Im dritten Roman aus Thomas Manns Tetralogie „Joseph und seine Brüder“ wird Joseph als Sklave nach Ägypten gebracht. Wir erinnern uns: Joseph ist der zweitjüngste Sohn des Viehzüchters Jaakob, eines direkten Nachfahren Abrahams, den wir im ersten Roman kennengelernt haben. Im zweiten Buch wird der schöne und literarisch begabte Joseph von seinem Vater so verhätschelt und bevorzugt, dass seine älteren Brüder irgendwann die Geduld mit ihm verlieren. Draußen bei den Schafherden verprügeln sie ihn und sperren ihn in einen Brunnenschacht, um zu beraten, wie sie ihn am besten ganz loswerden können. Als eine Gruppe von Kaufleuten an ihrem Lager vorbeikommt und Joseph zufällig im Brunnen findet, verkaufen die Brüder ihn als Sklaven an die reisenden Händler und erzählen dem Vater, Joseph sei von einem Raubtier getötet worden.
Die drei Tage, die Joseph vor seiner Rettung im Brunnen verbringen muss, verändern ihn. Nachdem man ihn als sympathischen aber auch egoistischen und naiven Siebzehnjährigen kennengelernt hat, überrascht er am Ende des zweiten Buches damit, dass er den Verkauf als Sklave ohne Widerstand über sich ergehen lässt. Und auch als die Kaufleute ihm jetzt am Anfang des dritten Romans verraten, dass sie ihn nach Ägypten verkaufen wollen, dem Land der Sünder und Totenanbeter, vor dem ihn sein Vater gewarnt hat, lässt dieser gewandelte Joseph sich auf seinen neuen Lebensabschnitt im fremden Land ein. Auf der Reise quer durch das Land lernt er eine komplexe Hochkultur kennen. Mit dem Totenkult und der Anbetung vieler Götter in Tiergestalten kann er als Anhänger der Religion Abrahams zwar wenig anfangen, aber als er mit den reisenden Kaufleuten die Stadt On durchquert, trifft er bei den dortigen Priestern schon auf monotheistische Ideen, auf die wir dann wahrscheinlich im letzten Roman zurückkommen werden. Bei seinen ersten Kontakten mit der ägyptischen Kultur ist Joseph jedenfalls besonders von der Legende des Gottes Osiris beeindruckt, der von seinem Bruder Seth ermordet wurde und dann wieder auferstand. Joseph sieht seine eigene Rettung aus dem Brunnen ebenfalls als eine Auferstehung und wegen dieser Parallele gibt er sich selbst, als eine Mischung aus Osiris und Joseph, den ägyptisch klingenden Namen Osarsif. Wir werden später in der Geschichte dannnoch einen anderen sprechenden Namen kennenlernen.
Josephs Reise durch einen Querschnitt der altägyptischen Kultur führt dann noch an der Sphinx und den Pyramiden von Gizeh vorbei, um schließlich am Haus des Potiphar zu enden, dem Joseph von den reisenden Händlern als Haussklave verkauft wird. Potiphar ist ein hoher Würdenträger am Hof des Pharao. Sein luxuriöses Anwesen, das er mit seiner Frau und seinen greisen Eltern bewohnt, wird von zahlreichen Dienern bewirtschaftet und der neue Sklave Joseph übernimmt erst einmal die Gartenarbeit. Weil er seinem neuen Herrn in gelegentlichen Gesprächen bald sympathisch wird und ein kreatives Talent dafür zeigt, ihm besonders schön formulierte Komplimente zu machen, steigt Joseph in den inneren Zirkel der Dienerschaft auf und übernimmt nach ein paar Jahren schließlich als Hausmeier und Potiphars rechte Hand die Verwaltung des Anwesens.
