In Marcel Prousts siebenbändigem Zyklus „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“ ist „Im Schatten junger Mädchenblüte“ der zweite Roman und es ist das Buch, für das Proust zu Lebzeiten die höchste Anerkennung erhielt. Im Jahr 1919, drei Jahre vor seinem Tod, wurde er für dieses Buch mit dem Prix Goncourt ausgezeichnet, dem wichtigsten Literaturpreis Frankreichs. Diese Entscheidung gilt manchen heute als richtungsweisend für den Preis, war damals aber hoch umstritten. Die Empörung in den französischen Zeitungen war so groß, dass ein Freund Prousts kommentierte, nur ein echtes Meisterwerk könne einen so einhelligen Chor von Feinden heraufbeschwören.
„In Swanns Welt“, der erste Roman des Zyklus, den ich hier auch besprochen habe, endete damit, dass der jugendliche Protagonist Marcel sich in Gilberte Swann verliebt. „Im Schatten junger Mädchenblüte“ knüpft daran an und handelt zunächst von der Beziehung zwischen Marcel und Gilberte. Das Alter der beiden ist nicht ganz klar, aber man kann sich wohl zwei Teenager irgendwo zwischen dreizehn und sechzehn Jahren vorstellen. Am Anfang sind beide noch Kinder, die sich in den Parkanlagen der Champs Élysées zum Spielen verabreden. Dann beginnt Gilberte damit, ihre Freundinnen nach Hause zum Tee einzuladen und Marcel darf irgendwann dazukommen. Dort lernt er auch Gilbertes Eltern besser kennen, den Kunsthändler Charles Swann und seine Frau Odette, die uns aus dem ersten Roman schon gut bekannt sind. Odette ist durch ihre Ehe mit Charles inzwischen der Aufstieg von einer Kokotte zu einer anerkannten Dame der parischer Gesellschaft gelungen und sie ist Gastgeberin eines eigenen Salons, in dem Marcel jetzt ebenfalls verkehrt und hier unter anderem den von ihm verehrten Schriftsteller Bergotte kennenlernt.
Die Beziehung zu Gilberte ist trotz Marcels intensiver Verliebtheit eine eher keusche Jugendfreundschaft und sie endet dann auch eher unspektakulär, jedenfalls wenn man es rein äußerlich betrachtet. Die beiden zerstreiten sich eines Tages wegen einer Nichtigkeit und Marcel beschließt, Gilberte nicht mehr zu sehen. Er braucht allerdings lange um über sie hinwegzukommen und als es ihm endlich gelingt, begibt er sich mit seiner Großmutter auf einen langen Sommerurlaub nach Balbec, einem Badeort an der nordfranzösischen Küste. Dort freundet er sich unter anderem mit drei Adligen an, die in den späteren Romanen noch eine Rolle spielen werden: dem jungen, eleganten Robert de Saint-Loup, seinem Onkel Baron de Charlus und seiner Großtante Madame de Villeparisis. Außerdem macht Marcel noch die Bekanntschaft des berühmten Malers Elstir, der in der Nähe von Balbec ein Atelier hat.
Neue Liebe
In erster Linie ist Marcel aber darauf aus, sich neu zu verlieben. Nachdem ihm in diesem ländlichen Badeort eine ganze Reihe von jungen Bäuerinnen, Milchmädchen und Urlauberinnen ins Auge gefallen sind, die er aber alle nur aus der Ferne bewundert, fällt ihm eines Tages in der Nähe des Strandes bei einem Spaziergang auf der Mole ein kleiner Freundeskreis aus Mädchen seines Alters auf. Sie sind alle schlank und gutaussehend und Marcel ist sofort hin und weg. Noch bevor es ihm gelingt, einzelne Personen von einander zu unterscheiden, verliebt er sich schon von Weitem in das Gesamtbild dieser Gruppe und hofft in den nächsten Tagen darauf, den Mädchen durch Zufall wieder zu begegnen und sie kennen zu lernen. Mit Hilfe des Malers Elstir, der einige von ihnen kennt, passiert das schließlich. Marcel freundet sich mit ihnen an und verbringt des Rest des Urlaubs und des Romans mit ihnen am Strand und auf gemeinsamen Unternehmungen.
