Botschaft von ganz unten | „Die Traumdeutung“ von Sigmund Freud

Sigmund Freuds „Traumdeutung“ gehört zu der Art von Klassikern, die irgendwie jeder kennt aber niemand liest. Nach gefühlten Tausend Seiten, die eigentlich nur etwas mehr als Sechshundert sind, glaube ich zu wissen, warum das so ist. Freuds Buch ist in mehrfacher Hinsicht eine Zumutung, sowohl inhaltlich als auch in seiner Form. Trotzdem, oder vielleicht gerade deshalb, lohnt es sich, über das Buch zu reden, denn selbst wenn man schon ahnt, was einen bei Freud grundsätzlich erwartet, sind einige Stellen dieses Buches auch heute noch eine echte Provokation.

Wie jeder gute Wissenschaftler beginnt Freud damit, erst einmal die bisherigen Kenntnisse über seinen Untersuchungsgegenstand zusammenzufassen, denn Freud ist natürlich nicht der Erste, der sich mit der Deutung von Träumen befasst. Dass Träume Eingebungen der Götter sind, hat man schon in der Antike nicht mehr geglaubt. Zu Xerxes soll bereits ein Traumdeuter gesagt haben, dass Träume oft nur das ausdrücken, was die Menschen im Wachen schon denken. Eine Aussage, fast von Freud stammen könnte. Der Zusammenhang zum wachen Denken ist eine der vielen Fragen, die Philosophen, Schriftsteller und zuletzt vor allem Ärzte im Zusammenhang mit Träumen bereits vor Freud beschäftigt hat. Allgemein war anerkannt, dass die Ereignisse und Gedanken des vergangenen Tages einen gewissen Einfluss auf Träume haben. Seltener wurde auch die Bedeutung von weiter zurückliegenden Erinnerungen zum Beispiel aus der Kindheit erkannt.

Zur Frage, was Träume sonst noch beeinflussen kann, entwickelten manche Autoren umfangreiche Theorien, in denen sowohl äußere als auch innere körperliche Reize eine große Rolle spielen. Neben dem berühmten Harndrang, der im Traum verarbeitet wird, geht es hier auch um nächtliche Geräusche, Berührungen, organische Schmerzen und sogar um Lichtreize, die unsere Augen bei geschlossenen Lidern während des Schlafes sehen. Freud gibt zu, dass all das Träume hervorrufen und beeinflussen kann, aber den Versuch, Träume allein als Produkt physischer Reize erklären zu wollen, hält er für falsch. Die Fixierung seiner Vordenker auf physische und die Vernachlässigung psychischer Einflüsse kommt ihm so vor, als hätten diese Autoren Angst vor einem Rückfall von der wissenschaftlichen zurück zur mythischen Interpretation. Diese Angst teilt Freud nicht. Er will gerade auf das Psychische hinaus.

Eine andere zentrale Frage, die Freud nicht als ersten beschäftigt, ist die Bedeutung von Träumen und ob sie überhaupt etwas bedeuten, so wirr sie oft sind. Jeder kennt Träume, die selbst wenn Bezug zu realen Personen und Ereignissen erkennbar ist, vollkommen unsinnig erscheinen. Die scheinbare Sinnlosigkeit und Realitätsferne vieler Träume führt manche Autoren zu der Ansicht, es handele sich beim Traum einfach nur um eine durch den Schlaf stark eingeschränkte Geistestätigkeit. Eine durch bestimmte Reize oder Erinnerungen hervorgerufene und sich dann relativ willkürlich fortsetzende Halluzination in einem auf Sparflamme laufenden Gehirn. Das ist für Freud zu wenig. Träume bedeuten ihm etwas, es gibt in ihnen einen Sinn, den es zu entschlüsseln gilt, und selbst ihr Wahnsinn „hat Methode“, wie er an einer Stelle schreibt. Es ist die Grundvoraussetzung dieses Buches, dass Träume überhaupt deutbar und nicht willkürlich sind.

