Einiges ist anders beim Bachmannpreis 2023. Vea Kaiser und Michael Wiederstein sitzen nicht mehr in siebenköpfigen der Jury. An ihrer Stelle mit dabei sind diesmal die deutsche Kulturwissenschaftlerin und Schriftstellerin Mithu Sanyal und der schweizer Literaturwissenschaftler und Autor Thomas Strässle. Wie bisher ist die deutsche Germanistin Insa Wilke die Vorsitzende der Jury, die Leiterin des Literaturteils der „Welt“ Mara Delius ist dabei, die österreichische Literaturkritikerin Brigitte Schwens-Harrant, der ebenfalls österreichische Literaturprofessor Klaus Kastberger und der in Zürich lebende Schriftsteller und Fernsehmoderator Philipp Tingler. Unverändert ist eigentlich, dass vierzehn Autorinnen und Autoren für den Preis nominiert werden. Zwei haben aus privaten Gründen abgesagt, aber zwölf Texte sind immer noch mehr als genug.
„Sonne in Scherben“ von Jayrome C. Robinet
Der Wettbewerb beginnt mit dem hoch emotionalen Text „Sonne in Scherben“ von Jayrome Robinet. Da Corona jetzt offiziell als beendet gilt, lesen die Autoren in diesem Jahr wieder im selben Studio des ORF, in dem hinter ihnen das Publikum und vor ihnen in einem Halbkreis die Jury sitzt. Jayrome Robinet liest mit Leidenschaft und fängt gegen Ende sogar an zu singen. Sein Text handelt zunächst von Kindheitserinnerungen eines weiblichen Ich, das seinem Vater voller Bewunderung beim Singen und Reparieren von Haushaltsgeräten zusieht. Auch von seiner Arbeit auf der Baustelle ist das Kind fasziniert. Als Erwachsene entscheidet das erzählende Ich sich dazu, das Geschlecht zu wechseln und ein Mann zu werden. In der Sauna lernt er eine Frau namens Angèle kennen und sie werden ein Paar und wollen ein gemeinsames Kind. Weil Angèle unfruchtbar ist, entscheidet er sich als Mann schwanger zu werden, was einerseits eine wissenschaftliche Sensation ist aber ihn andererseits in den sozialen Medien zum Opfer eines Shitstorms macht. Die hasserfüllte Öffentlichkeit gönnt dem Paar sein Glück nicht. Der Text kehrt dann zu Erinnerungen aus der Kindheit zurück, zunächst zur Beerdigung von Vater und Bruder, die offenbar verunglückt sind, und dann zur Geburt des Bruders. Er endet damit, dass der Ich-Erzähler Vater wird.
Die Jury lobt die leidenschaftliche Performance des Autors. Aber gleich in der ersten Wortmeldung benutzt Mara Delius das Wort, das wie eine Gewitterwolke über dem gesamten Wettbewerb hängen wird, die sich am letzten Lesetag in einer heftigen Grundsatzdebatte entladen soll. Sie nennt den Text konventionell. Außerdem sei er anrührend, aber sprachlich zu statisch und die Veränderung, die der Erzähler durchmache, werde nicht wirklich deutlich. Philipp Tingler greift den Vorwurf auf, unterscheidet aber zwischen der äußerlich unkonventionellen Handlung und einer innerlichen Konventionalität des Textes. Er findet den Text an den Stellen gut, an denen er eine ironische Distanz zu sich selbst aufbaut. Auch Klaus Kastberger findet den Text konventionell, lobt aber ausdrücklich die Performance und das Gesamtpaket, dass Herr Robinet mit seinem Text und seinem Vorstellungsvideo abgegeben habe. Er sieht darin ein Beispiel dafür, dass es nicht immer sinnvoll sei, das erzählende Ich streng vom Autor zu trennen, so wie man es im Literaturseminar lerne. Gemeint ist damit sicher auch, dass der Autor wie sein Erzähler eine Transition von einer Frau zum Mann vollzogen hat. Brigitte Schwens-Harrant findet Anfang und Ende des Textes gut, aber der Mittelteil, in dem es um den Geschlechtswechsel und die Schwangerschaft des Erzählers geht, wirkt für sie wie eingeschoben. Auch Thomas Strässle lobt Anfang und Ende. In der Mitte des Textes stört er sich an einem fiktiven Dialog, in dem der Erzähler auf eine seiner Meinung nach zu didaktische Art dem verstorbenen Vater seine Geschlechtlichkeit erklärt. Was die Konventionalität betrifft, glaubt Herr Strässle allerdings, dass sie durch die Verspieltheit des Textes aufgehoben wird. Auch Insa Wilke findet den Text nicht konventionell sondern lobt ihn für seine Tonwechsel, seine Bilder und subtile Vorausdeutungen. Mithu Sanyal hat den Text vorgeschlagen, der für sie einen Wechsel zwischen großer Trauer und Entspannungsmomenten darstellt. Sie habe beim Lesen geweint und der Grund dafür sei die Liebe und Zärtlichkeit des sehr authentischen Textes. Ich selbst finde den Text übrigens ganz gut, habe in meinen spontanen Notizen aber zwei mal das Wort Kitsch stehen, weil es mir mit dem Gesang und der Emotionalität manchmal etwas zu viel war. Im Nachhinein ist es genau der richtige Auftakttext für den diesjährigen Bachmannwettbewerb, weil einige zentrale Aspekte der späteren Texte und Diskussionen schon wie in einer Ouvertüre vorgeführt werden: autobiografische Themen, der Versuch, sich innerhalb der Familie zu erklären, ein Leiden unter dem Anderssein und vor allem das Streitthema Konventionalität.
Ich finde es interessant, dass das Thema der Konventionalität hier direkt von Anfang an eine Rolle spielt und auch ganz am Ende des Wettbewerbs noch kontrovers diskutiert werden soll. Der Bachmannpreis ist ja, obwohl er auf einer ständigen Suche nach dem unkonventionellen Text ist, selbst eine eher konventionelle Veranstaltung. Strukturell ist alles nach gewohntem Muster durchgetaktet und auch sprachlich gibt es einen Rahmen, an den man sich hält. Zum Beispiel scheint es strikte Konvention zu sein, die Veranstaltung auf keinen Fall als Wettbewerb zu bezeichnen, sondern immer als Bewerb, weil das Österreichisch ist und man das eben so macht. Eine andere sprachliche Konvention führt dieses Jahr – Entschuldigung: heuer! – gleich von Anfang an zu Schwierigkeiten. Als Frau Delius Insa Wilke in der Diskussion zu Herrn Robinets Text zum ersten mal anspricht, duzt sie ihre Kollegin, korrigiert sich aber sofort und geht dann konsequent zum Sie über. Auch später im Wettbewerb entsteht immer wieder Verwirrung, weil Juroren vergessen haben, ob sie unter einander noch beim Sie, schon beim Du oder inzwischen schon wieder beim Sie angekommen sind. Die Jury befindet sich also in ständiger Balance zwischen sprachlicher Konvention und Unkonventionalität und das gelingt ihr mal mehr und mal weniger.
„Verwechslungen“ von Andreas Stichmann
Es geht weiter mit „Verwechslungen“ von Andreas Stichmann. Der Ich-Erzähler glaubt in dem Krankenhaus, in dem er sich als Patient befindet, einem alten Bekannten wieder zu begegnen. Ein gewisser Alexander Germ, den er aus lange zurückliegenden Schulzeiten als Schläger kannte, arbeitet dort nun als Pfleger. Aber als er ihn anspricht, stellt sich das Wiedererkennen, wie der Name des Textes schon sagt, als Verwechslung heraus, die sich am Ende sogar noch einmal wiederholt, als er einen ganz anderen Mann fälschlich für denselben Alexander Germ hält. Es ist also ein sehr unzuverlässiger Erzähler, der offiziell wegen einer Nesselsucht im Krankenhaus ist, aber offenbar noch andere Probleme hat, die in Szenen aus dem Krankenhausalltag angedeutet werden. Seine Ex-Frau bringt ihm das Liegerad vorbei, das sie ihm einmal als Kritik an seinem Spießertum geschenkt hat und das er trotz der Spießigkeit inzwischen mag. Er skyped mit seinen Kindern und die Verbindung ist technisch aber auch auf einer inhaltlichen Ebene gestört. In einer Gruppe mit anderen Patienten spielt er perkussive Instrumente und stellt sich dabei vor, er würde mit seinen Kindern musizieren. Am Ende, als er zum zweiten Mal Alexander Germ zu erkennen glaubt, besucht ihn seine Familie zu seinem 65. Geburtstag. Es geht insgesamt um eine ständige Unsicherheit und um das Gefühl, sich auf mehreren Ebenen zu irren. Mir hat dieser Text sehr gut gefallen.
