Reporter und Erzähler | „Tausend Zeilen Lüge“ von Juan Moreno

Im Herbst 2025 schreiben alle Kulturjournalisten plötzlich über die Nase des Rappers Haftbefehl, des „wohl bedeutendsten Rappers Deutschlands“, wie man beim Feuilleton der ZEIT spekuliert. Alle außer mir haben diese angeblich durch Kokain-Konsum kollabierte Nase in der Netflix-Doku „Babo“ gesehen, die sofort nach der Veröffentlichung auf Platz eins der deutschsprachigen Netflix-Charts landete. Ich habe durch diesen Hype wenigstens erfahren, was Juan Moreno heute macht. Moreno ist einer der beiden Regisseure dieses Dokumentarfilms, aber ursprünglich ist er dafür bekannt, vor sieben Jahren den Kollaps einer ganz anderen Nase herbeigeführt zu haben. Während Haftbefehl in der Doku nach allem, was man hört, sehr offen über seine Probleme spricht und dem Zuschauer in manchen Szenen eher zu viel Wahrheit zumutet, hatte Moreno es damals mit einem Mann zu tun, der ein eher distanziertes Verhältnis zur Wahrheit hatte.

Im Dezember 2018 berichtet das Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“ über die Lügen seines eigenen Mitarbeiters Claas Relotius. Relotius hatte, wie er inzwischen selbst zugibt, einen großen Teil der zirka 120 Texte seiner steilen journalistischen Karriere mit erfundenen Details angereichert oder sie in manchen Fällen vollständig zusammengelogen. In emotionsgeladenen Reportagen, für die er mit wichtigen Preisen augezeichnet wurde, erzählt er von Leuten, denen er in Wirklichkeit nie begegnet war und die in manchen Fällen nicht einmal existieren. Es war der vielleicht größte Medienskandal der letzten fünfzig Jahre und Moreno war der Journalist, der den Hochstapler enttarnte.

Heute lässt sich der Fall Relotius an vielen Texten untersuchen, die „Der Spiegel“ aufgearbeitet hat. Ein typisches Beispiel ist vielleicht die Reportage „Die letzte Zeugin“, die wenige Monate vor dem Zusammentreffen zwischen Relotius und Moreno im „Spiegel“ erschien. Der Text handelt von einer Amerikanerin namens Gayle Gladdis, einer Sekretärin aus Joplin Missouri, die quer durch Amerika reist, um sich regelmäßig die Hinrichtung von verurteilten Schwerverbrechern anzusehen. Relotius schreibt, er habe Gladdis auf einer ihrer Reisen begleitet, einer 15 Stunden langen Fahrt mit dem Greyhound-Bus zur Exekution des Serienmörders Anthony Shore. Auf dieser Reise erzählt sie Relotius von ihren Fahrten, sie erzählt, dass ihr die Schwerverbrecher manchmal nachts im Traum erscheinen, sie zitiert aus der Bibel und sie erklärt, dass sie sich all die Hinrichtungen von Mördern mit einem Wunsch nach Genugtuung ansieht, denn ihr Sohn und ihr Enkel wurden bei einem Tankstellenüberfall erschossen. Der Leser wundert sich zuerst und versteht am Ende doch, warum diese Frau nicht zur Ruhe kommen kann und immer wieder Mördern beim Sterben zusehen muss. All das ist allerdings erfunden. Die Hinrichtung von Anthony Shore hat stattgefunden, aber weder eine Gayle Gladdis noch irgendeine andere Sekretärin aus Missouri waren anwesend. Relotius hat sich diese Frau und das gesamte Gespräch mit ihr ausgedacht und sich dabei höchstwahrscheinlich von einem Artikel der New York Times über eine sehr ähnlich heißende Frau inspirieren lassen, Gayle Gaddis ohne L im Nachnamen, die allerdings nicht mehrfach sondern nur einmal einer Hinrichtung beigewohnt hatte, nämlich als der Mörder ihres Sohnes exekutiert wurde. Diese echte Gayle Gaddis hat, wie der „Spiegel“ nachträglich herausfand, nie mit Relotius gesprochen. Relotius‘ journalistisches Portfolio ist, wie man heute weiß, voll von solchen dreisten Erfindungen und Adaptionen.

