Kants vergessene Mitspieler | „Tiere wie wir“ von Christine M. Korsgaard

Die meisten Menschen die ich kenne sind sich einig, dass wir Tiere oft nicht gut behandeln. Die Grausamkeit von Tiertransporten und die Zustände in Legebatterien sind allgemein bekannt. Manche würden am liebsten die Massentierhaltung oder vielleicht sogar jede Tierhaltung ganz abschaffen, während andere so weit nicht gehen würden, aber dass sich an unserem Umgang mit Tieren grundsätzlich etwas ändern sollte, würden wohl die meisten unterschreiben. Und trotzdem ändert sich nichts. Das Problem wurde erkannt und als nicht so wichtig empfunden. Wahrscheinlich könnte man es irgendwie verhindern, dass deutsche Lebensmittelproduzenten pro Jahr 45 Millionen Küken umbringen, aber dann würde das Hühnerei vielleicht mehr als dreißig Cent kosten und das kann man uns wohl einfach nicht zumuten.

Dass uns der Tierschutz so wenig bedeutet, hat möglicherweise historische Gründe. Die Urheber unserer moralischen Grundsätze haben sich immer schon wenig für Tiere interessiert. Wer sich an der Bibel orientiert, lernt schon im Buch Genesis, dass wir über die Tiere herrschen. Wenn on einem Lamm die Rede ist, dann meistens im Zusammenhang mit seiner Schlachtung. Im frühen Neunzehnten Jahrhundert war Jeremy Bentham immerhin der Meinung, dass es Gesetze zum Schutz von Tieren geben sollte, aber viele andere Moralphilosophen beschränkten sich in ihren Theorien über ein friedliches und gerechtes Zusammenleben auf den Menschen. Tiere wurden eher im Nebensatz erwähnt.

An dieser Haltung ändert sich offenbar gerade etwas. In den letzten Jahren sind mehrere Bücher zum Thema Tierethik erschienen und auch die bekannte Philosophin und Harvard-Professorin Christine M. Korsgaard hat nun mit „Tiere wie wir“ ein Buch, das im Jahr 2021 auch auf Deutsch erschienen ist, unseren moralischen Pflichten gegenüber Tieren gewidmet. Natürlich ist Korsgaard der Meinung, dass wir solche moralischen Pflichten grundsätzlich haben, anderenfalls hätte sie über dieses Thema nicht schreiben müssen, aber die Frage ist, wie diese Pflichten sich aus grundlegenden Prinzipien herleiten lassen. Das Buch ist also keine Anleitung, wie wir Tiere konkret behandeln sollen, sondern es geht vielmehr darum, warum uns das wichtig sein sollte.

Korsgaard beruft sich ausgerechnet auf Immanuel Kant. Dem waren Tiere mehr oder weniger egal. Er war zwar grundsätzlich der Meinung, man solle Tiere gut behandeln, aber eher um der Menschen als um der Tiere willen. In seinen Vorlesungen über Moralphilosophie heißt es:

Es erniedrigt uns selbst eine Handlung, womit wir Thiere martern oder Noth leiden lassen, oder sonst lieblos behandeln können.

Tiere gut zu behandeln ist für Kant also nur deshalb angebracht, weil alles andere für uns unwürdig wäre und auf unser Verhalten gegenüber anderen Menschen abfärben könnte. Dass Tiere selbst ein Interesse daran haben, von uns gut behandelt zu werden, spielt in dieser Denkweise keine Rolle. Laut Kant sind wir Tieren gegenüber zu nichts verpflichtet. Er zieht eine klare Trennlinie zwischen Tier und Mensch und seine Moraltheorie will er nur auf Menschen angewandt wissen. Korsgaard sieht hierin einen Fehler, den sie mit diesem Buch zu beheben versucht, indem sie auch die Tiere in Kants moralphilosophisches System integriert.

