Neue Mythen für England | „Das Silmarillion“ von J.R.R. Tolkien

Unter den Werken von J.R.R. Tolkien nimmt „Das Silmarrillion“ eine Sonderrolle ein. Erste Ideen dazu hatte Tolkien schon während des ersten Weltkriegs als Fünfundzwanzigjähriger und letzte Beiträge schrieb er kurz vor seinem Tod im Jahr 1973 im Alter von 81 Jahren. Fertiggestellt wurde das Werk erst nach seinem Tod durch seinen Sohn Christopher. „Das Silmarillion“ ist kein Roman, sondern eine Sammlung von Sagen und Mythen, die von den frühesten Ereignissen in Tolkiens Fantasiewelt erzählen, derselben Welt in der seine späteren Romane „Der Hobbit“ und „Der Herr der Ringe“ angesiedelt sind. So sehr der Vergleich auch hinken mag: Wenn „Der Herr der Ringe“ das Neue Testament wäre, wäre das Silmarillion das Alte.

Und wie das Buch Genesis beginnt es mit einer Schöpfungsgeschichte. Am Anfang gibt es auch hier nur einen Gott, der hier Ilúvatar heißt. Seine erste Schöpfung ist ein immaterielles Engelsvolk, die Ainur oder später Valar genannt werden. Die Valar unterstützen Ilúvatar beim weiteren Schöpfungsakt und kreieren zunächst eine Melodie, die Ilúvatar wie in einem kosmischen Konzert dirigiert. Mit dieser Musik gibt Ilúvatar wie in einer Overtüre indirekt den Verlauf der späteren Ereignisse vor. Die Valar sind zunächst nur Instrumentalisten im göttlichen Orchester und ahnen noch nichts von der späteren Welt. Sie arbeiten Ilúvatars musikalische Motive aus und entwickeln so, ohne es zu wissen, das Programm, nach dem die Weltgeschichte ablaufen wird. In dieser musikalischen Vorgabe erschöpft sich beinahe schon Ilúvatars direkter Eingriff in die Schöpfung. Er kreiert noch die Welt als eine rohe Masse und beschließt, dass zu einer bestimmten, nur ihm bekannten Zeit seine Kinder darauf erscheinen werden, die Elben und später die Menschen. Alle weiteren Details überlässt er den Valar.

Mit dieser Anordnung erfindet Tolkien für den Götterhimmel seiner Fantasiewelt also eine Mischung aus jüdisch-christlichem Monotheismus und antikem Polytheismus. Die Valar sind einerseits selbst nur Geschöpfe des einen wahren Gottes, aber sie nehmen andererseits die Rolle polytheistischer Götter ein, indem sie nun die konkrete Erschaffung der Welt in die Hand nehmen und verschiedene Naturgewalten und Prinzipien personifizieren. Der mächtigste von Ihnen lebt wie Zeus auf einem Berggipfel und ist für Wind und Wetter zuständig, ein anderer ist wie Poseidon der Herrscher der Meere, andere sind die Götter der Jagd oder des Krieges und so weiter.

Die Freiheit zum Bösen

Die Unabhängigkeit, mit der die Valar von ihrem Schöpfer ausgestattet sind, beantwortet die berühmte Frage, warum es in einer von einem guten Gott geschaffenen Welt überhaupt das Böse geben kann. Auch in der Darstellung des Bösen vermischen bei Tolkien poly- und monotheistische Vorbilder. Schon in der Phase, als die ganze Schöpfung noch eine große Melodie ist, gibt es Misstöne, die von einem besonders eigensinnigen Valar namens Melkor ausgehen. Melkor hat von Anfang an einen Machtanspruch und will selbst entscheiden, in welche Richtung sich die Schöpfung entwickelt. Ilúvatar ärgert sich über die Dissonanz, mit der Melkor die Ur-Melodie des göttlichen Orchesters stört, aber er verbannt ihn nicht daraus. Die Freiheit, sich gegen Gott entscheiden zu können und dem Bösen zu verfallen ist gewollter Teil der Schöpfung. Obwohl Ilúvatar weiß, was Melkor anrichten wird, lässt er ihm seinen Einfluss. Melkor ist als Gegner Gottes und der anderen Valar also eine Mischung aus dem nordischen Gott Loki und dem gefallenen Engel Luzifer.