Die eine Lüge zuviel: „Jaegers Grenze“

Der eine Text, über den er im Alter von 33 Jahren schließlich zu Fall kommt, ist die Reportage mit dem Titel „Jaegers Grenze“ über eine Bürgerwehr im Süden der USA. Juan Moreno beschreibt in seinem Buch die Entstehungsgeschichte dieses ersten und letzten Textes, den er zusammen mit dem Kollegen Relotius verfasste. Im Gesellschaftsressort des Spiegel war die Idee entstanden, die Reportage als Kollaboration von zwei Journalisten entstehen zu lassen. Der eine, Juan Moreno, der sich zu dieser Zeit wegen eines anderen Auftrags sowieso schon auf dem amerikanischen Kontinent befand, sollte sich mit einer Gruppe von Flüchtlingen von Süden her der Grenze nähern. Moreno begleitete eine junge Frau aus Honduras, die zusammen mit ihrer fünfjährigen Tochter die beschwerliche Reise auf sich nahm, um in den USA mit Unterstützung einer dort lebenden Tante ein neues Leben beginnen zu können. Claas Relotius war der andere Reporter und er sollte gleichzeitig auf der US-amerikanischen Seite der Grenze mit einer militanten Bürgerwehr in Kontakt treten, die sich zum Ziel gesetzt hat, genau solche illegalen Einwanderer zu stoppen. Der daraus entstandene Text sollte in seiner Perspektive zwischen den Flüchtlingen und denen, die sie aufhalten wollen hin und her wechseln.

Relotius fliegt für diese Recherche also in die USA. In einer E-Mail an die Redaktion berichtet er bald von Schwierigkeiten. Er habe mehrere im Süden stationiere Bürgerwehren kontaktiert, aber die militanten Gruppen ließen niemanden an sich heran. Am Ende seiner Nachricht äußert er sogar Zweifel, ob es überhaupt möglich sei, an eine solche Gruppe heranzukommen. In Wirklichkeit diente diese E-Mail wohl dem Zweck, seinen schon bald folgenden Recherche-Erfolg glaubwürdiger und spektakulärer zu machen, denn etwas später behauptet er, eine dieser Gruppen sei nun doch bereit, ihm einen Einblick zu gewähren. Diese Männer, die sich gegenseitig mit markanten Spitznamen wie „Nailer“, „Pain“, „Spartan“ und „Ghost“ anreden und die Relotius in seinen E-Mails kumpelhaft „die Jungs“ nennt, nehmen ihn angeblich in ihre Gruppe auf, erzählen ihm Geschichten aus ihrem Leben und gehen mit ihm auf Streifzüge an der mexikanischen Grenze. Der geniale Reporter, so scheint es, hat es tatsächlich geschafft, eine bewaffnete Bürgerwehr zu infiltrieren. Als ein Fotograf bei ihm anfragt, ob er dazukommen und die Gruppe für die Reportage fotografieren könne, lehnt Relotius allerdings ab. Die Gruppe sei eben doch sehr verschlossen und die Fotos werde er selbst machen.

Der Einblick, den ihm diese militanten Einwanderungsgegner bieten, ist, wenn man den von Relotius stammenden Teil der Reportage liest, allerdings filmreif. Im Zentrum seiner Erzählung steht der vierzigjährige Chris Jaeger, ein ehemaliger Schreiner und Soldat. Als Jaeger eines Tages von einem Armee-Einsatz in Afghanistan nach Hause kam, stellte er plötzlich fest, dass seine dreizehnjährige Tochter drogensüchtig war. Gekauft hatte sie die Drogen ausgerechnet von den drei kolumbianischen Einwanderern, denen Jaeger in seiner Schreinerei einen Job gegeben hatte. Jaeger zeigt dem Reporter ein Foto seiner vom Drogenkonsum gezeichneten Tochter und ähnlich wie bei Gayle Gladdis hat der Leser, der sich bisher über Jaegers Verhalten wundern durfte, damit dann doch eine Erklärung dafür, warum dieser Mann es sich zur Aufgabe gemacht hat, mit einem Scharfschützengewehr an der Grenze zu patroullieren. Am Ende der Reportage sieht man ihn, wie er nachts auf einem Berg nahe der Grenze liegt und auf etwas zielt. Er kann durch den Sucher seines Gewehrs nicht erkennen, was sich da langsam durch die Wüste bewegt. Es könnte ein Tier oder ein Mensch sein. Der Text endet damit, dass Jaeger einfach abdrückt. Der Kniff dieses erzählerischen Höhepunkts – und so darf man es nennen, denn natürlich hat Relotius das alles erfunden – besteht darin, dass Chris Jaeger rein theoretisch die junge Frau aus Honduras erschossen haben könnte, die wir in Morenos Teil des Textes kennengelernt haben.