Eintritt in das „Reich der Zwecke“

Zunächst sind Korsgaard und Kant darin einer Meinung, dass es zwischen Tieren und Menschen wenn es um moralisches Handeln geht einen wesentlichen Unterschied gibt. Tiere sind in ihren Entscheidungen offenbar weniger von rationalen Überlegungen geleitet, sondern verlassen sich auf Instinkte. Sie handeln soweit wir wissen nicht nach moralischen Grundsätzen sondern orientieren sich vorwiegend daran, was unmittelbar gut für sie selbst und ihr Rudel oder ihre Familie ist. Damit fallen sie aus Kants Moralkonstruktion, dem sogenanntem „Reich der Zwecke“, heraus. Kant stellt sich hierunter eine Gemeinschaft vor, deren Akteure sich gegenseitig als sogenannte letzte Zwecke akzeptieren und sich aus diesem Grund fair behandeln. Die Interessen des anderen werden in dieser Gemeinschaft ernst genommen und berücksichtigt. Jedes Mitglied trifft seine Entscheidungen auf eine Weise, dass es sich wünschen könnte, sein Verhalten würde zur allgemeingültigen Regel erhoben. Durch dieses Prinzip versetzt sich jeder Akteur automatisch in die Perspektive der anderen und beurteilt aus dieser Außensicht das eigene Verhalten. Weil Tiere an dieser gedanklichen Übung nicht teilnehmen und sich selbst keine moralischen Pflichten auferlegen, können sie an diesem auf Gegenseitigkeit beruhendem System also nicht teilhaben. Laut Kant haben wir deshalb auch ihnen gegenüber keine Pflichten.

In diesem letzten Punkt widerspricht Korsgaard. Für sie ist nicht diese Gegenseitigkeit von moralischen Pflichten der wesentliche Punkt, sondern ein anderes Grundprinzip, das Kant ebenfalls verwendet, wenn er von den letzten Zwecken spricht. Die Grundlage für Korsgaards Überlegungen in diesem Buch ist die Frage, was überhaupt im moralischen Sinne als „gut“ bezeichnet werden kann. Wenn wir sagen, etwas sei gut, dann meinen wir oft „gut für einen bestimmten Zweck“. Ich kann zum Beispiel behaupten, eine bestimmte Reparatur in der Autowerkstatt war „gut“ und ich könnte hinzufügen „gut für mein Auto“. Das Auto und seine Funktionsweise sind der Zweck der Reparatur und der Grund dafür, dass ich diese als „gut“ bezeichne. Sie sind allerdings noch kein letzter Zweck, denn das Auto und seine Fahrbarkeit sind selbst wiederum nur ein Mittel, um ein weiteres Ziel zu erreichen, nämlich meine Mobilität zu gewährleisten. Das funktionierende Auto ist also gut für mich. Ich selbst stehe mit meinen Interessen als letzter Zweck am Ende dieser Kette und indirekt war deshalb auch die gelungene Reparatur nicht nur gut für das Auto, sondern insbesondere gut für mich. Menschen und ihre Interessen sind also solche letzten Zwecke, für die etwas letztendlich gut oder schlecht sein kann.

Das Spiel der moralischen Pflichten

Offensichtlich sind wir da aber nicht die einzigen. Auch für Tiere können Ereignisse gut oder schlecht sein. Auch wenn sie es uns oft nicht mitteilen können, ist das meistens offensichtlich. Ob ein Tier gut genährt und gesund leben und sich fortpflanzen kann, oder ob es auf die Dinge verzichten muss, die es offenbar anstrebt und benötigt, hängt von allen möglichen Ereignissen ab, die also gut oder schlecht für das Tier sein können. Damit sind auch Tiere letzte Zwecke in Kants Sinne und Korsgaard plädiert dafür, dass sie aus diesem Grund zu seinem moralischen Gefüge dazugehören müssen, wenn auch auf eine asymmetrische Weise. Sie selbst sind wie gesagt nicht in der Lage, sich an dieselben Spielregeln zu halten und so zu agieren, dass sie sich wünschen könnten, ihr Handeln werde zur allgemeinen Regel erhoben. Ein Tiger würde mich in freier Wildbahn angreifen, ohne darüber nachzudenken, ob er wollen kann, dass andere das bei nächster Gelegenheit auch mit ihm tun. Sein Handeln liegt außerhalb moralischer Überlegungen. Aber weil er ein letzter Zweck ist und mein Handeln an moralische Überlegungen gebunden ist, darf ich ihn nicht einfach wegen seines Fells erlegen oder quälen. Ich habe ihm gegenüber Pflichten, ohne dass er etwas davon wissen muss.