Besonders eng wird Marcels Freundschaft mit der sportlichen und impulsiven Albertine und der gutmütigen, literarisch gebildeten Andrée. Seine Verliebtheit schwankt eine ganze Weile zwischen den beiden Freundinnen hin und her. Er stellt sich mal mit der einen und mal mit der anderen eine gemeinsame Zukunft vor, bis seine Aufmerksamkeit sich schließlich ganz auf Albertine richtet. Bevor Marcel ihr auch körperlich so nahe kommt, wie er eigentlich möchte, beendet Albertine aber abrupt ihren Urlaub und reist zurück nach Paris. Ihre Urlaubsbekanntschaft ist der Anfang einer Beziehung, aus der in den späteren Romanen die große, tragische Liebesgeschichte in Marcels Leben werden soll.
Es ist typisch für Prousts Romane, dass man mit dem Zusammenfassen der reinen Handlung noch so gut wie nichts darüber gesagt hat, worum es eigentlich geht. Nachdem der erste Roman die wichtigsten Motive, Orte und Personen schon kurz auftreten ließ, wird der junge Held nun im zweiten in die Kreise eingewiesen, in denen sich sein Leben abspielen soll. Das betrifft drei Ebenen, die wie schon im ersten Roman, eng mit einander verwoben sind: die Kunst, die Gesellschaft und die Liebe. Marcel ist von jeder dieser sich neu eröffnenden Welten unendlich fasziniert und eine gewisse Komik dieses Romans ergibt sich aus den Enttäuschungen, die er bei seinen ersten Schritten in diese Sphären erleben muss. Es ist eine typisch proustsche Pointe, dass die Dinge nie so glanzvoll sind, wie sie zuerst scheinen und am Ende aber gerade deshalb doch besser sind als man dachte.
Zum Beispiel sieht Marcel am Anfang des Romans ein Theaterstück mit der Bermat in der Hauptrolle, einer berühmten Schauspielerin, die Proust wahrscheinlich an die damalige Diva Sarah Berhardt anlehnte. Marcel hat die allerhöchsten Erwartungen an diesen ersten Theaterbesuch und wird maßlos enttäuscht. Die Bermat spricht ihren Text nur ganz verhalten und er versteht nicht, warum das Publikum an manchen Stellen Szenenapplaus spendet und warum das alles überhaupt die große Kunst sein soll, auf die er gehofft hatte. Ähnlich ergeht es ihm mit seinem Lieblingsschriftsteller Bergotte. Als er ihm bei einem Dinner bei Swanns endlich gegenüber sitzt, kann er gar nicht glauben, dass dieser so gewöhnlich wirkende Mann mit der schneckenhausförmigen Nase und dem ordinären Spitzbart wirklich der Urheber all dieser großartigen Bücher sein soll. Und auch bei seiner Einführung in die höhere Gesellschaft erlebt Marcel ähnliche Überraschungen. Nichts ist so, wie es anfangs scheint und so wird aus Marcels Initiation in diese neuen Welten ein dynamischer Prozess voller Überraschungen.
Marcels Selbstanalyse
Die reine Handlung, das Beginnen und Beenden der Beziehung mit Gilberte und das Kennenlernen neuer Freunde in Balbec, ist aber wie gesagt nur der schnell abgehandelte Gipfel eines Eisbergs. Der darunter liegende, eigentliche Roman ist eine ausufernde Analyse aller damit verbundenen seelischen Vorgänge im Innenleben des jungen Marcel. Besonders extrem zeigt sich dieser Kontrast zwischen dem einfachen Außen und einem hochkomplexen Innen, wenn Marcel mit Gilberte Schluss macht. Sie haben sich gestritten und sehen sich nicht mehr. So einfach ist das. Aber in Marcels Innerem ist damit ein gigantischer Komplex aus Gedanken und Gefühlen verbunden, den er vor unseren Augen in epischer Breite auseinandernimmt. Es ist kein Grübeln darüber, ob die Beziehung zu retten war oder was er dafür hätte tun oder sagen müssen. Das Beziehungsende ist überraschend schnell akzeptiert. Proust interessiert stattdessen eine Entwicklung, die eine längst abwesende Gilberte nachträglich in Marcels Gedanken durchmacht. In allen Einzelheiten wird beleuchtet, wie sie sich von der wichtigsten und interessantesten Person seines Lebens hin zu einer Gleichgültigen verwandelt.
