Innerster Widerstand | „Aufzeichnungen aus dem Führerhauptquartier“ von Felix Hartlaub

Wer noch nie etwas von Felix Hartlaub gehört hat, so wie ich bis vor ein paar Monaten, wird sich bei einem Buch mit dem Titel „Aufzeichnungen aus dem Führerhauptquartier“ vielleicht genau wie ich fragen, ob ein solches Buch nicht von einem Nazi stammen muss, wenn es hält, was sein Titel verspricht, und warum der Suhrkamp Verlag ein solches Buch im Jahr 2022 neu veröffentlicht hat. Hitler, so könnte man denken, wird doch nicht aus Versehen einen systemkritischen Schriftsteller in sein Hauptquartier hereingelassen haben, um ihn dort irgendwelche Aufzeichnungen schreiben zu lassen. Verrückterweise war das aber bei Felix Hartlaub gewissermaßen der Fall.

Felix Hartlaub war von Beruf Historiker. Das einzige Werk, das er selbst zu Lebzeiten veröffentlichte, war seine mit summa cum laude bewertete Doktorarbeit über eine Seeschlacht, in der Europa im sechzehnten Jahrhundert gegen das Osmanische Reich verteidigt wurde. Nach der Promotion wurde Hartlaub dann zu Beginn des Zweiten Weltkriegs als Soldat eingezogen und im Alter von 29 Jahren in die Abteilung Kriegstagebuch des Oberkommandos der Wehrmacht versetzt. In dieser Abteilung arbeitete er knapp drei Jahre lang in den wechselnden Lokalitäten des Hauptquartiers im direkten Umfeld von Hitlers Führungsstab, anscheinend aber ohne Hitler je persönlich begegnet zu sein.

In dieser Abteilung hatten Hartlaub und seine Kollegen die Aufgabe, die wichtigsten militärischen Ereignisse des Zweiten Weltkriegs aus Sicht der Nazis zu dokumentieren. Walter Scherff, der Leiter der Abteilung, sollte außerdem Material sammeln, um nach dem Krieg ein umfangreiches Buch über Hitler schreiben zu können, das ihn als militärisches Genie darstellen sollte, den berüchtigten „Größten Feldherrn aller Zeiten“. Das gesammelte Material zu diesem sogenannten Hauptbuch wurde zu Kriegsende aus offensichtlichen Gründen vernichtet, aber das nüchterne Kriegstagebuch der Wehrmacht existiert und enthält Abschnitte, die von Felix Hartlaub verfasst wurden. Kurz vor Kriegsende wurde Hartlaub an die Front abkommandiert und um sich dorthin zu begeben, stieg er im Mai 1945 in einen Zug und wurde nie wieder gesehen. Zehn Jahre später wurde er als tot erklärt.

Literarisches Doppelleben

Das wäre wohl alles, was man über Felix Hartlaub heute wissen würde, wenn er nicht in seiner Zeit als Kriegstagebuchschreiber eine Art literarisches Doppelleben geführt hätte. Der Suhrkamp-Verlag hat Hartlaubs geheime literarische Aufzeichnungen aus dieser Zeit nun im Jahr 2022 neu herausgegeben. Matthias Weichelt zitiert im Nachwort des Buches aus einem vielsagenden Brief, in dem Hartlaub sein Doppelleben einer Freundin erklärt. Hartlaub schreibt hier, dass zwei sehr unterschiedliche Persönlichkeiten in ihm wohnten. Er schreibt:

Der eine ist ein braver zahmer junger Wissenschaftler, der hier natürlich infolge all der Eindrücke und der Weite des Horizontes mächtig auf seine Kosten kommt und gerne bereit ist, hier noch weiter auf seinem Hinterteil auszuharren. Der Andere ist, – ganz unabhängig von aller Möglichkeit und Fähigkeit zur Produktion – mehr auf ein dichterisches, oder wie man es nennen soll, Anschauen und Fühlen aus, auf die Berührung mit wirklichen Menschen und Dingen, und der verkümmert hier natürlich völlig.