Trotz Melkors Sabbotageakten gelingt es den Valar, eine Welt zu erschaffen, die für Ilúvatars Elben und Menschen bewohnbar ist. Als ihre eigene Behausung erschaffen sie im Westen dieser Welt einen Kontinent namens Valinor, der eine Art Garten Eden ist. Im Zentrum dieses irdischen Paradises stehen zwei heilige Bäume, die ein göttliches Licht ausstrahlen und für Leben und Fruchtbarkeit garantieren. Im Osten, von Valinor durch einen Ozean getrennt, befindet ich der Kontinent, den Tolkien-Leser als Mittelerde kennen. Schauplatz des Silmarillion ist die Region Beleriand an der nordwestlichen Küste von Mittelerde. Hier erscheinen nach einander die Völker der Elben, Zwerge und Menschen. Im Norden von Beleriand lässt Melkor sich nieder. In seiner Festung Angband züchtet er Monster und Maschinen, mit denen er die Völker von Mittelerde terrorisiert, um die Herrschaft über diese Welt an sich zu reißen. Der Kampf gegen das aus dem Norden kommende Böse zieht sich als roter Faden durch die gesamt Handlung des Silmarillion.

Es gibt noch eine weitere Parallele zwischen dem Silmarillion und dem Buch Genesis. Die gesamte Handlung ist aus Sicht der Elben als ein Verlust des Paradises zu verstehen. Die Valar laden die Elben nämlich gleich nach ihrer Erschaffung ein, in den Westen zu kommen und mit ihnen im paradiesischen Valinor zu leben. Die Elben gehen mit dieser Einladung sehr unterschiedlich um. Manche lehnen dankend ab und bleiben einfach in Mittelerde. Sie verschanzen sich in den Wäldern und versuchen Melkors Terror so gut es geht zu entgehen. Andere ziehen nach Valinor, leben dort glücklich bis ans Ende aller Tage und spielen für die weitere Handlung keine Rolle mehr. Die eigentliche Geschichte dreht sich um eine dritte Gruppe, die zunächst in Valinor lebt, aber sich nach einer Weile von den Valar bevormundet fühlt. Nach einer tragischen Fehlentscheidung verlässt diese Gruppe das Paradies und kehrt nach Mittelerde zurück.

Paradise lost

Diese Entscheidung hat mit drei besonderen Edelsteinen zu tun, den Silmaril, die ein Elb namens Feanor kreiert. Dank seines besoneren handwerklichen Geschicks, das später nie mehr von einem anderen erreicht werden soll, gelingt es Feanor, in diesen Edelsteinen einen Teil des Lichts der heiligen Bäume von Valinor einzufangen. Zuerst sind diese drei Steine wegen dieses handwerklichen Kniffs nur ein von Elben und Valar bewundernswertes Kunstwerk. Sie gewinnen aber eine neue Bedeutung, als es Melkor mit Hilfe der Spinne Ungoliath gelingt, heimlich in Valinor einzudringen und die heiligen Bäume zu zerstören. Diese Spinne ist übrigens eine interessante Nebenfigur. Im Gegensatz zu allen später auftretenden Ungeheuern hat Melkor sie nicht selbst erschaffen, sondern aus einem tiefen Loch herausgelockt und für sein Eindringen in Valinor benutzt. Danach hat er aber die größten Schwierigkeiten, sie wieder loszuwerden. Nachdem sie die heiligen Bäume verspeist hat, ist das Monster längst noch nicht satt und droht Melkor, auch ihn und vielleicht die ganze Welt zu verschlingen. Ich denke dieses immer hungrige Monster, das unter der Erde darauf lauert, irgendwann alles verschwinden zu lassen, ist Tolkiens Version des Nichts. In einer Welt, in der das Gute schon gegen das Böse kämpfen muss, kann das Nichts zwar kein echter Gegner sondern nur eine Nebenrolle sein, aber trotzdem muss sich sogar das Böse vor ihm fürchten.

Den Valar gelingt es jedenfalls, Melkor und die Spinne wieder aus ihrem Reich zu vertreiben, aber sie können die verlorenen Bäume nicht ein zweites mal erschaffen. Das heilige Licht von Valinor ist für immer verloren und nur die Silmaril enthalten es noch. Die Valar bitten also Feanor, die Silmaril herauszugeben, um mit dem darin gefangenen heiligen Licht vielleicht doch neue Bäume kreieren und im Paradies wieder die alte Ordnung herstellen zu können. Feanor will seine Steine dafür aber nicht hergeben und kurz darauf erfährt er, dass sie ihm sowieso von Melkor gestohlen wurden. Er beschließt daraufhin, mit seinem Gefolge nach Mittelerde zurück zu gehen und er schwört, dass er und seine Söhne keine Ruhe geben werden, bis sie die Steine wieder in ihren Besitz gebracht haben.