Auch im letzten Drittel des Buches, wenn Marcel sich erst in den gesamten Freundeskreis von Mädchen und dann speziell in Albertine verliebt, analysiert Proust diesen Wandel in Marcels Wahrnehmung. Die auf der Mole spazierenden Mädchen sind für ihn zuerst nur ein farbiger Klecks am Horizont, der scheinbar direkt aus dem Meer entstiegen ist und sich nähert. Nur langsam bilden sich einzelne Personen heraus. Albertine, die eine Schirmmütze trägt und ein Fahrrad schiebt und Andrée, die vor lauter Übermut über einen alten Mann springt, der am Wegrand sitzt. Und dann verändert sich Albertine mit jeder neuen Begegnung. Was die Figuren tun ist zweitrangig, wie sie für Marcel erscheinen und sich in seiner Wahrnehmung wandeln ist die eigentliche Handlung, die den Roman vorantreibt.
Für mich ist dieses letzte Drittel des Buches noch aus einem anderen Grund interessant. Ich glaube, dass Proust hier die typischen Motive eines ganz anderen französischen Schriftstellers verarbeitet und ihm hiermit vielleicht sogar ein Denkmal gesetzt hat. Wahrscheinlich ist das keine wirklich neue Erkenntnis über diesen Roman, aber ich will hier trotzdem etwas genauer auf diese Verbindung eingehen. Um dahin überzuleiten, will ich aber über insgesamt drei Schriftsteller reden, die auf sehr unterschiedliche Weise in diesem Werk auftauchen. Alle drei waren zu Prousts Zeit bedeutende Figuren der französischen Literatur und stehen heute längst in seinem Schatten.
France, Sainte-Beuve, Nerval
Der erste dieser drei Literaten, ist der französische Literaturnobelpreisträger Anatole France. Es ist allgemein bekannt und ziemlich offensichtlich, dass er das reale Vorbild für den von Marcel bewunderten Schriftsteller Bergotte ist. Beide haben einen schwarzen Spitzbart und eine markante Nase und der Name Bergotte stammt aus einem Werk von Anatole France. Vor allem hat Proust aber als Achtzehnjähriger den damals schon berühmten und von ihm bewunderten France in einem Salon kennengelernt, genau wie Marcel im Salon von Odette Swann Bergotte vorgestellt wird. Obwohl die Parallelen eindeutig sind, verzichtet Proust darauf, seinen Schriftsteller einfach Anatole France zu nennen und erwähnt diesen Namen sogar an einer anderen Stelle, als wolle er betonen, dass Bergotte und France eben doch nicht dieselbe Person sein sollen. Es geht Proust offenbar nicht darum, der Nachwelt ein Bild des realen Anatole France zu vermitteln. Seine persönliche Bekanntschaft mit France dient ihm vielmehr als eine Materialquelle für die Beziehung zwischen Marcel und Bergotte. Das Reale steht im Dienst des Fiktiven und nicht umgekehrt.