Um diesem zweiten, dichterischen Ich ebenfalls ein Ventil zu geben, hat Hartlaub abends, nach seiner trockenen Arbeit am Kriegstagebuch, also mehrere literarische Texte geschrieben die in diesem Buch nun zusammengestellt sind. Diese Fragmente, die vielleicht als Entwürfe für einen späteren Roman dienen sollten, stehen unter einander in keinem direkten inhaltlichen Zusammenhang. Ein verbindendes Element zwischen diesen Texten ist aber, dass sie alle die Perspektive eines Protagonisten einnehmen, der allerdings nicht als Erzähler sondern immer in der dritten Person auftritt und der mit der Person des Autors sehr viel gemeinsam hat. Dieser beobachtende Protagonist, der in jedem der Texte einen anderen oder gar keinen Namen trägt, befindet sich genau wie Hartlaub im Führerhauptquartier, beziehungsweise in einem der Texte im Zug, der das Hauptquartier von einem Ort zum anderen verlegt. Er erlebt den gleichen Arbeitsalltag wie der Autor. Diese Ähnlichkeit geht so weit, dass manche Kommentatoren der Nachkriegszeit Hartlaubs Texte als literarische Tagebucheinträge gedeutet haben. Ein Problem, auf das ich später nochmal zurückkomme.

Das interessante an Hartlaubs Texten ist erst einmal, dass sie, wie der Brief an die Freundin schon andeutet, sich nicht nur stilistisch sondern auch inhaltlich komplett von seiner täglichen Arbeit der militärischen Dokumentation unterscheiden und gewissermaßen das genaue Gegenteil davon darstellen. Es geht in diesen Texten zwar ebenfalls um reale Ereignisse in Hartlaubs unmittelbarer Gegenwart, also in den letzten Jahren des zweiten Weltkriegs, aber während Hartlaub sich im Kriegstagebuch auf die wichtigsten Kampfhandlungen des Krieges konzentrieren und sie mit distanzierter Sachlichkeit zusammenfassen muss, geht es in seiner Literatur um die aus nächster Nähe erlebten Ereignisse und zwischenmenschlichen Beziehungen im Führerhauptquartier. Im Schatten der großen Ereignisse widmet er sich in diesen Texten den vermeintlich unbedeutenden Details und gibt dadurch einen lebendigen Eindruck von diesem Ort, dessen Absurdität Hartlaub offensichtlich faszinierte. Obwohl der ganze Krieg von diesem Ort aus gesteuert wird, bekommt man von ihm nichts mit. Wie das Auge des Wirbelsturms erscheint Hitlers Hauptquartier in allen Texten als eine Parallelwelt, in der kein Krieg herrscht, ein Ort, der scheinbar als einziger verschont wird, jedenfalls so lange draußen der Krieg noch andauert. Die Zeit scheint hier anders zu vergehen, wie Hartlaub an einer Stelle schreibt. Die Vergangenheit ist nie wirklich vergangen, weil sie ständig aufgearbeitet wird, und die Gegenwart des Krieges ist nie wirklich da. Hartlaub schreibt:

„Nirgends ist man so weit vom Kriegsende weg wie hier, aber auch nirgends schon so vertraut mit ihm. Und auch der beschwingte Kriegsanfang ist noch da, er steckt noch in den zierlich gefalteten Servietten, die der Küchenfeldwebel vor die Gedecke stellt, der ist noch längst nicht zu Ende gekostet.“

Die Texte spielen sich zwischen dieser von manchen verblendeten Offizieren bis zuletzt aufrecht erhaltenen Kriegseuphorie und der drohenden Kriegniederlage ab, die Hartlaubs Protagonist vorausahnt.

Die Idylle im Auge des Wirbelsturms

Der erste Text des Buches beschreibt die Idylle im Führerhauptquartier namens „Wehrwolf“, das die Nazis in der Nähe der ukrainischen Stadt Winniza von Zwangsarbeitern hatten errichten lassen. Die dort stationierten Soldaten liegen vor ihren Baracken entspannt in der Sonne. Ein General kommt schlechtgelaunt aus einer Besprechung mit Hitler. Weiter draußen vor der nächsten ukrainischen Ortschaft kommt eine Gruppe einheimischer Frauen auf dem Heimweg von der Feldarbeit an handballspielenden Soldaten vorbei. Abends baden die Einheimischen in einem See und die Soldaten sehen zu. Hartlaub beschreibt eine Urlaubsstimmung, die in jedem anderen Kontext eine tatsächliche Idylle wäre und hier, mitten im Weltkrieg, in der Nähe von Massengräbern und Hitlers Führungsstab, durch Andeutung dieser Realität zur Absurdität wird. Der Krieg ist in diesen Szenen allerdings nur sehr indirekt präsent, oft nur in ironischen Anspielungen auf militärisches Jargon. Von einem vor dem Hauptquartier lebenden Gänseschwarm heißt es zum Beispiel, dass er über den Vorplatz „manövriert“.

