Liebes Kreiswehrersatzamt, … | „Warum ich niemals für mein Land kämpfen würde“ von Ole Nymoen

Zwar nicht die unterhaltsamste aber sicher eine der produktivsten Gattungen innerhalb der deutschsprachigen Literatur ist die Kriegsdienstverweigerung. Millionen junger Männer haben sich in den vergangenen Jahrzehnten schreibend an der Fragestellung versucht, warum sie niemals für ihr Land kämpfen würden. Auch von mir liegt in einem Archiv eines Kreiswehrersatzamtes, das die Bundeswehr inzwischen Karriere-Center nennt, hoffentlich noch ein solches Stück Jugendprosa, auf das ich im Verteidigungsfall verweisen kann. Seit der Abschaffung – oder wie der Gesetzgeber es nennt: der Aussetzung der Wehrpflicht im Jahr 2011 – ist die literarische Produktion in diesem Genre verständlicherweise stark zurückgegangen. Während zu Wehrpflichtzeiten hunderttausende Anträge im Jahr verfasst wurden, waren es später nur noch ein paar Hundert. Allerdings steigen diese Zahlen nun wieder, seit die Wahrscheinlichkeit für einen Krieg zu wachsen scheint und man sich für diesen Fall profilaktisch vom Dienst an der Waffe distanzieren will. Im Jahr 2024 waren es immerhin schon wieder 2241 Anträge und damit doppelt so viele, wie im Vorjahr.

Ole Nymoens im April 2025 bei Rowohlt erschienenes Buch „Warum ich niemals für mein Land kämpfen würde“ liegt also ganz im Trend und gleichzeitig auch wieder nicht. Denn eigentlich scheint es die aktuelle Aufgabe von politischen und journalistischen Textern zu sein, uns zu erklären, warum wir eben doch für unser Land kämpfen sollten. Im Windschatten des medialen Schocks, den am 28. Februar Donald Trumps desaströses Treffen mit dem ukrainischen Präsidenten auslöste, beschloss die neu gewählte Koalition unter Friedrich Merz bekanntlich das sogenannte Sondervermögen von 500 Milliarden Euro für die sogenannte Infrastruktur. Das Geld für Waffen ist also da. Jetzt braucht man nur noch Männer und vielleicht auch Frauen, um diese abzufeuern.

Ole Nymoen steht hierfür nicht zur Verfügung und wie es sich für eine Kriegsdienstverweigerung gehört, erteilt er seine Absage an den Dienst an der Waffe kategorisch und unabhängig von bestimmten politischen Konflikten. Es geht in diesem Buch nicht um die aktuelle Angst vor einer russischen Invasion eines NATO-Staats oder andere konkrete Szenarien, sondern um Sinn und Unsinn von Kriegen per se. Das Buch lässt also aktuelle europäische Kriegsvorbereitungen weitgehend unberührt und versteht sich stattdessen als eine zeitlose Kritik an kriegerischen Mobilmachungen im Allgemeinen.

Trotzdem verdankt das Buch seine allgemeine Beachtung sicher zum großen Teil der aktuellen Lage. Auf seiner Werbetour für das Buch war Nymoen in den letzten Wochen ein beliebter Gast in Interviews und Talkrunden, in denen er diejenigen unter uns vertritt, denen das allgemeine Einschwören auf die Kriegstüchtigkeit etwas zu schnell. Ich persönlich zum Beispiel bin nicht grundsätzlich gegen Aufrüstung, aber es stört mich, wenn die Bevölkerung durch journalistische Beiträge auf einen kommenden Krieg eingestimmt wird, weil es von dieser Stimmung in der Bevölkerung abhängen wird, ob man am Ende wirklich alle Alternativen ausschöpfen wird. Ich hatte also große Erwartungen an Ole Nymoens Buch, weil auch ich nicht demnächst für dieses Land kämpfen will, wenn es sich irgendwie vermeiden lässt. Ich wollte dieses Buch gegen die Kriegstimmung mögen. Aber daraus wurde leider nichts.