Die Frau des Chefs
In dieser Funktion hat er nun auch mit Potiphars Ehefrau Mut-em-enet zu tun, die sich in den schönen Joseph verliebt. Sowohl Joseph als auch Potiphars Frau ist die Brisanz dieser Situation bewusst. Als Mut-em-enet zum ersten mal von Joseph auf eine zweideutig erotische Weise träumt, läuft sie sofort zu ihrem Mann und bittet ihn unter irgendeinem Vorwand darum, den Diener Joseph aus dem Haus zu entfernen. Potiphar sieht das überhaupt nicht ein und so muss seine Frau es weiter in Josephs Nähe aushalten und mit immer schwächer werdendem Erfolg gegen ihre Verliebtheit ankämpfen. Schließlich hält sie es nicht mehr aus und startet offensive Verführungsversuche. Joseph weiß, wie gefährlich das unmoralische Angebot seiner Herrin für ihn ist, aber ganz konsequent wehrt er sich dagegen nicht.
Es gibt gleich zwei Prinzipien, nach denen sich die Handlung dieses dritten Romans perfekt in den größeren Kontext der Tetralogie einbettet. Einerseits haben wir im zweiten Roman gesehen, dass Joseph eine klassische Heroes Journey erlebt. Ähnlich wie die Sonne nach antiker Vorstellung abends im Meer versinkt und sich auf unterirdische Nachtmeerfahrt begibt, um am nächsten Morgen wiedergeboren aus der Unterwelt emporzusteigen, so begeben sich auch die Götter und Helden verschiedenster Mythen und Sagen in eine Unterwelt, um sich dort einer Gefahr zu stellen und dann von dort, nach siegreichem Kampf, als Neugeborene oder Auferstandene zurück zu den Lebenden zu kehren. Josephs Geschichte passt sehr gut in dieses Schema, denn der Sturz in den Brunnenschacht symbolisiert seinen Abstieg in die Unterwelt und Ägypten, das Land, in dem die Toten und nicht zuletzt der tote Gott Osiris verehrt werden, spielt die Rolle des Totenreiches, einer oberirdischen Unterwelt, die der Held durchqueren muss, um auf der anderen Seite neu emporsteigen zu können. Die Gefahr, der Joseph sich hier stellt, ist eine uralte, vor der sich Helden aller Zeitalter fürchten mussten: Das Verführtwerden durch eine Frau.
Um diesen Punkt besser einzuordnen, lohnt sich eine Erinnerung an das zweite Prinzip, nach dem Thomas Mann seine Tetralogie konzipiert. Wie er uns schon in seiner Vorrede zum ersten Buch ausführlich erklärt hat, versteht Thomas Mann die Menschheitsgeschichte bis weit in die frühesten Ursprünge als durchsetzt von sich wiederholenden Grundmustern. Die uralten Mythen und religiösen Geschichten dokumentieren aus seiner Sicht Handlungsmotive, die sich über die Jahrtausende hinweg immer wieder neu ereignen. So war die nicht ganz gewaltlose Rivalität zwischen den Brüdern Jaakob und Esau im ersten Roman und auch der Kampf von Joseph mit seinen Brüdern im zweiten für Thomas Mann eine Wiederkehr des uralten Motivs vom Bruderstreit zwischen Kain und Abel auf der biblischen oder zwischen Osiris und Seth auf der ägyptischen Seite und auch diese beiden Mythen sind, wie er spekuliert, vielleicht nur das Echo noch viel älterer Ereignisse. Die ganze Geschichte von Jaakob und Joseph ist durch die Betonung solcher Motive von Anfang an ausgiebig mit einem gigantischen historisch-mythischen Kontext vernetzt.
Wiederkehrende Motive
Aber auch innerhalb des Lebens seiner Protagonisten hebt Thomas Mann die Wiederholung solcher Grundmuster hervor. So spielt sich im ersten Roman in Jaakobs Leben zwei Mal in entscheidenden Momenten ein Betrug durch die Vertauschung von Geschwistern ab. Fast wie in einer Verwechslungskomödie betrügt zuerst Jaakob seinen Bruder Esau um den Segen des Vaters und die damit verbundenen Rechte des Erstgeborenen. Jahre später wird Jaakob dann selbst auf sehr ähnliche Weise von seinem Schwiegervater betrogen, der in der Hochzeitsnacht seine Braut durch ihre Schwester vertauscht. Thomas Mann macht sehr deutlich, dass es sich bei diesem zweiten Betrug in gewissem Sinne um eine Wiederholung des ersten handelt und dass es darin eine besondere Wahrheit über die Person Jaakob zu entdecken gibt. Tatsächlich liegt in diesem Motiv des Betrugs durch Vertauschung einer Person in Bezug auf Jaakobs Rolle in der biblischen Geschichte eine gewisse Ironie. Denn er ist ja überzeugt, dass weder er selbst noch der Gott, an den er glaubt, durch andere Personen oder Götter austauschbar sind. Die Idee, von Gott auserwählt und damit unaustauschbar zu sein, charakterisiert Jaakob und steht in ironischem Kontrast zu den Vertauschungen, die sein Leben an seinen Wendepunkten kennzeichnen.