Im längsten Text des Buches, der den Titel „Im Dickicht des Südostens“ trägt, sehen wir den Hartlaub ähnlichen Protagonisten zunächst in seinem Büro. Er ist überfordert, eineerseits bei der Zusammenfassung der komplizierten militärischen Lage in Südosteuropa und andererseits beim gelegentlichen Flirt mit der Sekretärin der Abteilung, die ihre Abende lieber mit trinkfesten Offizieren statt mit dem vergeistigten Kriegshistoriker verbringt. Abgesehen von diesen nach typischem Büroalltag klingenden Problemen ist die im ersten Text noch dominierende Idylle des Führerhauptquartiers aber durch ein schwerwiegendes Ereignis beeinträchtigt. Es geht nämlich auch um den Schock, den das gescheiterte Stauffenberg-Attentat und vor allem Hitlers Reaktion darauf auslöste. Hartlaub selbst war vermutlich in Hörweite als Stauffenbergs Bombe explodierte. Nachdem die Verschwörer hingerichtet sind, können manche heimliche Kritiker Hitlers ihr Entsetzen kaum noch verbergen. Ein alter Offizier „hat kein Blut mehr im Gesicht“, wie es heißt, als er erfährt, dass mit Erwin von Witzleben sogar ein Generalfeldmarschall erhängt wurde. Der Text fängt Gesprächsfetzen zwischen den Offizieren des Hauptquartiers ein und es ergibt sich eine Momentaufnahme dieser angespannten Stimmungslage zwischen soldatischem Geplauder und Todesangst.

Im letzten Text des Buches löst sich die idyllische Sicherheit des Hauptquartiers vollständig auf und der Untergang steht bevor. Der Protagonist ist zusammen mit der Führung der Wehrmacht in einem nächtlichen Zug zu einem neuen Standort des Hauptquartiers unterwegs. Er sieht ganz in der Nähe die Bomben eines Luftangriffs herunterkommen und vermutet, dass der Angriff dem Zug gelten könnte, in dem er gerade sitzt. Er weiß längst, dass es nur noch eine Frage der Zeit ist, bis Nazi-Deutschland den Krieg verliert und aus seinem bisher sicheren Arbeitsplatz ein „Gefängnishof“ wird, wie es im Text heißt. Er stellt sich vor, wie seine Kollegen nach dem Krieg behaupten werden, nie wirklich zum Führungsstab dazugehört zu haben und fragt sich, wann er selbst von diesem Zug abspringen sollte, der auf den Abgrund zusteuert.

Verbindung zum Widerstand

Manches an der Person Felix Hartlaub bleibt bis heute rätselhaft, aber sehr einig sind sich die Kommentatoren darin, dass Hartlaub tatsächlich kein überzeugter Nazi gewesen sein kann. Weder sein Schreiben noch sein Privatleben passen dazu. Unter anderem ist bekannt, dass Hartlaub bis zu seinem Tod eng mit dem zwei Jahre älteren Klaus Gysi bereundet war. Der spätere Kulturminister der DDR und Vater von Gregor Gysi war schon vor dem Krieg in kommunistischen Organisationen aktiv. Er lebte erst in Berlin, dann in Cambridge und Paris und ging nach dem Einmarsch der Nazis in Frankreich in den Untergrund. Trotz der für ihn hochgefährlichen Lage in Deutschland ging er mit seiner Frau Irene im Jahr 1940 nach Berlin zurück und setzte sich im Widerstand ein. Das Paar war auch in dieser Zeit mit Hartlaub eng befreundet und Irene Gysi ist es, die ihn am Ende zu dem Zug bringt, mit dem er verschwindet.

Auch die Familiengeschichte und die Tagebucheinträge seines Vaters machen deutlich, dass Hartlaub wenig Sympathie für den Nationalsozialismus hatte. Der Vater war Museumsdirektor und wurde von den Nazis nur wenige Monate nach Hitlers Machtergreifung entlassen und als Kulturbolschewig stigmatisiert, weil er in seinen Ausstellungen auch ausländische Kunst zeigte. Wie Matthias Weichelt in einem Gespräch im Deutschen Literaturarchiv Marbach bemerkt hat, das man übrigens auf Youtube sehen kann, wollte der Vater verhindern, dass auch sein Sohn in Schwierigkeiten mit den Nazis geraten würde. Er wollte gerade keinen Regimekritiker aus seinem Sohn machen, aber trotzdem, gegen die Bemühung des Vaters, entwickelte Felix Hartlaub von selbst eine kritische Haltung zum Nationalsozialismus. In seinen frühen künstlerischen Versuchen und Witzen macht er sich über Hitler lustig. Seiner beruflichen Laufbahn stand diese im Kreis der Familie bekannte Abneigung allerdings nicht im Weg. Der Vater betont im Tagebuch, was es für eine Ironie war, dass ausgerechnet der anti-militaristische, nazikritische Felix eine Stelle im Führerhauptquartier bekam.