Korsgaards Sichtweise lässt sich mit der Situation vergleichen, wenn wir mit einem kleinen Kind Monopoly spielen. Das Kind kann die Spielregeln und Ereigniskarten selbst noch nicht lesen und wird uns manchmal für unsere Hotels die falschen Mieten bezahlen. Das gibt uns aber nicht das Recht, das Kind im Spiel übers Ohr zu hauen. Wenn das Kind mitspielt müssen wir ihm gegenüber die Regeln einhalten. Das Kind wird nicht dadurch zum vollwertigen Mitspieler, dass es selbst die Regeln gelesen hat oder sich an sie hält, sondern dadurch, dass die Aktionen des Spiels gut oder schlecht für das Kind sind. Das ist die Definition eines Mitspielers. Tiere sind im Spiel eines durch moralische Prinzipien geregelten Lebens also vollwertige Mitspieler, weil die Handlungen der anderen Beteiligten gut oder schlecht für sie sein können. Dass sie selbst die moralischen Regeln nicht kennen, nach denen gespielt wird, macht hierfür keinen Unterschied.

Hypothetische Schweine

Von dieser Grundlage ausgehend wendet sich Korsgaard einigen Fragen zu, die mit unseren moralischen Pflichten gegenüber Tieren zutun haben. Eine davon betrifft das Aussterben von Tierarten. Normalerweise sollte man denken, dass es sich nicht widerspricht, Tiere gut behandeln zu wollen und außerdem ihre Art zu erhalten, aber es gibt hier eine gewisse Konfliktzone. Was ist, wenn Tiere schlecht behandelt werden, und die Erhaltung ihrer Art gerade dadurch gesichert wird. Dass ein Tiger im Zoo lebt, statt in freier Wildbahn, kann schlecht für ihn selbst und gut für die Erhaltung seiner Art sein. Dem Autor Leslie Stephen wird ein Argument zugeschrieben, das diesen Konflikt auf die Spitze treibt: Hausschweine müssten laut Stephen ein Interesse daran haben, dass wir weiterhin Schweinefleisch essen, weil es sie sonst in so großer Zahl gar nicht gäbe. Wenn wir uns ab morgen alle nur noch vegetarisch ernähren würden, gäbe es keinen Grund mehr für die Schweinezucht und die Anzahl der lebenden Schweine auf der Welt würde sich drastisch verringern. Kann es für die Schweine also gut sein, wenn wir zu Vegetariern werden? Aus der Sicht eines künftigen Schweins, dass unter diesen Umständen gar nicht erst leben würde, müsste man nach Stephens Logik diese Frage mit nein beantworten.

Diese Schweinefrage ist ein Beispiel für ein allgemeines Problem: Wie kann ich beurteilen, ob eine bestimmte Entscheidung für eine Gruppe von Individuen gut oder schlecht ist, wenn von dieser Entscheidung unter anderem auch abhängt, wer zu dieser Gruppe gehört? Wenn wir nur weit genug in die Zukunft denken, tritt dieses Problem praktisch immer auf. Korsgaard nennt als ein weiteres Beispiel hierfür den Klimawandel. Nehmen wir an, auf einer Klimakonferenz stehen die Regierungschefs der Industrienationen vor der Entscheidung, ob sie den Klimaschutz verbessern oder schwächen wollen. Angenommen sie entscheiden sich für den klimafeindlichen Weg und eine hemmungslose CO2-Produktion. Die Menschen, die in zweihundert Jahren auf der Erde leben, werden die negativen Konsequenzen dieser Entscheidung ausbaden müssen. Wenn diese Menschen dann auf diese historische Entscheidung zurückblicken, müssten sie sie als negativ beurteilen und sagen: „Diese Entscheidung war schlecht für uns.“

Wenn die Klimakonferenz aber anders entschieden hätte, dann hätte diese weitreichende Entscheidung vom Klima abgesehen sich auch auf alle möglichen anderen Bereiche ausgewirkt und unter anderem auch über eine Verkettung von Zufällen beeinflusst, welche Menschen geboren werden und welche nicht. Man muss davon ausgehen, dass in diesem anderen Verlauf der Geschichte zweihundert Jahre später ganz andere Menschen am Leben wären, als in der ersten Variante. Aus diesem Grund müssten die Menschen aus der ersten Variante, die auf eine klimafeindliche Entscheidung zurückblicken, also eigentlich zu dem Schluss kommen: „Gottseidank haben die sich damals gegen den Klimaschutz entschieden, denn sonst wären wir heute gar nicht am leben. Wenn die Konferenz sich für den Klimaschutz entschieden hätte, wären andere Menschen geboren worden, und die hätten es heute leichter als wir, aber davon haben wir ja nichts.“

Gut für wen?