Mara Delius, Philipp Tingler und Thomas Strässle sehen diesen Text sehr positiv. Für Frau Delius ist es ein herausragender, subtiler, grotesk komischer und – als das höchste Lob – sogar ein unkonventioneller Text. Herr Tingler findet den Klinik-Kontext sehr gelungen, in dem der Text aus seiner Sicht eine verwunschene Atmosphäre kreiert. Die Verwechslungen und andauernden Rekonstruktionsversuche der Wirklichkeit findet er sehr gut. Herr Strässle sieht in dem Text die Darstellung einer bestürzenden Banalität und eine erstaunliche Selbstdistanz. Insa Wilke erkennt Verbindungen zu Rilke und zu Loriot. Für sie handelt es sich nicht um einen unzuverlässigen sondern einen sehr verlässlichen Erzähler, der sich aber in einer Loriot-haften Männlichkeitskrise befindet. Auch wenn der Text gut gearbeitet sei, fehle ihr aber ein gewisser Bruch. Ähnlich äußert sich auch Frau Schwens-Harrant, die den Text zwar lobt, aber gewisse Abgründe vermisst, die sich ihrer Meinung nach noch darin auftun sollten. Mithu Sanyal kann für sich keine echte Verbindung zu dem Text herstellen und sieht dieses Problem durch den von Frau Wilke angeführten Vergleich mit Loriot bestätigt, mit dem sie ebenfalls nicht viel anfangen kann. Die ablehnenste Haltung vertritt Herr Kastberger, der den Text erst einmal auf einer technischen Ebene lobt und dann aber hinzufügt, er sei ihm zu glatt und eigentlich schon zu perfekt. Im Vergleich zu späteren Texten liege dieser für ihn nur im Mittelfeld und sei eher langweilig. Er gehe ihm nicht weit genug und hätte so auch schon vor 30 Jahren beim Bachmannpreis gelesen werden können. Mir erscheint diese Kritik etwas unmotiviert und erinnert mich an letztes Jahr, als Herr Kastberger die Texte von Andreas Moster und Behzad Karim Khani aus zweifelhaften Gründen einfach nicht mochte. Am Ende der Besprechung kommt es dann noch zu einer Diskussion über ein weiteres Kriterium, das neben der Konventionalität bei diesem Wettbewerb unter Beschuss stehen wird, nämlich um die Frage, ob man sich mit dem Erzähler beziehungsweise der Hauptfigur des Textes identifizieren können muss. Frau Sanyal, Herrn Strässle und Herrn Kastberger gelingt das bei diesem Text nicht und Frau Delius empfindet es als empörend, dass dieses Identifikationsproblem hier überhaupt eine Rolle spielen und ein Text aus diesem Grund schlecht sein soll. Nachdem der Text also am Anfang der Diskussion sehr gelobt wurde, hat sich gegen Ende doch eine gewisse Distanziertheit mehrerer Jurymitglieder gegen den Text ausgedrückt, was ich schade finde. Für mich war dieser Text deutlich besser, als das von Herrn Kastberger genannte Mittelfeld des Wettbewerbs.
„Er putz“ von Valeria Gordeev
Der Beitrag von Valeria Gordeevs ist ein minimalistischer Text, denn mit seinem Titel „Er putzt“ ist die Handlung schon erzählt. Eine männliche Hauptfigur reinigt mit manischer Akribie den Abfluss in der Küche seiner Mutter. Es wird bis ins letzte Detail beschrieben, wie er die Abflussteile auseinandernimmt und mit selbst hergestellten Putzmitteln und raffiniertesten Techniken den Schmutz bekämpft. Dabei regt er sich über die Mutter auf, die seinen Reinlichkeitswahn nicht zu teilen scheint. Während des Putzvorgangs, der sich durch den gesamten Text zieht, hört er außerdem wie seine jüngere Schwester im Wohnzimmer fern sieht. Er versteht nicht, warum sie sich „Emergency Room“ anschaut, eine Serie, in der nur schreckliche Dinge passieren und die seiner Meinung nach aus einem ständigen Wechsel zwischen „Schrecken und Besänftigung“ besteht. Die Zeichentrickserie „Es war einmal das Leben“ ist ihm schon lieber, weil dort gezeigt wird, wie die Weißen Blutkörperchen im Körper aufräumen und man Respekt vor der Welt der Bakterien bekommt. Während das Verhältnis zur Mutter unklar bleibt, zeigt sich hier in seinen Überlegungen, dass er sich um die Schwester zumindest Sorgen macht. Er regt sich dann darüber auf, dass die Schwester sich mit Wattestäbchen die Ohren reinigt und die Mutter den Deckel des Mülleimers nicht richtig aufsetzt. Ich habe hier einiges über Edelstahlscheuermilch und Essigreiniger erfahren, aber ich kann mit diesem Text ehrlich gesagt nur wenig anfangen. Vielleicht liegt es bei mir an einer tief verwurzelten Abneigung zum Thema Putzen, vielleicht aber auch, weil ich bei diesen Texten immer noch ganz konventionell auf eine Art Handlung oder auf noch mehr Zwischenmenschliches hoffe.
Die Jury andererseits ist völlig aus dem Häuschen. Thomas Strässle findet es toll, dass der Putzvorgang so genau beschrieben wird. Auch den Kontrast zwischen dem neurotischen Putzenden und seiner entspannt fernsehenden Schwester findet er super. Es ist für ihn ein kolossal guter Text. Auch Klaus Kastberger lobt, wie präzise das Putzen beschrieben ist und er sieht den Reinigungsvorgang hier auf zwei Ebenen geschildert, nämlich an der Oberfläche der Abflussrohre und in der Tiefe, wenn es um die Blutkörperchen geht, die in der Zeichentrickserie den Körper von innen reinigen. Er findet außerdem, dass der Text sein eigenes Funktionieren beschreibt und ähnlich äußert sich auch Philipp Tingler, der in dem auf die Serie „Emergency Room“ bezogenen Prinzip von „Schrecken und Besänftigung“ auch das Prinzip des Textes erkennt. Brigitte Schwens-Harrant lobt, dass der Text seine spezielle Perspektive aus der Sicht des neurotischen Putzers konsequent durchhält. Sie erwähnt die zwischenmenschliche Problematik, die durch den vordergründigen Putzvorgang durchscheint, nämlich dass die Mutter arbeiten muss und die Hauptfigur sich um die Schwester kümmert. Insa Wilke sieht es als positiv, dass der sehr sorgfältige Text verschiedene Lesarten hervorrufe. Einerseits sei er sehr komisch, aber er handele indirekt auch vom Krieg, wenn die Putzmittel wie Kampftruppen beschrieben werden. Auch Mara Delius und Mithu Sanyal loben den Text, aber in ihren Wortmeldungen werden die Probleme zumindest angedeutet, die ich persönlich mit dem Text habe. Frau Delius sagt, sie konnte am Anfang nichts mit dem Text anfangen, habe dann darin aber die Beschreibung einer Neurose erkannt. So ging es mir auch, aber ich hätte dann eigentlich erwartet, dass sich der Text vom Putzvorgang löst und sich in eine andere Richtung entwickelt. Aber wie Frau Schwens-Harrant schon betont, bleibt er konsequent beim Putzen. Mithu Sanyal findet es zwar gut, dass sie zum Putzversessenen eine gewisse Nähe fühle und er mit allem Empathie habe, sogar mit den Kalkflecken, aber andererseits fehle ihr in diesem Text etwas. Vor fünf Jahren hätte der Text sie wahrscheinlich komplett gelangweilt, aber durch die Pandemie seien wir inzwischen ja alle zwangsneurotisch geworden und deshalb sei der Text sehr aktuell. An dieser Äußerung stört sich Philipp Tingler, der darauf hinweist, dass nicht alle zwangsneurotisch seien und diese Behauptung für Leute, die wirklich Zwangsneurosen haben, sehr problematisch sei. Frau Sanyal findet es witzig, dass Herr Tingler bei ihr vermeintlich fehlende political correctness bemängelt und es soll nicht das letzte mal sein, dass Herr Tingler in diesem Wettbewerb andere Juroren zurechtweist. Aber mit Valeria Gordeevs Text ist gestörte innerfamiliäre Kommunikation jetzt als Hauptthema des Wettbewerbs etabliert und dann darf die Jury diesem Trend natürlich auch folgen.
„Eve Sommer“ von Anna Gien
„Eve Sommer“ von Anna Gien ist ein kollagenhafter Text, der aus Tagebucheinträgen besteht. Die Einträge sind an ein Du adressiert und es stellt sich im Lauf des Textes heraus, dass damit ein Beziehungspartner gemeint ist, dem die Erzählerin von ihren Träumen berichten will. In einer der Traumszenen werfen blonde Kinder Backsteine auf ihren Balkon und sie wird von einem am Kopf getroffen. In einer anderen Szene hat sie eine Affäre mit Thomas Bernhard, der seinen Tod vorgetäuscht hat, um unter Pseudonym weiter schreiben zu können. Es geht in diesem Text auf einer existentialistischen Ebene irgendwie darum, wie sie selbst und ihr Partner sind und was sie fühlen. Es geht auch wieder um gestörte Kommunikation. An einer Stelle heißt es: „Ich kann mich nicht ausdrücken,“ was in einem Wettbewerbstext meiner Meinung nach schon ein sehr gewagter Satz ist. Zu den Schwierigkeiten der Erzählerin, ihre ganz fundamentalen Empfindungen zu beschreiben, kommt als Problem hinzu, dass das angesprochene Du diese erst gar nicht hören will. Am Ende bittet sie ihn darum, mit ihr nach draußen zu gehen und sich ihren Traum anzuhören, aber er will erst einmal, dass sie ihm ein Glas Wasser bringt und dann streiten sie sich darüber, weil er nur Leitungswasser wollte und sie ihm etwas anderes gebracht hat. Dann hört er sich ihren Traum doch noch an. Mich stört an diesem Text ein spürbares Bedürfnis, unbedingt rätselhaft und künstlerisch sein zu wollen. Es ist alles irgendwie total deep.