Feanors Aufbruch zurück nach Mittelerde ist ein erster Auszug aus dem Paradies und nur der Anfang einer langen Verlustgeschichte. Feanor führt damit ein Jahrhunderte dauerndes Zerwürfnis zwischen den Elben und den Valar herbei und begeht dabei außerdem noch ein Verbrechen, das für die Spätere Handlung die Rolle einer Erbsünde spielt und mit Kains Mord an seinem Bruder Abel vergleichbar ist. Als es Feanor und seinem Gefolge an der Küste von Valinor nicht gelingt, einen dort lebenden Teil des Elbenvolkes zu überzeugen, sich ihnen anzuschließen und sie mit ihren Schiffen nach Mittelerde zu bringen, metzelt er diese Elbenverwandschaft einfach nieder und stiehlt die Schiffe, um über den Ozean zu kommen. Ähnlich wie im „Herrn der Ringe“ ist es als auch im Silmarillion die Gier nach dem verzauberten Gegenstand und der mit ihm verbundenen Macht, die zum Bösen verführt. Feanor ist so sehr vom Gedanken an die Rückeroberung seiner Silmaril besessen, dass er für sie über Leichen geht.

In Mittelerde sieht es zunächst so aus, als ob Feanor sein Ziel erreichen könnte. Den auf dem Kontinent ankommenden Elben gelingt es, Melkor und seine Monster in seine Festung Angband zurückzudrängen und den Kontinent zu bevölkern. Feanor, sein Bruder Fingolfin und ihre Söhne teilen die Landstriche unter einander auf und gründen ihre eigenen Reiche. Für den Fall, dass der Feind aus dem Norden doch noch stärker wird, errichten sie im Wald versteckte Stätde, Geheimgänge und verborgene unterirdische Festungen. Dieser Fall tritt natürlich ein. Melkor züchtet sich in seiner Festung eine Armee aus den Orks, Drachen und Balrogs, die man aus Tolkiens Romanen kennt, und führt einen langwierigen Krieg gegen die Elben, der immer wieder zum erliegen kommt und dann neu aufflammt. Sein Ziel ist die Herrschaft über Mittelerde und er trägt bereits eine Krone, in die er die drei Silmaril eingesetzt hat.

Da Elben im Gegensatz zu Zwergen und Menschen nicht an Altersschwäche sondern höchstens in der Schlacht sterben, dreht sich die Handlung trotz der langen historischen Zeitspanne immer um dieselben Elbenfürsten, insbesondere die Söhne Feanors und Fingolfins. Die beiden Brüder selbst sterben im Kampf. Feanor kommt in einer Schlacht ums Leben und Fingolfin reitet in einem Wutanfall allein vor die Tore der feindlichen Festung, um Melkor zu einem Zweikampf herauszufordern, den er natürlich verliert. Ihre Söhne setzen den Kampf gegen Melkor mit ihrem Gefolge fort, aber sie sind durch Feanors Taten für immer entzweit. Das Gemetzel um die Schiffe von Valinor und der Schwur, den Feanors Söhne geleistet haben, treibt immer wieder einen Keil zwischen sie und die anderen Elben. Außerdem gelingt es Melkor mit Tricks und Intrigen das gegenseitige Misstrauen zwischen Elben, Zwergen und Menschen heraufzubeschwören und in echte Feindschaft umschlagen zu lassen.

Die letzte Schlacht

Feanors Erbsünde führt also dazu, dass sich die Elben und sonstigen Völker von Mittelerde nicht gegen den gemeinsamen Feind vereinigen können und – spoiler alert – ihm am Ende unterliegen müssen. Melkors Orks nehmen nach und nach alle Elben-Reiche ein und zerstören ihre Städte und Kultur. Die überlebenden Elben wissen, dass sie nicht einfach in das Paradies Valinor zurückkehren können. Die Valar sind seit Feanors feindseligem Auszug nicht gut auf sie zu sprechen. Es ist den Elben aber gelungen, wenigstens einen der drei Silmaril wieder in ihren Besitz zu bringen und mit diesem Stein ausgerüstet fährt der Halbelb Earendil, ein Nachfahre Fingolfins, mit einem Schiff nach Valinor, um die Valar um Hilfe zu bitten. Die Valar lassen sich überreden und ziehen mit einer Armee nach Mittelerde, die Melkors Heer zerschlägt. Diese letzte Schlacht gegen das personifizierte Böse kommt wie eine gewaltige Naturkatastrophe über den Kontinent und formiert ihn neu. Die nordwestliche Region Beleriand, in der sich die bisherige Handlung abspielte, versinkt im Ozean. Schließlich verbannen die Valar den Widersacher Melkor endgültig von Mittelerde in ein Niemandsland außerhalb der Welt.

