Frau Goebbels privat | „Reichskanzlerplatz“ von Nora Bossong

Die erste Frage wäre, warum man überhaupt Magda Goebbels, der Frau des Nazi-Propagandaministers, einen Roman widmen will. Die zweite Frage ist dann, wie man aus Frau Goebbels eine literarische Figur macht, ohne die Vorzeigemutter der Nazis nur zu verteufeln oder andererseits zu beschönigen. Mit ihrem Roman „Reichskanzlerplatz“ muss sich Nora Bossong weder das eine noch das andere vorwerfen lassen, aber weil der Roman seiner eigenen Protagonistin an der entscheidenden Stelle aus dem Weg geht, ist es trotzdem kein gutes Buch.

Die Geschichte beginnt in Berlin zu Zeiten der Weimarer Republik. Der Gymnasiast Hans verliebt sich in seinen Mitschüler Hellmut, einen Sohn aus der reichen Industriellenfamilie Quandt. Die beiden Schüler verbringen einen Sommer am Badesee und zu Hause bei den Quandts lernt Hans Hellmuts Stiefmutter kennen, die blonde Magda, die nur sieben Jahre älter ist als er selbst. Madga fasziniert Hans vom ersten Moment an. Die Gefühle zwischen Hans, Hellmut und Magda sind also komplizert. Zuerst reagiert Hellmut abweisend auf einen Annäherungsversuch von Hans. Dann freunden sie sich doch wieder an und verlieben sich beide in Magda, die von ihrer Ehe mit Hellmuts deutlich älterem Vater nur noch gelangweilt ist. Durch eine Verkettung von Unglücksfällen stirbt Hellmut, aber Magda bleibt mit Hans in Kontakt und hat etwas später eine Affäre mit ihm. Noch bevor es zwischen beiden zu einer ernsten Beziehung kommen kann, lernt Magda aber Joseph Goebbels kennen. Für den Politiker beschließt sie, Quandt zu verlassen und Goebbels zu heiraten.

Hans studiert nun Jura und arbeitet als Beamter für den Staat aus dem schon bald Nazi-Deutschland wird. Als unkritischer Mitläufer passt er sich der neuen politischen Lage an und widmet sich beruflich der Beschaffung von Krediten für das Regime. Über Briefe bleibt er mit Magda Goebbels in Kontakt und besucht sie im Lauf der Nazi-Jahre in zwei Momenten, in denen sie persönliche Krisen erlebt: Zuerst, als Joseph Goebbels eine Affäre mit der Schauspielerin Lída Baarová anfängt und dann während des Krieges, als Magda mit einer Nervenkrankheit im Sanatorium liegt. Hans hofft noch immer, Magda für sich gewinnen zu können, aber selbst als ihre Liebe zu Joseph endet, bleibt sie von der Idee des Nationalsozialismus und ihrer Aufgabe als Propaganda-Puppe so eingenommen, dass es für sie keinen Ausweg gibt. Magdas Leben endet bekanntlich durch Selbstmord im Führerbunker, begleitet vom Tod ihrer sechs Kinder, den sie wahrscheinlich auch zu verantworten hat.

Von Weimar zum Nationalsozialismus

Mein Problem mit diesem Roman beginnt damit, dass er nicht nur die Geschichte seiner Protagonisten Hans, Madga und Hellmut sondern auch die Entwicklung der politischen Gesamtlage erzählen will. Es wird eine ganze Reihe von Nebenfiguren vorgeführt, die den alleinigen Zweck haben, einen gewissen Teil der deutschen Gesellschaft zu repräsentieren. Unter den Freunden von Hans sind zwei Sozialdemokraten, die in der Kneipe ihre sozialdemotratischen Debatten führen, so lange sie noch können, es gibt einen Juden, der Hans vergeblich um Hilfe bittet, es gibt einen Offizier aus dem Bendler-Block, und es gibt in Gestalt von Hans‘ Vater den alten General aus dem Ersten Weltkrieg, der die Welt nicht mehr versteht und am neuen Regime verzweifelt. Alle tun das, was sie laut Geschichtsbüchern eben tun, keiner von ihnen ist gekommen, um uns zu überaschen oder tatsächlich ein Individuum zu sein und damit wird die ganze Geschichte vom Mitläufer Hans und dem sich um ihn herum entfaltenden Nationalsozialismus eher langweilig und austauschbar.

Der einzige Grund, warum die Geschichte von diesem Hans eben nicht die irgendeines beliebigen Mitläufers wäre, ist die künstlich über das gesamte Buch am Leben gehaltene Präsenz von Madame Goebbels. Der Roman will von ihr handeln und kann es dann aber irgendwie doch nicht. Hans lernt Magda als junge Frau in der vermeintlich unpolitischen Phase ihres Lebens kennen, als sie noch auf der Suche nach der sogenannten „großen Idee“ oder dem bedeutenden Mann ist, dem sie sich anschließen kann. Als sie diesen Mann dann in Gestalt des rheinländischen Jup kennenlernt, verlieren wir sie aus den Augen und sie wird zur Traumgestalt des hoffnungslos von ihr faszinierten Hans, der sie einfach nicht vergessen kann, obwohl sie längst nichts mehr mit ihm zu tun hat. Genau in dem einzigen interessanten Moment in Magdas Leben also, in dem aus der reich eigeheirateten Hausfrau eine überzeugte Nationalsozialistin wird, verschweigt dieser Roman, wie und warum das passiert.

