Selbsterfüllende Prophezeiung | „Dune“ von Frank Herbert

Frank Herberts erster Science-Fiction-Roman, der 1965 unter dem Titel „Dune“ und zwei Jahre später in Deutschland als „Der Wüstenplanet“ erschien, zählt zu den berühmtesten Romanen aller Zeiten. Seinen internationalen Kultstatus verdankt das Buch inzwischen einer ganzen Armada von Fortsetzungen und zwei berühmten Verfilmungen, einer ersten durch David Lynch im Jahr 1984 und einer auf zwei Filme aufgeteilte Adaption von Denis Villeneuve in den Jahren 2021 und 2024. Ähnlich wie „Star Wars“ bietet der Roman tatsächlich alles, was sich Hollywood nur wünschen kann: Eine ferne, komplett ausgestattete Fantasiewelt, die verglichen mit unserer eigenen zwar aufregend anders aber doch nicht zu unähnlich ist, eine glasklare Trennung zwischen dem Guten und dem Bösen, die einen Konflikt von epischen Ausmaßen austragen und im Vordergrund einen jugendlichen, mythisch aufgeladenen Helden, der sein bestes tun muss, um auf der Seite des Guten zu bleiben.

Die Nähe zwischen „Dune“ und „Star Wars“ spitzt sich noch in einer kleinen Hollywood-Anekdote zu: David Lynch soll als Regisseur für „Die Rückkehr der Jedi-Ritter“ angefragt worden sein und lehnte angeblich ab, um stattdessen „Dune“ drehen zu können. Am Ende tat er sich schwer, seine fünf Stunden Filmmaterial auf die gewünschte Länge von zwei Stunden und siebzehn Minuten herunter zu schneiden und bezeichnete sein Werk im Nachhinein als gescheitert. Im Vergleich zum Buch kann aber selbst Lynchs fünfstündiges Rohmaterial nur eine radikale Komprimierung gewesen sein. Es macht nämlich den Reiz und meiner Meinung nach auch das Problem dieses Romans aus, dass es rund um die eigentliche Handlung noch sehr viel mehr enthält, unter anderem ausführliche Exkurse über die Ökologie des Fantasieplaneten Arakis, politische und anthropologische Thesen und nicht zuletzt eine diffuse Theorie des Bewusstseins, in der Wissenschaftlichkeit und quasi-religiöse Mystik wild mit einander vermengt werden.

Wer den Roman noch lesen oder den Film noch sehen will, sei übrigens gewarnt: Ich muss hier rücksichtslos quer durch die gesamte Handlung spoilern, damit ich insbesondere auch über den abschließenden Höhepunkt des Buches reden kann, der so ziemlich das bombastischste und gleichzeitig missratenste Ende ist, das ich jemals in einem Roman gesehen habe und der trotzdem noch einen interessanten Aspekt enthält. Aber jetzt der Reihe nach.

„Dune“ spielt in einer sehr fernen Zukunft, Jahrtausende nach unserer Zeit. Die Menschheit hat große technische Fortschritte gemacht und bevölkert inzwischen viele Planeten. Politisch hat sie sich dagegen eher zurückentwickelt und ist wieder in einem mittelalterlichen Feudalismus gelandet. Das bewohnte Universum ist unter Adelshäusern aufgeteilt, die ihre Konflikte in einer gemeinsamen Ratsversammlung austragen. Über ihnen steht der mächtige Imperator, der den Adelsfamilien die Planeten seines Reiches zur Verwaltung zugeteilt hat. Die Grundlage seiner Herrschaft ist seine militärische Macht. Auf einem Gefängnisplaneten bildet er mit spartanischen Methoden die Soldaten seiner gefürchteten Spezialarmee aus, die sogenannten Sardaukar. Das Militär dieser Zeit verfügt zwar über Schuss- und Atomwaffen, aber weil man sich dagegen mit einem Schild schützen kann, das aus einem um den Körper herum erzeugten Kraftfeld bestehen, ist die bevorzugte Kampfweise der Soldaten – wieder wie in „Star Wars“ – der einfache Schwertkampf oder sogar der Zweikampf mit dem Messer.