Durch das Chaos dieser Neuordnung verschwinden auch die drei Silmaril. Einer von ihnen wird mit dem Seefahrer Earendil zu einem Stern am Nachthimmel, der zweite versinkt im Meer und der dritte fällt in eine tiefe Erdspalte. Das heilige Licht von Valinor ist damit für die Valar und Elben für immer verloren und der Verlust des ursprünglichen Paradieses ist endgültig. Das Motiv von dem verfluchten Schatz, der aus der Natur entnommen wurde und der am Ende wieder an die Natur verlorengeht, erinnert an das Rheingold, das in Wagners „Ring des Nibelungen“ am Anfang den Rheintöchtern gestohlen wird und am Ende in Form des Rings wieder an sie zurückgeht. Es geht hier um eine von der Natur gegebenen Macht, die zu groß ist, um sie beherrschen zu können und die am Ende, nach allem Neid und Unheil, das sie hervorgerufen hat, wieder dorthin zurückgegeben werden muss, wo sie herkam. Tolkien ist dieses Motiv so wichtig, dass er es natürlich im Herrn der Ringe wieder aufgreift, wenn der unheilvolle „eine Ring“ in die Flammen desselben Vulkanberges geworfen werden muss, in dem er geschmiedet wurde.

Die Geschichte der Silmaril und der mit ihnen verbundene Aufstieg und Untergang der Elben-Reiche stellt den Hauptteil des Silmarillion dar. An das Ende setzt Tolkien noch zwei Kapitel über die Zeit nach Melkors Verbannung. Das eine handelt von einem Volk der Menschen, das in der letzten Schlacht gegen Melkor auf der Seite der Valar gekämpft hat und dafür bei der Neuordnung des Kontinents nun im Ozean zwischen Valinor und Mittelerde mit einem eigenen Inselreich namens Numenor belohnt wird. Während auf Mittelerde nach der großen Schlacht erst einmal Chaos herrscht und die Überlebenden versprengt in der Wildnis leben, entwickelt sich Numenor zu einer Hochkultur und einer Seemacht. Technologisch und militärisch ist das Inselreich den anderen Völkern schnell überlegen. Die Könige von Numenor werden immer gieriger nach materiellen Gütern und auch nach einer Verlängerung ihrer Lebenszeit. Den Valar verdanken sie bereits eine Lebenserwartung von mehreren hundert Jahren, aber sie sehnen sich nach der Unsterblichkeit der Elben. Nachdem ihnen ihre über Generationen immer weiter zunehmende Macht völlig zu Kopf gestiegen ist, segeln sie in einem Anfall von Größenwahn nach Valinor und erklären den Valar den Krieg, um ihnen die Unsterblichkeit abzuringen. Die Valar lassen daraufhin die Insel des undankbaren Volkes mitsamt ihrer hochentwickelten Kultur und Technologie wieder im Ozean versinken.

Es geht in dieser Episode also um Hochmut und die Auflehnung gegen die Götter, aber auch um den Wunsch nach Unsterblichkeit, der die Numenorer ähnlich wie Gilgamesch zu einer Expedition an den Rand der bekannten Welt verleitet. Aus Tolkiens Sicht ist die Unsterblichkeit, mit der er seine Elben ausgestattet hat, nicht einmal erstrebenswert. Die Elben sind dem Schcksal der Welt ausgeliefert, in der sie Jahrtausende verbringen müssen, bevor sie am Ende aller Tage zu Ilúvatar zurückkehren können. Was die Menschen betrifft, ist unklar, was sie nach dem Tod erwartet. Es gibt auf Mittelerde keine Auferstehungsreligion, aber es wird angedeutet, dass Ilúvatar mit den Menschen auch nach ihrem Tod noch Pläne haben könnte, die selbst den Valar nicht bekannt sind. Vielleicht gibt es also neben dem irdischen, für Menschen schon immer verlorenen Paradies Valinor, auch noch ein jenseitiges.

Sauron und die Ringe

Das letzte Kapitel des „Silmarillion“ handelt schließlich von Sauron und der direkten Vorgeschichte zum Roman „Der Herr der Ringe“. Sauron ist ein Maja, das heißt, ähnlich wie die Valar eine Art unsterblicher Engel, der sich von Melkor zur Seite des Bösen verführen lassen und ihm als Feldherr gedient hat. Nach Melkors Verbannung versucht er nun als dessen Nachfolger die Macht in Mittelerde an sich zu reißen. Er war es übrigens auch, der die Könige von Numenor überzeugt hat, gegen die Valar in den Krieg zu ziehen, weil er wusste, dass das ihre Vernichtung bedeuten würde.

