit Schleyer in der Wohnung als draußen im Hausflur auffällige Geräusche zu hören sind. Jemand klingelt an den Türen der Nachbarwohnungen und schließlich auch an der Tür zum sogenannten „Volksgefängnis“. Boock richtet seine Waffe auf Schleyer und macht sich bereit, ihn im Fall eindringender Polizei zu erschießen. Als nichts passiert und die Geräusche, die vielleicht doch nur von einem Vertreter stammten, wieder verschwinden, bestätigt Boock seinem Häftling, dass er ihn im Ernstfall tatsächlich erschossen hätte.

Ende in Mogadischu und Stammheim

Den Terroristen ist irgendwann klar, dass die Bundesregierung nicht daran interessiert ist, die Gefangenen von Stammheim auszutauschen. Offenbar verhandelt man nur mit ihnen, um Zeit für die Fahndung zu gewinnen und bei der Übermittlung der geforderten Lebenszeichen Schleyers auf einen Fehler zu warten, mit dem die RAF ihr Versteck verraten würde. Die Gruppe beschließt daher, sich aufzuteilen und mehrere Terroristen im Ausland zu verstecken. Peter-Jürgen Boock fliegt zusammen mit Brigitte Mohnhaupt und einigen anderen nach Baghdad, einerseits um sich der Fahndung zu entziehen, aber auch um bei anderen Terror-Organisationen um Unterstützung zu werben. Sie treffen sich mit Wadi Haddad, einem führenden Terroristen der Volksfront zur Befreiung Palästinas, der Ihnen vorschlägt, seine Organisation könne zur Unterstützung der Schleyer-Entführung ein Flugzeug der Lufthansa entführen.

Obwohl die RAF Flugzeugentführungen prinzipiell ablehnte, kam es zur Entführung der Maschine „Landshut“, die in Baghdad begann und bekanntlich mit dem erfolgreichen Einsatz der GSG 9 auf dem Flughafen von Mogadischu in Somalia endete. In Boocks Buch erlebt man die Entführung aus der Sicht der in Baghdad vor dem Radio sitzenden und an der Aktion unbeteiligten RAF-Terroristen, die zuerst euphorisch mit den Palästinensern Champagner trinken, als der Deutschlandfunk die Entführung der Maschine meldet, und etwas später dann in tränenreiche Verzweiflung ausbrechen, als die Radiosender verkünden, die GSG 9 habe das Flugzeug gestürmt, alle Entführer erschossen und alle Passagiere seien am leben.

Damit endet auch die Schleyer-Entführung. Die Anführer der ersten Generation begehen in Stammheim Selbstmord und sowohl Boock als auch Brigitte Mohnhaupt sind angeblich so tief in der Logik des bewaffneten Widerstands gefangen, dass damit für sie ganz automatisch auch die Entscheidung über Hanns-Martin Schleyers Leben gefallen ist. Nach einer Abstimmung erteilen die in Bagdad und Brüssel untergetauchten Terroristen dem im „Volksgefängnis“ verbliebenen Teil der Gruppe den Auftrag zur Ermordung Schleyers. Am Ende des Buches gibt Boock das wieder, was ihm einer der beiden Mörder erzählt haben soll. Schleyer, der vom Ausgang der Flugzeugentführung nichts mitbekommen habe, sei in einen Kofferraum gesperrt worden und bis kurz vor seiner Erschießung in einem abgelegenen Waldstück habe man ihm noch erzählt, dass er noch ein letztes mal in eine andere Wohnung verlegt und danach bald freigelassen werde.