Mittelalterliche Zukunft

Auch die wirtschaftliche Macht ist in diesem Universum monopolisiert und erinnert an das späte Mittelalter oder die Renaissance. Eine mächtige Handelsorganisation kontrolliert die Rohstoffe und eine Raumfahrer-Gilde hat wie ein futuristisches Haus Thurn und Taxis die interplanetaren Transportwege in der Hand. Eine geistliche Macht sind die Bene Gesserit. Die Schwestern dieses Frauenordens durchlaufen eine besondere Ausbildung zur Kontrolle ihres Bewusstseins und erlangen dadurch Fähigkeiten, die an Zauberei grenzen. Zum Beispiel können sie, ähnlich wie die Jedi in „Star Wars“, andere Menschen durch ihre Stimme zu Handlungen zwingen. Es gibt in diesem Roman aber keine tatsächliche Magie. Frank Herbert bemüht sich, auch die ungewöhnlichsten Fähigkeiten seiner Figuren rational zu rechtfertigen und im Zweifelsfall ist es eben das rätselhafte Bewusstsein, das die Lücke zur Irrealität schließen muss.

Die Geschichte beginnt damit, dass der Imperator dem Herzog Leto Atreides den Wüstenplaneten Arakis als Lehn übergibt. Der Held des Romans ist Letos fünfzehnjähriger Sohn Paul, der seinen Vater dabei unterstützt, auf Arakis die politische Macht zu übernehmen. Arakis ist ein unwirtlicher Planet, auf dem es fast keine Vegetation und so gut wie kein Wasser gibt. Bewohnt ist er von den Fremen, einem in den Wüsten lebenden Nomadenvolk, das bisher vom Adelshaus der Harkonnen unterdrückt wurde. Letos einziger Grund, seine idyllische Heimat zu verlassen und den Wüstenplaneten als Lehen anzunehmen ist eine bewusstseinsverändernde Droge, die nur in den Wüsten von Arakis wächst und die einfach nur „das Gewürz“ genannt wird. Die Ernte dieses Stoffes ist sehr rentabel, denn wer das Gewürz über längere Zeit einnimmt, entwickelt hellseherische Fähigkeiten. Leto befürchtet aber, dass er mit seinem Umzug nach Arakis in eine Falle der Harkonnen getappt ist, die ihre dortige Machtstellung wahrscheinlich nicht einfach aufgeben werden. Es wird vermutet und auch von einer Bene Gesserit-Äbtissin vorhergesagt, dass er bald ums Leben kommen wird.

So passiert es dann auch. Der Baron Vladimir Harkonnen schickt seine Armee in die Hauptstadt von Arakis, tötet Leto und vertreibt die Armee der Atreides. Unter den verstreuten Überlebenden befinden sich Paul und seine Mutter Jessica, die eine Schwester des Bene Gesserit-Ordens ist. Dank ihrer speziellen Fähigkeiten entkommen sie einer Gefangenschaft bei den Harkonnen und fliehen in die Wüste. Sie überleben in der extremen Trockenheit dank eines bei den Fremen üblichen Spezialanzugs, der die ausgeschiedene und verdunstete Körperflüssigkeit auffängt und zu trinkbarem Wasser umwandelt. Weit draußen überstehen sie auch die Begegnung mit einem der gigantischen Sandwürmer, die alles verschlingen, was sich zu lange auf dem Wüstensand aufhält. Paul macht in der Wüste eine Entwicklung durch, die ihn selbst beunruhigt. Er hat Zukunftsvisionen, in denen er sich selbst als Anführer einer Armee der Fremen sieht. In diesen Visionen führt er sie in einen blutigen, unzählige Leben kostenden Krieg. Er weiß, dass die Fremen in der Tat auf einen Erlöser warten, der sie aus der Unterdrückung der Harkonnen befreit und er ahnt, dass er dieser Erlöser sein könnte.