Um die anderen Völker von Mittelerde zu unterwerfen, hat er sich den allseits bekannten Trick ausgedacht. Er verteilt mächtige Zauberringe unter den Elben, Menschen und Zwergen, die aber mit einem weiteren Ring magisch verbunden sind, den er für sich selbst behält. Mit diesem Ring gelingt es ihm, die Träger der anderen Ringe auszuspionieren und zu kontrollieren. Isildur, ein Überlebender des Untergangs von Numenor, schneidet Sauron den Ring in einer Schlacht von der Hand. Statt ihn sofort zu vernichten und damit Saurons Macht zu zerstören, nimmt er ihn in seinen Besitz, verliert ihn dann aber wieder, als er von Orks überfallen wird. Der mächtige Ring ist damit verschollen und wird erst im „Herrn der Ringe“ von den Hobbits wieder gefunden, von denen im Silmarillion noch keine Rede ist.

Vom Auszug der Brüder Feanor und Fingolfin aus dem paradiesischen Valinor bis zu Sauron und seinen Ringen der Macht vergehen etwa 4000 Jahre. Tolkiens Erzählung durchläuft diese Zeitspanne in sehr unterschiedlichem Tempo. In ereignisarmen Jahrhunderten wird nur das Nötigste in Kürze erwähnt oder es werden die Namen in der Erbfolge von elbischen und menschlichen Herrscherfamilien aufgelistet. An anderen Stellen geht Tolkien aber ins Detail und baut einzelne Episoden zu einer eigenständigen Erzählung aus. Ich will hier auf zwei dieser Episoden kurz eingehen, weil sie typische Aspekte zeigen und eine besondere Rolle im Gesamttext spielen.

Beren und Luthien

Die erste dieser Episoden ist eine Mischung aus Liebesgeschichte und romantischer Abenteuererzählung. Sie handelt vom Mensch Beren, der sich in die Elbin Lúthien verliebt. Lúthien ist die Tochter von König Thingol, der ein im Wald verborgenes Reich regiert, das seine Frau mit magischen Kräften gegen die Armeen Melkors schützt. Beren hätte als Mensch eigentlich gar nicht in dieses Reich eindringen dürfen und umso wütender wird Thingol, als er vor dessen Thron erscheint und um die Hand seiner Tochter anhält. Thingol will Beren zuerst töten lassen, aber dann beschließt er, ihm stattdessen eine unlösbare Aufgabe zu geben. Wenn er ihm in seiner Hand, wie es heißt, einen Silmaril aus der Krone Melkors bringen könne, dürfe er seine Tochter heiraten.

Beren macht sich auf den Weg nach Norden zu Melkors Festung Angband, an der schon ganze Armeen gescheitert sind. Lúthien bekommt von ihrem Vater erst einmal Hausarest, aber sie schleicht sich heraus und folgt Beren, um ihn zu unterstützen. Nach einer Reihe von Auseinandersetzungen mit Melkors Gefolge, unter anderem auch mit Sauron, kommen sie in Angband an, verkleiden sich als Monster aus Melkors Heer und dringen in die Festung ein. Mit ihren magischen Kräften gelingt es Lúthien, Melkor für kurze Zeit zu betäuben, so dass Beren ihm einen der Silmaril aus der Krone schneiden kann. Auf ihrer Flucht werden sie aber vor den Toren der Festung von einem Wolf aus Melkors Armee überwältigt. Der Wolf beißt Beren die Hand ab, in der er den Silmaril hält, und verschlingt sie inklusive Edelstein. Durch die Kräfte des Steins in seinem Inneren verfällt das Monster dem Wahnsinn und es ist dieser Silmaril, der später, als der Wolf getötet wird, wieder in den Besitz der Elben gerät und am Ende mit dem Seefahrer Earendil zurück nach Valinor reist. Zunächst wird aber der schwer verletzte Beren von Lúthien gerettet und zurück in das Reich ihres Vaters geführt. Dort kann er wahrheitsgemäß behaupten: „Es ist erfüllt. Ein Silmaril ist jetzt in meiner Hand.“ König Thingol wird daraufhin einsichtig und lässt die Ehe mit seiner Tochter zu. Es ist eine der wenigen Episoden des Silmarillion mit einem Happy End. Das glückliche Ehepaar zieht sich auf eine Insel im Süden von Beleriand zurück und man hört nichts mehr von ihnen.

Tolkiens Sohn Christopher hat diese Geschichte im Jahr 2017 noch einmal als eigenständiges Buch in einer erweiterten Fassung veröffentlicht, die er aus verschiedenen Manuskripten seines Vaters zusammenstellte. Tolkien selbst soll die Episode als die wichtigste Geschichte im Silmarillion bezeichnet haben. Die große persönliche Bindung zu ihr ist vor allem dadurch dokumentiert, dass er auf seinem Grabstein unter seinem eigenen Namen den Namen Beren und unter dem seiner Frau den Namen Luthien anbringen ließ. Die Geschichte ist gewissermaßen typisch für Tolkien. Dass hier ein Liebespaar etwas erreicht, woran vor ihnen die stärksten Armeen gescheitert sind, nämlich wenigstens für einen kurzen Moment das göttliche Licht von Valinor zu besitzen, ist eine romantische, märchenhafte Wendung und sie passt dazu, dass Tolken auch später in seinen Romanen nicht den starken sondern den unscheinbaren Helden die wichtigsten Rollen gegeben hat.