Regieanweisungen von Kollege Relotius

Für Moreno, der seinen Teil der Reportage natürlich nicht erfindet, gestaltet sich die Zusammenarbeit frustrierend. Zunächst entscheidet die Spiegel-Redaktion, dass Relotius unter den beiden Reportern die Federführung übernehmen und die beiden getrennt entstehenden Texte zusammenführen darf, obwohl er eigentlich der weniger erfahrene Journalist ist. Für das Gesellschaftsressort des Spiegel ist Relotius ein Star und Moreno ist nur ein freier Reporter. Als er von seiner Reise erschöpft nach Deutschland zurückkommt, muss Moreno sich dann von diesem jüngeren Kollegen in E-Mails erklären lassen, dass sein Text zu viele langweilige Details enthalte und nicht gut geschrieben sei. Es ist im nachhinein wirklich haarsträubend, mit welcher Herablassung Relotius seinen Kollegen hier kritisiert. In einer E-Mail schreibt er:

Lieber Juan, bitte geh da noch mal ordentlich ran, ich kann das nicht selbst machen. Die ganze Erzählung näher und vor allem als Erzählung, die Personenbeschreibungen nüchterner, die Verortung genauer, die Szenen eindrücklicher. Das Innenleben der Karawane wird nicht greifbar.

Es stört Relotius außerdem, dass Moreno seine Flüchtlinge nicht bis zu dem heiklen Moment begleiten konnte, in dem sich die Gruppe nahe der Grenze einem illegalen Schlepper anvertraut. Das Ende des von Moreno dokumentierten Teils ihrer Reise ist ihm nicht szenisch genug. In einer Anmerkung zu Morenos Text schlägt er vor:

Lass sie einfach ziehen, in einen Bus steigen, bei einem Schlepper ins Auto steigen […]. Wie in einem guten Film, nicht wie in einem schlechten.

Moreno weigert sich, seine Flüchtlinge einfach dergleichen tun zu lassen und Relotius ist spürbar genervt, dass er diese Szene im Text des anderen nicht einfach selbst dazuerfinden kann. Einen Tag vor Redaktionsschluss schreibt er an Moreno:

Lieber Juan, ich habe jetzt gestern und die halbe Nacht damit verbracht, aus deinen Teilen, die nun exakt doppelt so lang waren wie bestellt, irgendetwas zu bauen, szenischer, erzählerischer.

Aus diesen E-Mails wird sehr deutlich, dass Relotius sich als der Chef des Reporter-Duos versteht und das Erzählen für ihre vorrangige Aufgabe hält. Die Betonung seiner in Morenos Buch abgedruckten E-Mails liegt darauf, den Text „szenischer“ und „erzählerischer“ zu machen. Moreno erwähnt an einer Stelle, wie ungewöhnlich es für ihn war, dass Relotius seine Verbesserungswünsche zu Morenos Text sogar selbst als „Regieanweisungen“ bezeichnete.

Ungereimtheiten

Während Relotius Morenos Text für den Erzählstil kritisiert, hat Moreno an dem von Relotius geschriebenen Teil inhaltliche Zweifel, mit denen er den Kollegen kurz vor Redaktionsschluss konfrontiert. Moreno behauptet hier noch nicht, dass Relotius seinen Teil erfunden habe und glaubt das wohl zu dieser Zeit auch noch nicht. Es kommt ihm aber einiges merkwürdig vor. Zum Beispiel wurden im Jahr 2017 laut CNN nicht 400 000 illegale Einwanderer aufgegriffen, wie Chris Jaeger in Relotius‘ Text behauptet, sondern eine deutlich niedrigere Zahl und auch die von der Bürgerwehr genannte Anzahl illegaler Schlepper hält er für vollkommen übertrieben. Im wesentlichen wirft Moreno seinem Kollegen Relotius hier noch vor, die Geschichten seiner Bürgerwehr-Jungs unhinterfragt zu glauben, obwohl diese von den tatsächlichen Abläufen von illegaler Einwanderung anscheinend nur wenig Ahnung haben. Relotius ignoriert diesen Vorwurf einfach und schreibt den Text unbeirrt zu Ende.