Genau mit diesem Satz könnte man die Meinungsverschiedenheit zusammenfassen, die Proust mit der zweiten Größe der französischen Literatur verbindet, die in diesem Roman auf eine ganz andere Art auftritt. Der literaturbegeisterte Marcel unterhält sich mit verschiedenen Leuten über berühmte Schriftsteller und manche seiner Gesprächspartner berufen sich mit ihren Meinungen auf einen gewissen Sainte-Beuve. Charles-Augustin Sainte-Beuve war im neunzehnten Jahrhundert ein Schriftsteller und vor allem ein berühmter Literaturkritiker. Im Gegensatz zu Anatole France war er kein Zeitgenosse Prousts, aber seine Ansichten waren zu Prousts Zeit offenbar noch so präsent, dass Proust ihm noch vor seiner Arbeit an „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“ ein ganzes Buch mit dem Titel „Gegen Sainte-Beuve“ widmete, das allerdings erst nach Prousts Tod veröffentlicht wurde. In diesem Buch kritisiert Proust die Herangehensweise, mit der sich der Kritiker Sainte-Beuve über französische Klassiker wie etwa die Werke von Baudelaire, Moliere oder Vicor Hugo äußerte. Kurz gesagt war Sainte-Beuve laut Prousts Vorwurf in erster Linie an der Biographie der Schriftsteller interessiert. Ihre Werke dienten ihm nur dazu, die Lebensgeschichte ihrer Urheber besser zu verstehen. Nach Prousts Ansicht sollte die Literaturkritik genau umgekehrt vorgehen. Das Werk soll im Mittelpunkt stehen und losgelöst von der Person des Schriftstellers betrachtet werden. Details aus dessen Leben sind für Proust bestenfalls von zweitrangigem Interesse.
Im Roman „Im Schatten junger Mädchenblüte“ ist es passenderweise Madame de Villeparisis, die Sainte-Beuves Meinung vertritt. Die alte Dame ist in höchsten Adelskreisen aufgewachsen und hat als junge Frau die Herren Chateaubriand und Victor Hugo persönlich kennengelernt. Mit dem Kritiker Sainte-Beuves teilt sie die Ansicht, dass man viel über diese Autoren wissen und sie am besten persönlich kennen müsse, um ihre Werke wirklich zu verstehen. Proust lässt Madame de Villeparisis diesen Standpunkt ohne Widerspruch äußern und vielleicht beabsichtigt er damit sogar noch einen härteren Schlag gegen Sainte-Beuves Methode, als mit seinem vorherigen Buch. Der junge Marcel hört sich die absurden Ansichten der alten Dame an und schweigt höflich.
Prousts Buch „Gegen Sainte Beuve“ enthält neben Essays zu Sainte-Beuves allgemeiner Methode und dessen Ansichten über Balzac und Baudelaire auch einen Abschnitt über den vom berühmten Kritiker vernachlässigten und von Proust selbst hoch verehrten Gerard de Nerval. Nerval war der erste Franzose, der noch zu Goethes Lebzeiten den Faust ins Französische übersetzte. Sein eigenes schriftstellerisches Werk, das sowohl, Lyrik und Theaterstücke als auch Prosa enthält, ist zumindest in Deutschland eher unbekannt. Proust vertritt in seinem kurzen Text über Nerval die Meinung, die später übrigens von Umberto Eco und anderen bestätigt wurde, dass es sich mindestens bei Nervals Erzählung „Sylvie“ um ein zu unrecht vergessenes Meisterwerk handelt. Ich glaube, dass diese Erzählung eine im letzten Drittel des Romans deutlich sichtbare Inspiration für „Im Schatten junger Mädchenblüte“ war.
Das vergessene Meisterwerk
„Sylvie“ ist eine Novelle, die Gerard de Nerval im Jahr 1853 vollendete, zwei Jahre vor seinem Tod und mehr als fünfzig Jahre, bevor Proust mit der Arbeit an seinen Romanen begann. Die Geschichte wird von einem Mann erzählt, der in Paris ein, wie man vielleicht gesagt hätte, unstetes Junggesellenleben führt und sich in eine Schauspielerin verliebt hat. Seit mehr als einem Jahr geht er ständig ins Theater um die Künstlerin anzuhimmeln, ohne die Aussicht oder auch nur die Absicht, mit ihr irgendwie in Kontakt zu treten. Eines Nachts erinnert der Mann sich an seine Jugendliebe namens Sylvie, mit der er in der ländlichen Region Valois ein paar Kilometer außerhalb von Paris aufgewachsen war. Sylvie, so glaubt er, könne ihn retten und mit ihr könne er ein solides Leben führen. Diese Gedanken kommen ihm zufällig in der Bartholomäusnacht und in der im heimatlichen Valois immer ein Schützenfest veranstaltet wird. Mit einer Kutsche macht er sich spontan mitten in der Nacht auf den Weg in diese Region, in der Hoffnung, Sylvie auf dem Fest wieder zu treffen.