Flucht und Triumph

Schließlich begegnen Paul und Jessica in der Wüste einem Trupp der Fremen. Nachdem Paul in einem Zweikampf mit dem Messer seine kämpferischen Fähigkeiten beweist, werden sie beide in das Nomadenvolk aufgenommen. Sie lernen die versteckten Siedlungen der Fremen kennen und erfahren, dass das Wüstenvolk einen langfristigen, sorgfältig berechneten Plan verfolgt, um Arakis fruchtbar zu machen. Unterirdisch haben sie schon eine gewaltige Menge Wasser angesammelt und in weit abgelegenen Teilen der Wüste, in die keine Harkonnen vordringen können, erste Testplantagen mit Nutzpflanzen angelegt.

Das Haus Harkonnen hat den Planeten inzwischen wieder fest in der Hand und beutet ihn aus wie eh und je. In einer Art Guerrilla-Krieg setzen sich die Fremen aber mit vereinzelten Gegenangriffen zur Wehr. Paul wächst hierbei in die Rolle eines Feldherrn hinein. Nachdem er eine rituelle Prüfung besteht, in der er einen der Sandwürmer anlockt und auf ihm ein Stück durch die Wüste reitet, machen ihn die Fremen zu ihrem Anführer. Kurz darauf landet ein Raumschiff des Imperators auf Arakis. Der Imperator hat nun genug von den Machenschaften des Barons Harkonnen, den er in der anfänglichen Intrige gegen Leto Atreides noch unterstützte, und will selbst für Ordnung auf dem wichtigen Planeten sorgen, um die Ernte des Gewürzes zu sichern. Wie man nun erfährt, ist das Gewürz deshalb so wichtig, weil die Navigatoren der Raumfahrer-Gilde es benutzen müssen, um in die Zukunft zu sehen, weil sie sonst die schnellen Schiffe nicht steuern könnten. Paul und seine Fremen-Armee nutzen die Gelegenheit des zufällig genau vor ihrer Nase in der Wüste gelandeten Imperators für einen vernichtenden Angriff gegen die mit ihm gelandeten Legionen der Sardaukar. Nach der gewonnenen Schlacht verschafft Paul sich Zugang zum Thronsaal im Raumschiff des Imperators und droht ihm damit, das Gewürz auf Arakis zu vernichten und damit die Raumfahrt unmöglich zu machen. Mit diesem Druckmittel bringt Paul ihn dazu, ihm seine Tochter zur Frau zu geben und selbst der nächste Imperator zu werden.

So weit die vielleicht kürzeste Zusammenfassung dieser Handlung, die überhaupt möglich ist, und in der noch eine ganze Reihe von vermeintlich wichtigen Figuren unerwähnt geblieben ist. Zum Beispiel Wellington Yueh, der Arzt von Herzog Leto, der ihn an die Harkonnen verrät und ihren Angriff ermöglicht, Duncan Idaho, der Offizier des Herzogs, der Paul und Jessica vor einem Angriff der Sardaukar rettet, Gurney Halleck, ein anderer Offizier, der sich nach der Machtübernahme der Harkonnen zuerst bei Schmugglern versteckt und dann Pauls Fremen-Armee unterstützt, der herzogliche Berater Thufir Hawat, der von den Harkonnen gefangen genommen wird und Paul am Ende wieder begegnet, der planetare Ökologe Lyet Kynes, der den Bewässerungsplan der Fremen entworfen hat, Feyd-Rautha Harkonnen, der Neffe des Barons, den er als seinen Nachfolger vorgesehen hat, Stilgar, der Fremen-Anführer, der Paul aufnimmt und ihm später die Führung überlässt, Chani, die junge Fremin, die Pauls Frau wird, und einige mehr. Pauls Geschichte ist mit einer enormen Menge an Nebenhandlungen ausgeschmückt.