Der erste wirkliche Zweifel an seinem Kollegen kommt Moreno aber dann in dem Moment, in dem er in der letzten Version ihres gemeinsamen Textes am Schluss die Stelle liest, in der Chris Jaeger mit seinem Scharfschützengewehr einfach auf das sich bewegende etwas in der Dunkelheit schießt. Diesen Schuss kannte Moreno aus den ersten Versionen des Textes noch nicht. Relotius hatte ihn erst in dieser Schlussfassung kurz vor der Veröffentlichung hinzugefügt. Dass der Schuss in früheren Entwürfen fehlte kann Moreno sich nicht erklären. Relotius wird ihn sicher nicht vergessen und sich dann doch noch daran erinnert haben. Vor allem aber erkennt Moreno, dass dieser Schuss, der in Relotius‘ Erzählung so gut als abschließender Höhepunkt hinein zu passen scheint, vollkommen unrealistisch ist. Die angeblich so vorsichtige Bürgerwehr, die nicht einmal mit dem Fotografen reden wollte, hätte einem Journalisten erlaubt, ihr einfach bei einem Verbrechen zuzusehen.

Es ist interessant, dass Moreno es auch jetzt noch für ausgeschlossen hält, sein Kollege könne Jaegers Schuss oder überhaupt die ganze Bürgerwehr-Geschichte erfunden haben. Dass Relotius tatsächlich lügt, wird ihm erst klar, als nach der Veröffentlichung der Reportage weitere Indizien auftauchen. Der Fotograf, der eigentlich die Bilder der Reportage machen wollte, erkennt auf einem der angeblich von Relotius gemachten Fotos im „Spiegel“ einen gewissen Tim Foley. Dieser Mann, der in Relotius‘ Text nur „Nailer“ genannt wird, ist in Wirklichkeit ein öffentlich bekannter Gründer einer eigenen, eher gemäßigten Bürgerwehr namens „Border Recon“ über die schon ein Dokumentarfilm gedreht und mehrere journalistische Beiträge produziert wurden, unter anderem für „Spiegel TV“. Dass der medienfreundliche Foley sich plötzlich einer anderen Gruppe anschließt und nur noch unter Tarnnamen mit Journalisten spricht, erscheint unglaubwürdig. Als Moreno weiter recherchiert, findet er eines der angeblich von Relotius gemachten Fotos in einem Artikel aus der „New York Times“. Und dann stößt er schließlich auf einen Artikel der amerikanischen Zeitschrift „Mother Jones“, der von einer militanten Gruppe namens „Three Percent United Patriots“ handelt. Es scheint sich genau um die Gruppe zu handeln, von der Relotius schreibt, denn ihre Mitglieder nennen sich ebenfalls „Nailer“, „Pain“, „Spartan“, „Ghost“ und der Artikel handelt sogar auch von einem Chris Jaeger. Aber Jaeger und „Pain“ stammen laut diesem Artikel aus Colorado, während in Relotius‘ Text „Pain“ aus Kansas und Jaeger aus Kalifornien stammt.