An diesem Ende zeigt sich sehr deutlich die moralische Widersprüchlichkeit, die Boock sich vorwerfen lassen muss. Das Buch tritt grundsätzlich als Erfahrungsbericht eines geläuterten Täters auf, der seine Tat bereut. Schon im Titel wird das an Schleyer verübte Verbrechen im Sinne einer zivilen Rechtssprechung als „Ermordung“ bezeichnet. Wo es einen Mord gibt, gibt es auch Mörder, aber die will uns das Buch an seinem Ende nicht verraten. Stattdessen fällt es in die militärische Logik einer Gruppe zurück, die sich als Guerilla-Armee verstand. Das sogenannte „Kommando“ hatte entschieden, dass Schleyer erschossen werden sollte, und wer die Schüsse am Ende abgab, soll uns nun egal sein. Boock schreibt:

Der Beschluß, Hanns-Martin Schleyer zu erschießen, wurde noch am selben Tag von den Mitgliedern des Kommandos in Bagdad und Brüssel gemeinsam gefaßt. Der Beschluß war einstimmig, niemand äußerte irgendwelche Zweifel an seiner Richtigkeit und seiner Berechtigung.

Schuldfrage

Das Buch geht an dieser Stelle also nicht über das hinaus, was man von den damals üblichen Bekenntnissen der RAF kannte: Die RAF bekennt sich zu dem Verbrechen. Einer Justiz, die nach einzelnen, haftbaren Tätern sucht, weicht man mit einem Bekenntnis von Kollektivschuld aus. Ganz ähnlich verfährt Boock auch schon am Anfang seines Buches, wenn er die Entführung Schleyers als ein wildes Geballer darstellt, in dem am Ende angeblich niemand mehr sagen konnte, welcher der Terroristen die tödlichen Schüsse auf die ermordeten Polizisten und auf Schleyers Fahrer abgegeben hatte. Vielleicht war es tatsächlich so, dass sich diese Frage aus Boocks Perspektive oder aus seiner Erinnerung heraus nicht mehr beantworten ließ, aber vielleicht lässt Boock auch an dieser Stelle schon bewusst die Täterschaft einzelner Mitglieder in der Kollektivschuld der Gruppe untergehen. Wir wissen es nicht, denn Boock kennzeichnet nicht die Stellen des Buches, an denen er Details weglässt oder umgekehrt vermeintliche Erinnerungslücken durch fiktionale Ergänzungen schließt. Sie stehen gleichberechtigt neben den erinnerten Tatsachen. Nachdem er uns einmal gestanden hat, dass es sich bei dem gesamten Buch um eine sogenannte „dokumentarische Fiktion“ handelt – ein Genrebegriff übrigens, den außer ihm niemand benutzt zu haben scheint – müssen wir selbst entscheiden, welchen Abschnitt wir dem Buch glauben, und welchen nicht. Boock ist für diese Vermischung kritisiert worden und gilt vielen Kritikern generell nicht mehr als glaubwürdiger Berichterstatter historischer Ereignisse. Im Zusammenhang mit dem Mord an Siegfried Buback gab die taz ihm einen Spitznamen, den man nur schwer wieder loswird: der Karl May der RAF.

Man muss sich fragen, warum Boock sich in seinem Buch über die Schleyer-Entführung überhaupt auf die Vermischung von Tatsache und Fiktion einlässt und sich damit angreifbar macht. Hätte er sich auf den sicheren Teil seiner Erinnerungen beschränkt, hätte er schließlich auch ein rein dokumentarisches Buch schreiben können. Ich denke, es gab mindestens zwei Gründe, warum er das nicht getan hat. Einerseits existierte bereits ein solches Buch, und zwar von einem Autor, der das Schreiben deutlich besser beherrschte als Boock. Schon im Jahr 1985 legte der Journalist Stefan Aust mit „Der Baader Meinhof Komplex“ das Buch vor, das bis heute als Klassiker und primäre Quelle zum Thema RAF gilt. Im Jahr 1997 – Aust war inzwischen Chefredakteur beim Spiegel – erschien eine erweiterte Ausgabe des Buches, das laut Vorwort neben neuen Ermittlungsergebnissen nun auch die Details aus dem neuen, umfangreichen Geständnis des daaligen Häftlings Peter-Jürgen Boock enthielt. Im Vorwort ist auch von Interviews mit Boock die Rede. Boock und Aust waren damals also offenbar in Kontakt und es könnte sein, dass der einflussreiche Journalist seinen so ergiebigen Informanten Boock später bei dessen eigenem Buchprojekt unterstützte. Jedenfalls ist Stefan Aust in der Danksagung von Boocks Buch erwähnt.