Wissenschaft und Mystik

Was diesen Roman interessant macht, ist der in ihm vollzogene Zusammenprall von Wissenschaftlichkeit und Mystik. Frank Herbert beruft sich ständig auf verschiedenste Wissenschaften, etwa wenn er im Detail die Pläne des Ökologen Kynes für die Begrünung von Arakis beschreibt. Auch Jessicas übernatürlichen Kräften gibt Herbert wie gesagt eine naturwissenschaftliche Erklärung, die manchmal allerdings weit hergeholt wird. Wenn Jessica während eines Fremen-Rituals ein tödliches Gift trinkt, und es ihr dank der bei den Bene Gesserit antrainierten Beherrschung von Leib und Seele gelingt, mit ihrem Bewusstsein die Molekülstruktur des Giftes in ihrem Körper mental zu verändern und sich so selbst zu retten, dann ist diese Erklärung für einen Naturwissenschaftler mindestens so schwer zu schlucken, wie das Gift für Jessica, aber immerhin ist ein Versuch erkennbar, die Vorgänge plausibel zu machen. „Dune“ spielt in einer Welt, in der wir rationale Erklärungen erwarten dürfen. Gleichzeitig ist die gesamte Handlung von Weissagungen, Zukunftsvisionen und Ritualen durchsetzt. Pauls Geschichte ist die eines Messias, eines sogenannten Kwisatz Haderach, in einem fortgeschrittenen wissenschaftlichen Zeitalter.

Die zentrale Frage des Romans, in der sich dieser Gegensatz kristallisiert, könnte lauten: Ist Pauls Schicksal vorbestimmt, oder hat er es selbst in der Hand? Erfüllt sein Weg vom Herzogssohn zum Erlöser der Fremen tatsächlich einen höheren, vielleicht göttlichen Plan, oder ist es eine Mischung aus Zufall und freiem Willen, die ihn dorthin führt? Vieles deutet zunächst darauf hin, dass Paul der lange erwartete Auserwählte ist und seinem prophezeiten Weg folgen muss. Als die Familie Atreides auf Arakis landet, und die Fremen erfahren, dass Jessica eine Bene-Gesserit-Schwester ist und einen Sohn hat, glauben sie sofort, dass es sich bei Paul um ihren Erlöser handeln muss, denn es wurde ihnen in ihren alten religiösen Schriften vorhergesagt, dass der Sohn einer Ordensschwester sie in die Freiheit führen wird. Aber auch hierfür gibt Frank Herbert eine rationale Erklärung: Der Bene-Gesserit-Orden hat seit Jahrhunderten verschiedene Religionen des Universums zu seinen Gunsten beeinflusst. Den Fremen hat der Orden vor langer Zeit rein profilaktisch eingeredet, dass irgendwann eine Bene-Gesserit mit ihrem Sohn kommen und das Volk befreien werde, weil man ahnte, dass dieser Glaube irgendwann für den Orden nützlich sein kann. Herbert lässt also die Möglichkeit offen, dass Paul einfach durch Zufall in eine religiöse Schablone hineingerutscht ist und weil alle von da an von ihm erwarten, dass er der Messias ist, wird er eben tatsächlich einer. Die Prophezeiung erfüllt sich automatisch, allein weil sie irgendwann in die Welt gesetzt wurde.

Wege in den Jihad

Selbst was Pauls Zukunftsvisionen betrifft, legt Herbert sich nicht auf die religiöse oder die wissenschaftliche Deutung fest. Auch Paul selbst ist zunächst unentschlossen, wie er seine Fähigkeiten deuten soll. Andere Fremen haben ebenfalls Visionen, aber im Gegensatz zu ihm können sie nichts genaues erkennen. Paul weiß, dass er besondere Fähigkeiten hat, aber vielleicht rühren sie nur daher, dass er nicht nur, wie die Fremen, das Gewürz konsumiert, sondern auch von seiner Mutter die Bene-Gesserit-Ausbildung erhalten hat. Seine Visionen lassen außerdem die Frage offen, ob sein Weg tatsächlich vorbestimmt ist. Vor wichtigen Ereignissen sieht er parallel mehrere Möglichkeiten, wie es mit ihm weitergehen könnte. Das beunruhigt ihn umso mehr, weil seine Versionen immer auch das mögliche Ende zeigen, in dem er das Universum in einen großen Krieg stürzt. Obwohl er das zu vermeiden versucht, steuert er immer mehr darauf zu, weil die Befreiung der Fremen von ihm verlangt, sich an ihre Spitze zu stellen. Selbst falls Pauls Weg also zwangsläufig auf dieses Ziel zuläuft und sein freier Wille vernachlässigt werden kann, muss es sich also noch nicht um die Erfüllung eines göttlichen Plans sondern vielleicht nur um eine historisch und politisch folgerichtige Notwendigkeit handeln.