Mara Delius spricht von einem aus Gefühlen zusammengesetzten, extrem dichten Innerlichkeitsbericht. Es gehe um ein blindes Suchen. Dass der Text keine Handlung habe erwähnt sie natürlich als positiv. Außerdem sieht sie hier ein weibliches Schreiben, was mich überrascht. Für Insa Wilke ist es sogar ein feministisches Schreiben, was ich noch weniger nachvollziehen kann. Außerdem habe sie bei ihren größtenteils vergeblichen Interpretationsversuchen der vielen Bilder und Zeichen einen Bezug zur Fernsehserie „Westworld“ erkannt, die ich leider nie gesehen habe. Sie und Philipp Tingler sehen noch einen weiteren überraschenden Zusammenhang zur künstlichen Intelligenz. Herr Tingler findet sich zunächst in derselben Situation wieder, wie das im Text angesprochene Du, das sich für all diese Träume und Gefühle überhaupt nicht interessiert. Es gebe zwar vereinzelt gute Stellen, aber ansonsten sei das alles prätentiöse, hermetische und natürlich konventionelle Befindlichkeitsprosa, die um sich selbst kreise, wie ein Staubsaugerroboter. Es sei so als habe man ChatGPT darum gebeten, einen Wettbewerbstext zu schreiben. Frau Wilke nimmt diesen Hinweis ernst und weist darauf hin, dass in Anna Giens Vorstellungsvideo als Hintergrundmusik „Die Moldau“ zu hören ist. Dabei handele es sich um Programmmusik und sie hält es für möglich, dass Anna Gien Abschnitte des Textes von dem Programm ChatGPT hat schreiben lassen, als künstlerisches Mittel, um damit die Frage nach der Autorenschaft zu behandeln. Die anderen Juroren gehen auf diese spannende These leider nicht weiter ein. Allerdings stimmt Herr Kastberger darin zu, dass es in dem Text um die Autorenschaft gehe, wobei der Text aber nicht sich selbst legitimiere. Die Erwähnung von Thomas Bernhard und seine ungewöhnliche Darstellung als ein sexuelles Wesen findet Herr Kastberger originell, was mich auch wieder überrascht. Die Gefühlswelten in diesem Text sind ihm aber zu wenig ausgeformt. Für ihn stellt sich außerdem die Frage, ob es überhaupt ein literarischer Text sei. Auch Brigitte Schwens-Harrant sieht die Frage der Literarizität wegen der Tagebuchform kritisch. Für sie wird der Text dadurch unglaubwürdig, dass er die Stimmungswechsel nicht sprachlich ausgestaltet sondern eintönig bleibt. Sie findet ihn außerdem pathetisch. Mithu Sanyal findet den Text mutig, weil er sie an eine Gefühlsbetontheit in ihrem eigenen Schreiben erinnere, die sie sich inzwischen abgewöhnt habe. Auch für sie geht es hier um ein weibliches Schreiben, das man unterdrückt, weil es in der männlich geprägten Literatur nicht ernstgenommen werde. Sie hält den Text allerdings auch für abgeschlossen und glaube, dass er sie als Leserin nicht an sich heranlassen wolle. Insgesamt erhält der Text von der Jury also ein eher negatives Urteil und die spannende Frage, ob ChatGPT irgendwann den Bachmannpreis gewinnt, wird nur kurz angerissen. Frau Sanyals Behauptung, der Text wolle sie ja gar nicht als Leserin, gefällt mir sehr gut und ich werde das jetzt auch immer behaupten, wenn mir ein Text nicht gefällt.
„Taube Früchte“ von Sophie Klieeisen
In Sophie Klieeisens Text „Taube Früchte“ begleiten wir einen Ich-Erzähler, anscheinend einen Journalisten, zur Einweihungsveranstaltung des neuen Berliner Stadtschlosses. Er steht zuerst in der Presseschlange, beobachtet die anderen Gäste und hört Gesprächsfetzen mit. Verschiedene Persönlichkeiten des Kulturbetriebs tauchen auf. Ein Gutachter spricht über ein Gebäudegutachten des früheren Palasts der Republik und referiert über DDR-Geschichte. Dem Journalisten fällt unter den Gästen eine junge Frau auf, die Greta heißt. Eröffnungsreden werden gehalten, der Kulturminister gibt ein Interview und eine Band tritt auf. Wie es im Text selbst heißt, geht es um das „Spiel des Gehört- und Gesehen-Werdens“ im Berliner Kulturbetrieb, der hier panoramahaft dargestellt wird. Alles wird erklärt und ironisch kommentiert und insofern wirkt dieser Beitrag auf mich wie ein Feuilleton-Text. Am Ende geht es wieder um Greta, die den Erzähler zu faszinieren scheint und die jetzt an einem besonderen Punkt in der Architektur steht, an dem sich das Licht bündelt. Greta ist das Neue, so das Fazit des Textes. Der Schluss wirkt auf mich pathetisch und es ist insgesamt der dritte Beitrag in Folge, mit dem ich leider nichts anfangen kann. Aber ich glaube, der Text will mich auch gar nicht als Leser.
In der Jury-Diskussion geht es im Wesentlichen um drei Fragen: Ist das ein journalistischer Text? Was ist seine politische Aussage? Und was soll diese Greta? Die erste Frage wirft Thomas Strässle auf. Für ihn hat der kollagenhafte Text Züge einer Reportage. Thematisch findet er gut, dass mehrere historische Ebenen in einander geblendet werden, aber die Figuren dozieren ihm zu viel. Auch Brititte Schwens-Harrant stört sich daran, das in diesem Text zu viel referiert wird. Dadurch werde zwar viel Information hineingepackt, aber vieles werde trotzdem nur angedeutet und der Text bleibe dadurch an der Oberfläche seiner gesellschaftlichen und politischen Themen. Zur Genre-Frage bemerkt Frau Schwens-Harrant, dass Reportagen stark mit erzählerischen Mitteln arbeiten und die Grenzen zwischen erzählerischem und journalistischem Text sowieso nicht klar sind. Mara Delius und Philipp Tingler sehen hier keinen journalistischen sondern einen sehr literarischen Text. Herr Tingler, der den Text vorgeschlagen, hat ordnet ihn dem Genre der Gesellschaftsprosa zu. Sein Thema sei, wie innerhalb der Gesellschaftsstrukturen das Mittelmaß nach oben gespült werde. Der Text zeige die Komik gesellschaftlichen Versagens. Auf Nachfrage von Frau Schwens-Harrant sagt Herr Tingler, dass er unter Mittelmaß den Opportunismus und Karrierismus verstehe, der hier vorgeführt werde. Herr Kastberger widerspricht dieser gesellschaftspolitischen Interpretation. Er findet die mit dem Text verbundene politische Thematik aber spannend und sieht dort eine Kulturgesellschaft dargestellt, die Angst hat, aber wovon sie sich bedroht fühlt werde in diesem sehr symbolischen Text nur angedeutet. Für Insa Wilke ist hier sowohl stilistisch als auch inhaltlich vieles schon bekannt und ein Bruch hätte den Text für sie aufgewertet. Was das Politische betrifft ist Frau Wilke außerdem der Meinung, es gehe um eine kritische Darstellung konservativer Identitätspolitik, aber Herr Tingler glaubt, der Text kritisiere jede Form von Identitätspolitik, sowohl rechte als auch linke, denn die vorgeführten Phrasen seien auf beiden Seiten identisch. Zur Gretafrage sind sich alle anscheinend einig, dass Greta Thunberg gemeint ist, aber da niemand den Namen aussprechen will, bleibt die Jury hier auf den selben Andeutungsebenen, wie der Text selbst. Herr Tingler ist allerdings wegen der Lichtsymbolik und ihren Stiefeln aus Ziegenleder der Meinung, dass es sich bei Greta in diesem Text um eine Darstellung des Teufels handelt. Herr Kastberger behauptet zwar, das Österreicher generell Experten für den Teufel seine, aber warum ein Teufel hier ausgerechnet Greta heißen muss, ist ihm trotzdem nicht schlüssig. Mithu Sanyal ist zwar von diesem Text beeindruckt, den sie sehr gegenwärtig findet und der mit Statik und Distanz arbeite, aber wo der Text hingehe, sei ihr nicht klar. Insgesamt gibt es also neben den sehr positiven Stimmen von Frau Delius und Herrn Tingler einige Kritik und Unentschlossenheit zu diesem Beitrag, den niemand wirklich schlecht findet, aber der die Jury insgesamt auch nicht begeistern kann.
„Mit Wänden sprechen/Pole sind schwierige Volk“ von Martin Piekar
Nach einer Reihe von Beiträgen, mit denen ich zwischen Wenig und Nichts anfangen konnte, kam jetzt für mich die Erlösung. In Martin Piekars Text „Mit Wänden sprechen/Pole sind schwierige Volk“ geht es um das Zusammenleben eines männlichen Ich-Erzählers mit seiner aus Polen stammenden Mutter in einer kleinen Wohnung. Sie führen ein gegensätzliches Leben, in dem sie sich immer mehr von einander abwenden und sich darin trotzdem sehr ähnlich sind. Die Mutter schaut im Fernsehen Gerichtsshows und fängt damit an, mit fiktiven Personen zu reden. Der Sohn hört das von seinem Zimmer aus und weil er es nicht ertragen kann, dreht er die Musik laut auf. Die Mutter trinkt zu viel Alkohol und er spielt suchthaft Computerspiele. Der Text wird an einigen Stellen dadurch unterbrochen, dass der Erzähler allgemeine Einsichten einstreut, die er als Pflegetipps bezeichnet. Als er die Mutter bittet, damit aufzuhören, ihre immer häufiger werdenden Monologe mit imaginären Personen zu führen, will sie sich das nicht nehmen lassen und fühlt sich von ihm angegriffen. Die Stimmung zwischen ihnen wird feindselig und der ihre Zimmer verbindende Flur wird zum „Frontverlauf“, wie es im Text heißt. Während sie weiter mit der Wand redet, hört er in seinem Zimmer laut Metal und schreibt Gedichte. Der Konflikt steigert sich und mündet in einen lauten Urschrei, den Martin Piekar an dieser Stelle seiner Lesung ausstößt. Nach dem Schrei folgt ein an den Sohn gerichteter Monolog der Mutter. Mit polnischem Akzent und eingestreuten polnischen Begriffen erzählt sie von der Situation ihrer Familie unter Stalin, von ihrer Mutter und von ihrem Vater, der ihr aus dem Westen Pakete geschickt hat, von ihrer Flucht nach Deutschland und der Geburt ihrer Kinder. Es ist ein bewegendes Ende, in dem die Mutter das Schweigen bricht und sich die Distanz zwischen Mutter und Sohn auflöst.