Aber nachdem Boock seinen Beitrag zu Austs „Baader Meinhof Komplex“ geleistet hatte, dürfte es für ihn selbst unmöglich geworden sein, noch einen weiteren Tatsachenbericht über dieselben Ereignisse als eigenes Buch herauszubringen. In Austs monumentalem Werk über die Geschichte der RAF ist die Schleyer-Entführung nur das letzte Kapitel, und doch ist es fast so umfangreich wie Boocks gesamtes Buch. Vor allem ist es sehr viel reicher an Fakten und zwar verrückterweise sogar an manchen Stellen, an denen Aust sich auf Boocks Zeugenaussage beruft. „Der Baader Meinhof Komplex“ liefert Details über die Fahndungsmaßnahmen des BKA, die Reaktionen der deutschen Öffentlichkeit und der Bundesregierung, sowie die Vorgänge im Stammheimer Gefängnis. All das spielt in Boocks Buch und seiner terroristischen Innenperspektive keine Rolle. Boock hätte diese andere Seite der Geschichte recherchieren müssen, um mit Austs Buch auch nur annähernd mitzuhalten.

Widersprüchliche Narrative

Der andere Grund, den man hinter den fiktionalen Ergänzungen und der insgesamt sehr erzählerischen Herangehensweise des Buches vermuten muss, ist, dass Boock ein bestimmtes Bild erzeugen will. Es gibt ein Narrativ, auf das er offensichtlich hinaus will, vielleicht sogar zwei Narrative, die sich gegenseitig widersprechen. Dieser innere Widerspruch ist für mich das größte Problem des Buches. Das von Boock ganz offensichtlich beabsichtigte Narrativ ist zunächst seine Abkehr von der RAF. Schon zu Beginn schreibt er, dass er sich mit seinen damaligen Standpunkten nicht mehr identifiziert, von der RAF seit langer Zeit Abstand genommen hat und ihm auch die typische RAF-Sprechweise von damals inzwischen peinlich ist. In der Tat sind die in diesem Buch wiedergegebenen Dialoge durchgehend zum Fremdschämen. Über die Person Hanns-Martin Schleyer schreibt Boock dagegen respektvoll und in den Gesprächen legt er Schleyer die überzeugenderen Standpunkte in den Mund. Ob Schleyer ihn und die anderen Entführer damals tatsächlich so beeindruckt hat, wie hier beschrieben, mag bezweifelt werden, aber jedenfalls will Boock ihn in diesem Buch zum intellektuellen und moralischen Sieger dieses unfreiwilligen Aufeinandertreffens zweier politischer Extreme erklären.

Die andere Tendenz, die das Buch durch seine Narration vermittelt, geht aber genau in die entgegengesetzte Richtung, und das vielleicht sogar ohne die Absicht des Autors. Peter-Jürgen Boocks zwar beschränkte aber in diesem Buch freigiebig eingesetzte Erzählkunst vermittelt stellenweise den Eindruck, dass so eine Entführung doch eine ziemlich spannende Sache sein kann. Das Buch liest sich stellenweise wie ein Abenteuerroman. Zum Beispiel wird in einer Szene lebhaft beschrieben, wie Schleyer direkt nach dem Überfall auf seinen Dienstwagen in einen VW-Bus geführt wird. Boock steuert den Bus so rasant über eine Kreuzung, dass er beinahe einen Unfall baut. Im letzten Moment kann er dem Verkehr ausweichen und dann sicher zur geheimen Wohnung fahren. „Glück gehabt“, denkt sich der Leser und fragt sich dann, mit wem er da eigentlich gerade mitgefiebert hat.