Dass es Frank Herbert gelingt, diese Alternativen offen zu lassen und zwischen ihnen einen interessanten Konflikt zu konstruieren, ist meiner Meinung nach die große Stärke dieses Romans. Die Schwächen des Buches hängen damit eng zusammen. Um die Frage stellen zu können, ob Pauls Schicksal von seinem freien Willen, von einem göttlichen Plan oder einfach von den Gegebenheiten der Welt bestimmt ist, in die er hineingesetzt wurde, ist es notwendig, diese Welt ausführlich zu beschreiben. An manchen Stellen geht Herbert aber bei der Erschaffung dieser Welt für meinen Geschmack ein gutes Stück weiter als nötig. Das betrifft insbesondere die Sprache, den Mystizismus, die Kampfkunst, das Handwerk und Ökologie der Fremen, die Paul als eine fremde Kultur kennenlernt. Besonders in der zweiten Hälfte des Romans lernen wir an jeder Ecke einen neuen Begriff, einen neuen Ritus oder eine neue handwerkliche Finesse der Fremen kennen, die nur bestätigt, was wir dann schon längst wissen, nämlich, dass es sich um eine verkannte, hochentwickelte Kultur handelt, deren Stärke sich aus der Anpassung an die harschen Lebensbedingungen der Wüste entwickelt hat.

Dieses Prinzip, dass der Mensch sowohl physisch als auch moralisch an seinen Widerständen wächst, scheint für Herbert eine zentrale Botschaft zu sein, die er ständig wiederholt und durch den Gegensatz zwischen den Fremen den Harkonnen besonders drastisch betont. Die Fremen werden mit einer solchen Klischeehaftigkeit als durch die rauhe Umgebung abgehärtete, edle und ehrenhafte Wüstenkämpfer dargestellt, dass es einem in der zweiten Romanhälfte auf die Nerven gehen kann. Ihr ständiger Überlebenskampf in der Wüste, in der sie jeden Tropfen Wasser sparen müssen, hat den Fremen zu einer perfekten Beherrschung von Geist und Körper verholfen. Baron Wladimir Harkonnen dagegen ist so übergewichtig, dass er eine Art Hovercraft-Anzug braucht, um die Schwerkraft auszugleichen und sich überhaupt fortbewegen zu können. Seine Völlerei und seine angedeutete homoerotische Sexsucht sind hier, politisch sehr unkorrekt, als Zeichen einer Dekadenz und Degeneriertheit zu verstehen, die unmittelbar mit seiner Bosheit zusammenhängt. Baron Harkonnen ist eine Karikatur des Bösen, die nicht gerade gut gealtert ist.

Das eigentliche Problem entsteht aber dadurch, dass der Roman uns sehr viel mehr erzählt, als wir wissen müssten, um seiner Handlung zu folgen. An manchen Stellen entsteht ein Gefühl von Willkür und Planlosigkeit. Herbert kreiert eine ganze welt und scheint dabei selbst noch nicht genau zu wissen, welche Teile von ihr der Leser überhaupt betreten wird. Manche Personen und Nebenhandlungen werden auf eine Weise eingeführt, als ob sie für den weiteren Verlauf der Geschichte wichtig sind, und spielen dann keine Rolle mehr. Es ist deutlich spürbar, dass Herbert all die vielen Handlungsstränge, die er im Lauf des Romans angefangen hat, in der Schlussszene im Raumschiff des Imperators zusammenlaufen lassen will. Für diesen einen letzten Höhepunkt ist es aber einfach zu viel, was dort alles aufgelöst werden soll.