Insa Wilke findet, es ist ein menschlich kluger Text, ein Plädojer für Räume mit negativen Gefühlen, in dem es um Trauer und Liebe geht, und ein ungewöhnliches Requiem. Aus Martin Piekars Vorstellungsvideo ist bekannt, dass er um seine Mutter trauert, die zweieinhalb Monate vor dem Wettbewerb gestorben war. Mithu Sanyal sagt, sie habe bei diesem Text geweint und das gesagte gehe ihr sehr nah. Die eingestreuten Pflegetipps fand sie unnötig, aber sie lobt die Steigerung des Konfliktes im Text und den Bruch, an dem die Mutter zu erzählen beginnt. Mara Delius betont daraufhin, ob man geweint habe oder nicht, sei für sie kein relevantes Kriterium, sondern es gehe für sie eher um die Sprache und wie der Text aufgebaut sei. Beides findet sie gut und sie ist beeindruckt von dem Porträt der Mutter, das der Text entwerfe. In weiteren Wortmeldungen wird der Bruch im Text thematisiert, den Martin Piekar in seiner Lesung durch seinen Schrei markiert hat. Thomas Strässle und Philipp Tingler loben zwar den Text und insbesondere auch Herrn Piekars Vortrag, aber dieser Übergang zum Monolog der Mutter kommt für sie zu plötzlich und ist aus ihrer Sicht nicht schlüssig motiviert. Brigitte Schwens-Harrant vergleicht diesen Bruch im Text mit einem Stöpsel, der sich nach aufgebautem Druck von einer Flasche löst und die angestaute Rede der Mutter herauslässt. Für Herrn Kastberger ist der Bruch völlig in Ordnung. Er meint, man könne Texte nicht mehr nach klassischen Schemata beurteilen, in denen eine Entwicklung wie in Bildungsstationen bei Goethe erst langwierig vorbereitet werden müssen. Auch die Emotionalität des Textes, die auch das Publikum im Studio gepackt habe, und die Rauheit der Sprache sieht er positiv. Während Mithu Sanyal der Meinung ist, dass der Bruch im Text durchaus motiviert ist, weil der Sohn der Mutter immer wieder Gesprächsangebote mache und sie dann eben irgendwann darauf eingeht, finden Herr Tingler und Herr Strässle den plötzlich einsetzenden Monolog der Mutter weiterhin nicht plausibel.
Ich habe das Gefühl, dass hier eine mögliche Interpretation übersehen wurde. Der Text der Mutter am Ende muss ja nicht auf der selben Realitätsebene liegen, wie der vorangegangene Konflikt. Ich glaube eher, dass dieser Monolog eine Mischung aus dem ist, was der Erzähler sich in seiner Verzweiflung wünschen würde, während er bei lauter Musik in seinem Zimmer sitzt und seine Texte schreibt. Ich sehe in diesem Monolog am Ende eher einen Wunsch-Text, den der Erzähler der Mutter in den Mund legt oder aus Sätzen zusammensetzt, die sie im Lauf ihres Lebens zu ihm gesagt hat. Diese Sätze, als die Essenz, an die er sich erinnern will, sollen das Reden mit der Wand ersetzen. Meiner Meinung nach ist der Schlussteil deshalb eine völlig plausible Synthese aus ihrem sprechen und seinem Schreiben. Da der Text ja schon als Requiem erkannt wurde, ist das eigentlich naheliegend. Für mich ist dieser Beitrag jedenfalls der beste Text des diesjährigen Wettbewerbs. Ich finde ihn emotional mitreißend und in seiner Struktur klar und originell. Es sind solche Texte, wegen denen es sich lohnt, sich mit dem Bachmannwettbewerb überhaupt zu beschäftigen.
„Wenn ich eine Zeitmaschine hätte“ von Jacinta Nandi
Der nächste Beitrag heißt „Wenn ich eine Zeitmaschine hätte“ und stammt von Jacinta Nandi. Er handelt von einer Frau, die mit der Autorin gemeinsam hat, dass sie eine junge Mutter ist und als Engländerin seit mehreren Jahren in Deutschland lebt. Während ihr Kind ihr bei einem Spaziergang von Minecraft erzählt, denkt sie über eine Affäre nach, die sie gerade mit einem anderen Mann hat und beschwichtigt sich damit, dass sie noch nicht wirklich fremd gegangen sei, „so lange kein Sperma im Spiel ist“, wie es im Text heißt. Dann denkt sie über deutsche Mütter nach, von denen sie glaubt, dass sie zu streng sind und ihre eigenen Kinder hassen. Zu Hause streitet sie sich mit ihrem gefühlskalten Mann über das Essen. Zwei andere Mütter, mit denen sie sich trifft um gemeinsam Drogen zu nehmen, empfehlen ihr zuerst, sich zu trennen, als sie von ihrer kaputten Beziehung erzählt, und schlagen dann sogar vor, den Mann umzubringen. Eine andere Freundin ist inzwischen nur noch genervt von ihren Beschwerden über ihren Mann und will davon nichts mehr hören. Ihre Reflexionen über ihre Beziehung zeigen, dass sie Angst vor den Launen ihres Mannes hat und sie fragt sich, ob sie in einer „Gewaltbeziehung“ lebe, wie es im Text mehrfach heißt. Am Ende beschließt sie, ihren Mann umzubringen. Der Text ist ein ungefilterter Einblick in einen schnellen Stream of conciousness. Mit seinem hohen Tempo und seinen Übertreibungen ist er abwechslungsreich und hat witzige Stellen.
Nachdem dieser Text ganz ungehemmt von Sperma, Muschis und Kokain erzählt hat, habe ich den Eindruck, dass die Bachmannpreisjury möglichst schnell wieder zu ihrer literaturtheoretischen Sprache zurückkehren will. Jedenfalls fällt mir auf, dass Mara Delius in ihrer ersten Wortmeldung gleich vom griechischen Topos spricht, um zu sagen, dass es in dem Text um den Gemeinplatz der deutschen Mutter geht, aber vielleicht hätte sie das nach einem anderen Text auch so formuliert. Der Text kritisiert ihrer Meinung nach das fremdbestimmte Muttertier und die tote Perfektion, die etwas über Deutschland aussage. Thomas Strässle betont ein anderes wichtiges Thema des Textes, nämlich die Frage nach der Gewalt in der Beziehung, die trotz des im Text sehr präsenten schwarzen Humors in der tragischen Frage ende, ob die Frau den Mann töten solle, um ihrem Dilemma zu entkommen. Brigitte Schwens-Harrant stimmt zu, dass die Gewalt das eigentliche Thema sei und sie sieht hier auch die Gewalt der Sprache gut dargestellt. Die Dialoge wirken für sie echt und ihr gefällt der Aufbau des Textes und seine flotte Dynamik. Mithu Sanyal lobt, dass hier mit der Gewalt in der Beziehung ein bekanntes Thema anders erzählt werde. Für sie handelt es sich nur scheinbar um einen einfachen Text. Er habe eine verborgene Komplexität und arbeite mit einer eigenen Rhythmisierung. Insa Wilke und Klaus Kastberger betonen die komischen Elemente des Textes. Die Frage, ob es sich tatsächlich um eine Gewaltbeziehung handelt, werde am Ende dem Leser überlassen, so Herr Kastberger. Der Text bleibe trotz des schweren Themas durchgehend locker und sei darin konsequent. Herr Kastberger lobt außerdem den ethnologischen Blick der Engländerin auf Deutschland und findet auch die diesbezüglichen Übertreibungen glaubhaft. Diesen sehr positiven Urteilen widerspricht allein Philipp Tingler. Für ihn ist die Szene der koksenden Mütter die beste, aber ansonsten sei auch viel schlichtes und eine gewisse Inkonsistenz in diesem Text. Das Kind ist ihm zum Beispiel für sein Alter zu schlau und reflektiert. Was Herrn Tingler aber besonders stört, ist, dass das Fremdsein in Deutschland hier zu schlicht und zu drastisch verhandelt werde. Solche Angriffe könne man sich in dieser Form eigentlich nur in Deutschland und gegen Deutsche erlauben.
Nach diesem Statement von Herrn Tingler applaudiert das Publikum im Studio, was sehr auffällig ist. Es ist beim Bachmannpreis ausgesprochen selten, das die Jury für ihre Ansichten Szenenapplaus erntet. Ich kann mich irren, aber mir kam es schon während der Lesung so vor, als hätte das Publikum eine gewisse Abneigung gegen diesen Text. An den witzigeren Stellen habe ich jedenfalls nur kühles Schweigen gehört, obwohl Jacinta Nandi für eventuelle Lacher die nötigen Pausen gelassen hat. Manche im Publikum hat die Attacke gegen die deutsche Mutter anscheinend wirklich gestört. Ich muss Philipp Tingler in diesem Punkt auch recht geben und vielleicht sogar noch ein Stück weitergehen. Immerhin heißt es im Text, deutsche Mütter sollten nach der hier herrschenden Konvention „innerlich tot“ sein und „ihre Kinder töten wollen“. Die Unterschicht gebe den Kindern verschimmeltes Brot und die Oberschicht Bio-Brot, aber beide mit dem selben Ziel, die eigenen Kinder zu töten. An einer anderen Stelle heißt es über deutsche Omas, dass sie Kinder und Mütter immer böse anschnauben und traurig darüber seien „den Holocaust verpasst“ zu haben. Der Text stellt an diesen Stellen den Hass der Hauptfigur auf die deutschen Mütter und Großmütter nicht nur dar, sondern übernimmt ihn undistanziert und lebt von dem durch die Übertreibungen gegebenen Humor. Es ist an diesen Stellen also ein aus der Sicht einer Engländerin erzählter Ausländerwitz über die Deutschen. Ich stimme allerdings auch Klaus Kastberger in seiner Erwiderung auf Herrn Tinglers Kritik zu, dass man das alles nicht so ernst nehmen und sich nicht weiter darüber aufregen muss. Die Jury sieht den Text am Ende mehrheitlich positiv und mir hat er auch ganz gut gefallen.