Moreno konfrontiert Relotius mit diesen Ungereimtheiten, aber der hat für alles eine Erklärung. „Nailer“, „Spartan“ und so weiter seien tatsächlich die Männer aus dem Artikel in „Mother Jones“, aber die Gruppe, die er getroffen habe, bestehe eben auch noch aus anderen Leuten und außerdem seien diese Spitznamen in militärischen Kreisen häufig verwendete Tarnnamen. Auch der „Spiegel“ glaubt zu dieser Zeit noch seinem Star-Reporter Relotius und setzt Moreno dafür unter Druck, dass er den Kollegen als Lügner bezeichnet. Moreno sieht schließlich keinen anderen Ausweg, als selbst privat in die USA zu fliegen und dort zwei der Bürgerwehr-Männer aufzusuchen, die auf den angeblich von Relotius gemachten Fotos abgebildet sind. Die beiden Männer bestätigen ihm, dass sie nie mit einem deutschen Reporter namens Relotius gesprochen haben. Von diesen Aussagen, die Relotius nun endgültig als Lügner entlarven, macht Moreno Videoaufnahmen, die er ihm persönlich zeigen will, wenn er zurück in Hamburg ist. Er nimmt sich vor, ihm die Aufnahmen im Erdgeschoss des Spiegel-Hochhauses zu zeigen, damit Relotius sich nicht aus dem Fenster stürzen kann. Relotius hingegen arbeitet inzwischen weiter an der Verteidigung seiner Version der Geschichte und das Detail, das den Fall endlich besiegelt, ist ein Facebook-Account, angeblich der Account von Chris Jaeger, der genau zu Relotius‘ Version der Geschichte passt. Eine Spiegel-Redakteurin findet heraus, dass Relotius den Account selbst erstellt hat.

Lügen und Erzählen

Durch das sehr genaue Bild, das Juan Moreno in diesem Buch von Claas Relotius zeigt, nimmt er gleichzeitig eine Einordnung der Affäre vor. Zunächst ist klar, dass das damalige AfD-Gerede von der linken Lügenpresse mit diesem Fall nichts zu tun hat. Relotius hat gelogen, aber nicht um eine politische Agenda zu unterstützen. Wie Moreno betont, hat er sowohl für linke als auch für konservative Medien gearbeitet und für beide gelogen. Relotius habe immer das geschrieben, was die Redakteure und die Abonnenten der jeweiligen Zeitschrift gerne lesen wollten. Ein politische Motivation sieht Moreno bei ihm grundsätzlich nicht.

Moreno widerspricht aber noch einer anderen weit verbreiteten Deutung und beantwortet damit die für mich interessanteste Frage der ganzen Affäre: Zeigt der Fall Relotius nicht ein generelles Problem des erzählenden Journalismus? Relotius war immerhin nicht irgendein Journalist sondern galt vor der Affäre als einer der größten Starts der geschriebenen Reportage. Unter anderem wurde er mehrmals mit dem wichtigen Deutschen Reporterpreis ausgezeichnet. Natürlich wussten die vielen Juries, die Relotius Journalistenpreise verliehen, nichts von seinen Lügen. Aber bedeutet sein Erfolg nicht trotzdem, dass im Journalismus eine Fixierung auf das Szenische und Erzählerische herrscht und dass ein Schreiben belohnt wird, das die Wahrheit so lange verbiegt, bis daraus eine spannende Erzählung geworden ist?

Moreno verteidigt in seinem Buch das Erzählen im Journalismus und auch das Genre der Reportage gegen diesen Vorwurf. Relotius ist für ihn nicht der Klassenbeste unter den erzählenden Journalisten, der es vielleicht etwas zu weit getrieben hat. Mit seinen Lügen ist er für Moreno nicht einmal mehr ein Reporter. Ein echter Reporter, so erklärt Moreno in diesem Buch, und driftet dabei leicht ins Phathetische ab, ist einer, der die harte Drecksarbeit macht, der ans Ende der Welt fährt und hundert mal vergeblich wartet, bis er dann doch einmal Glück hat und den richtigen Moment erwischt oder die richtige Person trifft, über die er schreiben kann. Relotius hingegen war mit seinen Texten deshalb so erfolgreich, weil er auf dieses hart verdiente Reporterglück nicht hoffen musste. Er sparte sich die ganze Warterei und nahm einfach die Abkürzung durch das Reich der Fantasie. Seine Texte wurden nicht ausgezeichnet, weil sie so erzählerisch waren – das waren andere auch – sondern weil seine erfundenen Fakten spektakulärer sein konnten, als die recherchierten Fakten der anderen. Relotius steht damit aus Morenos Sicht nicht für einen Defekt des Systems Journalismus sondern für einen Verstoß gegen dessen Regeln. Moreno vergleicht ihn mit einem gedopten Leistungssportler.