Das Prinzip, dass etwas nur dann gut ist, wenn es für jemanden gut ist, stößt also auf Probleme, wenn man sich an zukünftigen Gruppen von Individuen orientiert. Eine mögliche und von manchen Philosophen vorgeschlagene Lösung wäre, dass man das Individuum als austauschbar betrachtet und sich nur daran orientiert, wie viel Glück oder wieviel Gutes von der jeweiligen Gruppe erfahren wird, ohne dass es sich bei einem Vergleich um dieselben Individuen handeln muss. Diese Denkweise würde immerhin im Klimaschutzbeispiel zur erwarteten Antwort führen, nämlich dass der Klimaschutz besser für eine künftige Menschheit ist, weil er die Lebensqualität für die dann lebenden verbessert, egal wer das konkret sein wird. Trotzdem lehnt Korsgaard es ab, diesen Ansatz der austauschbaren Individuen zu verfolgen und von solchen Mengen von Glück oder von Gutem zu sprechen, die einfach auf verschiedene Individuen verteilt werden können.

Wenn man wieder an das Beispiel der Schweine denkt, wird nämlich die Schwäche dieser Denkweise klar. Hier müsste man nämlich die Gesamtmenge von Glück vergleichen, die sich in einer Welt mit und ohne Massentierhaltung auf alle Hausschweine überträgt. In einer Welt ohne Schweinezucht hätten wir wahrscheinlich eine kleine Anzahl von vergleichsweise glücklichen Schweinen. In einer Welt mit Massentierhaltung geht es den Tieren dagegen sehr schlecht, aber jedes von ihnen hat zumindest das Glück, am Leben zu sein, und allein wegen der enormen Anzahl der Tiere müssten wir sagen, dass die Gesamtmenge an Schweineglück in dieser Welt die größere wäre. Diese Denkweise führt also zu der absurden Schlussfolgerung, dass Massentierhaltung gut für die Schweine ist.

Wegen dieser Probleme ist es laut Korsgaard unzulässig, sich in der Frage, was moralisch gut und was schlecht ist, nur an hypothetischen künftigen Individuen oder abstrakten Gruppierungen wie der Menschheit oder der Tierart Schwein zu orientieren. Der Grundsatz, dass etwas nur dann gut ist, wenn es gut für jemanden ist, wird von Korsgaard dahingehend ergänzt, dass dieser jemand tatsächlich konkret existieren sollte. Damit die Massentierhaltung gut für Schweine ist, genügt es laut Korsgaard nicht, von der Erhaltung der Art oder spekulativen, künftigen Schweinen zu sprechen, sondern es müsste dann heute Schweine geben, die von der Massentierhaltung profitieren, und das ist offensichtlich nicht der Fall.

Mit dieser Einschränkung wird es allerdings etwas schwieriger zu argumentieren, warum das Aussterben einer Tierart etwas schlechtes ist. Wenn wir nicht nicht mehr davon sprechen sollen, was für die Art als solcher gut oder schlecht ist und nicht mit Hilfe von hypothetischen, künftigen Vertretern der Art argumentieren wollen, die entweder existieren werden oder nicht, dann müssen wir ein anderes Argument finden, warum, oder genauer gesagt: für wen das Aussterben der Tiger und Nashörner etwas schlechtes sein soll. Korsgaard ist der Ansicht, dass auch hier immer noch ihr Grundprinzip greift. Das Aussterben der Nashörner ist aus ihrer Sicht insbesondere deshalb schlecht, weil dieser Vorgang für die aktuell lebenden Vertreter dieser Tierart schlecht ist. Ihr Lebensraum wird eingeschränkt, sie sind nicht nur als Art sondern insbesondere als Individuen in Gefahr, haben größere Schwierigkeiten zu überleben, letzte noch verbleibende Partner ihrer Art zu finden und ihren Nachwuchs aufzuziehen.