Freuds Methode

Für Freud selbst ist die Deutung einzelner Träume der Ausgangspunkt, von dem aus er alle allgemeinen Fragen zu ihrer Entstehung und Natur zu beantworten versucht. Im Unterschied zu den meisten seiner Vorgänger versucht Freud, bei der Interpretation von Träumen mit einer wissenschaftlichen Methode vorzugehen, die er zur Behandlung von Phobien entwickelt hat. Die Traumdeutung ist also gewissermaßen ein Spin-Off aus seiner Arztpraxis. Der erste Schritt dieser Methode besteht darin, dass der Träumer den konkreten Inhalt des Traums sofort nach dem Aufwachen aufschreibt und später demjenigen mitteilt, der den Traum deuten soll. In einem zweiten Schritt soll der Träumer dann dem Traumdeuter weitere Gedanken mitteilen, die er mit den Inhalten es Traumes verbindet. Diese Assoziationen des Träumers benutzt der Traumdeuter dann zur Entschlüsselung der eigentlichen Aussagen des Traums.

Freud betont, dass dieser zweite Schritt nicht dasselbe ist, wie einfach über den Traum nachzudenken. Das Nachdenken ist ein bewusster Vorgang, der unter gewissen selbst auferlegten und rationalen Einschränkungen stattfindet. Genau die sollen in Freuds Methode aber fallen gelassen werden. Der Träumer soll uneingeschränkt drauf los reden und dem Traumdeuter alles, wirklich alles erzählen, was ihm zum Thema des Traumes einfällt. Um es vorweg zu nehmen soll er also das Unbewusste sprechen lassen. Freud empfiehlt hierzu eine Haltung der absoluten Ruhe und geschlossene Augen. Damit ist also die berühmte Couch der Psychoanalyse erfunden. Es ist übrigens nicht nötig, dass Träumer und Traumdeuter tatsächlich zwei verschiedene Personen sind. Freud demonstriert die Methode sehr ausgiebig mit seinen eigenen Träumen und ein solcher Traum Freuds ist auch das erste ausführliche Beispiel des Buches.

Es geht hier um eine Frau namens Irma, die bei Freud schon seit einer Weile wegen psychischer Probleme in Behandlung ist und trotzdem noch Beschwerden hat. Im Traum trifft Freud sie auf einer Party. Sie sieht der realen Irma eigentlich nicht ähnlich, aber er weiß trotzdem, dass es sich um diese Patientin handelt. Er spricht sie auf ihr gesundheitliches Problem an und sagt ihr, sie müsse seine Analyse ihrer Symptome endlich akzeptieren, sonst sei es ihre eigene Schuld, wenn sie sich weiterhin schlecht fühle. Irma beklagt sich aber, sie habe inzwischen auch organische Schmerzen und als Freud ihr in den Mund schaut, sieht er Anzeichen einer physischen Krankheit. Plötzlich stehen zwei Ärzte bei Ihnen. Der eine ist Freuds Freund Otto und der andere, ein gewisser Dr. M., untersucht Irma weiter und stellt Anzeichen einer Infektion fest. Die Ursache der Infektion ist aber sofort klar: Otto hatte ihr vor kurzem eine Injektion mit einem Propylpräparat gegeben, das für sie ungeeignet war, und dann wahrscheinlich auch noch mit einer verunreinigten Spritze. Mit dieser Einsicht endet Freuds Traum