Der sinnlose Showdown

Ein besonders drastisches Beispiel für dieses Problem ist die Figur Feyd-Rautha, der Lieblingsneffe des Barons Harkonnen und sein designierter Nachfolger. Wer den Film von David Lynch gesehen hat, erinnert sich an den rothaarigen Sting in dieser Rolle. Feyd-Rautha ist gewissermaßen der böse Gegenentwurf zu Paul. Als Nachfahre eines hohen Adelshauses mit noch höheren Ambitionen wird er in der Kampfkunst ausgebildet und soll später den Planeten Arakis und vielleicht auch den Thron des Imperators übernehmen. Während Paul sich in der Wüste im Messerkampf Mann gegen Mann unter den harten aber fairen Bedingungen der Fremen behaupten muss, besiegt Feyd-Rautha seine Gegner in manipulierten Gladiatoren-Kämpfen, nachdem er sie vergiftet oder unter Drogen gesetzt hat. Diese Geschichte der beiden parallel unter so unterschiedlichen Bedingungen aufwachsenden Jungherrscher läuft von weit her auf einen Zweikampf zwischen Paul und Fey-Rautha hinaus, der am Ende tatsächlich im Raumschiff des Imperators stattfindet und den finalen Höhepunkt der Handlung darstellen soll.

Aber abgesehen von der Dramaturgie gibt es keinen Grund für diesen Zweikampf. Es ist schon unklar, warum Feyd-Rautha in dieser Szene überhaupt anwesend ist. Der Imperator hat sich von Baron Harkonnen distanziert und ihn für seine Intrigen bloßgestellt. Alles weitere ist dann eine Sache zwischen ihm und Paul, wenn es darum geht, ob Paul das Gewürz vernichten oder die Tochter des Imperators heiraten wird. Die Harkonnen und insbesondere Feyd-Rautha sind längst aus dem Rennen. Trotzdem will Paul den Zweikampf auf Leben und Tod, hier und jetzt, mit diesem angeblichen Erzfeind, dem er noch nie begegnet ist. Mit diesem Showdown nachdem alles schon entschieden ist geht er ein völlig unnötiges und unverständliches Risiko ein, wie jemand, der nach einer überstandenen Katastrophe noch eine Runde russisches Roulette spielt. Es muss Herbert bewusst gewesen sein, dass dieser letzte Spannungshöhepunkt künstlich herbeigeführt erscheint, denn er lässt sogar die Leute in Pauls Gefolge fragen, warum er sein Leben jetzt noch, nachdem er alles erreicht hat, in diesem unsinnigen Kampf gegen Feyd-Rautha aufs Spiel setzen will. Sogar der kampflustige Gurney Halleck versteht nicht, was das soll. Wie soll es dann der Leser begreifen.

Mit etwas Wohlwollen lassen sich natürlich Gründe finden, warum Paul auf diesen Zweikampf besteht. Wahrscheinlich will er sich einfach an den Harkonnen für den Tod seines Vaters rächen, und auch wenn Feyd-Rautha damit nichts zu tun hatte, ist er jetzt eben stellvertretend für den Baron das geeignete Ziel dieser Rache. Vielleicht will Paul auch einfach dem Imperator und der versammelten High Society beweisen, dass er als neuer Imperator wirklich der richtige ist. Es gibt aber noch eine interessantere Deutungsmöglichkeit. Paul ahnt nämlich in diesen letzten Szenen des Romans, dass der von ihm befürchtete große Krieg, der hier Jihad genannt wird, mit seiner Machtübernahme beginnen wird. Er hat mit seiner Befreiung der lange unterdrückten Fremen und ihrer gewaltigen Armee eine Welle der Gewalt ausgelöst, die er jetzt nicht mehr aufhalten kann. Der Jihad war in seinen Zukunftsvisionen immer eine von mehreren möglichen Ausgängen der Geschichte. Es kann sein, dass Paul mit seinem Kampf gegen Feyd-Rautha das Schicksal noch einmal herausfordern will, um ein letztes mal einen anderen Ausgang zu ermöglichen. Er sucht nach einer Antwort, ob er den Thron und den damit verbundenen Krieg wirklich annehmen soll. Wenn Feyd-Rautha ihn tötet, ist der Jihad eben doch nicht sein Schicksal.