Gebundene Werte

Wenn Korsgaard davon ausgeht, dass das Gute nur das ist, was gut für jemanden ist, dann bedeutet das, dass es das Gute an sich, ohne Bezugsperson, in ihrer Philosophie also nicht gibt. Darin unterscheidet sie sich grundlegend von anderen Philosophen. In Thomas Nagels Buch „Geist und Kosmos“ beispielsweise, das ich auch hier besprochen habe, ist die Rede von moralischen Werten, die als solche existieren und vom menschlichen Geist quasi entdeckt werden. Nagel spricht in seinem Buch von einem erwachenden Universum, das sich im Lauf seiner Geschichte mit Hilfe denkender Lebewesen seiner eigenen Eigenschaften mehr und mehr bewusst wird und die moralischen Wahrheiten zählen laut Nagel zu diesen Eigenschaften. Bei Nagel wäre das moralisch Gute also selbst ohne die Existenz von Menschen bereits vorhanden und als grundlegende Eigenschaft im Universum enthalten, vielleicht schon von Anfang an. In Koorsgards Philosophie, die das Gute untrennbar mit jemandem verknüpft, für den es gut ist, passen Spekulationen dieser Art nicht zusammen.

Die erwähnte Frage nach dem Aussterben von Tierarten ist nur eines von vielen Themen in Korsgaards Buch, aber schon an diesem Beispiel zeigt sich, wie Korsgaard und vielleicht generell die konkrete Moralphilosophie vorgeht. Grundprinzipien werden auf verschiedene moralische Fragen angewandt und daran gemessen, zu welchen Schlussfolgerungen sie führen. Die moralischen Urteile sind selbst also nicht der Erkenntnisgewinn, sondern sie sind eher der Maßstab, anhand dem die ausgewählten Prinzipien beurteilt werden. Ohne lange darüber nachdenken zu müssen ist uns ja irgendwie klar, dass es nichts gutes sein kann, wenn eine Tierart ausstirbt. Die Frage ist, ob sich diese moralische Selbstverständlichkeit schlüssig aus den Prinzipien herleiten lässt, die man sich selbst vorgegeben hat. Je besser diese Prinzipien geeignet sind, um akzeptable moralische Urteile widerspruchsfrei herzuleiten, desto besser. Die Suche nach diesen Prinzipien ähnelt der in manchen Bereichen der Physik auch als Model-Building bezeichneten Suche nach Theorien in den Naturwissenschaften. Je vollständiger eine Theorie die bereits bekannten Ergebnisse erklären kann, desto wertvoller ist sie.

Für den Leser einer solchen Diskussion bedeutet es allerdings, dass es anscheinend keine großen Überraschungen gibt. „Tiere wie wir“ präsentiert keine bahnbrechenden neuen Einsichten, wie wir Tiere behandeln müssen. Wer sich dieses Buch gekauft hat, wird wahrscheinlich sowieso schon mit den meisten Ansichten übereinstimmen, die Christine Korsgaard dahingehend vertritt. Der Erkenntnisgewinn liegt darin, dass sich diese Urteile aus fundamentalen Grundprinzipien ableiten lassen. Wer kein Fleisch isst, kann das ab jetzt mit Immanuel Kant begründen. Ob man Kants und Korsgaards Prinzipien allerdings für sich gelten lässt, bleibt weiterhin eine Frage, die man für sich selbst entscheiden muss. Das Buch zeigt sehr deutlich, dass man damit ein ganzheitliches Paket übernimmt, das nicht nur für die Tierethik sondern für alle möglichen moralphilosophischen Fragen Konsequenzen hat. Das ist vielleicht die andere Erkenntnis aus diesem Buch: die Tierethik ist kein separierbares Spezialterrain. Alles hängt mit einander zusammen und das Buch kann offensichtlich gar nicht anders, als mit den moralischen Fragen zum Umgang mit Tieren auch die moralischen Pflichten gegenüber Menschen mitzudiskutieren.

„Tiere wie wir“ ist also nicht nur ein Buch für Tierfreunde, sondern ein umfassender und interessanter Einblick in die Moralphilosophie. Das Buch zeigt, dass die Frage, wie wir Tiere behandeln, untrennbar damit verbunden ist, nach welchen Maßstäben wir grundsätzlich und in allen Bereichen das Gute vom Schlechten auseinanderhalten. Die Tierethik drängt damit von den Außenbezirken der Moralphilosophie in Richtung Zentrum und das könnte ein wichtiger Schritt sein, um eines schönen Tages hoffentlich auch in der Prioritätenliste der Politik ein Stück weiter nach oben zu wandern.


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