In seiner Analyse assoziiert Freud nun das Geträumte mit Ereignissen des vergangenen Tages. Zum Beispiel hatte seine Frau ihre Geburtstagsfeier geplant, zu der sie auch Irma einladen wollte, und daraus ist in seinem Traum die Party geworden. Andere Verbindungen, die Freud in seiner freien Assoziation zu entdecken glaubt, klingen etwas weiter hergeholt. Zum Beispiel hatte der Freund Otto dem Ehepaar Freud einen Likör geschenkt, der beim Öffnen der Flasche unangenehm nach Chemikalien roch. Freud glaubt, dass daraus in seinem Traum das ungeeignete Medikament geworden ist, das Otto Irma verabreicht hat. Schließlich kommt Freud dann mit Hilfe dieser Verbindungen zu der Interpretation, dass der Traum ihm gleich in mehrfacher Hinsicht einen Wunsch erfüllt. Dass seine Patientin Irma wie eine andere Frau aussieht, entspricht seinem heimlichen Wunsch, anstelle der problematischen Irma lieber eine andere Patientin zu haben. Vor allem aber tut Dr. M. ihm am Ende des Traumes den Gefallen, ihn von seinen Schuldgefühlen frei zu sprechen. Freud hatte nämlich befürchtet, bei Irma neben ihren psychischen Problemen eine organische Krankheit zu übersehen. Das bewahrheitet sich im Traum zwar zuerst, aber wie Dr. M. feststellt, ist das nicht Freuds sondern Ottos Fehler. Der Traum wälzt die Schuld auf Otto ab und bestraft ihn zusätzlich noch für den schlechten Likör.

Der Traum als Wunscherfüllung

Für Freud steht dieser Traum exemplarisch für eine seine wichtigste Thesen: Jeder Traum ist für Freud eine Wunscherfüllung. Diese Erkenntnis ist ihm so wichtig, dass er sie über das Buch hinweg regelmäßig wiederholt und keine Ausnahmen gelten lässt. Ein scheinbares Gegenargument führt ihn hierbei zu einer Unterscheidung, die für seine Theorie zentral ist: Scheinbar kann es sich bei unangenehme Träumen und vor allem bei Alpträume nicht um eine Wunscherfüllung handeln. Laut Freud müssen wir aber zwischen zwei Ebenen unterscheiden. Auf der manifesten Ebene der konkret geträumten Ereignisse kann es sich um einen unangenehmen Traum handeln, aber darunter liegt eine Ebene von sogenannten latenten Trauminhalten, die seine eigentliche Bedeutung ausmachen, und hierbei handelt es sich immer um die Erfüllung von Wünschen. Diese latenten Inhalte werden aber meistens durch das konkret Geträumte nur verschlüsselt gezeigt und oft sogar kaschiert. Freud spricht von einer Zensur, die bei der Bildung des Traums stattfindet. Der Traum erfüllt insbesondere die unmoralischen, verdrängten Wünsche des Träumers nur in dieser verhüllten Form. Es ist dann die Aufgabe es Traumdeuters, diese Verschleierung der tatsächlichen Wünsche zu durchschauen.

In dieser Theorie und der Alternativlosigkeit, mit der Freud sie bestätigt sehen will, steckt bereits eine enorme Provokation, die Freud bewusst ist. Er berichtet von Kritikern, die ihn mit Träumen konfrontierten, die zumindest auf den ersten Blick auf keinen Fall Wunscherfüllungen sein können. Harmlos ist hier noch der Traum, in dem man aus dem Haus geht und erst auf offener Straße feststellt, dass man peinlicherweise nackt ist. Das ist laut Freud die Erfüllung eines heinlichen Exhibitionismus und die Erinnerung an ein Kleinkindalter, in dem ein befreites Nacktsein noch möglich war. Auch der berühmte unangenehme Prüfungstraum, in dem wir noch einmal durch das Mathe-Abitur müssen – so jedenfalls die Variante, die ich immer wieder mal träume – ist laut Freud eine Wunscherfüllung, denn er endet spätestens im Moment des Aufwachens mit der Erkenntnis, man müsse sich keine Sorgen machen, denn man hat ja schon seit 25 Jahren Abi und andere Dinge sind vielleicht auch noch zu schaffen. Deutlich brisanter ist dagegen die Anwendung der Wunscherfüllungs-These auf Träume, in denen jemand stirbt. Wenn man im Traum keine Trauer empfindet, ist die Sache laut Freud unbedeutend, denn dann geht es in Wirklichkeit nicht um den Tod dieser Person, sondern um etwas anderes, aber wenn man im Traum um den Verstorbenen trauert kommt Freud zu der kontraintuitiven Deutung, dass man sich dessen Tod in Wirklichkeit wünscht oder einmal gewünscht hat. Man kann sich die Widerstände vorstellen, auf die eine solche Interpretation bei seinen Patienten gestoßen sein muss.