Auch in Josephs Geschichte entdeckt Thomas Mann jetzt im dritten Roman ein solches sich wiederholendes Motiv und es ist schon spektakulär, wie er hier zwei Ereignisse in Verbindung setzt, die auf den ersten Blick nichts mit einander zu tun zu haben scheinen. Josephs Verführung durch Mut-em-enet und die Konsequenzen, die er daraus erfährt, sind für Thomas Mann eine Wiederholung des von den Brüdern bewirkten Sturzes in den Brunnen, und damit auch des größeren Motivs von Tod und Auferstehung. In beiden Situationen hat Joseph nämlich, wie Thomas Mann ausrücklich klarstellt, denselben für ihn charakteristischen Fehler begangen. Er war mit der einnehmenden Wirkung, die er auf andere Menschen hat, nicht vorsichtig genug. Als Siebzehnjähriger hat er alles getan, um dem Vater Jaakob zu gefallen, und konnte sich in seiner Naivität nicht vorstellen, dass die Brüder ihn dafür hassen können. Jetzt, nach seiner Rettung aus dem Brunnen und als erwachsener Mann, ist er etwas schlauer und weiß, dass er mit seinem Charme bei der Frau seines Herrn vorsichtig sein muss. Um dieser Frau aber ganz aus dem Weg zu gehen, ist er noch nicht schlau genug. Er muss ein zweites mal in den Abgrund stürzen.
Es ist übrigens eine wirklich witzige Szene wenn Joseph sich am Höhepunkt der Handlung nicht von der verführerischen Mut-em-enet fernhält, obwohl er genau weiß, dass es besser für ihn wäre. Ägypten feiert an diesem Tag ein großes Volksfest für Gott Amun und sowohl Potiphar als auch seine gesamte Dienerschaft haben das Haus verlassen um an den Feierlichkeiten teilzunehmen. Nur Mut-em-enet ist alleine zu Hause geblieben, weil sie sich angeblich nicht gut fühlt. In Wirklichkeit hofft sie, im verlassenen Haus mit Joseph allein sein zu können. Joseph treibt sich zuerst leicht alkoholisiert auf diesem Fest herum, aber dann beschließt er, vor allen anderen wieder zurück nach Hause zu gehen. Er weiß genau, dass er dort auf Mut-em-enet treffen wird, aber er redet sich ein, dass nicht diese Frau sondern sein besonderes Pflichtbewusstsein und seine Sorge um Potiphars Haus die Gründe für seine verfrühte Rückkehr sind. Dabei geht er so weit, sich selbst auf dem Heimweg Redewendungen wie „Hohe Würde – Goldne Bürde“ oder „hast du‘ Ehr, hast du Beschwer“ aufzusagen und sich einzuredet, dass diese uralten Weisheiten seine frühe Heimkehr von ihm verlangen. Tatsächlich hat er sich diese angeblichen Volksweisheiten alle selbst ausgedacht.