Sinn und Unsinn der Kriege

Zu Beginn stellt Nymoen fest, dass Kriege nicht so sinnlos sind, wie die pazifistische Literatur immer behauptet. Denn, so zitiert er aus Erich Maria Remarques Roman „Im Westen nichts Neues“, da es Kriege nun einmal gibt, muss es „Leute geben, denen der Krieg nützt“. Für Nymoen ist klar, um wen es sich bei diesen Leuten handelt. Es sind die Herrschenden, die Staatsschefs, egal ob demokratisch gewählt oder nicht, die ihre Bürger in der Krieg schicken und selbst von dem schlimmsten verschont bleiben. Die Soldaten sterben an der Front, die Zivilisten leiden unter der allgemeinen Zerstörung und die Herrscher sitzen im trockenen und treiben ihre Leute ins Verderben. So einfach ist die Situation aus Nymoens Sicht. Es wird in diesem Buch mehrfach betont, dass es die Herrscher sind, die den Krieg wollen, und zwar nur, um ihre eigene Macht zu erhalten. „Wenn es so etwas wie das Wesen des Krieges gibt“, schreibt Nymoen, „dann liegt es wohl darin: Die Herrscher eines Staates stellen den eigenen Machtausbau oder -erhalt, also ihre staatliche Souveränität, über das Leben der Bürger und verfügen bedingungslos über ebendiese.“

Für Nymoen macht es hierbei überhaupt keinen Unterschied, wer in einem Krieg der Agressor und wer der Angegriffene ist. Auch in einem Land, das sich gegen eine feindliche Invasion zur Wehr setzt, ist aus Nymoens Sicht der Herrscher der Schuldige, weil er statt zu kapitulieren an seiner Macht festhält und allein aus diesem Grund das Militär zur Verteidigung mobilisiert. Auch er schickt damit Menschen in den Tod. Das Argument, er verteidige damit die eigene Bevölkerung, zählt für Nymoen nicht, denn die wäre seiner Ansicht nach ohne diese Gegenwehr besser dran. Den Bürgern ist es, wie Nymoen nahelegt, nämlich eigentlich egal, von wem sie regiert werden. Sie wollen nur in Ruhe gelassen werden. Als Beleg hierfür wird Brechts Mutter Courage zitiert, die sagt: „Im allgemeinen kann man sagen, dass uns gemeinen Leuten Sieg und Niederlage teuer zu stehen kommen. Das Beste für uns ist, wenn die Politik nicht recht vom Fleck kommt.“

Der Kern des Problems sind aus Nymoens Sicht also nicht die autoritären Regime, die sich mit Gewalt durchsetzen wollen, sondern es ist die Tatsache, dass es auf der Welt überhaupt Staaten gibt. Staaten zwingen Menschen, die eigentlich nichts gemeinsam haben, zu einer künstlichen Gemeinschaft zusammen und verlangen von ihnen, sich dem Machthunger der Herrschenden zu beugen und für sie ihr Leben zu opfern. Ob diese Staaten demokratisch regiert sind und sich an internationales Völkerrecht halten, ist für Nymoen vollkommen zweitrangig. Tatsächlich geht er in der zweiten Hälfte des Buches ausführlich darauf ein, warum die Verteidigung der Demokratie, der Redefreiheit oder der Verweis auf das Völkerrecht nur weitere Vorwände sind, um Kriege zu führen und die damit Macht der Herrschenden zu konsolidieren. Alle Staaten sind aus Kriegen hervorgegangen, alle sind bereit, neue Kriege zu führen, und deshalb findet Nymoen es „hohl“, wie er an einer Stelle schreibt, wenn ein Staatschef einem anderen kriegerische Aktionen vorwirft.