Es lassen sich noch ein paar weitere Kernthesen extrahieren, die sich als roter Faden durch dieses Werk ziehen. Zu den harmloseren gehört, dass der Traum, wie Freud schreibt, „der Wächter“ des Schlafes ist, und nicht sein „Störer“. Gemeint sind Träume, in denen vor allem Geräusche wie der Knall eines heruntergefallenen Gegenstandes, das Schlagen der Kirchturmuhr oder sogar der Wecker in umgedeuteter Form in den Traum integriert und damit entschärft werden. Der Schalfende wird durch das Knallen, Klopfen und Klingeln nicht aufgeweckt, weil das Geräusch im Traum eine ungefährliche Bedeutung bekommen hat und man dank dieser Umdeutung beruhigt weiterschlafen kann. Auch das ist laut Freud letztendlich eine Wunscherfüllung, die den Wunsch nach mehr Schlaf betrifft.

Etwas anstößiger ist dagegen ein gewisser Hang Freuds, in jedem Detail des Traumes irgendetwas tiefgreifendes erkennen zu wollen. Die bei seinen Vorgängern kritisierte Vernachlässigung psychischer Vorgänge kehrt er tendenziell ins Gegenteil um und wittert in jedem auftauchenden Gegenstand oder Wort einen tiefen Einblick in die Psysche. Es gibt „keine harmlosen Träume“, wie er an einer Stelle schreibt. Und diese nicht-harmlosen latenten Inhalte, die der Traum in zensierter Form präsentiert, sind in Freuds Deutung meistens sexueller Natur. Der Spargel auf dem geträumten Gemüsemarkt steht natürlich für das männliche Glied. Aber auch im Luftschiff, im Baumstamm und im Zylinderhut entdeckt Freud den aufrechten Penis. Eine Frau, die von einer durchgebrochenen Kerze träumt, befürchtet die Impotenz ihres Mannes. Sogar eine in einem überlieferten Traum Otto von Bismarcks auftauchende Reitgerte wird hemmungslos als Erektion gedeutet. Aber auch der weibliche Körper kommt in dieser Interpretationsorgie nicht zu kurz. Jegliche in Freuds Beispielträumen auftauchenden Körbe, Kisten, sonstige Behältnisse und Hohlräume müssen etwas mit der weiblichen Geschlechtlichkeit zu tun haben und zwei Birnen, die ein träumendes Kind auf einer Fensterbank liegen sieht, sind für Freud selbstverständlich die Brüste der Mutter. Es ist erst irritierend und dann unfreiwillig komisch, mit welcher Konsequenz und Kreativität Freud immer wieder auf das Sexuelle zurückkommt. Selbst ein langweiliger Traum über Gartenarbeit wird von vorne bis hinten pornografisch gedeutet.