Turin und seine klassischen Vorbilder

Die andere Episode, die im Silmarillion in besonderer Ausführlichkeit erzählt wird, ist die tragische Geschichte der Kinder Hurins. Hurin ist ein Mensch, der als Feldherr gegen Melkors Armee gekämpft hat und ihm nach einer Schlacht in die Hände fällt. Melkor tötet ihn nicht, sondern hält ihn Gefangen und lässt ihn zur Strafe von einem Berggipfel aus das Schicksal seiner Kinder mit ansehen. Hurins Sohn Turin verlässt zunächst seine Mutter und seine Schwester Nienor, um verschiedene Abenteuer zu erleben. Durch einen Zauber verliert seine Schwester ihr Gedächtnis und verändert sich äußerlich. Als Turin ihr später wieder begegnet, erkennt er sie nicht wieder sondern verliebt sich stattdessen in sie und sie wird von ihm schwanger. Zu dieser Zeit erobert und zerstört Melkors Armee eines der Elbenreiche. In der Festung der Elben, in der sich einer ihrer größten Schätze befindet, nistet sich nun der Drache Glaurung ein.

Als Glaurung einmal die Festung verlässt, lauert Turin ihm in einem Graben kauernd auf und sticht ihm von unten sein Schwert in die Brust. Der tödlich getroffene Drache windet sich und als er sterbend am Boden liegt, macht Turin den Fehler, sein noch in der Drachenbrust steckendes Schwert wieder herauszuziehen. Das herausströhmende Blut verbrennt ihm die Hand und er sinkt neben dem Drachen in eine Bewusstlosigkeit. Seine Schwester Nienor, die inzwischen ja seine Frau ist, hat die Schreie des Drachen gehört und eilt zum Schauplatz. Während sie sich um Turin kümmert, sagt der sterbende Drache zu ihr: „Dir gönn ich’s, dass Du endlich Deinen Bruder gefunden.“ Da kommt Nienors Erinnerung zurück. Sie versteht, dass sie Turins Schwester ist und stürzt sich in eine Schlucht. Turin kommt wieder zu Bewusstsein, erfährt auf Umwegen, was vorgefallen ist, und stürzt sich am Rand der selben Schlucht in sein Schwert.

Tolkien hat in einem Brief an seinen Freund Milton Waldman geschrieben, dass er es selbst nicht besonders interessant findet, seine Texte mit klassischen Sagen zu vergleichen. Was die Geschichte von Turin betrifft, erwähnt er aber im selben Brief, dass es hier eine sogar dreifache klassische Vorlage gibt. Turin ist eine Mischung aus Siegfried, Ödipus und dem finnischen Helden Kullervo. Siegfried, der in der älteren Edda noch Sigurd heißt, tötet dort den Drachen Fafnir auf sehr ähnliche Weise, indem er ihm in einer Grube auflauert und von unten zusticht. Und auch in der Edda spricht der sterbende Drache noch eine wichtige Wahrheit aus. Allerdings versucht er dort, Sigurd vor dem Fluch des Schatzes zu warnen, den er bewacht hat. Tolkiens Drache Glaurung dagegen hat auch im Sterben liegend noch die bösesten Absichten.

Die Parallele zur finnischen Kullervo-Sage betrifft den Inzest und den Selbstmord des Helden. Auch der Held Kullervo gerät durch verschiedene Umstände dahin, seine Schwester nicht zu erkennen und sich in sie zu verlieben. Und auch in dieser Sage ist es erst die Schwester, die sich in eine Schlucht und dann der Held, der sich in das eigene Schwert stürzt. In der Figur des Ödipus vereinigen sich in gewissem Sinne die Gemeinsamkeiten, die Turin einerseits mit Siegfried und andererseits mit Kullervo teilt. Auch Ödipus ist ein Held, der in Form der Sphinx ein kryptische Wahrheiten von sich gebendes Monster tötet und auch Ödipus hat ein unbewusstes inzestuöses Verhältnis, in diesem Fall nicht mit der Schwerster sondern mit der Mutter, dessen Enthüllung ihn zwar nicht in den Selbstmord aber zur Selbstverstümmelung treibt.