Auch die „Aufzeichnungen aus dem Führerhauptquartier“ zeigen Felix Hartlaub als sarkastischen, distanzierten Beobachter des Krieges und der vorherrschenden Ideologie. Die Gedankengänge seiner Protagonisten kommen aus einer Perspektive des Widerwillens und des Bewusstseins der Absurdität. Sie drücken einen innerlichen Widerstand aus, der allerdings passiv bleibt. Typisch soldatische Manierismen und die militärische Sprache sind in allen Texten präsent und werden regelmäßig ins Lächerliche gezogen, zum Beispiel wenn die Stubenfliegen in seinem Büro als „zähe, wendige Burschen“ beschrieben werden. Militärische Fachausdrücke werden mit Banalitäten vermischt auch der Hitlerkult wird durch die Einmischung des Banalen als lächerlich dargestellt. An einer Stelle wird zum Beispiel ein Soldat beschrieben, der im Offizierskasino ein punschartiges alkoholisches Getränk zusammenmischt: „[…] das Geheimnis liegt in einer winzigen Zugabe von Apfel- und Zitronensaft, darin kommt die Verbundenheit mit dem Führer zum Ausdruck, der ja nur Apfelsaft trinkt.“

Trotzdem sind Hartlaubs Texte kein eindeutiges Bekenntnis eines inneren Widerstandes und, wie Hartlaub-Experte Matthias Weichelt vermutet, sind sie vielleicht deshalb seit den sechziger Jahren weitgehend in Vergessenheit geraten. Man konnte sich bei all den ironischen Andeutungen eben doch nicht ganz sicher sein, wo Hartlaub politisch einzuordnen war. Diese Ambivalenz zeigt sich in den Texten besonders deutlich an den Stellen, an denen es um die Person Hitler geht. Hartlaubs alter ego nennt Hitler einen Fanatiker, aber im selben Atemzug kritisiert er die Offiziere im Hauptquartier, die Hitler nur scheinbar ergeben sind und auf der Herrentoilette oder im Offizierskasino ihre kritischen Bemerkungen machen. Er lässt seinen Protagonisten sagen, dass diese Leute nicht hierher gehören. Er schreibt:

Fanatiker gehören hierher, wilde besessene Arbeitsnaturen, meinetwegen ungeschliffen, ungerecht, rücksichtslose Menschenverbraucher. Statt dessen gibt es nur den einen Fanatiker und einen Haufen gefälliger Kautschukzwerge, dazu vielleicht noch ein paar halbblinde Arbeitselefanten und eine Koppel scharfer Doggen, das ist alles, immer dasselbe bei grossen Männern.

An einer anderen Stelle im selben Text gesteht dieser Protagonist einem anderen Offizier, dass es sein Wunsch sei, einmal persönlich bei einer Besprechung mit Hitler dabei zu sein. Er sagt hier:

Für einen jungen Historiker wie mich wäre es natürlich ein ungeheurer, einzigartiger Eindruck… Diesen Mann einmal erleben zu dürfen, dieses gegen alle Schläge gefeite Herz, diesen unermüdlich nach Auswegen suchenden nimmermüden Geist…

Wie diese Textstellen genau zu verstehen sind, bleibt offen. Vielleicht spricht Hartlaubs Protagonist hier aus einer echten Bewunderung des Historikers für Hitler als historische Figur, oder vielleicht meint er es nicht ernst und will mit seiner schmalzig übertriebenen Verehrung nur aus seinem Gesprächspartner eine kritische Bemerkung über Hitler herauslocken. Und was diese Gedankengänge dieses Protagonisten mit Felix Hartlaubs eigener Meinung zu tun haben, ist ebenfalls unklar. In jedem Fall handelt es sich bei den Texten aber eindeutig um literarische Entwürfe und eben nicht Tagebucheinträge. Figuren und Erzähler sind vom Autor zu unterscheiden. Aber andererseits lässt sich Hartlaub wahrscheinlich mit diesen Argumenten nicht ganz von einer gewissen Faszination für Hitler freisprechen, denn auch der Vater fand Felix in diesem Punkt widersprüchlich und doppeldeutig. Im Familientagebuch schreibt er, Felix sei von Hitler „irgendwie stark beeindruckt“ und Hitlers „dämonische Strahlung“ habe ihn anscheinend trotz allem „berührt“. Eine mögliche Deutung wäre, dass Hartlaub diese Tendenz an sich selbst bemerkt hat und in seiner Literatur verarbeiten wollte. Er wäre dann in diesen Texten nicht nur der Beochabachter seines Umfelds sondern auch seiner eigenen Korrumpierbarkeit durch Hitler.