Nicht nur Joseph verhält sich in dieser Geschichte sehr menschlich sondern auch seine Verführerin Mut-em-enet und dahinter liegt eine besondere Leistung dieses Romans, die durch einen Vergleich mit dem biblischen Original sehr deutlich wird. Im Buch Genesis wird sehr knapp berichtet, dass Joseph in Ägypten an Potiphars Haus verkauft wird und dort mit Gottes Hilfe zum Verwalter des Anwesens aufsteigt. Und dann heißt es plötzlich: „Nach einiger Zeit warf die Frau seines Herrn ihren Blick auf Josef und sagte: Schlaf mit mir!“ Diese Frau, die in der Bibel keinen Namen hat und bis hierhin nicht erwähnt wird, will sofort mit Josef ins Bett. So sind sie halt, die Frauen im Buch Genesis. Auch Eva zögert nicht lange, bevor sie ihren Adam zur Sünde verführt. Aber Thomas Mann muss man es anrechnen, dass er sich mit dieser sehr plötzlichen Wendung nicht zufrieden gibt und ein paar berechtigte Fragen hat. Wer ist diese Frau? Warum ist sie an Joseph interessiert? Was ist das für eine Ehe, in der das passiert? Die Hälfte des Romans verbringt Thomas Mann damit, diese Fragen zu beantworten und damit aus Potiphars Frau einen echten Menschen und die interessanteste Figur dieser Geschichte zu machen.
Potiphars Geheimnis
Die Antworten, die Thomas Mann hierbei auf seine Fragen findet, haben mit einem Geheimnis von Pharaos großem Beamten Potiphar zu tun, das wir aus Josephs Perspektive schrittweise erfahren. Aus einem Gespräch von Potiphars Eltern hört Joseph heraus, dass der hohe Würdenträger aus einer inzestuösen Ehe stammt. Vater und Mutter sind Geschwister. Um die Unnatürlichkeit noch zu steigern hatte sich das verantwortungslose Elternpaar nach Potiphars Geburt entschlossen, ihren Sohn zu kastrieren, um ihm eine Laufbahn an Pharaos Hof zu ermöglichen. Dort trägt Potiphar, der uns als eine zwar würdevolle aber mit seinen Frauenarmen und großen Brüsten als eine wenig männliche Erscheinung beschrieben wird, jetzt verschiedene Ehrentitel, die alle nichts besagen. Dem Namen nach ist er Pharaos oberster Scharfrichter und Kommandeur seiner Leibwache, aber in Wirklichkeit werden diese Aufgaben von anderen erledigt, die in der Rangfolge des Hofes unter ihm stehen. Er selbst ist nur dazu da, wie ein Adliger am Hof Ludwig des vierzehnten bei der Morgentoilette des Herrschers anwesend zu sein und ihm ein paar nette Dinge zu sagen. Potiphar selbst hat sich mit dieser Sinnlosigkeit abgefunden. Er redet sich sogar ein, dass seine überflüssige Aufgabe höher bewertet werden müsse, als die der tatsächlichen Richter und Kommandeure Ägyptens, weil nur im Überfluss die wahre Schönheit liege.
Potiphar also, der sich selbst sehr ernst nehmende aber sowohl an Pharaos Hof als auch im eigenen Haus nutzlose und damit eigentlich lächerliche Höfling, ist mit sich und seinem Leben vollkommen zufrieden. Seine Frau aber ist es nicht. All diese Eigenschaften Potiphars, die so nicht im Bibeltext zu finden sind, dichtet Thomas Mann hinzu, damit uns einleuchtet, warum Mut-em-enet sich nach einem anderen Mann – man könnte sagen: nach einem „echten“ Mann – umsieht. Sie lebt in einer distanzierten Scheinehe mit einem Partner, den sie nicht ernst nehmen kann, weil ihm in mehrfacher Hinsicht die traditionell männliche Handlungsfähigkeit um nicht zu sagen „Potenz“ mangelt. Genauer gesagt besteht ihr Problem in Thomas Manns Deutung darin, dass sie sich wegen der fehlenden Männlichkeit Potiphars selbst nicht als echte Frau fühlt. Das empfindet sie als entwürdigend. Die Würde und die Zugehörigkeit zu einem Geschlecht sind für Thomas Mann eng verknüpft. An einer Stelle heißt es sogar:
Es ist unnütz zu leugnen, daß die Menschenwürde sich in den beiden geschlechtlichen Abwandlungen des Männlichen und Weiblichen verwirklicht, so daß man, wenn man keines von beidem darstellt, zugleich auch außerhalb des Menschlichen steht – und woher soll da die Menschenwürde kommen!