Auf dieser nächtlichen Reise erinnert er sich halb im Traum an ein Schützenfest aus seiner Jugend. Er war dort mit Sylvie, verliebte sich in dieser Nacht aber auch noch in ein anderes Mädchen namens Adrienne, das vor allen Versammelten im romantischen Mondschein ein altes Volkslied gesungen hatte. Weitere Rückblenden in die Vergangenheit handeln sowohl von Sylvie als auch von einer erneuten Begegnung mit Adrienne, wobei die beiden Mädchen eine unterschiedliche Rolle spielen. Sylvie ist seine tatsächliche Freundin, mit der er vertraut ist und deren Familie und Arbeit er kennt, während Adrienne für ihn eine mysteriöse Erscheinung ist, die er aus der Distanz anhimmelt, wenn er sie auf dem Fest oder auf einer Bühne auftreten sieht. Seine Verliebtheit schwankt zwsichen beiden Personen und vermischt sich sogar noch mit seiner Bewunderung für die Schauspielerin, von der er einen Moment lang glaubt, es könne sich bei ihr um die erwachsen gewordene Adrienne handeln. Außerdem vermischt sich diese auf mehrere Personen ausgedehnte Verliebtheit noch mit einer Faszination für die Region Valois, die Nerval mit ihren Nebeln und Ruinen in dunklen Wäldern als einen mystischen Hort der Vergangenheit darstellt. „Sie sind eine Nymphe der Antike, Sie wissen es nur nicht…“ sagt der Erzähler an einer Stelle zu Sylvie. Indem Nerval die traumartigen Erinnerungspassagen nahtlos mit den gegenwärtigen Abschnitten der Erzählung vermischt, verleiht er der Geschichte eine mystische Aura, die spätere Surrealisten und eben auch Proust beeindruckte.
Die zentralen Motive dieser Novelle haben viel mit Prousts Roman zu tun. Auch „Im Schatten junger Mädchenblüte“ handelt von einer weit gestreuten Faszination zu einer Mischung aus Natur und verschiedenen Personen, zwischen denen Marcels Verliebtheit hin und her schwankt. So wie für Nervals Erzähler Adrienne und die Schauspielerin zur selben Person verschmelzen ist auch Marcel bei seiner ersten Begegnung mit dem kleinen Freundeskreis nicht in der Lage, die einzelnen Mädchen auseinander zu halten. Er verwechselt sie noch mit einander, als er sie wieder trifft und glaubt selbst als er sie schon gut kennengelernt hat, bei jeder Begegnung mit Albertine wieder eine andere Person vor sich zu sehen. In beiden Erzählungen ist Liebe also etwas, das sich nicht wie in der Mehrheit der Lovestorys von Anfang an auf „die eine“ oder „den einen“ festlegt, sondern sich auf eine wilde Vermischung von Personen ausdehnt, Mädchen, die in beiden Texten als Nymphen bezeichnet werden und scheinbar direkt aus der Natur, der Quelle aller Schönheit entstiegen sind, im einen Fall aus den Nebeln von Valois und im anderen aus dem Meer von Balbec.
Am Ende des Romans wird diese Verknüpfung mit der Natur besonders deutlich. Marcel scheint hier endlich am Ziel zu sein. Albertine ist wegen eines Schnupfens auf ihrem Hotelzimmer geblieben und lässt ihm ausrichten, er solle ihr dort Gesellschaft leisten. Als er ihr Zimmer betritt, sitzt sie auf ihrem Bett und lächelt ihn an. Er glaubt zu wissen, warum sie ihn gerufen hat und ist sich sicher, dass er sie jetzt endlich küssen und vielleicht noch die anderen Dinge mit ihr tun wird, von denen ihm sein Freund Bloch erzählt hat. Prousts Humor will es so, dass alles nur ein peinliches Missverständnis ist und Albertine ihn beim ersten Versuch sie zu küssen sofort wieder aus dem Zimmer wirft, aber wenigstens für einen Moment lebt der blasse Marcel in absoluter Euphorie, ausgelöst von der Schönheit Albertines und gleichzeitig der Schönheit der Dünenlandschaft und des Meeres, das er durch ihr Fenster sieht.