Das Leben verteidigen

Bevor ich auf die Probleme des Buches weiter eingehe, muss ich es für einen Moment verteidigen. Natürlich hat sich Ole Nymoen hier eine sehr viel schwierigere Aufgabe gestellt, als ich damals als Achtzehnjähriger mit meiner pathetischen Kriegsdienstverweigerung, und zwar nicht nur weil sein Text zehnmal so lang ist. Ich durfte mich damals ganz subjektiv auf meine Gefühle und Überzeugungen berufen, die es mir, wie ich behauptete, unmöglich machen, eine Waffe auch nur in die Hand zu nehmen. Nymoens Text aber will nicht nur ein paar Bundeswehr-Beamte zum Gähnen bringen, so wie meiner, sondern ein breites Publikum überzeugen und vielleicht sogar zur Nachhahmung anregen. Das Buch muss deshalb mehr sein, als nur das persönliche Bekenntnis, das schon in seinem Titel steckt. Um diese Überzeugungsarbeit zu leisten, bemüht sich Nymoen, anstelle von Gefühlen eine Theorie zu präsentieren.

Einige Grundgedanken dieser Theorie sind für mich vollkommen nachvollziehbar. Vor allem betont Nymoen immer wieder das menschliche Leben als den höchsten Wert, den es eigentlich unter allen Umständen zu verteidigen gilt, was dem Prinzip des Krieges schon grundsätzlich widerspricht. Verglichen mit dem Leben sind Staaten und auch Rechte und Freiheiten auch aus meiner Sicht weniger wichtig. Ole Nymoen bringt es an einer Stelle auf den Punkt, indem er schreibt, dass er zum Beispiel ein Leben in Unfreiheit dem Tod vorziehen würde. Das alles ist für mich noch sehr verständlich. Wenn es aber nur um solche Abewägungen der Werte ginge, wäre das Buch noch deutlich kürzer, als es schon ist.

Das Problem beginnt dort, wo Nymoen eine allgemeingültige politische Theorie über Kriege und über ihre Verursacher aufzustellen versucht und zu diesem Zweck eine harte Trennung zwischen Herrschern und Beherrschten einführt. Auf der einen Seite stehen die machthungrigen Staatenlenker und auf der anderen das einfache Volk, das sich von den Mächtigen als nützliche Idioten auf dem Schachbrett der Weltpolitik und dem Alltar ihrer persönlichen Machterhaltung opfern lässt. Für den von Nymoen zitierten Remarque im ersten Weltkrieg und für Mutter Courage im dreißigjährigen Krieg mag das Bild von den egoistischen Herrschern, die über die Köpfe ihrer Bevölkerungen hinweg Kriege vom Zaun brechen, noch halbwegs passen. Aber die Demokratien der Gegenwart und unsere heutige Situation beschreibt es beim besten Willen nicht. Denn natürlich liegt es in der Natur demokratischer Systeme, dass die Interessen der Herrschenden hier nicht vollständig von denen der Bevölkerung entkoppelt sein können, wie Nymoen es darstellt.

Herrscher und Beherrschte

Wer eine Regierung wählt oder vielleicht sogar auf anderen Wegen, vielleicht durch Mitwirkung in Parteien, an demokratischen Entscheidungsprozessen teilnimmt, der entscheidet damit zzumindest indirekt auch über Krieg und Frieden. Vor der Bundestagswahl 2025 konnten sich die Wähler durchaus ein Bild machen, wie die Parteien ungefähr zum Thema Aufrüstung standen. Und natürlich spielt es auch für Staaten, die sich bereits im Krieg befinden, eine große Rolle, ob es für diesen Krieg einen Rückhalt in der öffentlichen Meinung gibt. Das trifft auf alle Staaten, aber insbesondere auf Demokratien zu. Die Frage, wie diese Meinung zustande kommt und beeinflusst wird, wäre das eigentlich interessante Thema, in dem schließlich auch dieses Buch selbst eine Rolle spielt. Statt sich damit zu befassen, spricht Nymoen den Bürgern moderner Demokratien aber einfach ihre Entscheidungsgewalt ab. Bei einer demokratischen Wahl ist aus seiner Sicht nur Zweitrangiges zu entscheiden, nämlich nicht, wie unser System grundsätzlich funktioniert, sondern welche Protagonisten es sein sollen, die das existierende, kapitalistische System verwalten dürfen, in dem Reiche die Armen auf ökonomischem Feld unterdrücken. Nymoen schreibt:

Die wahrhaftige Partizipation der breiten Bevölkerung ist daher nicht das Prinzip der real existierenden Demokratie, und die „Souveränität“, die von den kritischen Lesern angemahnt wurde, besteht meines Erachtens lediglich darin, dass man als Bürger alle vier Jahre darüber abstimmen darf, wer die feststehenden staatlichen Zwecke verwaltet, ob also Christ-, Sozial- oder Liberaldemokrat darüber entscheidet, welche sozialstaatlichen Leistungen „wir“ uns überhaupt noch leisten können oder ob „unsere Konkurrenzfähigkeit“ nicht durch etwas Lohnverzicht gesteigert werden könnte.

Mit diesen kritischen Lesern, die Nymoen hier erwähnt, sind übrigens die Leserbriefe gemeint, die er als Reaktion auf seinen Artikel vom Juli 2024 in der ZEIT erhielt. Nymoen hatte in diesem Zeitungsartikel schon seine Argumente gegen den Dienst an der Waffe dargelegt und wie er in der Danksagung seines Buches erwähnt, rief keine vierundzwanzig Stunden nach der Veröffentlichung des Artikels ein Mitarbeiter von Rowohlt bei ihm an, um ihm ein auf dem Artikel aufbauendes Buch vorzuschlagen. Auf diesen Artikel hatte Nymoen jedenfalls hunderte von Reaktionen erhalten und von daher kannte er schon die Kritik, die auch ich hier äußere.

Für Nymoen, der sich gegen Ende des Buches vorsichtig zu einer marxistischen Utopie bekennt, ist unsere Demokratie also keine echte Mibestimmung und weil diese Ansicht seine Trennung zwischen Herrschern und Beherrschten rechtfertigt und diese widerum als Grundlage seiner Kriegsdienstverweigerung dient, ist dieses Buch letzten Endes nicht nur das Bekenntnis eines Pazifisten sondern auch das eines Politik- und Demokratieverdrossenen. Ausgerechnet einer wie Ole Nymoen, der als bekannter politischer Podcaster, Journalist und Bestseller-Autor die öffentliche Meinung nicht unerheblich beeinflusst, erklärt uns hier, dass es eigentlich egal ist, wen wir wählen, weil ja doch nur ein kaputtes System verwaltet wird und „die da oben“ dann doch über unsere Köpfe hinweg entscheiden. So hört man es an den Stammtischen und so liest man es hier. Ich erwarte von Ole Nymoen nicht, dass er die Demokratie verteidigt, nicht mit diesem Text und erst recht nicht mit seinem Leben, aber dass er sie hier derart vereinfachend und naiv entwertet, nimmt diesem Buch seinen Bezug zur Realität und nicht zuletzt zu unserer aktuellen politischen Lage, der das Buch immerhin seine Existenz verdankt.

„Warum ich niemals für mein Land kämpfen würde“ versucht, den nachvollziehbaren Impuls der Kriegsdienstverweigerung durch eine unterkomplexe politische Theorie zu untermauern. Die naive Trennung von Herrschern und Beherrschten muss als Grundlage dafür herhalten, dass wir kleinen Leute uns nicht für die Ziele von denen da oben hergeben sollen. In Wahrheit ist diese Argumentation eher ein trauriges Symptom für die allgemeine Demokratiemüdigkeit, die unser politisches System destabilisiert. Ein Buch gegen das Kriegsgetrommel könnten wir eigentlich gut gebrauchen, aber dieses hier ist es nicht.


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