Sprengsatz Ödipuskomplex

Das alles ist aber noch harmlos verglichen mit dem berüchtigten Ödipuskomplex, der in Freuds Gesamtwerk eine wichtige Rolle spielt und in der „Traumdeutung“ zum ersten mal erwähnt wird. In einer Fußnote einer späteren Ausgabe schreibt Freud selbst, es habe keine andere Theorie „so erbitterten Widerspruch, ein so grimmiges Sträuben und so ergötzliche Verrenkungen der Kritik“ hervorgerufen, wie der Ödipuskomplex. Kein Wunder, denn Freud wirft uns allen hier vor, beide Verbrechen des mythischen Königs Ödipus zumindest im Geiste begangen zu haben. Er behauptet, dass Kinder sich zum Elternteil des anderen Geschlechts sexuell hingezogen fühlen, deshalb das Elternteil des eigenen Geschlechts als sexuellen Rivalen wahrnehmen und ihn oder sie am liebsten ganz nach dem Vorbild des thebanischen Königs umbringen würden. Diese Wünsche aus der frühen Kindheit werden dann als unmoralisch erkannt und verdrängt, aber sie schlummern noch im Unbewussten und sind die Ursache für Schuldgefühle von Söhnen gegenüber ihren Vätern und anderen Problemen im Erwachsenenalter.

Interessant finde ich, dass Freud sich in dieser ersten Darstellung der Theorie nicht nur auf den Mythos sondern konkret auf das Drama von Sophokles beruft und die Handlung des Stückes mit dem Prozess der Psychoanalyse vergleicht. Das schrittweise Aufdecken der längst vergangenen und aus dem Bewusstsein verdrängten Verbrechen des Königs ist ja genau das, was Freud eine Stufe kleiner mit seinen Patienten macht. Einen Gegenentwurf zu dieser Aufklärung, oder vielleicht eine gescheiterte Analyse, erkennt Freud dagegen in Shakespears „Hamlet“. Hier bleibt die Phantasie des Vatermordes verdrängt und Hamlet kann laut Freud den Mörder seines Vaters nicht töten, weil der eigentlich nur das ausgeführt hat, was er sich selbst heimlich wünschte. Der Grund, warum all das hier erwähnt wird, ist schließlich wieder Freuds Theorie vom Traum als Wunscherfüllung. Der Ödipuskomplex hält als Erklärung dafür her, warum auch die düstersten Träume von toten Eltern noch als Wunscherfüllung zu deuten sind.

Über all diese moralischen Sprengsätze und mythologischen Exkurse hinweg folgt das Buch insgesamt einer klaren Struktur. Freud geht zuerst die verschiedenen möglichen Quellen durch, aus der Träume ihr Material beziehen, und bespricht dann die verschiedenen Techniken, mit denen der Traum wie mit den Werkzeugen eines Künstlers seine eigentlichen Inhalte verhüllt, verdichtet, verschiebt, symbolisiert, dramatisiert und verfremdet. Es werden umfangreiche Theorien entwickelt, wann der Traum seine Botschaften besonders stark verhüllt, wann er das Wichtige als unwichtig erscheinen lässt, seine Handlung auf mehrere Szenen aufteilt oder das Gegenteil von dem zeigt, was er eigentlich aussagt. Die Deutung der Träume ist ein Entschlüsseln dieser Verschleierungen und Zensur, um zu den latenten, also den eigentlichen Inhalten des Traumes vorzudringen, die aus dem Unbewussten stammen. Die Ereignisse des vergangenen Tages mögen der Auslöser des Traums sein und die Quelle bestimmter Bilder, deren er sich bedient, aber was er eigentlich aussagt kommt aus einer tieferen Quelle, einer Mischung aus Kindheitserinnerungen und verdrängten Wünschen.

Der Draht zum Unbewussten

Auf diesem Weg kommt Freud am Ende also zu einem Gesamtbild, das auch seinen eigentlichen Wunsch enthüllt, nämlich nicht nur die Träume als solche sondern vor allem das Unbewusste besser zu verstehen. Im Unterschied zu den früheren Autoren, die sich mit Träumen beschäftigt haben, betrachtet Freud den Traum nicht nur als rätselhaften und in sich selbst interessanten Gegenstand, sondern als einen Draht zum Unbewussten, der sich systematisch nutzen lässt. Die unserem Denken eigene Zensur ist im Schlaf geschwächt und deshalb kann der Traum gegen alle moralischen Widerstände Botschaften aus den tieferen, verschüttetten Schichten der Psyche nach oben dringen lassen, die, wenn wir uns beim Tag noch an sie erinnern, durch den Traumdeuter und den Träumer gemeinsam wie Nachrichten aus einer anderen Sphäre entschlüsselt werden können. Dass sie sich dabei auf die freien Assoziationen verlassen, die dem Träumer während der Analyse scheinbar willkürlich einfallen, ist für Freud kein Nachteil der Methode, denn diese Einfälle stammen ja aus derselben Psyche, die den Traum produziert hat. Sie müssen also den passenden Schlüssel enthalten, um den Traum zu deuten.