Nach der Jury-Diskussion fragt der Moderator die Autoren immer, ob sie noch ein letztes Wort hinzufügen möchten und Jacinta Nandi ist die einzige, die sich an dieser Stelle nicht einfach nur bei der Jury bedankt und das Studio verlässt, sondern tatsächlich noch etwas zu sagen hat, aber nicht etwa über Herrn Tinglers Kritik. Sie ist der Meinung, dass es beim Bachmannpreis in Zukunft eine Kinderbetreuung geben sollte. Das finde ich besonders deshalb witzig, weil es ja, wenn es dazu kommt, überwiegend die in ihrem Text so übel zugerichteten deutschen Mütter sein werden, die von einer solchen Einrichtung profitieren. Wer weiß, vielleicht ist diese letzte Ansage von Frau Nandi ja als eine Art Friedensangebot an die deutsche Mutter gerichtet.
„Fische fangen“ von Anna Felnhofer
In Anna Felnhofers sehr ernstem Text „Fische fangen“ geht es um einen Schüler, der von drei Mitschülern brutal verprügelt wird. Es wird angedeutet, dass der junge Protagonist an einer psychischen Krankheit leidet und die Gesichter anderer Menschen nur in Bruchstücken wahrnimmt und nicht wiedererkennen kann. Der Text setzt sich ebenfalls bruchstückhaft aus Szenen einer monotonen und deprimierenden Kindheit zusammen. Nicht nur von den Mitschülern wird der Protagonist immer wieder geschlagen, sondern auch von der eigenen Mutter, die er als eine Fremde wahrnimmt. Nachts notiert er sich etwas und plant heimlich, ein anderer zu werden. Dass er immer wieder geschlagen und verprügelt wird, rechtfertigt er vor sich selbst als eine Reaktion auf dieses Anders-Sein-Wollen. Er findet sich mit der gegen ihn verübten Gewalt ab und stimmt ihr schließlich sogar zu. Der Text kehrt am Ende zu der Ausgangssituation zurück und an der Seite der drei ihn verprügelnden Mitschüler erkennt das Opfer plötzlich als vierte Person sich selbst unter den Tätern. Er erinnert sich dabei an einen gefangenen Fisch, den er einmal dabei beobachtet hatte, wie er elend verendete und dabei, nach seiner Interpretation, sich mit seinem Leiden nicht nur abgefunden, sondern es sogar gewünscht hat. Ganz im Gegensatz zum vorangegangenen Beitrag, der ja auch von Gewalt handelte, ist Anna Felnhofers Text also bedrückend und trostlos und ich finde ihn anstrengend aber sehr gut.
Die Jury ist sich über die positiven Qualitäten dieses Textes sehr einig. Allein Mithu Sanyal empfindet es als negativ, dass es hier keine Wärme und Hoffnung gibt. Für ihren Geschmack ist der Text zu apokalyptisch. Aber sie lobt seine Raummetaphern und empfindet ihn als sinnlich einnehmend. Insa Wilke meint, es gehe in dem Text um das Nichtaushalten nicht erkannt zu werden und das spiegele sich auch in seiner Struktur wieder. Thomas Strässle liefert eine Interpretation, die ich interessant finde, indem er sagt, dass es in diesem Text um Anerkennung gehe. Das hier gezeigte Opfer von Gewalt habe sich mit seiner Rolle nicht nur abgefunden sondern von ihm selbst gehe der Zwang zur Gewalt gewissermaßen aus, weil das tragischerweise der einzige Weg für ihn sei, Anerkennung zu gewinnen. Philipp Tingler stimmt dieser Deutung zu und betont, dass es sich dabei um einen Tabubruch handelt. Der Text sei obwohl es um Gewalt gehe nicht moralisierend sondern lakonisch, konzentriert und präzise und insgesamt ein großes Erlebnis. Auch Klaus Kastberger greift die paradoxe Haltung des Opfers zur Gewalt auf und zieht einen Vergleich zu Jean Amérys Essay „Die Tortur“ über die Folter und das unfassbare Einverständnis von Gefolterten mit ihrer Opferrolle. Mithu Sanyal sieht die Opferrolle etwas anders. Sie glaubt, dass der Protagonist sie nicht wirklich annimmt, aber dass es für ihn kein Leben außerhalb dieser Rolle gibt. Brigitte Schwens-Harrant hat den Text vorgeschlagen und für sie handelt er von zwei aktuellen Themen, nämlich einerseits anhand der dargestellten Gewalt vom Krieg, der die Frage aufwerfe, was man überhaupt dagegen tun könne, und die Antwort sei: die Gewalt mit Hilfe von Sprache sichtbar zu machen. Das andere Thema ist für sie das der Identitätsdebatte, das hier durch das Unvermögen gezeigt sei, Gesichter zu erkennen und durch den Wunsch, ein anderer zu sein. Mara Delius lobt den Text und außerdem lobt sie Frau Schwens-Harrant dafür, dass sie immer so hoch komplexe Texte mitbringe.
An dieser Stelle kann man also als Zwischenbilanz festhalten, dass die Texte von Valeria Gordeev und Anna Felnhofer sehr positiv besprochen wurden und Chancen auf den Bachmannpreis haben sollten. Martin Piekars Text, den ich am besten finde, wurde auch gelobt, aber den sogenannten Bruch im Text hielten manche für unmotiviert. Jacinta Nandis Text wurde überwiegend positiv gesehen aber von Herrn Tingler hart kritisiert, Sophie Klieeisens Beitrag hat eine erst positive und dann unentschlossene Reaktion hervorgerufen, Jayrome Robinets Text hat die Jury veranlasst, das böse K-Wort auszusprechen und bei Anna Giens Text überwog die Kritik.
„Die Lust auf Zeit“ von Yevgeniy Breyger
Mit seinem Text „Die Lust auf Zeit“ hat Yevgeniy Breyger das Pech, erst relativ spät im Wettbewerb aufzutreten, denn sein Text vereinigt einige der Themen, die vorher in anderen Beiträgen schon eine Rolle gespielt hatten und diese wirken hier deshalb zum Teil wie schonmal dagewesen. Ähnlich wie in den Texten von Andreas Stichmann, Valeria Gordeev und Martin Piekar geht es nämlich um die Sprachlosigkeit innerhalb der Familie und nach Anna Felnhofers Text ist besonders auffällig, dass Herrn Breygers Text mit einem Gesicht beginnt, das hie ebenfalls in seine einzelnen Teile zerlegt wird. Die Falten, die der Protagonist beim Betrachten seines Spiegelbildes betastet, stehen für einzelne Erinnerungen. Er sitzt vor einem Spiegel im Wartezimmer eines Krankenhauses und erinnert sich an den Anruf der Mutter, als sie ihm vom Schlaganfall des Vater berichtete. Er wartet vor dem Krankenzimmer, in dem sein Vater liegt, und seine Wartezeit wird durch seine in verschiedene Richtungen abschweifenden Gedankengänge spürbar. Er beobachtet die vorbeigehende Ärztin, die seinen Vater behandelt, und zählt akribisch ihre Schritte und Atemzüge. Dann denkt er über allgemeine Fragen nach, über das Entscheiden, das Lustempfinden und über das Schwitzen. Mit einer Erinnerung an einen eher harmlosen Sturz, den er als Kind erlitten hat, kommt er auf das Thema der Sterblichkeit, das ihm damals zum ersten mal bewusst wurde, und dann schließlich zu einem Trauma, das seine ganze Familie seit Generationen belastet, nämlich die grausame Hinrichtung des Urgroßvaters unter Stalin. Am Ende des Textes betritt er nach langem Zögern das Krankenzimmer um mit seinem Vater zu sprechen. Mir gefällt dieser Text gut.
Mara Delius beginnt die Diskussion mit der Zusammenfassung, dass es um Zeitlichkeit, das Älterwerden und die Weitergabe von Traumata gehe. Interessant findet sie, wie der Text mit Mikrodetails arbeite und das Fortleben von Erinnerung über mehrere Generationen beschreibe. Thomas Strässle bemerkt, dass äußerlich wenig passiere und die innerlichen Vorgänge hier die Interessanten seien, so wie auch die Fragen, die der Protagonist aufwirft, beispielsweise „Was bedeutet Entscheidung?“ Eine andere Frage, die der Vater dem in das Krankenzimmer kommenden Sohn am Ende stellt, nämlich „Warum hast Du so lange gewartet?“, habe ihn an Kafkas Erzählung vom Thorwächter erinnert. Das behutsame Sprachgefühl und die Wahl der Motive gefallen ihm an diesem Text sehr gut. Herr Kastberger merkt an, dass Yevgeniy Breyger als guter Lyriker bekannt sei und sich hier auf eine fundamentale Weise mit der Prosa befasse. Die im Text behandelte Zeitlichkeit sei nämlich eine Kategorie des Prosaschreibens und insofern frage der Text nach der Grundlage des Erzählens. Mithu Sanyal sagt ganz subjektiv, der Text mache etwas mit ihrer Wahrnehmung der Welt. Sie lobt das Motiv des Schweißes und stimmt Herrn Kastberger gewissermaßen zu indem sie bemerkt, es gehe darum, was Kurzgeschichten überhaupt können. Kritisch merkt sie aber an, dass sie zu wenig über die Traumata erfahre, von denen der Text handelt. Auch Brigitte Schwens-Harrant lobt den Text nicht ganz uneingeschränkt. Gut findet sie, dass er von Zeitlichkeit handele und dabei selbst mit Zeitverzögerung arbeite. Den Dialog mit dem Spiegelbild und die Selbstdistanzierung, die auch sprachlich ausgedrückt werde, findet sie raffiniert. An manchen Stellen werde aber für ihren Geschmack zu viel erklärt. Das negativste Urteil kommt von Herrn Tingler, der den Text „so mittel“ findet. Herr Kastberger bemerkt, dass das erfahrungsgemäß ein gutes Zeichen sei, um den Bachmannpreis zu gewinnen. Die Idee einer akuten Gesellschaft im kleinen Krankenzimmer findet Herr Tingler noch interessant, aber er kritisiert, dass manches beliebig und unvermittelt wirke. Der Text sei zu sehr mit dem Ich des Protagonisten beschäftigt und erreiche ihn nicht. Insa Wilke hat den Text vorgeschlagen. Für sie geht es hier um die Grundsatzfrage, was der Mensch und sein Verhältnis zur Zeit ist. es gebe Menschen, die Zeit haben und Menschen, für die die Zeit nicht mehr gelte. Der Text sei ein Versuch, sich in der Unsicherheit einen Halt und einen Körper zu erschreiben. Es gehe außerdem sowohl um individuelles als auch um allgemeines Leid und um die Möglichkeit, sich angesichts des Leides und des Traumas gegenseitig an der Hand zu halten. Es wird hier deutlich spürbar, dass Frau Wilke diesen Text unbedingt verteidigen und Herrn Tinglers Kritik nicht akzeptieren will. Herr Tingler fragt sogar, warum sie sich so aufrege, worauf sie antwortet, sie könne das nicht distanziert diskutieren. Die Besprechung zu Herrn Breygers Text endet also mit einer für mich unerwarteten emotionalen Anspannung innerhalb der Jury.