Enzensbergers Urteil

Zu einer sehr viel kritischeren Lesart kommt Hans Magnus Enzensberger in einem kurzen Artikel, den er schon im Jahr 1955 unter dem Titel „Vor Tarnkappen wird gewarnt“ über Felix Hartlaubs Literatur veröffentlicht hat. Er nennt Hartlaub zwar einen scharfen Beobachter aber spricht ihm die schriftstellerische Autonomie weitgehend ab, indem er Hartlaubs „Aufzeichnungen aus dem Führerhauptquartier“ als Tagebuch bezeichnet, zwischen Hartlaub und seinen Protagonisten keinen Unterschied macht und dem Autor stattdessen diagnostiziert, dass sich in seinem Schreiben mit der Zeit immer mehr die Sprache und das Denken der Nazis breit gemacht habe. „Anfänglich lässt sich seine Einstellung zum Nationalsozialismus klar als Widerwillen charakterisieren,“ schreibt Enzensberger, aber dann setzt seiner Ansicht nach in Hartlaubs Schreiben ein geradezu gruseliger geistiger Verfall ein, der in den „Aufzeichnungen aus dem Führerhauptquartier“ damit endet, dass Hartlaub die Sprache der Nazis unkritisch übernimmt und am Ende sogar davon träumt, selbst die Macht zu übernehmen und Hitlers Nachfolger zu werden.

Ich halte diese Deutung für ein massives Missverständnis und will auf diesen letzten Punkt etwas genauer eingehen, weil ich ihn besonders interessant finde. Um seinen Vorwurf, Hartlaub träume davon, ein zweiter Hitler zu werden zu untermauern, zitiert Enzensberger eine Stelle aus den Aufzeichnungen, an der Hartlaubs Protagonist tatsächlich fantasiert, dass er, der als Kriegstagebuchschreiber ja mit dem „staatsmännischen und feldherrlichen Vermächtnis des Führers“ gut vertraut sei, Hitlers Nachfolge übernehmen könne. Den Kontext dieser Textstelle erwähnt Enzensberger aber nicht. Hartlaubs alter ego stellt sich hier vor, dass der Krieg nach einer Verwüstung des Kontinents in einem Stellungskrieg steckengbleiben und zu einem Dauerzustand werden könnte. Er selbst würde in dieser Zukunftsfantasie dann als Hitlers Nachfolger hunderte Meter unter der Erde in einem Bunker sitzen und von dort aus strategische Formeln schmieden und eine neue deutsche Außenpolitik entwerfen. Das ganze ist so absurd beschrieben, dass man es auf keinen Fall ernst nehmen kann.

Aber auch der weitere Kontext dieser Textstelle ist entscheidend. Hartlaubs Protagonist kommt nämlich nur deshalb auf diese Machtfantasie, weil er es nicht geschafft hat, seine Sekretärin Fräulein Rauschkohl für sich zu begeistern. Er stellt sich nun diese Situation vor, in der er Fräulein Rauschkohl am Ende doch noch beeindrucken würde, wenn sie ihn dort unten im Bunker besucht und feststellen muss, dass aus dem kleinen Kriegstagebuchschreiber, den sie abgewiesen hat, nun der neue Führer geworden ist. Das ganze Szenario ist also eine tatsächlich sehr witzig geschriebene Satire, in der Hartlaub sich über seinen eigenen Mißerfolg bei der Sekretärin und seine absurden Fantasien lustig macht. Unmittelbar vor dieser Textstelle steht übrigens noch ein ander Zukunftstraum mit demselben Hintergrund. Hier stellt er sich vor, dass der Krieg doch ein Ende hat und Fräulein Rauschkohl ihn danach in seiner hochmodernen berliner Wohnung besucht, die mit goldenen Buddha-Figuren und wertvollen griechischen Marmorbüsten ausgestattet ist. Er bewohnt sie mit seiner Freundin, einer berühmten Bildhauerin, die eine schicke Frisur und einen gewagt kurzen Kimono trägt. Auch in dieser absurden Szene bereut die Sekretärin natürlich, dass sie diesen faszinierenden Mann abgewiesen hat. Zu diesen satirischen Zukunftsvisionen passt übrigens auch eine Stelle aus dem letzten Text des Buches, in dem Hartlaubs im Zug sitzender Protagonist sich vorstellt, Hitler werde sein Hauptquartier irgendwann nach Japan verlegen und er müsse mitkommen und dort Jiu Jitsu lernen.