Es ist Freud vollkommen bewusst, dass sein Buch ein großer Wurf ist und er will unbedingt, dass es wahrgenommen wird. Im Vorwort zur zweiten Auflage beklagt er sich noch, dass das Buch weder in psychiatrischen Fachkreisen noch von Philosophen gelesen werde. Daran scheint sich dann aber etwa zehn Jahre nach Erscheinen des Buches etwas geändert zu haben, denn ab der dritten Auflage freut sich der Autor in seinem Vorwort über die große Nachfrage. Es ist aber ebenfalls spürbar, dass Freud nicht nur gelesen werden sondern auch überzeugen und am Ende recht behalten will. Deshalb antwortet er zumindest in späteren Auflagen der Traumdeutung sogar auf Kommentare anderer Autoren zu früheren Versionen des Buches. Beispielsweise zitiert er an einer Stelle einen Text von Otto Rank, der widerum die zweite Auflage von Freuds Traumdeutung zitiert. Es ist fast wie die Stelle in „Don Quichote“, wenn der Ritter und sein Knappe sich plötzlich über den Autor des berühmten Buches namens „Don Quichote“ unterhalten.

Von solchen Aktualisierungen abgesehen versucht Freud aber vor allem durch Beispiele zu überzeugen und darin liegt für mich das wesentliche Problem des Buches. Ironischerweise beklagt Freud sich noch in der Einleitung, wie schwer es war, geeignete Beispiele zu finden, weil er nur die Träume seiner Patienten und seine eigenen zur Verfügung gehabt habe. Die Patiententräume seien oft wegen der zugrunde liegenden psychischen Probleme nicht representativ und bei seinen eigenen Träumen müsse er natürlich vorsichtig sein, nicht zuviel Privates preiszugeben. Nach diesen Bedenken fährt Freud dann aber über das gesamte Buch hinweg eine enorme Menge an Beispielträumen auf, die von seinen Patienten und ihm selbst stammen. Einzelne Thesen werden nicht mit einem sondern oft gleich mit fünf bis zehn Beispielen untermauert, von denen manche nur kurz skizziert aber andere doch sehr ausführlich wiedergegeben und analysiert werden. Von diesen Beispielen rührt die enorme Langatmigkeit des Buches. Statt einen stringenten Weg duch seine wichtigen Thesen einzuschlagen mäandert das Buch leider durch die sehr privaten und weitgehend uninteressanten Gedankenwelten beispielhafter Träumer und wird so zu einer Materialschlacht, die wenn man es mit Jung vergleicht, für die frühe Literatur der Psychoanalytiker typisch zu sein scheint.

Assoziierte Plattheiten

Was diese Beispiele so langatmig und manchmal wirklich nervtötend macht, ist weniger die Zusammenfassung des Geträumten als vor allem Freuds Analyse. Diese arbeitet ja wie gesagt mit freien Assoziationen des Träumers und mit weiteren Einfällen des Analytikers und beide erscheinen oft so weit hergeholt und so absurd, dass diese Beispiele eher von der Sinnlosigkeit des Traums und des ganzen Analyseverfahrens überzeugen könnten. Das passiert besonders dann, wenn dem Traum irgendwelche Wortspiele und die schon erwähnten sexuellen Mehrdeutigkeiten unterstellt werden, und beides passiert in diesem Buch ununterbrochen. Ein Mann, der im Traum nach dem Weg fragt, wird, quo vadis, mit der Stadt Rom assoziiert, ein Mann, der mit Nachnamen Zucker heißt hat angeblich etwas mit Diabetes zu tun, eine Frau, die träumt, sie falle beim Spaziergang durch Wien auf der Straße hin, betrachtet sich offenbar als eine Gefallene, also als Prostituierte und wenn jemand träumt, nach Italien zu fahren, also gen Italien, na dann hat das natürlich etwas mit Genitalien zu tun. Das ist kein Witz. Dieses Wortspiel steht tatsächlich in diesem Buch.