„Das tiny house ist abgebrannt“ von Mario Wurmitzer
Da kommt der nächste Beitrag, „Das tiny house ist abgebrannt“ von Mario Wurmitzer, genau richtig. Nach den sehr intensiven und ernsten Beiträgen von Anna Felnhofer und Yevgeniy Breyger ist es wieder ein lockerer und witziger Text. Ein Ich-Erzähler nimmt einen ungewöhnlichen Job an: Für einen tiny-house-Hersteller zieht er in einer Fertighaus-Siedlung in ein zur Besichtigung offenes tiny house ein und lebt dort als Demonstrationsobjekt vor den Augen der Interessenten, die dort ein und aus gehen. Das Haus ist außerdem mit mehreren Kameras ausgestattet und sein Alltag wird ins Internet übertragen. Für ihn ist es ein Nebenjob denn eigentlich schreibt er gerade ein Buch über Rainald Goetz, dessen Besuch im tiny house er später noch erwartet, wie mehrfach behauptet wird. Er verbringt einen Großteil seines Alltags damit zu kochen, unter anderem für einen gewissen Maxim, der auch noch vorbeikommen wolle. Er freundet sich mit Helene aus der Marketing-Abteilung des tiny-house-Herstellers an, die dann aber kündigt. Dann brennen in der Siedlung mehrere Häuser ab und es wird vermutet, dass es sich um Brandstiftung einer geheimnisvollen Gruppe handelt, die nur „die Bösen“ genannt wird. Er bleibt entspannt, aber irgendwann brennt auch sein tiny house. Dann siedelt er in ein Übergangsquartier um und obwohl die Brandserie um ihn herum weitergeht, macht er sich keine großen Sorgen. Der konkurrierende Baumhaus-Hersteller wirbt ihn ab, kündigt ihm aber wenig später wieder. Mich erinnert dieser Text stark an den Beitrag von Elias Hirschl aus dem Vorjahr, in dem auch ironisch und etwas surreal über die Absurditäten neuer Jobs im Dienstleistungssektor geschrieben wurde. Im Gegensatz zu Herrn Hirschls Text bin ich mir hier nicht ganz sicher, ob es wirklich um Kapitalismuskritik geht oder was die Vorgänge genau bedeuten sollen, aber mir gefällt dieser Text ganz gut.
Frau Delius beginnt wieder die Diskussion. Sie sieht hier anhand der tiny houses, die eine „doppelbödige Erfindung des Spätkapitalismus“ seien, eine witzige Kapitalismuskritik. Das Ich werde auf seine Funktion im Kapitalismus reduziert und alles sei ein Produkt. Für Thomas Strässle ist es ein sympathischer und humorvoller Text, in dem er den Tonfall von Robert Walser wieder zu erkennen glaubt. Das ständig von Kameras überwachte Leben bestehe hier aus einer Authentizitätssimulation. Marketingleute werden hier erst zur Karikatur zugerüstet und dann später hingerichtet, aber das wirft er dem Text nicht vor. Allerdings stören ihn gewisse Plausibilitätslücken und die Brände kommen ihm zu abrupt. Für Frau Wilke kommen die Brände nicht zu schnell, da sie im Titel schon angekündigt werden. Sie findet den Text sehr lustig und kritisch und in seiner Form sei er sogar selbst eine Art tiny house. Sie fragt sich allerdings, ob ein solcher Text auch eine Grenzüberschreitung brauche. Herr Tingler hat den Text vorgeschlagen und findet ihn großartig. Er erkennt hier einen unzuverlässigen Erzähler und spekuliert, ob er selbst der tiny-house-Brandstifter sein könnte. Die Eskalation der Handlung führe am Ende in eine kafkaeske Stimmung, die dem Text eine Tiefe gebe. Mithu Sanyal ist weniger überzeugt. Für sie macht der Text alles, was er verspricht und ist in sich stimmig, aber ihr fehlt trotzdem etwas. Frau Schwens-Harrant findet die Kritik am ständigen Öffentlich-Sein gut und sagt, dass sie beim Bachmannpreis auch gerne mal die Kameras abschalten würde. Sie findet aber, dass man die Kritik sprachlich noch besser gestalten und mit der im Text aufgegriffenen Marketing-Sprache noch mehr hätte machen können. Für Klaus Kastberger ist es ein leichter und kluger Text, dessen Kritik er auch auf den Literaturbetrieb bezieht. Er betont außerdem, dass diese lustigen und beim Publikum gut ankommenden Texte ernst genommen werden müssten und wegen ihrer Gefälligkeit nicht unter Verdacht stehen dürften. Die bierernsten Texte, die das Publikum nicht erreichen, könnten oft keine Wirkung entfalten. Er glaubt mit diesen Ansichten Insa Wilke zuzustimmen, aber weil sie sich darin nicht wiedererkennt, sagt sie, nachdem Herr Katberger ihr das Wort im Mund herumdrehe und Herr Tingler ihr erklären wolle, wie Literaturkritik funktioniert, gehe sie jetzt nach draußen, randalieren, womit sie wörtlich eine Stelle des Textes zitiert. Großen Applaus erntet sie dafür vom Publikum im Studio, das an diesem dritten Lesetag anscheinend auch längst in Stimmung für Eskalation ist und am Ende noch auf seine Kosten kommen wird.
„Das Alphabet der sexualisierten Gewalt“ von Laura Leupi
In ihrem Beitrag „Das Alphabet der sexualisierten Gewalt“ geht Laura Leupi, wie der Titel schon sagt, das Alphabet durch und nennt zu jedem Buchstaben mehrere Begriffe, die damit zu tun haben, Gewaltopfer zu sein und zum Teil aus einer feministisch geprägten Gesellschaftsdebatte stammen. A steht für die Angst, die Frauen an den Herd verweist, B steht für Bett, F für Femizid, G für Gaslighting und so weiter. Viele Begriffe werden nur als Stichworte genannt und manche dann noch durch kurze, politische Thesen kommentiert, zum Beispiel der Konsens, „über den wir erstaunlich wenig wissen“, wie es im Text heißt. Durch die Begriffsnennungen werden auch eine ganze Reihe abweichender Themen abgerufen, zum Beispiel bei I wie Incels und X wie Xenophobie. Auf einer zweiten Textebene zwischen dem Alphabet berichtet die Erzählerin von der Begehung einer Wohnung in Zürich, die sie von früher kennt. Nachdem sie an den stinkenden, vor der Tür aufgestellten Schuhen des Nachbarn vorbei die Wohnung betreten hat und in jedem Zimmer, aber besonders im Schlafzimmer, das Gefühl hat, dass die Möbel anklagend zu ihr sprechen wollen, wird am Ende klar, dass sie in der Vergangenheit in dieser Wohnung vergewaltigt wurde, und dass es eine fiktive Begehung ist, denn das Gebäude wurde inzwischen abgerissen. Auf einer dritten Ebene des Textes spricht die Erzählerin schließlich das Publikum direkt an. Am Anfang kündigt sie an, der Text enthalte Elemente zum Mitmachen. Das macht sie später wahr, indem sie das Publikum dazu auffordert, laut das Wort „Vergewaltigung“ auszusprechen und zu beobachten, wie man sich dabei fühle. Später im Text fragt sie das Publikum, ob sie ihm schon auf die Nerven gehe und fragt: „Wie sehen Sie mich jetzt, da Sie wissen, dass ich vergewaltigt wurde?“ Dann fügt sie hinzu, ihr Eingeständnis sei beim Publikum in schlechten Händen und sie „scheiße“ auf das Mitleid des Publikums. Es ist also ein ernster, gesellschaftspolitischer und stellenweise aggressiver Text.