Ein harter Satz, den man heute, neunzig Jahre später, keinem Autor mehr durchgehen lassen würde. Es ist auch unklar, ob Thomas Mann ihn wirklich so meint oder mit ihm nur die Gedanken Mut-em-enets abbildet. Der geschlechtlich ambivalente Potiphar wird nämlich in der allerletzten Szene des Romans rehabilitiert und stellt sich als ein mitfühlender, gerechter und souveräner Herrscher über sein Anwesen heraus.
Mut-em-enet jedenfalls taucht bei Thomas Mann also nicht einfach so aus dem Nichts auf und brüllt: „Schlaf mit mir!“ Sie lebt schon lange in einer kaputten Ehe, versucht die Würde ihres Mannes und ihrer selbst aufrecht zu erhalten, will ihre Verliebtheit in den fremden Mann zuerst nicht wahrhaben, sie zögert, fühlt sich schuldig, versucht es abzuwenden und erst nach jahrelangem Ringen mit sich selbst kann sie nicht mehr anders und fordert Joseph dazu auf, in ihr Schlafzimmer zu kommen, als er alleine vom Volksfest nach Hause kommt. Man kann an dieser sehr stimmigen Figur von Potiphars Frau deutlicher als an jeder anderen Thomas Manns ambitioniertes Projekt nachvollziehen, mit diesen vier Josephsromanen den bekannten biblischen Plot mit Leben zu füllen und ihn mit echten Menschen auszuerzählen. Nicht zuletzt wird es vielleicht auch an Thomas Manns eigener Sexualität gelegen haben, dass er gerade diese Figur, die sich verbotener Weise in einen schönen jungen Mann verliebt, mit besonderer Sorgfalt Leben einhauchen, sie uns sympathisch und uns ihr Verhalten verständlich machen will.
Ein Wort noch zu dem Namen, den Thomas Mann dieser namenlosen Frau aus dem Alten Testament verleiht. In seinem Buch „Thomas Mann und Ägypten“ liefert der Ägyptologe Jan Assmann ausführlich den historischen Kontext zu den Josephsromanen und weist darauf hin, dass Mut der Name der Gattin des Gottes Amun ist und mit der sumerischen Liebesgöttin Ischtar gleichgesetzt werden kann. Ischtar ist für ihre mal erfolgreichen und mal vergeblichen Verführungsversuche nicht unbekannt. Im Gilgamesh-Epos versucht sie ihr Glück bei König Gilgamesh. Auch durch diesen Namen deutet Thomas Mann also wieder auf ein mythisches Muster, das sich erst zwischen Ischtar und Gilgamesh abspielte und sich jetzt zwischen Mut und Joseph wiederholt.
Den ganzen Namen Mut-em-enet übersetzt Jan Assmann mit „Die Liebesgöttin in der Totenstadt“. Damit personifiziert diese Frau also alles, was Joseph von Anfang an aus dem Vorurteil seines Vaters über das Land der Sünde und der Totenanbeter zu wissen glaubte. Wenn wir also so weit gehen dürfen, dass die Frau Mut-em-enet hier das ganze Land Ägypten repräsentiert, dann können wir noch einen Schritt weiter gehen und auch Joseph als Personifikation eines höheren Abstraktums verstehen, und zwar natürlich der Idee des Monotheismus. Mit dieser ziemlich genialen Parallele nimmt Thomas Mann in vorsichtigen Andeutungen vorweg, mit welcher historischen Begebenheit die ganze Josephsgeschichte aus seiner Sicht zusammenhängt. Wenn Mut-em-enet hier ein Auge auf den fremden Joseph wirft und ihn zu sich hereinbittet, dann dürfen wir darin symbolisch ein Ägypten erkennen, das mit dem ihm so fremden Monotheismus liebäugelt. Tatsächlich hatte das antike Ägypten ja eine kurze aber heftige Affäre mit dem Monotheismus und im vierten Roman wird Joseph endlich dem Mann begegnen, der für diese Affäre verantwortlich war – Pharao Amenhotep der Vierte, genannt Echnaton.
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