Die Welt als Vorstellung
In dieser Schlüsselszene erleben wir aber außer Albertines Abweisung noch eine zweite Überraschung, mit der Proust uns wieder vom Äußerlichen auf das Innere zurückführt, auf das es ihm allein ankommt. Marcel ist von der sich vor ihm entfaltenden Schönheit Albertines und der hinter ihr sichtbaren Meereslandschaft nicht etwa überwältigt. Anders als die romantischen Liebeshelden sieht er darin nicht etwas, das größer wäre, als er selbst. Ganz im Gegenteil. Proust schreibt an dieser Stelle:
Hätte der Tod mich jetzt ereilt, er wäre mir gleichgültig oder vielmehr unmöglich erschienen, denn das Leben war nicht außerhalb von mir, sondern in meinem Inneren. Mit einem Lächeln des Mitleids nur hätte ich einen Philosophen den Gedanken äußern hören, ich werde an einem wenn auch fernen Tag einmal sterben, die ewigen Kräfte der Natur jedoch würden mich überleben. Die Kräfte jener Natur, unter deren Schritt ich nur ein Sandkorn sei. Noch nach mir werde es diese rund sich wölbenden Dünen geben, das Meer, den Mondschein und den Himmel. Wie sollte das möglich sein? Wie könnte die Welt länger dauern als ich, da ja nicht ich verloren in ihr schwebte, sondern vielmehr sie in mich eingeschlossen war. In mich, den sie bei weitem nicht ausfüllte.
„Die Welt ist meine Vorstellung“ heißt es bei Schopenhauer und Proust schließt sich hier mit seinem Subjektivismus unmittelbar an. Vielleicht ist dieser Gedanke so kurz vor Albertines Zurückweisung nur seine ironische Darstellung der Euphorie eines verliebten Teenagers, aber so ganz unernst kann dieser Abschnitt nicht gemeint sein, denn dafür passt er zu gut zu diesem Roman und Prousts gesamtem Werk, in dem ja von Anfang an die Wirklichkeit und der reine Plot zweitrangig und längst vergessen wären, wäre da nicht ein Subjekt, das sich dank eines in Lindenblütentee getauchten Stücks Gebäck an sie erinnert und in dem sie die vielfältigsten Empfindungen auslösen. Die Faszination an der Schönheit der Natur und einer Welt, die sich jeden Moment neu zu erschaffen scheint, so wie Albertine mit jeder neuen Begegnung eine andere ist, ist dann in letzter Konsequenz eine Faszination an der eigenen Gedankenwelt. An der eigenen Vorstellungskraft, die das alles hervorbzubringen und in Worte zu fassen vermag, in einem verdunkelten, mit Korkplatten gegen den Lärm der Welt abgeschotteten Schlafzimmer im Paris des frühen zwanzigsten Jahrhunderts.
„Im Schatten junger Mädchenblüte“ ist ein weiteres Buch gegen Sainte-Beuve und eine Hommage an Nerval. Es ist eine radikale Priorisierung des Inneren über das Äußere und eine bis in letzte Details ausgebreitete Analyse dessen, was es bedeutet verliebt zu sein. Anatole France übrigens, Prousts Mentor, der echte Bergotte, war kein Fan dieser Literatur. „Das Leben ist kurz und Proust zu lang“ lautet das von ihm überlieferte Urteil. Wir dürfen wenigstens der zweiten Hälfte dieses Satzes widersprechen und uns auf den dritten Roman freuen, in dem Marcel in die Gipfel des pariser Gesellschaftslebens eingeweiht wird, in „Die Welt der Guermantes“.
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