Das hat natürlich einen guten Grund. Verstehen und Verständnis haben ist nicht nur sprachlich fast dasselbe. Der Roman kann uns keine Magda zeigen, die ihrem Freund Hans mit Begeisterung von der neuen Nazi-Ideologie erzählt, weil er gar nicht wollen kann, dass der Leser die Verblendete in diesem Punkt wirklich versteht. Das ist das Problem das sich eben stellt, wenn man einen Roman über einen Nazi schreibt. Man muss den Nazi eigentlich zu Wort kommen lassen. Nora Bossong hat sich für die andere Variante entschieden und zeigt die Nationalsozialistin Magda nur noch aus der Distanz, gefiltert durch den Blick des armen Hans, dem sie gleichzeitig faszinierend und unverständlich bleibt.

Die unvergessliche Magda?

Warum diese Magda ihrem Jugendfreund jahrzehntelang nicht aus dem Kopf geht, bleibt aber ebenfalls unverständlich. Immerhin ist Hans ja schwul und auch das wirkt nur wie ein Vorwand, um auch diesen Aspekt des repressiven Regimes noch zu abzuhandeln. Wir sehen Hans, wie er zuerst in die lebendige, freizügige Schwulenszene der Weimarer Republik eintaucht und später dann unter den Nazis in ständiger Angst entdeckt zu werden unter den traurigsten Umständen den heimlichen Sex im Verborgenen sucht. Mir erscheint diese Homosexualität nicht sehr glaubwürdig dargestellt. Hans verliebt sich nach Hellmuts Tod nie wieder in einen Mann sondern verabredet sich nur mit Unbekannten zum Sex, mit Männern, die er nie kennenlernt und mit denen er in dunklen Parkanlagen und Hinterhöfen sofort zur Sache kommt. Die angeblich so schöne Magda geht ihm aber nicht aus dem Kopf. Wenn er sie vergessen würde, hätte das Buch ja keinen Grund mehr, von ihr zu handeln.

Auf dem Klappentext des Buches behauptet Daniel Kehlmann, Reichskanzlerplatz sei „ein furchtloser Roman über Mittäterschaft und darüber, wie aus dem kleinen Bösen das große Böse wächst.“ Nichts davon stimmt. Das Buch ist nicht furchtlos. Die Furcht, eine Grenze zwischen Verstehen und Verständnis haben zu überschreiten und aus Magda aus versehen eine zu nahe und menschliche Nationalsozialistin zu machen, bedingt die gesamte erzählerische Konstruktion. Wie aus dem kleinen das große Böse wächst, erfahren wir in dieser Geschichte auch nicht, denn Mitläufer Hans steckt im kleinen Bösen fest, ob er will oder nicht, und Magda verlieren wir genau in dem Moment aus den Augen, in dem sie mit dem großen Bösen kooperiert.

Mir fällt ein ganz anderes Buch ein, das tatsächlich furchtlos ist und tatsächlich vom Bösen handelt. Als Hannah Arendt über den Organisator des Holocaust Adolf Eichmann schrieb, den der Staat Israel Anfang der sechziger Jahre für seine Verbrechen gegen die Menschlichkeit vor ein Gericht in Jerusalem stellte, hatte auch sie das Problem, dass in diesem Buch eigentlich ein Nazi zu Wort kommen musste. Arendt hat sich nah an Eichmann herangewagt und versucht, ihn zu verstehen. Mit Widerwillen und Abscheu gibt sie in ihrem Buch die anstößigen Dummheiten wieder, die Eichmann vor Gericht sagte. Dabei hat sie hinter dem dämonischen Bösen einen banalen Bürokraten entdeckt. In Nora Bossongs Buch passiert dergleichen nicht. Das Böse in Magda Goebbels wird uns auf Distanz gehalten und bleibt bis zum Ende das ominös Dämonische und vermeintlich Faszinierende. Magda soll für uns auch dann noch interessant bleiben, als sie nicht mehr erreichbar ist. Wir werden auf Abstand gehalten, wie der arme Hans, und sollen uns gerade deshalb für sie interessieren.

Vielleicht hat Nora Bossong sich mit diesem Buch eine unlösbare Aufgabe gestellt. Ein Buch über eine Nationalsozialistin zu schreiben, ohne irgendetwas falsch zu machen. „Reichskanzlerplatz“ ist möglicherweise der beste Magda-Goebbels-Roman, den wir bekommen können. Das macht aber nichts. Ein gutes Buch über diese Frau brauchen wir gar nicht.


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