Herbert, der dem Leser ansonsten eher zu viel als zu wenig erklärt, schweigt aber zu Pauls Motiven für diesen Kampf und ich habe Zweifel, ob das wirklich sein Hintergedanke zu diesem Ende gewesen sein kann. Der Roman musste wohl einfach mit einem Showdown zwischen dem edlen Atreides und dem hinterhältigen Harkonnen enden. Feyd-Rautha ist übrigens nicht die einzige Figur, die am Ende aus dem Nichts wieder auftaucht um eine Nebenhandlung auf fragwürdige Weise abzuschließen. Ein gewisser Graf Fenring wurde vorher in einem Gespräch mit Baron Harkonnen als ein wichtiger Botschafter und Freund des Imperators eingeführt. In der Schlusszene wird uns plötzlich offenbart, dass diese politische Figur eigentlich ein gefährlicher Killer ist. Der Imperator gibt ihm als letzten Ausweg den Befehl, Paul umzubringen, so als ob von allen Anwesenden in dieser Szene ausgerechnet nur der Graf dazu in der Lage wäre. Fenring verweigert aber den Befehl, und zwar aus einem Grund, den wir ebenfalls erst jetzt erfahren: Fenring hatte genau wie Paul die Ausbildung der Bene-Gesserit durchlaufen und stand einmal genau wie Paul als ein möglicher Kwisatz Haderach, also als eine Art Erlöser der Menschheit, zur Debatte, aber wegen eines genetischen Defekts kam er für diese Aufgabe dann doch nicht in Frage. Es ist eine komplette Hintergrundgeschichte, die uns in der Schlusszene in wenigen Sätzen aufs Auge gedrückt wird, um den Sinn der Figur Graf Fenring zu rechtfertigen.

Pauls Frauen

Ein letztes kritisches Wort noch zu der Tochter des Imperators, die Paul heiraten wird, um den Thron zu besteigen. Diese Prinzessin Irolan ist Schriftstellerin und wir lernen vorher immerhin schon einige ihrer Texte kennen, die sie später über ihren Ehemann schreiben wird. Die Kapitel des Romans beginnen jeweils mit glorifizierenden, legendenhaften Zitaten zur Weisheiten und den Taten eines Helden namens Muad’Dib. Es ist eine sehr gelungene Idee, Prinzessin Irolan über diese Zitate einzuführen, die, auch wenn sie manchmal etwas dick aufgetragen sind, dem Roman die Aura eines uralten Mythos verleihen und zunächst rätselhaft sind, weil man am Anfang höchstens ahnt, dass Paul dieser sagenumwobene Muad’Dib sein wird, von dem in den Schriften dieser Prinzessin ständig die Rede ist. Auch Prinzessin Irolan ist aber eine dieser Figuren, die nach der vielversprechenden Einführung am Ende des Romans mit ein paar Sätzen abgefertigt wird. Paul lernt sie nicht einmal kennen. Er sieht sie nur im Gefolge des Imperators und weiß, dass sie anscheinend die Frau ist, die er heiraten muss, um ans Ziel zu gelangen. Seiner Frau Chani verspricht er, dass die Ehe mit dieser Prinzessin rein formaler Natur sein wird, und mit diesem eher banalen Problem endet das Buch.

Ähnlich wie die Zitate von Prinzessin Irolan gibt es in diesem Roman noch ein paar andere Ideen, die mir im ersten Moment sehr gut gefallen haben und die dann zu stark ausuferten. Zum Beispiel gibt es eine Szene, in der die Harkonnen, den gefangen genommenen Ökologen Liet Kynes in die Wüste entkommen lassen, weil sie wissen, dass er dort verdursten wird. Kynes hofft noch auf eine Rettung, aber während seiner Flucht durch die Wüste wird er immer schwächer und beginnt zu halluzinieren. Er sieht seinen verstorbenen Vater, der ebenfalls Ökologe war und der ihm ausgerechnet in dieser Situation nun einen belehrenden Vortrag über die ökologische Konzepte hält. Es entsteht ein Dialog zwischen Kynes und seinem besserwisserischen Vater, der zuerst originell und witzig ist. Das Zwiegespräch dauert aber so lange, dass man sich schließlich genau wie Kynes wünscht, der Vater möge endlich wieder verschwinden und uns mit seiner Theorievorlesung in Ruhe lassen.