Ich habe dazu ein gespaltenes Verhältnis, weil mir einige der in diesem Alphabet genannten Wörter aus bestimmten Debatten als reine Kampfbegriffe bekannt sind. Meiner Meinung nach nützt diese Art Rhetorik oft nur einer Polarisierung und einer Steigerung der Wut zu steigern, die im Alphabet des Textes übrigens auch unter Buchstabe W erwähnt wird. Aber obwohl der Text diese Begriffe hier genau in diesem Sinne der Polarisierung verwendet, finde ich ihn wegen seiner anderen Textebenen insgesamt sehr gut. Ich finde es zum Beispiel sehr gelungen, dass das Alphabet beim Buchstaben Z mit dem Wort „Zuhause“ endet, weil genau dort, in der besichtigten Wohnung in Zürich, die Vergewaltigung begangen wurde und sich damit am Ende die Textebenen treffen. Auch die dritte Ebene der Publikumsansprache und Selbstkommentierung finde ich sehr gut, weil sie zwar aggressiv aber darin sehr glaubwürdig ist. Für mich ist es also insgesamt einer der interessantesten und besten Texte in diesem Wettbewerb.
Auch Brigitte Schwens-Harrant findet die direkte Ansprache des Publikums sehr gut. Die Lesung sei beeindruckend gewesen und auch formal beeindrucke sie dieser Text. Der Schimmel, der die Wohnung befallen hat, sei ein starkes Bild und das Alphabet schaffe eine Art Geländer als Struktur. Insa Wilke sieht eine Verbindung zum Beitrag von Herrn Breyger, weil dort der Erzähler mit einem Spiegel gesprochen hat und hier dem Publikum ein Spiegel vorgehalten werde. Die alphabetische Liste passe zum Thema Gewalt, weil Listen Gewalt ausüben. Andererseits sei die Liste hier ein befreiendes, surreales Element. Thomas Strässle sieht die Erzählerin in der Rolle eines Conferenciers, der das Publikum lange in einer gewissen Unklarheit lässt. Der Text habe eine starke reflexive Ebene und gute Gedanken, wie zum Beispiel den Satz: „Wer «Miss-brauch» sagt, impliziert den «Gebrauch» […]“. Er arbeite im besten Sinne mit Mitteln der Rhetorik. Mara Delius lobt die starken Bilder des Textes und sieht hier eine Befreiung durch Sprache. Wegen des Alphabets als Stilmittel war sie anfangs skeptisch, findet es aber doch gut. Klaus Kastberger lobt noch einmal die Lesung, die für ihn einer der großen Momente im Bachmannpreis war. Die Anwesenheit des Publikums und die Performance in diesem speziellen Rahmen seien wichtig für den Text. Für Mithu Sanyal ist es ein sehr mutiger Text, der versuche eine Sprache zu finden, wo die Geschichten selbst Gewalt ausüben. Er sei formal interessant und komme zu einem schlüssigen Ende. Das Alphabet zeige hier sowohl die richtigen als auch die falschen Worte. Das ist für mich eine interessante Bemerkung, denn es stimmt, dass die Kampfbegriffe und die politischen Thesen, die mich hier gestört haben, nur im Zusammenhang mit dem Alphabet auftreten. Der erzählende Teil des Textes und auch die Ansprache des Publikums lösen sich davon, was andeuten könnte, dass diese Rhetorik hier vielleicht doch eher als Zitat und mit einer gewissen Distanz aufgegriffen wird. Für Phillip Tingler sind es aber diese Begriffe aus dem aktuellen Sprachgebrauch der feministischen Debatten, die den gesamten Text entwerten. Für ihn ist es kein mutiger und kein emanzipatorischer sondern ein anti-aufklärerischer Text, der genau das mache, was er kritisiere. Er betone nämlich einerseits die Wichtigkeit von sprachlicher Genauigkeit, aber andererseits benutze er Sprache totalitär und fetischisiere bestimmte Wörter. Damit stelle er Kollektive über Individuen. Außerdem leide der Text an einem Moralisierungsüberschuss und an unfreiwilliger Ironie.
Die Reaktion der anderen Juroren auf Herrn Tinglers harte Kritik ist sehr unterschiedlich. Mara Delius findet Herrn Tinglers Einwand gegen verschiedene Begriffe des Alphabets formal richtig. Man müsse sich bei manchen Wörtern, wie zum Beispiel dem Stichwort Klimakrise, sowieso fragen, warum sie im Text auftauchten. Mithu Sanyal sagt, sie unterstütze grundsätzlich Herrn Tinglers Warnung davor, Kollektive über das Individuum zu stellen, aber das werfe sie dem Text nicht vor. Auch sie habe einen Reflex gegen bestimmte Begriffe gehabt, aber es seien eben nur Wörter im Alphabet und es gehe im Text um ein Ringen mit diesem Alphabet. Ähnlich argumentiert auch Herr Kastberger. Das Alphabet umfasse eben alles, auch verschiedene Arten des Sprechens, und die müssten im Zusammenhang gesehen werden. Die deutlichste Entgegnung auf Herrn Tingler gibt Insa Wilke, die es interessant findet, dass Herr Tingler Totalitarismus mit Ironie verbindet und selbst bestimmen wolle, was Literatur sei, aber dann andere totalitär nenne. Im Text gehe es um das Patriarchat und somit um ein Problem, von dem auch Männer betroffen seien. Literaturkritik ist aus ihrer Sicht generell patriarchal geprägt und Themen wie Körper und Ethik werden in den Feuilletons ausgeschlossen.
Nachdem im vergangenen Jahr mehrere Texte mit feministischen Themen angetreten sind, war der Feminismus damals noch nicht so deutlich auf einer sprachlichen Ebene präsent. Mit Laura Leupis Text hat jetzt auch die woke feministische Sprache den Bachmannpreis erreicht. Ich finde es interessant, wie die Debatte um diese Sprache verlaufen ist. Es ist ja eigentlich auffällig, dass es in den ersten Wortmeldungen über Frau Leupis Text gar nicht oder nur sehr indirekt um diese Sprache ging, obwohl die Jury die sprachliche Ebene immer stark beachtet. Das Zögern über diese offensichtliche sprachliche Besonderheit des Textes zu sprechen kommt vielleicht daher, dass man die damit unmittelbar verbundene politische Debatte vermeiden wollte. Erst Herr Tingler war dann von dieser Sprache sozusagen „so hart getriggert“, dass er sie ansprechen musste, was dann dazu geführt hat, dass sich die anderen Juroren dazu irgendwie positionieren mussten. Ich finde es grundsätzlich gut, dass diese Diskussion hier trotzdem nicht zu sehr ins Politische abgedriftet ist und finde die geäußerten Standpunkte generell nachvollziehbar.
„Damit du sprichst“ von Deniz Utlu
Der letzte Text des Wettbewerbs stammt von Deniz Utlu und heißt „Damit du sprichst“. Es geht auch hier wieder um Sprache und Sprachlosigkeit innerhalb der Familie. Ein männlicher Ich-Erzähler beschreibt Szenen seiner Kindheit und Jugend bis zu dem Zeitpunkt, als er sein Elternhaus verlässt. Sein Vater ist am locked-in-Syndrom erkrankt und kann nicht mehr sprechen. Die Ärzte glauben zuerst, er sei nicht mehr bei Bewusstsein, bis die Mutter merkt, dass er sich noch über die Bewegung seiner Augen ausdrücken kann. Während seine Mutter sich im Krankenhaus für den Vater einsetzt, geht der Ich-Erzähler auf Rock-Konzerte. In mehreren Szenen bekennt er sich durch den Kontrast zwischen seinem hedonistischen Verhalten und der Aufopferung der Mutter für den Vater zu seinem Egoismus. Die Familie stammt aus der Türkei und weil die Mutter Sprache für wichtig hält, engagiert sie für ihn einen Nachhilfelehrer für Deutsch, den er aber nicht braucht. In der Schule tritt ein kurdischer Dichter auf, mit dem der Erzähler sich nach dessen Lesung unterhält. Die Mutter ist darüber empört und zerrt ihn weg, weil sie befürchtet, ihr Sohn könne sich dem kurdischen Bewaffneten Widerstand anschließen. Dann besucht ein Cousin aus der Türkei die Familie und sagt zum Erzähler, er solle Bücher lesen. Am Ende des Textes zieht der Sohn aus, um in Berlin zu leben und Schriftsteller zu werden. Es handelt sich bei diesem Text um einen Auszug aus einem vermutlich autobiografischen Roman von Deniz Utlu, der seinen Weg zur Schriftstellerei darstellt. Es geht also um ein zur Sprache finden, das die Mutter sich für den Sohn immer gewünscht hat, aber das er jetzt auf eigene Weise vollzieht. Ich kann mir gut vorstellen, dass dieser Text im Rahmen eines Romans eine wichtige Funktion erfüllt, aber als für sich stehende Kurzprosa ist dieser Auszug mit seiner auf den größeren Kontext ausgelegten Erzählweise vielleicht nicht die beste Wahl.
Insa Wilke findet, die Stärke des Textes liege in seinen Figuren und ihrer Geschichte. Er behandele auf verschiedenen Ebenen das Thema der Sprachlosigkeit und es gehe um Vorbilder. Mithu Sanyal stimmt ihr darin zu, dass es in diesem Zusammenhang auch wichtig sei, dass der Schriftsteller Yaşar Kemal erwähnt werde. Sie findet den Text beeindruckend. Auch Thomas Strässle, der den Text vorgeschlagen hat, betont, dass es um Sprachlosigkeit und um das Nicht-Verstehen-Können gehe. Die daraus entstehenden Konflikte führe der Text explizit vor. Mara Delius kritisiert, dass der Text das Thema Sprache ins Zentrum stellen will, aber selbst sprachlich immer auf der selben Ebene bleibe und Stimmungswechsel sprachlich nicht ausgestalte. Herr Kastberger wird in seiner Kritik noch drastischer und bemängelt, dass hier alles erklärt werde, selbst das Unerklärliche, und der Text zu brav und zu didaktisch sei. Er habe keine Brüche und mache einen größeren Spannungsbogen innerhalb des Romans auf, der aber hier, im Kurzprosaformat, nicht abgeschlossen werde. Vor allem aber kehrt hier das böse K-Wort in den Wettbewerb zurück. Herr Kastberger bezeichnet den Text als konventionell. Ausgerechnet Phillip Tingler gibt ihm sogar recht. Für ihn verharrt der Text in sprachlicher Flachheit. Auch Brigitte Schwens-Harrant stimmt Herrn Kastbergers Kritik grundsätzlich zu, weil der Text zum Beispiel im Gegensatz zu Martin Piekars Beitrag nur behaupte aber nicht vorführe, dass Mutter und Sohn nicht mit einander sprechen können. Sie will aber milder urteilen als Herr Kastberger. Mithus Sanyal findet den Vergleich mit Martin Piekars Text nicht legitim, denn das sei eben ein ganz anderer Text und man müsse die Texte danach beurteilen, was sie selbst ausdrücken wollen. Dieser hier wolle eben interessante Figuren erschaffen.