Vielleicht liest Enzensberger über das alles mit Absicht hinweg. In seinem Artikel will er eigentlich darauf hinaus, dass auch die Nachkriegsgesellschaft noch demselben Selbstbetrug erliegt, wie angeblich Hartlaub und damit wird Hartlaubs Literatur hier nur zum Vehikel für eine Kritik an Enzensbergers Zeitgenossen. Die Tarnkappe, die Hartlaub sich gewünscht haben soll, ist für ihn das Symbol der Selbstaufgabe und des Mitläufertums. In späteren Kommentaren hat er sich wohl positiver über Hartlaub geäußert, aber ich denke, in diesem frühen Text tut er Hartlaubs Literatur unrecht. Hartlaubs Aufzeichnungen sind durchzogen von Mehrdeutigkeit, Ironie und inhaltlichen wie auch sprachlichen Anspielungen. Wer den Kontext ignoriert und willkürlich das eine oder andere herauspickt, versteht diese Texte falsch und will sie vielleicht falsch verstehen. Ein Widerstandskämpfer war Hartlaub sicher nicht, aber ein unkritischer Mitläufer hätte diese Texte auch nicht geschrieben. Es ist übrigens sehr verständlich, dass Hartlaub sich eine Tarnkappe wünschte, denn er musste natürlich befürchten, dass nicht wir Nachkriegsleser sondern die Nazis seine Texte einmal in die Finger bekämen. Die Doppeldeutigkeiten und Rollenspiele mit alter egos waren sicher auch eine Vorsorge für einen solchen Fall.

Keine Nachkriegsliteratur

Gerade vor diesem Hintergrund ist es vielleicht auch nicht ganz glücklich, wenn Hartlaub von anderen, wohlwollenderen Kommentatoren mit den ersten Nachkriegsschriftstellern verglichen wird. Stilistisch gibt es vielleicht Gemeinsamkeiten, aber Hartlaubs „Aufzeichnungen“ sind natürlich genau keine Nachkriegsliteratur. Inhaltlich leben einige der interessantesten Stellen dieser Texte gerade von der Unsicherheit und der erwähnten sich bis in die Absurdität steigernden Spekulation, wie der Krieg enden und was danach passieren würde. Und auch stilistisch sind diese Texte sicher dadurch beeinflusst, dass sie in einem Umfeld entstanden sind, in dem die Kritik an der Führung nicht offen sondern nur in Andeutungen und ironischen Untertönen geäußert werden konnte.

Zwischen Hartlaubs „Aufzeichnungen aus dem Führerhauptquartier“ und ihrem Entstehungsort, besteht also ein besonderer Zusammenhang, der in dieser Form vielleicht einzigartig ist. Einerseits hat dieser spezielle Schauplatz die Texte offensichtlich inhaltlich und vermutlich auch stilistisch geprägt und erst ermöglicht. Andererseits ist es aber auch schade, dass man wegen des ideologisch verseuchten Entstehungsortes der Texte diese ganze Diskussion um Hartlaubs Biografie und seine vermutliche politische Haltung vorwegnehmen und den Autor erst von allzu nahe liegenden Vorverurteilungen so weit es gerechtfertigt ist freisprechen muss, bevor man dann irgendwann erst über die Texte selbst sprechen und zu dem Punkt kommen kann, warum man sie vielleicht nicht vergessen sollte, nämlich weil sie einfach wirklich gut geschrieben sind. Für mich gehören diese Texte mit ihrem Humor, ihrer Bissigkeit aber auch ihrer Poesie jedenfalls stilistisch zu dem besten, was ich in letzer Zeit gelesen habe. Hartlaub war nicht nur ein Berichterstatter von einem ungewöhnlichen Ort sondern ein echtes Ausnahmetalent und es ist schade, dass er den Roman, den er mit diesen Episoden vielleicht im Sinn hatte, nicht mehr schreiben konnte.


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mit natürlicher Intelligenz hergestellt


Das erwähnte Gespräch mit Nikola Herweg und Matthias Weichelt


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