Diese Verteidigung leuchtet mir einerseits ein und ich kann sowieso verstehen, dass der Journalist Moreno in seiner Aufarbeitung kurz nach der Affäre das Gefühl hatte, seinen eigenen Beruf verteidigen zu müssen. Trotzdem hätte ich mir gewünscht, das Buch würde etwas genauer hinterfragen, was Moreno an einer Stelle selbst als „Reportermythos“ bezeichnet, und ob der Fall Relotius nicht doch das emotionalisierende Erzählen im Journalismus in Frage stellen muss. Um im Bild des Sports zu bleiben, können wir uns ja fragen, was es über die Tour de France oder den Sport des Bodybuilding aussagt, dass man dort mit ausreichend hoch dosierten Steroiden im Körper jede Konkurrenz hinter sich lässt und dass davon auch mehr als einmal Gebrauch gemacht wurde. Steckt diese Unnatürlichkeit dann nicht auch schon in der Sportart selbst und im Idealbild des Körpers, das sie anstrebt? Und liegt nicht auf dieselbe Weise im erzählenden Jornalismus, so wie er mit Preisen gekürt wurde und wird, das Idealbild eines Schreibens, das sich genau wie das eines Claas Relotius, nur noch für das Erzählen und nicht mehr für die Tatsachen interessiert? Wer erzählerisch schreibt, ist noch kein Lügner vom Kaliber eines Relotius, aber wie im Sport gibt es doch auch im Journalismus eine Grauzone zwischen gedopt und clean. Jede Erzählung selektiert und vereinfacht ihr Ausgangsmaterial zum berühmten Narrativ. Verläuft zwischen dieser erzählerischen Freiheit und den Lügen eines Relotius wirklich eine klare Grenze, oder geht das eine nicht in das andere über?

Erzählender Journalismus: Krise oder Normalität

Moreno würde das sicher verneinen. Für ihn gehört das Erzählen weiterhin selbstverständlich zum Journalismus dazu. Einen ganz anderen Standpunkt finden wir im Essay „Die Krise der Narration“, den ich vor kurzem hier besprochen habe. Der Philosoph Byung-Chul Han betont hier die Gegensätzlichkeit zwischen Information und Erzählung. An einer Stelle schreibt er:

Die Information ist das Medium des Reporters, der die Welt nach Neuigkeiten abklappert. Der Erzähler ist seine Gegenfigur. Er informiert oder erklärt nicht. Die Kunst des Erzählens gebietet es gerade, die Informationen vorzuenthalten […].

Moreno hat es bei der Arbeit an „Jaegers Grenze“ selbst erleben müssen. Der Erzähler Relotius hat Informationen aus dem Text gestrichen, die der Reporter Moreno für relevant hielt. Hinzufügen wollte Relotius dann, was der Reporter nicht beobachtet hatte. In der Entstehungsgeschichte dieser Reportage sehen wir den von Byung-Chul Han behaupteten Widerspruch zwischen Reporter und Erzähler in Person von Moreno und Relotius wie in einem Lehrstück vorgeführt. Man darf annehmen, dass solche Konflikte für den Schreibprozess erzählender Journalisten durchaus typisch sind.

Dass der mehrfach mit dem Deutschen Reporterpreis ausgezeichnete Claas Relotius über weite Strecken seiner Laufbahn kein Reporter war, würden also wahrscheinlich sowohl Byung-Chul Han als auch Juan Moreno unterschreiben, nur aus unterschiedlichen Gründen. Bei Moreno hört der Journalismus dort auf, wo gelogen wird, bei Byung-Chul Han verläuft eine Grenze bereits dort, wo erzählt wird. Wenn Relotius jedenfalls kein guter Journalist war, stellt sich die Frage, ob er seine Preise dann wenigstens als guter Erzähler verdient hat. Haben die erfundenen Reportagen vielleicht wenigstens einen literarischen Wert? Das ist, wie dieses Buch deutlich zeigt, eindeutig nicht der Fall. Am deutlichsten erkennt man es an der Reportage „Jaegers Grenze“ die in Morenos Buch vollständig abgedruckt ist. Es ist das mit Abstand langweiligste Kapitel des Buches. Sobald man weiß, dass die Geschichte von Chris Jaeger, seinen harten Kumpels und seiner drogenabhängigen Tochter frei erfunden ist, verliert sie jeden Reiz. Alle Figuren sind klischeehafte Schablonen, die am laufenden Band pathetische Dinge sagen. Es ist in einem Wort einfach Kitsch, mit dem es ein spätmoderner Karl May in deutschlands wichtigstem Nachrichtenmagazin sehr weit gebracht hat. Für mich ist das die schönste Pointe an der Relotius-Affäre. Dass diese erzählenden Reportagen, wenn man sie einmal außerhalb ihres Informationswerts als reine Erzählungen betrachtet, vollkommen unterirdisch sind. Das gute Erzählen ist also vielleicht doch nicht so leicht. Es ist nicht nur ein Vehikel der Journalisten, das man mal eben kurz in einem Storytelling-Seminar lernt. Vielleicht überlässt man es doch besser den Schriftstellern.