Tatsächlich müsste man beim Lesen dieser Szene ja hoffen, dass Boocks VW-Bus im Kölner Stadtverkehr steckenbleibt und dann von der Polizei eingeholt wird. Die Entführung wäre an dieser Stelle zu Ende gewesen und Schleyer hätte vielleicht überlebt. So ist das Buch aber nicht erzählt. Da Boock uns mit seinen erzählerischen Künsten die Entführung aus Sicht der Entführer nachempfinden lässt, sind sie automatisch auch diejenigen, auf deren Seite wir stehen. All die rationale und moralisch korrekte Distanzierung durch das erste, bewusste Narrativ ist damit durch das zweite wieder aufgehoben. So sehr Boock auch versuchen mag, Hanns-Martin Schleyer als überlegene Figur darzustellen, sind es doch die Entführer, deren Perspektive wir zu teilen gezwungen werden. Kein moralisches Bekenntnis kann diesen erzählerischen Effekt korrigieren.

Als Allerletztes will ich noch einen auffälligen Punkt erwähnen, in dem sich die Bücher von Aust und Boock gegenseitig widersprechen. Es geht um die Herkunft des Spitznamens, den die Entführer ihrem Opfer gegeben haben. Boock schreibt, sie hätten Schleyer schon vor der Entführung „Spindy“ genannt, weil sein breiter, gedrungener Körper sie an eine Spindel erinnert hae. Für mich klingt es unwahrscheinlich, dass junge Leute aus den 70er Jahren die nicht in einem Landwirtschaftsmuseum aufgewachsen sind beim Anblick einer wie auch immer proportionierten Person sofort an eine Spindel denken. Deutlich plausibler klingt Stefan Austs Vermutung, dass Schleyer von den Entführern „Spindy“ genannt wurde, weil sie ihn zwischnzeitlich in einen Spind gesperrt hatten. In einer der Wohnungen, in der sie Schleyer gefangen hielten, befand sich laut Aust ein von innen mit Schaumstoff verkleideter Einbauschrank, in dem das BKA später 108 Haarspuren fand, die alle von Schleyer stammten. Aust betont an dieser Stelle die Ironie, dass die RAF immer wieder die sogenannte Isolationsfolter anprangert habe, wenn ihre eigenen Leute im Gefängnis saßen und nun ihren Gefangenen offenbar in einen kleinen, schallgeschützten Schrank sperrten. Allerdings erwähnt Aust auch, dass Boock diesen Vorwurf bestreitet. In Boocks Buch wird Schleyer nicht in den Schrank. Der Spind wird ihm nur zur Abschreckung gezeigt und hat mit seinem Spitznamen nichts zu tun. Wieder müssen wir selbst entscheiden, ob das nun Fakt oder Fiktion ist.

„Die Entführung und Ermordung des Hanns-Martin Schleyer“ ist kein gutes Buch. Selbst wer sich für die Geschichte der RAF interessiert, muss es nicht gelesen haben. Für mich ist es aber eine bemerkenswerte Kuriosität in der deutschen Buchlandschaft und ein interessantes Stück historische Aufarbeitung, das inzwischen selbst Geschichte geworden ist. In seiner misslungenen Navigation durch das Spannungsfeld zwischen Fakten und Fiktionen zeigt das Buch, dass es möglich ist, schon durch das Erzählen selbst seine eigenen Narrative auszuhöhlen. Bei aller Kritik kann man Peter-Jürgen Boock anrechnen, dass er im Wesentlichen vielleicht doch das Richtige gewollt hat, nämlich eine Distanzierung von seiner Vergangenheit und eine verspätete Geste des Respekts gegenüber seinem damaligen Opfer. Vielleicht wäre das auch ohne Abenteuerroman möglich gewesen.


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