Die Geschichte von Turin ist also ein Beispiel dafür, wie stark die Verbindungen zu klassischen Mythen im „Silmarillion“ sind. Ein anderer Fall, in dem Tolkien mit dieser Verbindung sehr offen umgeht, ist der schon erwähnte Untergang des Inselreiches Numenor. In seinem Brief an Waldman erklärt er, dass damit das sagenhafte Atlantis gemeint ist. Man braucht Tolkiens Brief eigentlich nicht, um diese offensichtliche Verbindung zu sehen. Im „Silmarillion“ spielt er direkt darauf an wenn es heißt, das elbische Wort Atalante bedeute das Versunkene. Und noch ein weiterer elbischer Name fällt an dieser Stelle auf. Die mit Numenor untergegangene Region an der Küste wird hier Avallóne genannt. Das klingt verdächtig nach der aus dem König-Arthur-Mythos bekannten Insel Avalon.

Wo liegt Mittelerde?

Diese mythisch-geographischen Hinweise werfen meiner Meinung nach die interessante Frage auf: Wo liegt dieses Mittelerde eigentlich? Haben wir es hier wirklich mit einer reinen Fantasiewelt zu tun, und warum mischen sich dort Orte hinein, denen zumindest verschiedene europäische Mythen eine historische Realität unterstellen. Der Hinweis, dass es sich bei Atlantis und Avalon um Orte handelt, die sowohl in Mittelerde als auch im mythischen Europa real waren, wird noch durch eine andere Stelle in Tolkiens Brief an Waldman untermauert. Tolkien erklärt hier, warum er überhaupt damit angefangen hat, sich eigene Mythen auszudenken. Es habe ihn immer gestört, dass England keine eigenen Sagen habe. Es gebe nur die Artus-Sage, die aber nur indirekt mit England verknüpft und außerdem „zu üppig und fantastisch, zu inkohärent und repetitiv“ sei. Davon abgesehen habe England was Sagen betrifft nur „heruntergekommenes Zeug in den Volksbüchern“ zu bieten. Tolkien schreibt weiter:

Lachen Sie nicht! Es gab eine Zeit (seither bin ich kleinlauter geworden), da hatte ich vor, eine Sammlung von mehr oder weniger zusammenhängenden Sagen zu schaffen, die von den großen kosmogonischen bis hin zum romantischen Märchen reichen sollten – die größeren auf den kleineren aufbauend, den Boden berührend, die kleineren um den Glanz des weiten Hintergrundes bereichert -, ein Werk, das ich einfach meinem Lande, England, widmen könnte.

So beschreibt Tolkien selbst im Jahr 1951 das Mammut-Projekt, das erst mehr als zwanzig Jahre später als „Das Silmarillion“ publiziert werden soll. Es sind Mythen und Sagen für England, die das kühle Flair der nordischen, keltischen Sagen enthalten sollen. Das erklärt ein Stück weit die Geographie in Tolkiens Werk. Die Region Beleriand im Nordwesten des Kontinents Mittelerde ist eine Parallele zu England im Nordwesten Europas. Das Gewässer zwischen Mittelerde und Valinor, in dem Numenor als Tolkiens Version von Atlantis untergeht, entspricht dem atlantischen Ozean. Allerdings dürfen wir das paradiesische Valinor nicht mit dem amerikanischen Kontinent gleichsetzen, denn Valinor verschwindet nach dem Untergang von Numenor zumindest für menschliche Seefahrer von der Landkarte. Ab dann heißt es nämlich: Wer immer weiter nach draußen segelt, kommt irgendwann wieder dort an, wo er gestartet ist. Tolkien lässt seine Welt im „Silmarillion“ also mit einem für die Antike typischen Weltbild beginnen, in dem es einen alles umschließenden Ozean und ein Ende der Welt gibt. Mit zunehmendem geographischen Wissen seiner Bewohner nimmt er die Ränder aber wieder heraus und formiert seine Welt zu einem neuzeitlichen Globus um. Nur für das untergegangene Volk der Elben existiert darin noch eine gerade Seestraße bis nach Valinor, ein Ort, der eigentlich nicht mehr zu dieser neuen Welt gehört.

Tolkiens Fantasiewelt ist also näher dran am Europa der Mythen und Sagen, als es auf den ersten Blick erscheint, und sie ist vielleicht auch nicht sehr viel weiter von der Realität entfernt. Die klassischen Mythen berichten von Orten wie Troja, Atlantis, Avalon und dem Götterberg Olymp als geographische Realitäten, aber ob und wo es diese Orte tatsächlich gegeben hat, und ob und wo sich Ereignisse wie die Sintflut, der biblische Auszug aus Ägypten und der Trojanische Krieg tatsächlich zugetragen haben, ist für uns beinahe ebenso ungewiss, als ob wir über Beleriand, die Kriege gegen Melkor und den Untergang von Numenor sprechen. Was letztere betrifft, kennen wir den Urheber und wir wissen, dass er nie behauptet hat, seine Orte und Geschichten seien real. Es ist nicht auszuschließen, dass das auch schon der einzige Unterschied ist.