Das Problem, dass zu viel erzählt wird, betrifft auch Herberts Technik, uns einen Einblick in den inneren Monolog der Figuren zu geben, was grundsätzlich eine gute Idee wäre, wenn wir nicht gerade ständig neben dem Gespräch zwischen Paul und seiner Mutter auch sämtliche ihrer Hintergedanken mithören müssten. Oft hätte die ledigliche Andeutung eines Gefühls oder eines Plans die Sache interessanter gemacht. „Dune“ erzählt uns aber auch und gerade die unbedeutenden Kleinigkeiten in aller Breite und kommt damit je nach Druckfassung auf seine siebenhundert bis neunhundert Seiten.

Vielleicht messe ich das Buch mit den falschen Masstäben, weil es nicht nur ein Roman sein, sondern vor allem eine Welt für die vielen Nachfolgeromane kreieren will. Jedenfalls ist „Dune“ für sich betrachtet mit all seinen Problemen also kein genialer aber auch kein wirklich schlechter Roman. Fantasy-Leser und Hollywood-Produzenten, die gerne in fremde Welten eintauchen, bekommen hier eine zwar staubige aber immerhin vollständig möblierte Welt schlüsselfertig präsentiert. Die meisten Mitbewohner darin sind Stereotype und lassen einen ständig an ihren nicht immer originellen Gedanken teilhaben, aber immerhin geht es auch um interessante Thesen zur historischen Entwicklung der Menschheit und verborgenen Kräften des Bewusstseins. Ein nur halb so langer Roman, der Figuren wie Graf Fenring und Feyd-Rautha einfach weglässt und stattdessen ganz auf seine guten Ideen und seine gelungene Gratwanderung zwischen Wissenschaft und Mythos vertraut, wäre wahrscheinlich wirklich gut gewesen.


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Ein Gedanke zu “Selbsterfüllende Prophezeiung | „Dune“ von Frank Herbert

  1. Avatar von Mari Mari

    Ich muss mal was schreiben 

    Sie schreiben in ihm Text: 

    „Aber abgesehen von der Dramaturgie gibt es keinen Grund für diesen Zweikampf. Es ist schon unklar, warum Feyd-Rautha in dieser Szene überhaupt anwesend ist.“

    Ich glaube den gibt es schon, die „Mittelalterliche Zukunft“, die Personalisierung von Macht und Herrschaft. Die Auserwähltheit kommt nicht bloß von Abstammung sondern auch von außergewöhnlichen Fähigkeiten. 

    „Sogar der kampflustige Gurney Halleck versteht nicht, was das soll. Wie soll es dann der Leser begreifen.“ Halleck kann es nicht begreifen, weil er nicht der Herrschende ist, er folgt einer anderen Logik. Der Leser kann es möglicherweise begreifen, ich tu dies, wann ist genug genug, wer nichts riskiert bleibt in der Hütte, wer bereit ist alles aufzugeben, soll er im Schloss aufhören oder erst im Palast? Hinzu kommt natürlich noch die Ideologie/Religion/Grundüberzeugungen der Fremen, auch deshalb kann er es nicht anderen überlassen, die Erzfeinde seiner Familie zu töten. Weil es die Ehre verlangt, Pauls Herrschaftsanspruch beruht darauf.

    Die Frage nach dem Zweikampf, ist eine für Historiker, Soziologen oder Politikwissenschaftler. Herbert, meine Meinung nach vier Büchern, gelingt es nicht immer seine Rolle als Autor, der fiktive Literatur schreibt, und Kritiker der menschlichen Geschichte in Einklang zu bringen. 

    Ich bin auf ihren Artikel gestoßen, suche Texte, die sich mit dem „Goldenen Pfad“ Dune 4 und dem Männer- und Frauenbild von Frank Herbert beschäftigen. 

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