Die Wiederkehr des K-Wortes nehmen Frau Sanyal und vor allem Herr Strässle aber auch zum Anlass zu einer grundlegenden Kritik an den Debatten dieses Wettbewerbs. Thomas Strässle sieht zwei Probleme: Erstens sei immer wieder von Konventionalität die Rede, was einfach ein Totschlagargument sei, und zweitens gebe es in der Jury einen Ambivalenzfetisch. Beide Begriffe, Konvention und Ambivalenz, seien aber vollkommen ungeklärt. Mithu Sanyal sagt, sie habe den Vorwurf der Konventionalität schon bei den anderen Texten nicht verstanden und habe nach den Diskussionen sogar gedacht, sie könne jetzt selbst nicht mehr schreiben, denn wahrscheinlich seien ihre eigenen Texte ja auch total konventionell, worauf Herr Kastberger lachend bemerkt, das könne schon sein. Am Ende kommt Herr Kastberger dann auch noch auf das andere Thema zurück, das die Jury den ganzen Wettbewerb lang gespalten hat, nämlich die Frage nach dem Du oder Sie. Er habe es mit seiner Kritik an diesem Text jetzt sogar geschafft, dass Herr Strässle ihn wieder sieze.
Das allerletzte Wort hat aber jemand ganz anderes. Eine Frau aus dem Publikum, von dem Titel „Damit du sprichst“ offenbar ermutigt, fängt plötzlich an, laut auf die Jury einzureden. Man versteht zuerst nicht, was sie sagt, aber der Moderator ist so nett und lässt ihr ein Mikrofon bringen. Sie sagt, ein Satz in diesem Text sei wegen der österreichischen Bildungspolitik besonders wichtig, und zwar: „Aber in diese Kammer, in der wir mit diesem Mann saßen, passte kein Türkisch.“ Der Satz stammt aus einer Szene, in der der Ezähler mit seiner Mutter beim Notar ist, um eine Krankenverfügung für den Vater zu regeln. Was genau dieser Satz des in Hannover geborenen und in Berlin lebenden Herrn Utlu mit österreichischer Politik zu tun hat, bleibt aber wie alle anderen Fragen offen und der Moderator verspricht der Frau, dass sie trotz ihres spontanen Redeschwalls in diesem unter dem Motto der Sprachlosigkeit stehenden Wettbewerb auch nächstes Jahr wieder nach Klagenfurt kommen darf. Damit endet der letzte Lesetag.
Die Preisvergabe
Letztes Jahr hatte ich hier an dieser Stelle kritisiert, dass ein Text am Ende als Sieger gekürt wurde, der meiner Meinung nach in der Diskussion gar nicht so positiv wegkam. Wer weiß, vielleicht hat man beim Bachmannpreis meinen Podcast gehört, denn dieses Jahr gibt es eine interessante Änderung, mit der die Entscheidung der Jury transparenter wird: Die Abstimmungsergebnisse der einzelnen Juroren sind jetzt erstmalig auf der ORF-Website aufgelistet. Jedes Jury-Mitglied wählt hier die fünf besten Texte, wobei die Beiträge, die man selbst vorgeschlagen hat, nicht gewählt werden dürfen. In der gewählten Reihenfolge erhält jeweils der beste Text dann fünf Punkte, der zweitbeste vier und so weiter. Der Bachmannpreis und alle weiteren Preise des Wettbewerbs gehen dann an die Texte mit der höchsten Gesamtpunktzahl. es ist in diesem Jahr also vollkommen klar, wie die Entscheidung zustande kommt.
Weit vorne liegen die Texte „Er putzt“ von Valeria Gordeev mit 19 und „Fische fangen“ von Anna Felnhofer mit 18 Punkten. Es sind zwei sehr verschiedene Texte, die aber das auffällige Merkmal verbindet, aus der Perspektive eines psychisch beeinträchtigten Erzählers geschrieben zu sein, der mit seinem Umfeld im Konflikt steht und ein innerliches, abgekapseltes Leben führt. In beiden Texten gibt es keinen Dialog. Es sind die Texte des Wettbewerbs, in denen das Thema „gestörte Kommunikation“ auf die Spitze getrieben und bis zur absoluten Funkstille geführt wurde. Valeria Gordeev gewinnt den Ingeborg-Bachmann-Preis, der in diesem Jahr zusammen mit einer kleinen Skulptur verliehen wird, und Anna Felnhofer gewinnt den Deutschlandfunkpreis.
Die nächstplatzierten Texte sind „Mit Wänden sprechen/Pole sind schwierige Volk“ von Martin Piekar und „Das Alphabet der sexualisierten Gewalt“ von Laura Leupi mit jeweils 11 Punkten. Martin Piekar gewinnt den KELAG-Preis und außerdem noch den Publikumspreis, für den man online abstimmen konnte, und Laura Leupi erhält den 3Sat-Preis. Die Punkteliste zeigt, wie knapp diese Entscheidung war, denn Yevgeniy Breyger und Mario Wurmitzer hatten beide nur einen Punkt weniger und auch Jayrome Robinet ist mit 9 Punkten noch nah an den Preisträgern dran. Ich denke, die Wahl der vier Preisträger spiegelt diesmal aber die Jury-Diskussionen gut wieder und ist ein schlüssiges Ergebnis dieses Wettbewerbs.
Insgesamt habe ich mir den Wettbewerb dieses Jahr sehr gerne angesehen. Manche Texte haben meinen Geschmack genau getroffen und andere waren wenigstens interessant gemacht. Was die Jury betrifft, halte ich Frau Sanyal und Herrn Strässle für eine sehr gute Neubesetzung. Beide haben interessante Beiträge geliefert und mit Herrn Strässles analytischer Tendenz und Frau Sanyals eher subjektiven Statements haben sich beide Herangehensweisen gut ergänzt. Die soziale Dynamik innerhalb der Jury ist für mich aber jetzt mehr als je zuvor ein Rätsel. Ich habe keine Ahnung, ob die kritischen Sieben im wirklichen Leben beste Kumpels sind und sich vor der Kamera nur aus Gaudi (oder: for the LOLs) gegenseitig mal was reinwürgen, sozusagen freundschaftliche Sparringspartner im Schaukampf für die gute Sache der Literatur, oder ob es echte Schläge sind, die da ausgetauscht werden. War Frau Wilke wirklich sauer auf Herrn Tingler und können sich Herr Tingler und Herr Kastberger wirklich nicht leiden? Ich werde es nie erfahren.
Für die Bachmann-Preis-Kandidatinnen und Kandidaten des Jahres 2024 rufe ich hiermit eine Challenge aus, nämlich Texte zu schreiben, in denen es nicht um gestörte Kommunikation geht. Dieses Thema wurde dieses Jahr sehr sorgfältig abgegrast und ich glaube, wir sind damit jetzt erstmal durch. Wie wäre es mal mit einem Text, in dem Kommunikation total gut funktioniert? Klingt langweilig, aber das ist ja hier nicht das Kriterium. „Unkonventionell“ muss es natürlich schon sein. Ich werde jedenfalls wieder zuschauen und bin jetzt schon gespannt, ob es in den Texten auch genügend Ambivalenzen und motivierte Brüche geben wird, ob ChatGPT auch nominiert wird und ob die Jury sich nächstes Jahr wieder konsequent siezt.
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Kommunikationsstärke wird häufig als Synonym für Kommunikationsfähigkeit verwendet. Der Begriff an sich ist nicht im Duden zu finden, hat sich dennoch im Sprachgebrauch durchgesetzt.
siezen synonym
‚Ihr‘ als Höflichkeitsform gebrauchen · ihrzen · mit ‚Ihr‘ ansprechen.
Synonyme für Ambivalenz
Bedeutung: Auseinandersetzung. Konflikt Widerstreit Ambivalenz Widersprüchlichkeit.
Bedeutung: Spannung. Ambivalenz Zwiespalt Tauziehen Spannungszustand.
Bedeutung: Zwiespalt. Spannung Differenz Kluft Schere Ambivalenz. …
Bedeutung: Widersprüchlichkeit.
unkonventionell, Bedeutung: neuartig. bahnbrechend innovativ unkonventionell neu · 12. Bedeutung: fremdartig. ungewöhnlich fremd unüblich originell ungewohnt · neuartig …
Synonyme für Challenge
Die beliebtesten und damit meist verwendeten Synonyme für „Challenge“ sind: Herausforderung. Hindernis.
motivierte Brüche
beflissen · dienstbar · dienstbeflissen · dienstfertig · eifrig · emsig · fleißig · geschäftig ● schaffig ugs. , süddt. Beruf · Job (als) ● Profession geh. arbeitsam · engagiert · fleißig · tüchtig ● tatkräftig Hauptform · anpackend ugs. · mit Schmackes ugs.
Synonyme werden umgewandelt · Bedeutung: Unterbrechung. Bruch Wendepunkt · Bedeutung: Lücke. Bruch Ausgang Ausschnitt Lücke Abgrund · Todesfall Nahtstelle ..
ugs. abwertend für eine Person
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