Für mich war das alles ein Grund, warum ich „Die Traumdeutung“ nur sehr ungern zu Ende gelesen und dafür mehrere Monate gebraucht habe. Man quält sich durch unsinnige Träume und scheinbar noch unsinnigere Deutungen. Inzwischen glaube ich aber, dass Freud vielleicht gar keine andere Wahl hatte und es sogar ein Zeichen für den Erfolg und die konsequente Anwendung seiner Methode ist, wenn sich die Analyse für mich wie willkürlicher Unsinn anhört. Sicher hätte er auf manche Beispiele verzichten können, aber wenn er überhaupt welche zeigt, liegt es in der Natur seiner Methode, dass sie sich nicht nach einem gut sortierten, rationalen Gedankengang anhört, denn genau das darf die Analyse ja nicht sein. Die zur Deutung herangezogenen Assoziationen sollen ja gerade ohne die üblichen Einschränkungen des Nachdenkens zustande kommen. Je platter, undurchdachter, ja je peinlicher sie wirken, desto wahrscheinlicher ist es vielleicht, dass sie tatsächlich auf die Art zustande gekommen sind, wie es Freuds Methode verlangt, nämlich unberührt von der Zensur des Verstandes. Das Unbewusste ist gewissermaßen heimlicher Co-Autor dieses Buches und das macht es so schwer lesbar. Man erwartet rätselhafte und unsinnig erscheinende Assoziationen vielleicht in einem Lyrikband, aber nicht in einer wissenschaftlichen Abhandlung.

Das führt mich zu dem letzten Punkt, den ich an diesem Werk interessant finde. Der Zugang zum Unbewussten, den Freud im Traum verwirklicht sieht und in seiner Analyse-Methode auch im Wachzustand herzustellen versucht, hat natürlich auch etwas mit Kreativität und Inspiration zu tun. Künstlern war das lange vor Freud bewusst, auch wenn sie nicht so klar zwischen bewusst, vorbewusst und unbewusst unterschieden haben. Freud selbst zitiert zum Beipsiel aus einem Brief Friedrich Schillers an seinen Schriftsteller-Kollegen Gottfried Körner. Um originelle Ideen zu entwickeln empfiehlt Schiller hier, die scheinbar verrückten Einfälle nicht gleich zu verwerfen, sondern sich wie der Träumer einem gewissen „Wahnwitz“ hinzugeben. Erst wenn der „Verstand seine Wache von den Toren zurückgezogen hat“, wie Schiller schreibt, können die originellen Ideen in ihn hereinstürzen. Sie kommen aus dem unbestimmten Irgendwo, das die Psychoanalytiker später das Unbewusste nennen. Es ist die selbe Wache an den Toren des Verstandes, die auch Freud in seiner Analyse zurückziehen will, um die Verbindung herzustellen. Die Methoden der Künstler um dies zu erreichen waren lange schon sehr vielfältig und reichen von der Meditation, wie zum Beispiel bei David Lynch, bis zum mal mehr und mal weniger gezielten Einsatz psychedelischer Drogen.