Sieben Jahre nach der Affäre können wir heute etwas entspannter als damals beurteilen, welcher Schaden durch Claas Relotius entstanden ist. Trotz der enormen Häufigkeit seiner Lügen erscheint der durch sie angerichtete Schaden auf den ersten Blick überschaubar. Relotius konnte ja keine Großereignisse erfinden, die hundert andere Journalisten sofort nachgeprüft hätten. Er erfand keine Kriege oder Wirtschaftskrisen. Seine Lügen handeln von Einzelschicksalen, von Menschen die angeblich mit ihm und nur mit ihm gesprochen hatten. Ein paar „Spiegel“-Leser glaubten dann eben, es gebe in den USA eine Sekretärin namens Gayle Gladdis, die von einer Hinrichtung zur anderen fährt und dabei im Greyhound-Bus aus dem Alten Testament zitiert und einen Chris Jaeger, der mit seinem Scharfschützengewehr an der Grenze patroulliert und zwischenurch auch mal abrückt. Ein paar Leute haben das gelesen, es für wahr gehalten und zwei Tage später wieder vergessen. „Who cares?“ könnte man sagen und hinzufügen: Dass es in den USA solche Leute geben könnte, hat man ja sowieso schon für wahrscheinlich gehalten.

Genau da liegt aber der eigentliche Schaden. Relotius hat, wie Moreno betont, seinen Lesern und Chefredakteuren immer das geliefert, was sie sowieso schon glaubten und hören wollten. Einem deutschen Leser wie mir, dem es völlig plausibel erscheint, dass irgendein amerikanischer Waffennarr an der Grenze herumballert, hat er genau das bestätigt, statt mich darüber aufzuklären, dass so etwas selbst und gerade unter den Militärfreaks der USA als Verbrechen gilt. Er hat falsche Vorurteile bestätigt und damit den Horizon seiner Leser nicht erweitert sondern verengt. Gewissermaßen hat er die Bubble verstärkt, in der wir sitzen. Seine Texte suggerieren, dass die Welt tatsächlich so einfach ist, wie wir sie uns schlimmstenfalls vorstellen. Das Verhalten einer Gayle Gladdis und eines Chris Jaeger sind mit ein paar einfachen Verweisen auf ihre Vergangenheit vollständig erklärt. Es gibt am Ende dieser Reportagen keinen Grund weitere Fragen zu stellen und nach mehr Komplexität zu suchen. Das ist der Schaden. Aber interessanterweise hat er wenig mit Relotius‘ Lügen zu tun. Es ist genau der Schaden, der schon durch das auf einfache Pointen zielende Selektieren und Vereinfachen, also kurz gesagt: durch das Erzählen entsteht.

Der erzählende Journalismus hat die Relotius-Affäre offenbar gut verkraftet. Er steht in voller Blüte. Auch wenn Moreno ihn für meinen Geschmack zu leicht davonkommen lässt, ist „Tausend Zeilen Lüge“ ein interessantes und lesenswertes Buch. Claas Relotius ist nicht mehr journalistisch aktiv. Gerüchten zufolge schreibt er seine Narrative jetzt für eine Werbeagentur, was für ihn ein so logischer Karriere-Schritt wäre, dass es die Schlusspointe einer Relotius-Reportage sein könnte.


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