Sich bei alten Sagen und Mythen zu bedienen und daraus etwas eigenes zu machen, war natürlich noch nie ein Novum. Angefangen bei Homer haben Schriftsteller das zu allen Zeiten getan. Das allein wäre also nicht Tolkiens besonderes Verdienst, sondern es ist vielleicht die sehr konsequente, mehrere Werke verbindende Schöpfung eines von der Realität unabhängigen Handlungsschauplatzes, die ihn zum Vater der modernen Fantasy-Literatur macht. Viele der späteren Fantasy-Autoren haben sich an ihm orientiert und hatten als Schauplatz ihrer Geschichten insgeheim Tolkiens Mittelerde im Sinn. Tolkien selbst hat sich an der skandinavischen Edda und den alten Sagen der Griechen und Finnen orientiert und hatte ein mythisches England vor Augen. Sein Werk steht damit eigentlich noch mit einem Bein in einem realen Europa und der letzte Schritt auf dem Weg von der Realität zu einer absolut losgelösten Fantasiewelt hat sich also vielleicht erst in den Köpfen von Tolkiens Lesern und Nachahmern vollzogen.

Das Interessante am „Silmarillion“ ist gerade, dass es kein Roman ist. Tolkien selbst war zwar wie gesagt kein Fan von Vergleichen mit den klassischen Sagen und Mythen, aber er wollte trotzdem die Ähnlichkeit zu den berühmten uralten Texten. Die stilistischen Mittel, mit denen er seinen neuen Mythos wie einen antiken Text klingen lässt, bestehen insbesondere im Verzicht auf modernes Erzählen. Selbst über wichtige Figuren wie beispielsweise Feanor, den Schöpfer der Silmaril, erfahren wir erstaunlich wenig. Wie genau er aussieht, wie er sich bewegt, wenn er einen Raum betritt, seine Art zu Sprechen, seine Gedanken und was auch immer uns ein moderner Roman uns sonst noch alles von ihm zeigen würde, bleibt uns verborgen. Wir müssen uns mit einer knappen Zusammenfassung seiner befremdlichen Taten zufriedengeben und bis zuletzt bleibt die wichtige Figur uns ein Unbekannter. Wer im Silmarillion nach Helden sucht, mit denen man sich identifiziert und mitfiebert, wird enttäuscht. Selbst eine durchweg positive Figur wie Beren hält Tolkien dem Leser auf Distanz, indem er alles weglässt, was uns im modernen Erzählen mit den Figuren verbindet.

Genau dadurch klingt das Silmarillion wie eine alte Überlieferung und paradoxerweise gewinnt die Handlung durch diese Weglassungen an Realität. Der Text würde seinen besonderen Reiz verlieren, wenn Tolkien hemmungslos von den inneren Beweggründen seiner Figuren erzählen und beliebig nah an sie heranzoomen würde. Mancher historische Roman, so gut er auch recherchiert sein mag und so wahr auch die Begebenheiten sein mögen, auf denen er basiert, klingt weniger real als das völlig frei erfundene Silmarillion, weil Tolkien alles weglässt, was wir realistischerweise über so lange zurückliegende Vorgänge sowieso nicht wissen könnten. Eine voll auserzählte Szene, in der wir Feanor leibhaftig vor Augen sehen und seine Stimme hören, wäre ein unglaubwürdiger Anachronismus, denn den modernen Erzähler, der auf das alles geachtet hätte, gab es zu Feanors Zeiten nicht. Indem Tolkien sich auf das beschränkt, was eine tatsächliche, viertausendjahre alte Überlieferung enthalten könnte, ahmt er die alten Texte glaubhaft nach. Meiner Meinung nach gelingt es ihm damit genau das einzufangen, was die alten Mythen oft so faszinierend macht und velleicht ist das ein wesentlicher Grund für Tolkiens singulären Status in der Fantasy-Literatur. Für mich ist das Silmarillion jedenfalls ein elegant geschriebenes Buch voll interessanter Ideen, das sich zu lesen lohnt.


Das Silmarillion von J.R.R. Tolkien auf Amazon


.
mit natürlicher Intelligenz hergestellt


Bilder von Ted Nasmith zu Szenen aus dem Silmarillion

Nerd of the Rings, der ultimative Youtube-Kanal für Tolkien-Nerds


Ähnliche Beiträge:

Ein Gedanke zu “Neue Mythen für England | „Das Silmarillion“ von J.R.R. Tolkien

Hinterlasse eine Antwort zu Martina Antwort abbrechen