In der Sichtweise auf das Unbewusste gibt es aber zwischen Künstlern und Ärzten wie Freud oder Jung einen wesentlichen Unterschied: Für Künstler ist es die Quelle von Originalität und eine nützliche oder sogar notwendige Hilfe im Schaffensprozess. Ganz im Gegensatz zu einer solchen glücklichen Symbiose haben die Psychoanalytiker die Fälle ihrer Patienten vor Augen, in denen der Kontakt zum Unbewussten gestört ist. Das Unbewusste ist bei Freud der Ort, an den das Unmoralische und Traumatische verdängt wird und von dort gärend das Leben des Patienten ruiniert und bei Jung ist es der gefahrvolle Ort, von dem aus ungehemmte Ur-Kräfte die Kontrolle an sich reißen können.

Krank oder gesund

Vermutlich hat es auf unser Selbstbild einen gewissen Eindruck hinterlassen, dass es nicht Künstler und Philosophen waren, sondern Ärzte wie Freud und Jung, die bei der Erforschung der menschlichen Psyche die wichtigsten Beiträge geleistet haben. Diese Erforschung bei gleichzeitiger Problematisierung und Fixierung auf psychische Krankheit kann nicht spurlos an unserem Selbstverständnis vorübergegangen sein. Ich meine damit nicht unbedingt die Stigmatisierung von psychisch Kranken, sondern die Tatsache, dass man bei der Psyche sofort an die Unterscheidung zwischen krank und gesund denkt. Wer seinen Freunden von einem Sport erzählt, mit dem er etwas für mein Herz-Kreislauf-System tut, wird nicht sofort die Befürchtung hervorrufen, er sei herzkrank und mache das nur deshalb. Aber wer erzählt, er wolle etwas für seine Psyche tun, steht schnell unter Verdacht, psychische Probleme zu haben. Mein Punkt geht in die Richtung von Thomas Metzingers Buch „Bewusstseinskultur“, das ich hier auch besprochen habe. Uns fehlt anscheinend ein positives, unbefangenes Denken über die Psyche.

In den letzten Jahren gibt es in der Öffentlichkeit und vor allem in den sozialen Medien eine Tendenz, diese Negativität überwinden zu wollen. Es ist viel von „mental health“ die Rede und immer mehr Influenzer und sonstige Personen des öffentlichen Lebens sprechen offen über psychische Probleme und Krankheiten, um anderen Betroffenen zu helfen und zu einer Entstigmatisierung beizutragen. Auch wenn das in den meisten Fällen aus guten Absichten motiviert sein mag, ist das meiner Meinung nach noch keine echte Wandlung zu einem positiven Denken über die Psyche an sich. Wer statt über geistige Krankheit jetzt über geistige Gesundheit spricht, hat sich von zwei gegensätzlichen Begriffen zwar für den positiven entschieden, aber er bewegt sich immer noch im selben Unterscheidungsmuster von krank und gesund. Das populäre Sprechen von „mental health“ denkt die „mental illness“ weiterhin mit. Es soll aber Leute geben, die ihren Bizeps trainieren, ohne dass er vorher verletzt gewesen sein muss und ich kann auch etwas für meine Psyche tun, ohne dass sie krank sein muss. Diese Sichtweise hat sich meiner Meinung nach trotz aller performativen Positivität noch nicht durchgesetzt. Freud und Jung sind die Urheber dieses Problems, aber sie können nichts dafür. Sie mussten über die Psyche als Hort der Krankheit nachdenken, um ihren Patienten helfen zu können, und die Arbeit an den Patienten hat sie umgekehrt zu ihren wichtigsten Einsichten geführt, die über die Behandlung von Krankheiten hinaus nun unser Selbstbild beeinflussen.

Insgesamt kann ich „Die Traumdeutung“ leider nicht zur Lektüre empfehlen. Es ist ein langatmiges und ausuferndes Werk. Freuds Buch kann es sich aber leisten, nur noch wenige Leser zu haben. Den Einfluss, den Freud sich für die Theorien des Buches wünschte, und seinen Status als unsterblicher Klassiker kann ihm niemand mehr nehmen.


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